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Das Bild vom Kind - Das Kind im Bild - Kinderfotografie in der bürgerlichen Gesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 37 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prämissen der bürgerlichen Kinderfotografie
2.1 Gesellschaftliche und wirtschaftliche Voraussetzungen
2.2 Bedeutung des Kindseins
2.3 Erziehung im Kontext bürgerlicher Moralvorstellungen
2.4 Photographische Voraussetzungen

3. Darstellungen von Kindheit
3.1 Abbildungen vom Mädchen
3.2 Abbildungen vom Jungen
3.3 Kinder in ihrem sozialen Umfeld
3.3.1 Familienfotografien
3.3.2 Lebensstufenabbildungen

4. Aspekte fehlgeleiteter Erotik

5. Fazit

1. Einleitung

Im Rahmen des Hauptseminars Fotografie. Analyse eines Bildmediums wird in dieser Hausarbeit das Thema Kinderfotografie in der bürgerlichen Gesellschaft behandelt.

Dieses Thema stellt eine Spezifizierung bzw. Fokussierung auf ein Detail in einem breiten Forschungsfeld dar. Viele Themen aus dem Seminar haben dabei Einfluss auf diese Arbeit. Unter dem Aspekt der Analyse eines Bildmediums werden Untersuchungen an Kinderfotografien in ihrer Entwicklung und in ihrem gesellschaftlichen Kontext durchgeführt werden. Hierbei stellt sich beispielsweise die Frage, wie sich Darstellungen von Kindheit zur Zeit des Bürgertums entwickeln und wie diese Fotografien im gesellschaftlichen Zusammenhang zu bewerten sind.

Zunächst müssen Überlegungen zu den gesellschaftlichen Voraussetzungen angestellt werden. Dabei spielen vor allem die bürgerlichen Ideal – und Moralvorstellungen und ihr Einfluss auf den Lebenswandel des „Bürgers“ eine Rolle.

Der Begriff Bürgertum darf hier allerdings nicht stellvertretend für eine ganze Schicht gesehen werden. Er ist viel umfassender gemeint. Es geht eher um die Ideale, die diese Schicht verkörpert und nach welchen sie lebt und denen viele „Bürger“ anderer Schichten nachzueifern versuchen.

Des Weiteren müssen die fotografischen Voraussetzungen betrachtet werden. Wie verhält sich die Gesellschaft gegenüber diesem neuen Medium? Wie groß ist die Akzeptanz?

Nachdem die oben genannten Punkte abgearbeitet und die Fragen beantwortet sind, wird nun der ganze Themenkomplex im Detail betrachtet. Dabei wird zunächst auf die Darstellungen von Kindheit eingegangen. Mädchen- und Jungenbilder werden getrennt voneinander betrachtet und Ergebnisse mit Abbildungen bzw. Fotografien untermauert. Bei diesen Kapiteln beziehe ich mich größtenteils auf das Buch von Susanne Regener mit dem Titel Das verzeichnete Mädchen. Zur Darstellung des bürgerlichen Mädchens in Photographie, Puppe, Text im ausgehenden 19. Jahrhundert. Danach folgt die Einbindung der Kinder in Familienfotografien, Darstellung in biographischen Abbildungen und unter dem Aspekt fehlgeleiteter Erotik. Am Ende steht dann der Versuch einer Ergebnisauswertung mit einem Fazit.

2. Prämissen der bürgerlichen Kinderfotografie

2.1 Gesellschaftliche und wirtschaftliche Voraussetzungen

Seit 1848/49 bezieht sich der Bürgerbegriff einerseits auf eine oder mehrere Klassen bzw. Stände, andererseits auf den Staat bzw. die Gesellschaft. Man war der Meinung, dass das Bürgertum den Universalismus des modernen gesellschaftlichen Lebens am entschiedensten vertrat.[1] So schrieb Wilhelm Heinrich Riehl beispielsweise: „Viele nehmen Bürgertum und moderne Gesellschaft für gleichbedeutend. Sie betrachten den Bürgerstand als die Regel …“.[2] Hier zeigt sich, wie bereits in der Einleitung angedeutet, dass man nicht nur einen Stand betrachten kann, sondern sich vielmehr auf eine ganze Gesellschaft beziehen muss, nach Riehl auf die „moderne Gesellschaft“. Um einen zeitlichen Rahmen festzumachen, werde ich mich auf die Zeit von ca. 1860 bis 1914 beschränken. Das ist eine Zeit in der sich das Bürgertum bereits fest etabliert hatte. Trotzdem machte es nur einen relativ kleinen Anteil der städtischen Bevölkerung aus. Das Bürgertum stellt in den Großstädten eine Minderheit von nur ca. 10 -12 % der städtischen Gesamtbevölkerung dar[3]. Aus diesem Grund versucht man, sich ständig von den anderen Schichten abzuheben. So gründet sich die Ideologie des Bürgertums auf Abgrenzung von Adel und Arbeiter. Dies findet vor allem in einem ganz eigenen individuellen Lebensstil Ausdruck, einem Lebensstil, dem andere Schichten versuchen nachzueifern. Das Bürgertum selbst ist vielschichtig gegliedert nach Herkunft des Einkommens, Größe des Vermögens, Wohnort und Bildungsstand.

Die Zeit ist geprägt von innenpolitischer Instabilität, Regierungskrise und der sozialen Frage. Man schlägt einen „neuen Kurs“ ein. Die monarchische Politik sollte sich aus den gesellschaftlichen Konflikten zurückziehen. Der Anstieg des Geltungsanspruches des Staates steht im Gegensatz zur Fähigkeit, die Probleme einer entstehenden Industriegesellschaft zu bewältigen. Der Kampf gegen die Sozialdemokratie und die Uneinigkeit zwischen Kanzler und Kaiser bzw. zwischen der Regierung und dem Reichstag helfen nicht, die Regierungskrise zu bewältigen. Sie wird sogar durch die Daily-Telegraph Affäre, ein „törichtes“ Interview, welches Wilhelm II 1908 gab noch weiter belastet. 1908/09 führt die Reichsfinanzreform zu einer weiteren Belastung des mobilen Kapitals, was zu einem Proteststurm in wirtschaftsbürgerlichen Kreisen gipfelt.[4]

Das Kaiserreich ist nun nur noch schwer regierbar, denn Reformen werden nur halbherzig durchgeführt und strittige Fragen aufgeschoben, denn die Ruhe im Inneren hat Vorrang. So kommt es, dass 1912 der Reichstag kaum mehr handlungsfähig ist und neu zusammengesetzt wird.[5]

Geprägt von der politischen Instabilität werden die Menschen der bürgerlichen Gesellschaft von ständigen Ängsten geplagt, denn die technische Entwicklung ging schneller voran als die Gesellschaft mit ihr Schritt halten konnte. Aus diesem Grund ist die Angst vor sozialer Mobilität groß. So führt die finanzielle und emotionale Unsicherheit zu der Schaffung eines einheitlichen und klar bestimmten bürgerlichen Selbstbild. Dieses strenge Moralbild begründet sich vor allem auf Ehrbarkeit, Sitte und Anstand. Gefälliges und zurückhaltendes Auftreten wird zu einer geistigen Haltung. Man zieht sich ins Private zurück. Häuslichkeit wird zum erstrebenswerten Leitbild, denn „Daheim ist es am schönsten“.[6]

Ideale wie Redlichkeit in geschäftlichen Dingen, eheliche Treue, Selbstbeherrschung beim Konsum, Bedürfnis nach Privatsphäre, Arbeit als Credo und die Liebe zur Schönheit werden zu Besonderheiten dieser Individuen. Guter Geschmack ist ein hochbegehrtes Erkennungsmerkmal.

Das Zentrum der Selbstidealisierung ist die Familie. Sie wird als die perfekte Instanz zur Vermittlung von Werten angesehen. Die Familie richtet moralische Schranken auf und ist die Quelle aller häuslichen Freuden. Sie bietet Möglichkeiten zum Rückzug aus dem Geschäftsleben, Politik und Beruf für den Ehemann. Sie ist der häusliche Tätigkeitskreis der Ehefrau und dient der Erziehung der Kinder zu gesitteten Menschen. Trotzdem muss auch erwähnt werden, dass all diese Ideale nur in einem bestimmten Rahmen verwirklicht werden konnten und auch viel negatives Potenzial in ihnen steckt.[7]

2.2 Bedeutung des Kindseins

Die Kindheit als eine eigene Lebensphase wird erst im 18. Jahrhundert entdeckt. Vorher wird das Kind als ein kleiner Erwachsener behandelt. Die Zeit des Kindseins wird als ein möglichst schnell zu überwindender Lebensabschnitt angesehen. Im Zuge der Aufklärung erkennt man, dass die Kindheit sich durchaus von dem Erwachsensein unterscheidet und auch besonders behandelt werden muss.

Nur im Bürgertum wird dem Kind ein eigener arbeitsfreier, dem Spielen und Lernen gewidmeter Zeitabschnitt zugestanden. In anderen Schichten ist dies nicht möglich. Die Arbeiterschicht hat nicht die finanziellen Möglichkeiten um seine Kinder in dieser Art und Weise so zu erziehen und die Kinder des Adels werden in ihren Stand hineingeboren. Sie besitzen aufgrund ihrer Geburt Ansehen und Prestige und werden von Kindesbeinen an in die adelige Gesellschaft eingeführt, ohne dafür eigene Leistungen erbringen zu müssen.[8]

Im Gegensatz dazu kommt es im Bürgertum zu einer regelrechten Idealisierung der Kindheit. Der Hintergrund dafür ist die Privatisierung der Familie, die sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert im Bürgertum vollzieht. Dieser Prozess ist ein Ergebnis der Trennung von Arbeitswelt und Reproduktionsbereich und der Rollenzuteilung von Mann und Frau. Die Verantwortung für die Erziehung der Kinder haben nicht mehr Ammen und Bedienstete der Familie, sondern sie wird nun von den Eltern übernommen. Dadurch wird die Lebenswelt der Kinder durch intensive, gefühlsbetonte Binnenbeziehungen gekennzeichnet. Es entstehen Begriffe wie „heile Welt“ und „Nest“, um dieses Umfeld zu beschreiben.[9]

Laut Jean Jacques Rousseau hat die Kindheit „eine eigene Art zu sehen, zu denken und zu fühlen[10]. Aus diesem Grund hat sich die Welt des Kindes deutlich von der Welt des Erwachsenen zu unterscheiden. Es muss von essenziellen Bereichen des Erwachsenenlebens fern gehalten werden. Dazu gehören Arbeit, Öffentlichkeit und ganz besonders Sexualität. Allerdings gesteht man dem Kind eine eigene kindgemäße Erfahrungswelt zu. Es entstehen separierte Kinderstuben. Die Spielzeugindustrie erfährt einen erheblichen Aufschwung. Spezielle Literatur für Kinder entsteht und es kommt eine eigene Kleidung für Kinder auf.[11]

Das Bürgerkind steht im Mittelpunkt der Familie. Es verkörpert die Zukunft dieser und ist gleichzeitig eine Projektion ihres Bildes von sich selbst. Das Kind erhält affektive Zuwendung und verkörpert eine ökonomische und existenzielle Versicherung. In ein Kind zu investieren wird zum allgemeinen Gesellschaftsprogramm. Ein Indiz dafür ist die wachsende Literatur über Kindheit. Das Kind ist nicht nur ein Mitglied der Familie sondern auch der Gesellschaft, wobei diese auf die Erziehung einwirken will. Das lässt sich vor allem aus den zahlreichen zeitgenössischen Erziehungsratgebern herauslesen. So ist es Ziel der Eltern ihren Nachwuchs auf seine zukünftige gesellschaftliche und geschlechtsspezifische Rolle vorzubereiten.[12]

2.3 Erziehung im Kontext bürgerlicher Moralvorstellungen

Im 18. und 19. Jahrhundert werden Mann und Frau eigene Geschlechtscharaktere zugewiesen. Dies sind abstrakte Wesenseigenschaften, die das jeweilige Geschlecht kennzeichnen und so Grundlage für den persönlichen Werdegang und damit auch die Erziehung ist. Der Mann wird als rational und aktiv, die Frau als emotional und passiv beschrieben. Damit ist der Mann für die gesellschaftliche Produktion verantwortlich und zieht sich aus der Erziehung der Kinder fast vollkommen zurück.

Die Frau hingegen ist aufgrund ihres Geschlechtscharakters geradezu für den privaten Bereich prädestiniert. Ihre Aufgabe ist die private Reproduktion. Sie lässt Familienatmosphäre entstehen. Die Frau ist für die Erziehung der Töchter und Kleinkinder alleinverantwortlich. So ist es die Obliegenheit der Mutter günstige Anlagen ihres Kindes zu erkennen, zu pflegen und den Charakter zu bilden.[13]

Die Erziehung von Mädchen und Jungen nimmt schon in frühen Jahren eine getrennte Entwicklung, die die späteren Lebensbereiche der Geschlechter vorwegnimmt. Die Mädchen bleiben im Haus. Sie erlernen unter Anleitung und Aufsicht der Mutter, was sie für ihre spätere Funktion an hauswirtschaftlichen Kenntnissen benötigen. Mädchen erhalten Privatunterricht im Haus durch die Eltern, ältere Geschwister oder Hauslehrer um eine angemessene Allgemeinbildung zu erhalten, damit sie später verständnisvolle Gattinnen und kluge Mütter für ihre Kinder sein können. Die Hauptelemente ihres Unterrichts bestehen aus lesen, schreiben, etwas Kopfrechnen und dem Erwerb von rudimentären Fremdsprachenkenntnissen. Besondere Bedeutung wird den so genannten schönen Künsten Musik, Tanz, Malerei und Poesie zugemessen. Eine höhere Schulbildung ist bei Mädchen eher die Ausnahme. Die gezielte Berufsvorbereitung für Töchter des Großbürgertums gilt als unstandesgemäß. Der Besuch eines Lyzeums wird als ausreichend angesehen. Dort werden aber nur klassische Bildungsinhalte vermittelt und keinerlei Naturwissenschaften.

Im Gegensatz dazu werden die Jungen schon im Alter von sechs bis sieben Jahren aus der häuslichen Bildung in eine schulische Institution abgegeben. Diese soll die Jungen auf die zukünftige Berufswelt vorbereiten. Es wird großer Wert auf eine fundamentale Schulbildung gelegt, denn der Lebensweg wird von der individuellen Leistung bestimmt. Das Ziel ist den vom Vater erreichten Status beizubehalten oder noch zu übertreffen.[14] Oft wird eine höhere Schulbildung angestrebt. Der Abschluss eines Universitätsstudiums ist keine Seltenheit. Er wird als Statussymbol zur sozialen Abgrenzung von anderen Schichten gesehen und ist für eine lukrative individuelle Karriere erforderlich.[15]

Das Kind wird als unfertiges Geschöpf, das man erziehen kann und muss, angesehen. Die richtige Erziehung soll aus wilden Kindern, aufgeklärte, Vernunftbetonte, gebildete, selbstbewusste und gütige Erwachsene machen. Durch die Erziehung soll es zivilisiert werden. Gefühle und Triebimpulse sollen reguliert werden und der Nachwuchs die Bürgertugenden verinnerlichen. Denn das Bürgertum ist durch gemeinsame Normen und Lebensformen geeint und setzt sich durch die Einhaltung dieser Normen, Tugenden und Verhaltensweisen von anderen Gesellschaftsklassen ab. Aus diesem Grund sollen auch die Eltern ihre Kinder selbst erziehen und es nicht den Dienstboten überlassen. Das Bürgertum sieht in der Erziehung der Kinder und in seiner Beziehung zu ihnen ein Instrument des politischen Kampfes gegen den Adel. Hier stehen angeborene Privilegien der Aristokratenkinder gegen die Leistungsfähigkeit der Bürgerkinder. Man setzt auf die Bildbarkeit der Persönlichkeit. Diese soll sich ohne die störenden Einflüsse der Gesellschaft entwickeln können. Dafür ist die Wärme, der sich nach außen abschließenden Kleinfamilie, nötig. Auch von den Dienstboten sollen die Kinder abgegrenzt werden. Man versucht, sie dem Einfluss der ungebildeten unteren Schichten zu entziehen. Des Weiteren glaubte man müsse den Nachwuchs vor den Verführungskünsten und den schlechten Beispielen, sowie vor Unwissenheit und Aberglauben des Gesindes schützen.[16]

Um die Erziehungsziele durchzusetzen, müssen geeignete Mittel gefunden werden. Daher spricht man sich zunächst gegen die Prügelstrafe aus, denn eine Strafe soll mehr die Seele als den Körper treffen. Die Disziplinierung mit der Rute wird daher abgelehnt, weil sie das Kind kaltblütig machen kann. Aber man versucht auf andere Formen von Bestrafung zurückzugreifen, die auf die Verinnerlichung von Regeln bauen. Im 19. Jahrhundert beginnt die Prügelstrafe sich wieder verstärkt durchzusetzen. Besonders bei kleinen Kindern unter vier bis fünf Jahren wird sie empfohlen, um den kindlichen Eigensinn zu brechen und sie zum Gehorsam zu erziehen.[17] Gehorsam gilt als eine der wichtigsten bürgerlichen Tugenden, denn nur ein gehorsamer Bürger wird später die gesellschaftlichen Gesetze befolgen und das hierarchische System akzeptieren, ohne dieses oder andere Autoritäten zu hinterfragen.

Der Verhaltenskodex der Kinder ist vor allem geprägt durch Triebunterdrückung und Triebverzicht. Gutes Benehmen ist oberstes Gebot. Es ermöglicht Selbstvergewisserung und soziale Abgrenzung im gesellschaftlichen Bereich. Man verlangt von seinem Nachwuchs jegliche Gefühlsäußerungen, wie Launen, Stimmungen und Spontanität zu unterdrücken. Verinnerlicht werden gepflegtes Sprechen, korrektes Grüßen, beherrschte Mimik und Gestik, Sauberkeitsregeln und Tischsitten. Alles Dinge, die nach unserer heutigen Auffassung nicht typisch kindlich sind, aber notwendig um in der Gesellschaft bestehen zu können.

2.4 Fotografische Voraussetzungen

Die Zeit von 1860 bis 1914 ist geprägt durch die Einflüsse des Realismus bzw. Naturalismus. Der Realismus spielt besonders für die Fotografie eine wichtige Rolle, denn gerade da können die Kritiker ihr Auge für die aufkommende Massenfotografie schulen. Im Realismus werden in der Literatur wie auch in der bildenden Kunst Wirklichkeitsausschnitte minutiös erfasst. Der erste Kunsttheoretiker, der sich mit der Fotografie befasst, ist Jules Jalin. Hier erkennt man gut, dass die Kunst in den Anfangsjahren der Fotografie eine entscheidende Rolle spielt. Doch die Kunsttheorie gibt verschiedene Richtungen vor. Zum einen besagt sie, dass die Realität so genau und mit so vielen Details wie nur irgendwie möglich abgebildet werden soll. Zum anderen aber auch, dass Auslassungen die Abbildung interessanter machen können. Die Realität soll so abgebildet werden, wie sie ist, egal ob schön oder nicht.

Ein Problem der Fotografie ist, dass sie in ihrer Theorie die schon vorhandenen Künste zum Vorbild hat und um soziale Anerkennung kämpfen muss. Während ihrer Entwicklung kommen die Fototheoretiker zu den Grundsätzen, dass die Kunst nach Schönheit streben muss. Sie muss die Natur nachahmen, ohne sie zu kopieren und sie muss Details dem Ganzen opfern. Bis man aber soweit ist, vergeht einige Zeit, denn in ihren Anfängen sind die Fotografen vor allem Naturwissenschaftler, die versuchten Objekte so genau wie möglich wiederzugeben.[18]

Die Fotografie sieht sich in der Gesellschaft zwiespältigen Betrachtungsweisen ausgesetzt. Immer wieder wird sie kritisiert. Man warnt vor einer Überflutung der Sinne und vor Erfahrungsverlust. 1875 kritisieren Hamerton und Ruskin den Verlust an authentischer Erfahrung. Dieser Verlust führt zu einer Kritik der Sinnesüberflutung durch eine veränderte Rezeption des Publikums.

Des Weiteren fürchtet man eine Verbreitung falscher Geschmacksmuster durch das neue Massenmedium, welches durch immer neue Techniken der breiten Masse zugänglich gemacht wird. Auch die Möglichkeit einer unmöglichen bzw. falschen Popularisierung wird als reale Gefahr gesehen. Hier gründet sich die Theorie des abstrakten Medienoptimismus, welcher mit quantitativen Vorstellungen operiert: Mehr Bilder, mehr Informationen und mehr Anstöße sollen für mehr Menschen zugänglich sein.

Aber das neue Medium wird auch positiv betrachtet. So wird die Fotografie als demokratisch bezeichnet, weil sie alle erreicht und alles erreicht. Sie ist fortschrittlich, denn sie verleiht Vergänglichem Dauer.[19]

Alles in allem lässt sich sagen, dass die Fototheorie kein kontinuierliches Unternehmen darstellt. Es existieren stehende Motive und Ecksteine des Denkens sind vorhanden. Allerdings gibt es keine Tradition. Die unsichere Position der Fotografie, sowie die Schwierigkeiten mit denen sie konfrontiert ist, hat Auswirkungen auf die gedankliche Arbeit, denn man ist vor allem auf den Legitimationsaspekt fixiert und weniger auf bestimmte Stilrichtung bzw. Programme wie zum Beispiel in der Malerei. In den 1850er Jahren schaffte es die Fotografie, sich über ihre ästhetischen Qualitäten durchzusetzen. Dennoch ist die Theorie oft unfrei und unfruchtbar, da die Argumentation häufig bei der Nachbardisziplin Malerei gesucht wird. Dies verhindert auch das Entstehen einer größeren gemeinsamen Fototheorie.

Dennoch hat die Fotografie es geschafft, sich hinsichtlich der Portraitdarstellungen gegenüber der Malerei durchzusetzen. Der Bedarf hat die Erfindung geweckt. Durch neue Technik ist sie nun den breiten Massen zugänglich geworden. So kommt es durch die neue Wertschätzung des Individuums zu einer deutlichen Dynamisierung des Portraitgewerbes. Trotz aller Kritik entspricht die Fotografie mit ihrer beobachtenden und rationalen Erkundung der Welt, den ästhetischen Merkmalen der Zeit. Sie stellt den Höhepunkt des Realismus dar. So ist es der Portraitfotografie vorbehalten, dem neuen Medium zum Durchbruch zu verhelfen. In ihrer Anfangszeit brachte die Fotografie vor allem Kunstfotos hervor. Doch in ihrer weiteren Entwicklung kommt es zu einer zunehmenden Kommerzialisierung und man arbeitet immer mehr daraufhin, den Geschmack der breiten Masse zu treffen. Die fortschreitende Industrialisierung konfrontiert die Menschen immer stärker mit den technischen Errungenschaften. Das hat zur Folge, dass die Akzeptanz gegenüber den Charakteristiken des neuen Mediums steigt und man ihm aufgeschlossener als vorher begegnet. Ein weiterer Grund für die Ausweitung des Kundenkreises ist die Anpassung der Fotografen an die Stilmittel des traditionellen Kunsthandwerks. Nicht zu vergessen ist aber auch das finanzielle Argument. Einen preislichen Tiefpunkt erreicht man mit der „Cart de visite“ von Disdéri. Allerdings ist der Preis abhängig von der Stadt und dem damit zu erwartenden Kundenkreis. So kosten beispielsweise in Frankfurt 1859 das Dutzend sechs Gulden und 1863 nur noch drei Gulden. Insgesamt gesehen sinken die Preise aber ständig, was wiederum zu einer weiteren Demokratisierung der Fotografie und des Portraitgewerbes führt.[20]

[...]


[1] Brunner: Geschichtliche Grundbegriffe (1979) S. 100

[2] Riehl: Die bürgerliche Gesellschaft (1976) S. 200f.

[3] Brunner: Geschichtliche Grundbegriffe (1979) S. 150

[4] Brunner: Geschichtliche Grundbegriffe (1979) S. 130

[5] Ullmann: Politik im Deutschen Kaiserreich 1871-1918 (1999) S. 33-43

[6] Gay: Bürger und Boheme: Kunstkriege des 19. Jahrhunderts (1999) S.17-35

[7] Gay: Bürger und Boheme: Kunstkriege des 19. Jahrhunderts (1999) S. 40

[8] Fuchs: „Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?“ (1997) S.66 f.

[9] Schnöller/Steckl: „Es war eine Welt der Geborgenheit…“ (1999) S. 24

[10] Jean Jacques Rousseau. Zitiert nach: Gunilla-Friederike Budde, Auf dem Weg ins Bürgerleben: Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien 1840 – 1914 S. 193

[11] Fuchs: „Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?“ (1997) S. 42

[12] Fuchs: „Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?“ (1997) S. 55 f.

[13] Fuchs: „Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?“ (1997) S. 42

[14] Fuchs: „Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?“ (1997) S. 56

[15] Schnöller/ Steckl: „Es war eine Welt der Geborgenheit…“ (1999) S. 30

[16] Fuchs: „Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?“ (1997) S. 62

[17] Fuchs: „Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?“ (1997) S.59 f.

[18] Kemp: Theorie der Fotografie I. 1839- 1912. (1979) S. 10 - 18

[19] Kemp: Theorie der Fotografie I. 1839- 1912. (1979) S. 37 - 42

[20] Karin Schambach: Photographie – ein bürgerliches Medium.

Details

Seiten
37
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638501392
ISBN (Buch)
9783638663731
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55097
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde
Note
1,0
Schlagworte
Bild Kind Bild Kinderfotografie Gesellschaft Fotografie Anlyse Bildmediums Bürgertum 19. Jahrhundert Erotik; Kindererotik

Autor

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