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Benno Werlens Entwurf einer handlungszentrierten Sozialgeographie in kritischer Diskussion

Seminararbeit 2002 23 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung

2. Erkenntnistheoretischer Kontext der handlungszentrierten Sozialgeographie
2.1. Der Kritische Rationalismus
2.2. Die Phänomenologie

3. Handlungszentrierte Sozialgeographie als Ausdruck spätmoderner Gesellschaften
3.1. Aufgaben der sozialwissenschaftlichen Geographie
3.2. Die Strukturationstheorie von Giddens
3.3. Traditionelle Gesellschaften
3.4. Traditionelle Geographie
3.5. Spät-moderne Gesellschaften
3.6. Neuorientierung in der sozialwissenschaftlichen Geographie

4. Handlungszentrierte Sozialgeographie nach Werlen
4.1. Forschungsgegenstand
4.2. Handlungen, Handeln und Handelnde
4.3. Handlungsablauf
4.4. Unterschiedliche Handlungstheorien

5. Diskussion
5.1. Kritik am Raumverständnis von Werlen
5.2. Zur gesellschaftlichen Entwicklungstheorie
5.3. Gedanken über das handelnde Subjekt
5.4. Die Entankerung der Gesellschaft

1. Einführung

Lange Zeit wurde der Raum als der Zuständigkeitsbereich der Geographie bezeichnet. Die Aufgabe der Sozialgeographie lag in der Untersuchung des Gesellschaft-Raum-Verhältnisses. Doch dieses Gesellschaft-Raum-Verhältnis beginnt sich zunehmend zu wandeln. Mit den neuen Kommunikationsmedien verliert die räumliche Dimension für die menschliche Existenz zunehmend an Bedeutung. Man spricht von einem Verschwinden der Distanz bzw. von einem raumzeitlichen Schrumpfungsprozess der geographischen Lebensbezüge. Gleichzeitig steigen die Möglichkeiten der Lebensgestaltung des Einzelnen, man spricht in diesem Zusammenhang von einer Globalisierung der Lebenskontexte aller Menschen.

Unter diesen globalisierten Bedingen fordert Werlen in seiner handlungszentrierten Sozialgeographie eine vollständige Abkehr von den alten raumzentrierten Paradigmen. Gesellschaften werden nicht länger über räumliche Phänome erklärt sondern über Handlungen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht gesellschaftliche Gruppen sondern das Subjekt als solches, das sich durch seine Handlungen definiert.[1] Heute bezweifelt kaum noch jemand, dass die deutsche Sozialgeographie durch die Arbeiten von Benno Werlen eine wichtige Weiterentwicklung erfahren hat. Seine subjektzentrierte Handlungstheorie eröffnet der deutschen Geographie neue Perspektiven, die es zu nutzen gilt.[2]

Trotz allem gibt es auch einige Schwachpunkte und offene Fragen, die in dieser Ausarbeitung nach einem allgemeinen Überblick über seine Handlungstheorie erörtert werden sollen.

2. Erkenntnistheoretischer Kontext der handlungszentrierten Sozialgeographie

Eine der ersten Auseinandersetzungen Werlens mit der Handlungstheorie findet sich im Aufsatz „Thesen zur handlungstheoretischen Neuorientierung sozialgeographischer Forschung“, der zusammen mit einem Artikel von Peter Weichhardt zum „Erkenntnisobjekt der Sozialgeographie aus handlungstheoretischer Sicht“ in der Geographica Helvetia 1986 erschienen ist. Obwohl beide Beiträge die Handlungstheorie in ähnlicher Weise resümieren, unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer Argumentationsmuster doch erheblich. So sucht Weichhardt seinen Ausgangspunkt in der Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen funktionalen Sozialgeographie (Münchner Schule) und im Behaviourismus, Benno Werlen hingegen diskutiert die angelsächsischen Theorien des spatial approach und der humanistic geography.[3]

Ausgangspunkt ist der raumwissenschaftliche Ansatz, der von Dietrich Bartels, bei dem Werlen wissenschaftlicher Assistent war, in die deutsche Sozial- und Wirtschaftsgeographie eingeführt wurde.

Das Hauptziel der raumwissenschaftlichen Geographie bestand bekanntlich in der Aufdeckung von Raumgesetzten mittels choristisch-chorologischen Methoden. Bartels forderte für die Sozialgeographie, die entdeckten Raumgesetzte zu einer chorologischen Theorie zu systematisieren, aus der dann Kausalerklärungen für das erdräumliche Gesamtmuster einer Gesellschaft abgeleitet werden sollten. Weiterhin bemängelte er, dass es der Sozialgeographie an sozialwissenschaftlichem Grundverständnis fehlte und er forderte so eine verstärkte Orientierung an Bezugssystemen und Problemstellungen der Soziologie, also eine Anwendung der formalen raumwissenschaftlichen Modelle auf die erdoberflächlichen Verbreitungs- und Verknüpfungsmuster im Bereich menschlicher Handlungen und Motivationskreise. Bartels leitete dabei die Sozialgeographie als eine handlungsorientierte Raumwissenschaft von der kritisch-rationalen Wissenschaftstheorie von K. Popper und der raumwissenschaftlichen Tradition der Geographie ab.

Der Vorschlag Bartels, die Sozialgeographie solle dem Vorbild der Naturwissenschaften entsprechend, Kausalerklärungen der erdoberflächlichen Verbreitungs- und Verknüpfungsmuster im Bereich menschlicher Handlungen leisten und der sogenannte spatial approach, in dessen Tradition er steht, wurden von Anne Buttimer und den übrigen Vertretern der humanistic geography in den siebziger Jahren heftig kritisiert. Ihre Forderung lautete, dass nicht die objektive Erklärung der erdoberflächlichen Verbreitungsmuster verschiedenster Gegebenheiten im Vordergrund sozialgeographischer Forschung stehen solle, sondern das subjektive Verstehen der Verhaltensweisen konkreter Menschen in ihrem erdräumlichen Kontext. Die Sozialgeographie solle sich nach dem Leitbild der verhaltenstheoretischen Wissenschaften aufbauen. Grundlage dieser humanistischen Forschungsperspektive lieferte die phänomenologische Wissenschaftstheorie von E. Husserl und A. Schütz.[4]

Werlen überprüfte sowohl die Handlungstheorie als auch die Verhaltenstheorie auf ihre Leistungsfähigkeit im Hinblick auf die Erreichung des sozialgeographischen Forschungsziels, einer Gesellschaftsanalyse unter Berücksichtigung der erdräumlichen Dimension.

Nach Werlen werden in der Verhaltenstheorie menschliche Tätigkeiten als Reaktionen auf Umwelteinflüsse begriffen. Im Gegensatz zum klassischen Behaviourismus wird davon ausgegangen, dass es sich dabei nicht um eine unmittelbare Reiz-Reaktion handelt, sondern dass Reize erst über Zwischenprozesse der Reflexivität, der Kognition, des Bewusstseins verhaltensrelevant werden. Dabei wird die kognitive Komponente zu der beispielsweise die individuelle Einstellung, das Anspruchsniveau und die Motivstruktur des Einzelnen zu zählen sind als Interpretations- und Perzeptionsfilter von Reizen, die dann als Informationen bezeichnet werden, aufgefasst. Zentrale Forschungsthemen des verhaltenstheoretischen Ansatzes in der Sozialgeographie ist die Raumwahrnehmung, die Bewertung von Orten, Gebäuden, usw. sowie die Standortwahl.

Abbildung 1: Verhaltensmodell behaviouristischer Sozialgeographie

(Quelle: Werlen, B., 1997, Gesellschaft, Handlung und Raum, Seite 37)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Werlen sieht die Begrenztheit des verhaltenstheoretischen Ansatzes darin, dass seiner Meinung nach umfassende Erklärungen der individuellen Verhaltensweisen bisher nicht erreicht wurden. Weder die Gründe noch die Folgen der differenzierten subjektiven Wahrnehmungen könnten mit diesem Ansatz genauer untersucht werden.[5]

Wird menschliches Verhalten hingegen im Rahmen von Handeln thematisiert, so wie es in den verschiedenen handlungstheoretischen Ansätzen der Fall ist, so kommt zu dem schon in den kognitiven Verhaltenstheorien berücksichtigter Aspekt der Reflexivität auch die Intentionalität als konstitutives Element hinzu. Jede Handlung ist demnach von einem gewissen Zweck geleitet bzw. auf ein bestimmtes Ziel hin entworfen.[6]

Werlen stützt seine Hinwendung zur Handlungstheorie als der theoretischen Grundlage der Sozialgeographie auf folgende drei Argumente:

- Seiner Meinung nach ist ein Zugang zum gesellschaftlichen Kontext erst über die Intentionalität, der sinnhaften Orientierung der Handelnden möglich. In den verhaltenstheoretischen Ansätzen werden hingegen soziale Gegebenheiten nur als Umwelt, als vorgegebenes Informationsfeld angesehen. Sie können also nur die Reaktionen der einzelnen Individuen auf die vorgegebene soziale Welt thematisieren, nicht jedoch die gezielten Veränderungen der sozialen Wirklichkeit.
- Aufgrund der Intentionalität der Handlungen können mit der Handlungstheorie die bewussten Bezugnahmen auf andere Mitglieder der Gesellschaft thematisiert werden. Nach Werlen kann man dann von sozialen Handlungen im engeren Sinne sprechen, wenn in die Handlungsentwürfe die Erwartungen der anderen Akteure miteinbezogen werden. Finden solche Bezugnahmen gegenseitig statt, spricht man von sozialen Beziehungen. Treten diese regelmäßig auf und werden sie von gleichen Prinzipien geleitet so können sich unter Umständen aus ihnen verschiedene Typen sozialer Institutionen wie beispielsweise Markt oder Politik ausbilden.
- Nach Werlen ist es nicht möglich Entscheidungen in das Verhaltensmodell zu integrieren, so wie das aber im Falle standorttheoretischer Untersuchungen versucht wurde. Denn jede Entscheidung kann nur im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel getroffen werden und kann so nur im Rahmen des handlungstheoretischen Ansatzes widerspruchslos dargestellt werden.[7]

Werlen sieht also in einer handlungstheoretischen Neuorientierung der Sozialgeographie den bestmöglichen Zugang zur sozialen Welt und zur Erforschung der sozialen Bedeutung erdräumlicher Anordnungsmuster. Wichtig ist ihm hierbei auch die bewusste Hinwendung zu Problemen der Alltagspraxis. Darüber hinaus muss seine Neuorientierung der handlungstheoretische Sozialgeographie auch den methodologischen Kriterien der Handlungswissenschaften genügen und auf die grundlegenden sozialwissenschaftlichen Handlungstheorien Bezug nehmen.[8]

Im nächsten Schritt ging Werlen der Frage nach, auf welche metatheoretischen Grundlagen eine handlungszentrierte Sozialgeographie aufgebaut werden kann. Dabei diskutierte er in Anlehnung an den spatial approach und die humanistic geography deren Grundlagen, den kritischen Rationalismus und die Phänomenologie.

Im Folgenden sollen diese beiden Metatheorien kurz vorgestellt werden.

2.1. Der Kritische Rationalismus

Die Metatheorie des Kritischen Rationalismus wurde in der von Werlen diskutierten Form von Karl Popper ausgearbeitet. Oftmals bezeichnet man sie auch als die „realistische“ oder „objektivistische“ Perspektive des wissenschaftlichen Handelns. Denn Popper geht davon aus, dass sowohl der physische als auch der soziale Bereich einen von der mentalen Welt des Handelns unabhängigen Bestand aufweist. Diese beiden Bereiche werden als objektive Gegebenheiten aufgefasst.[9]

Werlens grundlegende These ist, dass die Metatheorie des Kritischen Rationalismus keine Begründung liefert für die Definition der Sozialgeographie als Raumwissenschaft nach naturwissenschaftlichem Vorbild, sondern dass sie eine Sozialgeographie als Handlungswissenschaft der objektiven Perspektive fordert.

Die objektive Erkenntnistheorie von Popper basiert auf der Unterscheidung von drei „Welten“, genauer gesagt auf der analytischen Untergliederung der Welt in drei ontologisch verschiedene Teilwelten. Als Welt 1 bezeichnet er die physischen Gegenstände und Zustände, als Welt 2 die Bewusstseinswelt oder die Welt der Bewusstseinszustände und als Welt 3 die Ideen im objektiven Sinne, also die Welt der möglichen Gegenstände des Denkens, die Welt der Theorien und deren logischer Beziehungen, die Welt der Argumente und der Problemsituationen und insbesondere der gesellschaftlichen Gegebenheiten (Institutionen, Traditionen). Welt 1 und 3 bestehen nach Popper objektiv, das heißt sie sind unabhängig von der mentalen Welt, der Welt 2, die wiederum subjektiv definiert ist. Die mentale Welt nimmt aber in der Situation des Handelns zwischen den anderen beiden Welten eine Vermittlungsfunktion ein, denn beide sind nur über die zweite Welt miteinander verbunden. Welt 3 ist zwar vom Menschen geschaffen, aber von ihm dennoch unabhängig. So gehören Hypothesen und/ oder Argumente einer wissenschaftlichen Theorie solange der Welt 2 an, solange sie nur im Bewusstsein des Wissenschaftlers sind, also nur gedacht werden. Sobald sie aber mitgeteilt werden, nehmen sie einen objektiven Charakter an, denn von diesem Zeitpunkt an sind sie nicht mehr vom Erkennenden abhängig und weisen einen logischen Gehalt an sich auf.[10]

Abbildung 2: Drei-Welten-Theorie von Popper

(Quelle: Werlen, B., 1997, Gesellschaft, Handlung und Raum, Seite 69)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund der grundsätzlichen ontologischen Unterscheidung zwischen den drei Welten und den Phänomenen die sie enthalten, scheint es schon von vorne herein nicht möglich zu sein, soziale Tatbestände, die ja Elemente der Welt 3 sind, in der Welt 1 zu lokalisieren bzw. sie durch die erste Welt zu erklären. Eine raumwissenschaftliche Sozialgeographie scheint so unmöglich.

Eine differenziertere Betrachtung bekräftigt dies. Wichtig in diesem Zusammenhang scheinen in erster Linie die ontologischen Besonderheiten von Welt 1 und Welt 3 zu sein. Gegebenheiten der Welt 1 können für andere Gegebenheiten der Welt 1 eine hinreichende Bedingung sein, es liegen also Kausalbeziehungen vor. Bestandteile der Welt 3 hingegen sind vom Menschen geschaffen, also das Ergebnis menschlicher Handlungen und erreichen so nur den Status einer notwendigen Bedingung. Hier kommen also keine Kausalgesetze zur Anwendung. Soziale Phänomene und Gesellschaften lassen sich also nicht mit naturwissenschaftlichen Kausalgesetzen erklären, diese gelten sinnvollerweise nur für die physische Welt. Eine bessere Zugangsmöglichkeit ergibt sich hier bei der Betrachtung von Handlungen, Elemente der Welt 3 sollten also als Handlungsfolgen aufgefasst werden. Eine Übertragung der naturwissenschaftlichen Methodologie auf den sozialgeographischen Forschungsbereich ist nach Popper also grundsätzlich als inadäquat anzusehen.[11]

2.2. Die Phänomenologie

Wie schon oben beschrieben geht Popper bei seinem Kritischen Rationalismus von einer „objektiven Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt aus. Physische und soziale Wirklichkeit weisen bei ihm also einen objektiven Status auf.

Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie und Alfred Schütz als deren wichtigster Vertreter im Bereich der Sozialwissenschaften gehen in erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Hinsicht allerdings von einer entgegengesetzten These aus. Für sie liegen die Bedingungen der objektiven Erkenntnis im erkennenden Subjekt begründet. Es gibt also keine subjektunabhängige Erkenntnis, denn alles zu Erkennende ist in seinen Bedeutungen erst noch zu konstituieren. Die soziale Wirklichkeit wird in dieser Perspektive als eine von den Handelnden selber geschaffene und subjektiv gemeinte Wirklichkeit begriffen. Neben beabsichtigten Folgen gehören auch unbeabsichtigte Folgen zu der sozialen Wirklichkeit der Handelnden. Die physische Wirklichkeit wird für den Handelnden immer nur vor dem Hintergrund seines verfügbaren Wissens und seiner Handlungsgewohnheiten relevant.

Auch die Erkenntnisse von Alfred Schütz lassen sich in einem Drei-Welten-Modell darstellen. Dabei besteht die physische und die sozial-kulturelle Welt zwar auch prinzipiell unabhängig vom erkennenden und handelnden Menschen, die Bedeutung ihrer Gegebenheiten wird aber immer erst in subjektiven, intentionalen Bewusstseinsleistungen konstituiert. Als Ausgangspunkt der Erkenntnis wird somit die subjektive Welt angesehen, die primär aus dem durch die Sozialisation vermittelten Wissensvorrat besteht. Mit Hilfe dieses Wissensvorrates kommt es nach Schütz in der Situation des Handelns intentional zu einer Bedeutungszuweisung der physisch-materiellen und der sozial-kulturellen Welt. Eine phänomenologische Metatheorie zieht so eine Handlungstheorie nach sich, da sie als einzige der Intentionalität als Kernstück der Phänomenologie Rechnung trägt und zwar eine Handlungstheorie der subjektiven Perspektive, die von den subjektiven Sinnkonstitutionen der Gegebenheiten der sozialen Welt ausgeht, um diese zu verstehen und zu erklären.[12]

Werlen sieht den Unterschied zwischen der objektiven Perspektive von Popper und der subjektiven Perspektive von Schütz nicht als so gravierend an. Für ihn stehen die beiden Perspektiven nicht in einem sich ausschließenden, sondern in einem komplementären Verhältnis. Auch Schütz leugnet nicht die Existenz einer objektiven sozial-kulturellen Wirklichkeit. Werlen ist der Ansicht, dass für die Erforschung bestimmter sozialer Probleme die Anwendung der realistisch-objektiven Perspektive völlig ausreicht, da sie mit einem erheblich geringeren Aufwand verbunden ist. Nur in denjenigen Fällen, wo sich mit dieser Methode keine zufriedenstellenden Erfolge einstellen, sollte nach der subjektiven Perspektive vorgegangen werden.[13]

Abbildung 3: Weltbezüge menschlicher Handlungen im Sinne von Schütz

(Quelle: Werlen, B., 1986, Thesen zur handlungstheoretischen Neuorientierung sozialgeographischer Forschung, Seite 72)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Handlungszentrierte Sozialgeographie als Ausdruck spätmoderner Gesellschaften

Ein Basis-Begriffspaar der handlungszentrierten Sozialgeographie nach Werlen ist die Differenz zwischen Tradition und Moderne. Die Wurzeln dieser Überlegung liegen im Moderne-Konzept von Giddens, mit dem sich Werlen seit Beginn der 90er Jahre auseinandergesetzt hat.

Das Gegensatzpaar Tradition und Moderne tritt bei Werlen in zweierlei Hinsicht auf. Zum einen unterscheidet er eine prä-moderne von einer modernen Raumvorstellung, zum anderen differenziert er zwischen traditionellen und modernen Gesellschaftsformen. Auf beide Aspekte soll im folgenden Kapitel eingegangen werden.

3.1. Aufgaben der sozialwissenschaftlichen Geographie

Da die sozialwissenschaftlichen Forschungsdisziplinen ihren Forschungsgegenstand durch die Einflussnahme auf die alltägliche Praxis ständig verändern, ist für sie die Abstimmung ihrer Begrifflichkeiten und Methoden auf die sozial-kulturelle Wirklichkeit in besonderem Maße erforderlich. In sozialgeographischer Hinsicht ist die Abstimmung in Bezug auf die Methodologie der Erforschung des Gesellschafts-Raum-Verhältnisses notwendig. Eine grundsätzliche Frage ist dabei in welchen Begriffen das Gesellschafts-Raum-Verhältnis erforscht werden soll: in räumlichen oder in gesellschaftlichen Begriffen.

Lange Zeit wurde diese Frage zu Gunsten der räumlichen Kategorien entschieden. Die Aufgabe der Sozialgeographie bestand in einer Geographie des Sozialen, soziale Verhältnisse wurden also kartographisch oder in räumlichen Kategorien dargestellt.[14] Wenn man davon ausgeht, dass weder Gesellschaft noch Kultur räumliche Phänomene sind, stellt sich die Frage, warum sich die raumwissenschaftliche Geographie so lange halten konnte. Werlen sieht den Grund darin, dass die sozialweltlichen Bedingungen in der traditionellen Gesellschaft ganz anders waren als heute. Die Lebensformen waren durch ein hohes Maß an raum-zeitlicher Stabilität gekennzeichnet, so machte also eine raumzentrierte Sichtweise noch einem bestimmten Sinn.[15]

Das Gesellschaft-Raum-Verhältnis hat sich jedoch im Zuge der Globalisierung stark gewandelt. Durch die neuen Kommunikationsmedien verliert der Distanzfaktor zunehmend an Bedeutung. Die heutigen Lebenskontexte sind durch eine Dialektik von Globalem und Lokalem gekennzeichnet, die meisten alltäglichen Lebensbedingungen sind in globale Prozesse eingebettet. Globale Prozesse äußern sich im Lokalen und sind gleichzeitig Ausdruck des Lokalen. Es kommt zu einer Ausdehnung der Reichweiten des menschlichen Wirkens. Allgemein spricht man auch von einem raumzeitlichen Schrumpfungsprozess der geographischen Lebensbezüge. Erforderlich ist nun eine Abstimmung der sozialgeographischen Basiskonzepte auf diese alltagsweltlichen Veränderungen.[16] Eine raumzentrierte Sozialgeographie macht unter spät-modernen Lebensbedingungen keinen Sinn mehr. Nach Werlen ist nun eine Forschungskonzeption notwendig, welche das Handeln der Subjekte in den Mittelpunkt stellt.

Im Folgenden sollen die Gesellschafts- und Lebensbedingungen traditioneller und spätmoderner Gesellschaften im Sinne von Werlen einander gegenüber gestellt werden und verdeutlicht werden, wie sich auch die Forschungskonzeption der Sozialgeographie sowie das Raumverständnis an sich im Zuge der sozial-kulturellen bzw. raum-zeitlichen Wandlungen verändert hat. Dabei bleibt festzuhalten, dass es sich um eine idealtypische Darstellung handelt, der für die Entwicklung einer handlungszentrierten Sozialgeographie eine heuristische Funktion zukommt. Es soll also in erster Linie verdeutlicht werden, worin die wichtigsten Unterschiede zwischen den beiden Typen bestehen. Dabei muss man sich unter Umständen im Klaren darüber sein, dass eventuell keine einzige Lebensform exakt der Ausgestaltung entspricht, wie sie im folgenden Kapitel beschrieben wird.[17]

[...]


[1] Werlen, B., 2000, Sozialgeographie

[2] Meusburger, P., 1999, Handlungszentrierte Sozialgeographie: Benno Werlens Entwurf in kritischer Diskussion

[3] Meusburger, P., 1999, Handlungszentrierte Sozialgeographie: Benno Werlens Entwurf in kritischer Diskussion,

Seite 47

[4] Werlen, B.,1986, Thesen zur handlungstheoretischen Neuorientierung sozialgeographischer Forschung, Seite 67-68

[5] Werlen, B., 1997, Gesellschaft, Handlung und Raum, Seite 36-37

[6] Werlen, B., 1997, Gesellschaft, Handlung und Raum, Seite 38

[7] Werlen, B., 1986, Thesen zur handlungstheoretischen Neuorientierung sozialgeographischer Forschung, Seite 69-71

[8] Werlen, B., 1997, Gesellschaft, Handlung und Raum, Seite 52

[9] Werlen, B., 1997, Gesellschaft, Handlung und Raum, Seite 56

[10] Werlen, B., 1986, Thesen zur handlungstheoretischen Neuorientierung sozialgeographischer Forschung, Seite 71

[11] Werlen, B., 1986, Thesen zur handlungstheoretischen Neuorientierung sozialgeographischer Forschung, Seite 71-72

[12] Werlen, B., 1986, Thesen zur handlungstheoretischen Neuorientierung sozialgeographischer Forschung, Seite 72

[13] Werlen, B., 1997, Gesellschaft, Handlung und Raum, Seite 57

[14] Werlen, B., 2000, Die Geographie der Globalisierung, Perspektiven der Sozialgeographie, Seite 7

[15] Werlen, B., 1995, Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen, Band 1, Seite 74-77

[16] Werlen, B., 2000, Sozialgeographie, Seite 7-29

[17] Werlen, B., 1995, Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen, Band 1, Seite 74-77

Details

Seiten
23
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638501996
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55171
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Geographie und Geoökologie II
Note
1,0
Schlagworte
Benno Werlens Entwurf Sozialgeographie Diskussion Humangeographisches Seminar

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Titel: Benno Werlens Entwurf einer handlungszentrierten Sozialgeographie in kritischer Diskussion