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Die Stadtpfarrkirche St. Martin in Landshut - Eine Analyse unter besonderer Betrachtung der Quellenlage und des Architekten Hans von Burghausen

Seminararbeit 2006 21 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Baumeister Hans von Burghausen
2.1 Das Epitaph als biographische Quelle
2.2 Weitere biographische Daten und das Namensproblem

3. Die Baugeschichte der Stadtpfarrkirche St. Martin
3.1 Der Bau von St. Martin im historischen Kontext
3.2 Baumeister
3.3 Bauentwicklung

4. Die Beschreibung des Baus
4.1 Der Grundriss
4.2 Der Innenraum
4.2.1 Das Langhaus
4.2.2 Der Chor
4.3. Der Außenbau
4.4 Die Langhausportale
4.5 Das Epitaph

5. Schlusswort mit stilgeschichtlichen Anmerkungen

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungen

Die Stadtpfarrkirche St. Martin in Landshut

Eine Analyse unter besonderer Betrachtung der Quellenlage

und des Architekten Hans von Burghausen

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich zunächst einmal mit Hans von Burghausen, dem Baumeister der St. Martinskirche in Landshut. Sein Leben wird anhand von Quellen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu rekonstruieren versucht (Kapitel 2). Nach einem kleinen Exkurs, der die historischen Umstände beleuchtet, welche den Bau der Stadtpfarrkirche möglich und nötig machten, wird die Baumeisterfrage durch das Einbeziehen verschiedener Autorenmeinungen diskutiert. Der dritte Abschnitt, in dem eine Auseinandersetzung mit der Baugeschichte stattfindet, schildert den Bauprozess dieses spätgotischen Hallenbaus in chronologischer Art und Weise, wobei auch hier wiederum die Quellenlage den Ausgangspunkt bildet (Kapitel 3).

Die sich im vierten Kapitel anschließende Beschreibung der Stadtpfarrkirche St. Martin kann aufgrund des breiten Themenspektrums nicht en detail durchgeführt werden. Nach Darstellung der signifikantesten architektonischen Großformen von Innenraum und Außenbau wird auf einige besondere Elemente, wie die Langhausportale und das Epitaph hingewiesen.

In der Schlussbetrachtung (Kapitel 5) sollen wesentliche Stilmerkmale in der Architektur des Hans von Burghausen, am Beispiel von St. Martin aufgezeigt und mögliche Einflüsse angesprochen werden.

2. Der Baumeister Hans von Burghausen

2.1 Das Epitaph als biographische Quelle

Eine der nach wie vor aufschlussreichsten Quellen über Hans von Burghausen ist sein Epitaph an der Südseite der Pfarrkirche St. Martin. Von Osten aus gezählt, zwischen der dritten und vierten Kapelle, befindet sich das Gedächtnismal1. Unterhalb der dort platzierten Portraitbüste des Baumeisters steht in einer Inschrift folgendes geschrieben:

Anno . dni . m . ccc . xxxii

starb . hanns . stainmezz . in .

die laurentij maister der

kirchn vnd czu spital vnd

in salczburg cze oting cze

strawbig vnd cze bassbuk

dem got gnädig sey Anet

Anhand dieser Quelle lässt sich sein genaues Todesdatum bestimmen. Es ist der Laurentiustag („laurentij“), genauer gesagt der 10. August des Jahres 1432. Darüber hinaus wird die Berufsbezeichnung des Steinmetzes („stainmezz“) angeführt, die auf den typischen Werdegang eines Architekten zu jener Zeit verweist, nach dem jeder zukünftige Baumeister zunächst einmal einer Betätigung als Steinmetz nachgehen musste2. Danach folgt eine Auflistung der Wirkungsstätten Burghausens: die „kirchn“ steht für die Martinskirche, mit „spital“ ist die Spitalkirche zum Heiligen Geist gemeint. Beide befinden sich in Landshut. Salzburg („salczburg“, Franziskanerkirche), Neuötting („oting“, St. Nikolaus), Straubing („strawbig“ St. Jakob und vermutlich ein Teil der Karmeliterkirche) und Wasserburg („bassbuk“ St. Jakob) sind weitere Bauvorhaben, die dokumentiert werden. Eine chronologische Ordnung der Bauten, an denen Burghausen beteiligt gewesen ist, lässt sich jedoch schwer anfertigen, da die Kirchen mehr oder weniger parallel umgesetzt wurden.

Bemerkenswert ist, dass auf dieser öffentlich zugänglichen Gedächtnisinschrift das Werk eines Baumeisters so detailliert nachgewiesen wird, denn zu Lebzeiten Burghausens war es durchaus nicht üblich einem Architekten solch eine Ehre zuteil werden zu lassen3. Das ist als Zeichen für das große gesellschaftliche Ansehen und den Einfluss des Gründers der „Landshuter Bauhütte“ zu verstehen.

Entsprechend ist Burghausen einer der wenigen spätmittelalterlichen Architekten, dessen Gesamtwerk mit ziemlicher Sicherheit bekannt ist.

2.2 Weitere biographische Daten und das Namensproblem

Das Geburtsdatum des Hans von Burghausen ist nicht exakt bestimmbar. Laut Schätzungen verschiedener Autoren beläuft sich der mögliche Geburtszeitraum auf eine Phase von 1350 bis 13704. Seine Bedeutung gewinnt das Datum durch die Möglichkeit, von ihm Rückschlüsse auf die Verantwortung am Bau von St. Martin zu ziehen. So würde eine Geburt Burghausens zu einem späteren Zeitpunkt als etwa 1365 dafür sprechen, dass er nicht von Anfang an die alleinige Leitung innegehabt haben kann.

Dieser Rückschluss ergibt erst durch die Tatsache Sinn, dass ein Architekt damals mit rund 27 Jahren gänzlich ausgebildet war. Dieses Alter kommt zustande, wenn man vom Beginn der Lehrzeit mit 15 Jahren ausgeht und dann die sechs Jahre als Steinmetzlehrling, sowie weitere sechs in der praktischen Ausübung des Handwerks hinzufügt. Da im äußeren Chorhaupt, auf einer Rotmarmortafel, das Jahr 1392 als Baudatum verzeichnet ist, wäre der Burghausen, Jahrgang 1365 oder später, zu jung für eine alleinverantwortliche Baumeistertätigkeit. (Zur Baumeisterdiskussion werde ich in Kapitel 3.3 noch ausführlicher Stellung nehmen).

Die Quellenlage bezüglich der Lehrjahre und Anfänge seiner Baukunst ist recht dürftig. 1406 verleiht ihm der bayrischen Herzog Heinrich der Reiche in einem Schenkungsbrief ein Haus in Landshut. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass er Burghausen längerfristig an die Stadt binden und ihn für seine Verdienste um den Bau der Martinskirche belohnen wollte.

Nur neun Jahre darauf, 1415, veräußert der Baumeister sein Haus wieder5. In der Verkaufsurkunde nennt er sich selbst „... maister Hanns von burghausen, der stainmetz und werkhmaister der paws zu St. Martin zw Landshuet...“6. Mit diesem Namen, der auf seinen Herkunftsort schließen lässt, wird er, nach heutigem Forschungsstand, bezeichnet. In der Literatur ist auch der Name „Hans Purkhauser“ zu finden. Der vor allem in der älteren Kunstgeschichte verwendete Name „Hans Stethaimer“7 ist heutzutage nur noch für den Neffen Burghausens gebräuchlich. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein nannte man den Architekten von St. Martin „Hans Stethaimer der Ältere“, um Verwechslungen mit seinem Neffen auszuschließen. Insbesondere jedoch aufgrund der Quelle des Jahres 1415, hat sich die Bezeichnung Hans von Burghausen etabliert.

3.Die Baugeschichte der Stadtpfarrkirche St. Martin

3.1 Der Bau von St. Martin im historischen Kontext

Im Jahre 1204 veranlasste der niederbayrische Herzog Ludwig der Kelheimer die Gründung der Stadt Landshut, als es infolge familiärer Streitigkeiten innerhalb des Hauses Wittelsbach zu verschiedenen Teilungen des bayrischen Territoriums kam. Die Anlage von Burg und Stadt lag wohl in erster Linie darin begründet, dass der Herzog einen zentral gelegenen Ort benötigte, um einen politischen und wirtschaftlichen Stützpunkt und eine Residenz zur Verwaltung Hausbesitzes zu errichten. Von 1255-1340 blieb die Stadt die Residenz der Herzöge Niederbayerns. Kaiser Ludwig der Bayer vereinigte nach dem Tod des letzten, unmündigen Herzogs von Niederbayern die verschiedenen Territorien wieder, residierte allerdings nicht in Landshut. Erst im Jahre 1392, nach einer erneuten Teilung, erhielt die Stadt wieder den Rang eines höfischen Zentrums.8

Trotz fehlender politischer Kontinuität wuchs die Stadt in großen Schritten und erweiterte mehr und mehr ihre wirtschaftliche Bedeutung. Nach der Gründung wird sie sich vermutlich um den als Kern fungierenden Bau von Alt-St. Martin, dem Vorgänger der spätgotischen Hallenkirche, ausgebreitet haben. Das Wachstum spiegelte sich auch in der zunehmenden politischen Bedeutung der Bürgerschaft wider. Durch eine „magna charta“ gestattete der Herzog den Bürgern 1279 mehr Rechte zu, als es in anderen Städten des Landes zu dieser Zeit üblich war.

Als sich Landshut gerade von einem verheerenden Brand im Jahre 1342 erholte, der an die 900 Wohnstätten zerstörte, wurde wahrscheinlich schon der Entschluss zum Bau einer größeren Kirche gefasst. Die Bevölkerung war inzwischen so stark angewachsen, dass die bereits bestehenden Kirchen nicht mehr genügend Raum für die Gläubigen boten.

St. Martin war die erste Pfarrkirche in einer der größten Städte des Spätmittelalters. Die Pfarrei St. Martin verfügte zwar über Erträge aus geschenkten oder gekauften Gütern, aber es ist kaum vorstellbar, dass diese für den Neubau ausreichend gewesen sind. Die Basis für die Realisierung des Baus bildete vielmehr ein wohlgeordnetes Staatswesen, das auf einer sorgfältigen und sparsamen Verwaltung gründete. Darüber hinaus sorgte eine aufwendige Hofhaltung dafür, dass sich Landshut zu einem großen süddeutschen Handels- und Gewerbezentrum entwickeln konnte.

Die Errichtung einer der bedeutensten Kirchen des süddeutschen Raumes ist also im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zu sehen, denn ohne zahlreiche Stiftungen der Bürger, wie auch der Herzöge wäre das Kirchenbauprojekt St. Martin, aller Voraussicht nach, unvollendet geblieben.

3.2 Baumeister

Dass am Bau der Martinskirche mehrere Architekten beteiligt gewesen sein müssen, ist schon allein wegen der langen Planungs- und Bauzeit von mehr als hundert Jahren unbezweifelbar. Welcher Anteil den namentlich bekannten Baumeistern zugeordnet werden kann, wird seit langem diskutiert. Viele Autoren kommen darin überein Hans Krumenauer die Leitung von der Grundsteinlegung 1385 bis zu seinem Wechsel an die Spitze der „Passauer Bauhütte“ 1405 zuzuschreiben9. Er wäre somit für den Bau des Chores verantwortlich. Hans von Burghausen, dessen Auftreten in Landshut erst durch den Schenkungsbrief des Herzogs von 1406 erstmalig bewiesen ist10, tritt daraufhin die Nachfolge Krumenauers an und behält sie bis zu seinem Tod im Jahre 1432. Der Bau des größten Langhausabschnittes fällt also in die Zeit seiner Zuständigkeit. Hans Stethaimer, der Neffe Burghausens, vervollständigt nach dessen Ableben das Langhaus sowie das Westportal und beginnt mit dem Turmbau, der erst unter Stefan Purkhauser um 1500 vollendet wird.

Ein weiterer Aspekt, der in der Forschung erörtert wird, behandelt die Frage, ob Krumenauer den gesamten Bauplan angefertigt hat und Burghausen als sein Assistent fungierte oder ob die Pläne des Langhauses, das erst in den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts vollendet wurde, auf Burghausen zurückzuführen sind. Peter Kurmann geht in dieser Diskussion der Baumeisterfrage noch einen Schritt weiter, indem die Beteiligung Krumenauers am Bau grundsätzlich zu widerlegen versucht11. Für seine These sind zwei Quellen die Grundlage. Die eine stammt aus dem Jahre 1389, wo in einem Schlichtungsvertrag Landshuter Bürger als Siegelzeugen auftreten. Hier wird erstmalig ein „Maister Hans jetzt pawmeister zu sand martein“12 urkundig fassbar. Die ältere Forschung hat diesen Nachweis direkt auf Burghausen bezogen. Durch einen später aufgetauchten Beleg, der aufzeigt, dass sich Krumenauer zur Zeit des Chorbaues ebenfalls (gegen Ende des 14. Jahrhunderts) in Landshut befand, wurde auch der im Schlichtungsvertrag erwähnte „Maister Hans“ mit dem späteren Leiter der „Passauer Bauhütte“ gleichgesetzt. Kurmann ist jedoch der Meinung, Krumenauer könnte nur einfacher Steinmetz in Landshut gewesen sein und erst mit der Aufnahme der Tätigkeit am Passauer Dom eine führende Baumeisterrolle innegehabt haben13. Seine Begründung findet er in der stilistischen Einheitlichkeit des Chores und des Langhauses von St. Martin. Ergänzend vergleicht er den aufwendig dekorierten Sandsteinbau des Passauer Domchores mit der nüchternen Backsteinarchitektur des Altarraumes in Landshut und leitet schlussfolgernd Burghausens alleinige Hauptverantwortung an der Planung und Umsetzung der Martinskirche ab.

Wenn ich mich nochmals näher auf Kurmanns Argumentation einlasse (unter Berücksichtigung folgender Annahmen: 1. Der Schlichtungsvertrag von 1389 bezieht sich auf Hans von Burghausen 2. Sein Geburtsdatum liegt um das Jahr 1360), stelle ich fest, dass Burghausen erst wenige Jahre nach dem Ende seiner Ausbildung mit dem Bau von St. Martin beauftragt worden sein konnte. Die Tatsache einem so jungen Architekten ein solch verantwortungsvolles Projekt zu übertragen, ist durchaus in Zweifel zu ziehen. Andererseits unterstützt das Epitaph des 1432 verstorbenen Baumeisters Kurmanns These, denn jene Ehrerbietung lässt wohl kaum zu, dass Burghausen nur zweiter Mann, also ausführender Bauherr von Krumenauers Plänen gewesen ist. Dass am Gedächtnismal von St. Martin ein komplettes Werkverzeichnis verzeichnet ist, bedeutet meiner Auffassung nach, mit der Pfarrkirche St Martin in Landshut Burghausens Hauptwerk zu finden, sein berühmtestes, wenn auch wohlmöglich sein frühestes.

[...]


1 Fickel, Alfred (Hrsg.) „St. Martin zu Landshut“, Trausnitz 1985, S.40

2 Fickel, S.40

3 Hanfstaengel, Eberhard „Hans Stethaimer – Eine Studie zur spätgotischen Architektur Altbayerns“, Leipzig 1911

Über die Rolle des Baumeisters schreibt er : „Der Baumeister ist für den Chronisten des XV. Jahrhunderts nicht

so wichtig als etwa der Pfleger oder Pfarrer.“ , S.6

4 Hanfstaengel nimmt als Geburtsjahr 1360 an, ohne eine stichhaltige Begründung dafür zu liefern. Günter

Brucher geht von dem Jahr 1350 aus, da er die Büste über dem Epitaph für das Portrait eines ungefähr

80jährigen Mannes hält. Brucher, Günter „Gotische Baukunst in Österreich“ , Wien 1990, Seite 144

5 Möglicher Grund dafür könnten die parallel laufenden Bauvorhaben in den anderen Städten gewesen sein, die

Burghausens Aufenthalte in Landshut immer wieder unterbrachen.

6 Zitat nach Hanfstaengel, S.8

Anmerkung: Die beiden zuletzt genannten Quellen existieren nicht mehr im Original, sondern nur noch als Abdruck.

7 Haenel, Erich „Spätgotik und Renaissance – Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Architektur

vornehmlich im 15. Jahrhundert“, Stuttgart 1899, S.34

8 In der folgenden Darstellung berufe ich mich auf Peter Kurmanns Text „St. Martin im Spannungsfeld

einer spätmittelalterlichen Bürger- und Residenzstadt“; Fickel, S.13ff., sowie auf den Abschnitt über die

Geschichte der Stadt Landshut in Hugo Schnells „St. Martin in Landshut“; Schnell, Steiner, S.2/3

9 Schnell, Hugo; Steiner, Johannes (Hrsg.) „Pfarr- und Stiftskirche St. Martin in Landshut“, München 1984, S.6

10 Hanfstaengel S.8

11 Fickel, S.37 ff. („Quellen und Nachrichten zur Baugeschichte“)

12 Zitat nach Fickel, S. 40

13 „Aber deshalb muss er nicht der Schöpfer des Martinschores sein. Als „steinmez zu Lantzhut“ hätte er in

dieser spätmittelalterlichen Großstadt genügend andere Arbeitsmöglichkeiten.“ Zitat nach Kurmann,

Fickel, S.42

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638501934
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55165
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Schlagworte
Stadtpfarrkirche Martin Landshut Eine Analyse Betrachtung Quellenlage Architekten Hans Burghausen Spätgotische Sakralarchitektur Zentraleuropa

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Titel: Die Stadtpfarrkirche St. Martin in Landshut -  Eine Analyse unter besonderer Betrachtung der Quellenlage und des Architekten Hans von Burghausen