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Die Rolle der Schriftsteller in der DDR bis in die siebziger Jahre unter besonderer Betrachtung des Falles Biermann

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 20 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung:

Die DDR etabliert sich als Staat der Schriftsteller
Stalinismus und „sozialistischer Realismus“- Der Anfang der Zäsur
Arbeiteraufstand und ein „neuer“ Kurs
Die Entstalinisierungskrise und ihre Folgen
Das Verhältnis von Schriftstellern zu oppositionellen Gruppen
Ulbricht fürchtet um seine Macht und verschärft den innenpolitischen Kurs
Der Bitterfelder Weg - die Generallösung für das Ideologieloch und die schlechte wirtschaftliche Lage?
Die Reaktionen auf den Mauerbau – ein erneuter Treuebeweis der Schriftsteller an das Regime?
Erneute Verhärtung des Kurses – das Kahlschlagplenum von 1965 und die Folgen
Die Neue Künstlergeneration der Siebziger und Achtziger Jahre, die Folgen der Biermann-Ausbürgerung und das Ende der DDR
Wolf Biermanns politische und literarische Rolle im Arbeiter- und Bauernstaat

3. Schlussteil

M ehr politische Freiheit und zugleich mehr soziale Gerechtigkeit, das ist die unsterbliche Forderung nach der Quadratur des Kreises in der menschlichen Gesellschaft. Dem Kapitalismus ist nun der vertraute Todfeind weggestorben. Die kommunistische Alternative ist gescheitert. Aber das ist noch lange kein historischer Sieg für die Schweinepriester der kapitalistischen Profitmaximierung.[1]

Wolf Biermann

Diese kontroversen und sprengstoffbergenden Sätze wurden von einem der schärfsten DDR- Regime Kritiker überhaupt im ersten Jahr der deutschen Wiedervereinigung geäußert - von Wolf Biermann. Trotz seiner sozialistischen Weltanschauung wurde er von „seiner“ DDR ausgebürgert. Wie kam es dazu? Die Beantwortung dieser Frage sowie Wolf Biermanns Leben und Schaffen im „Arbeiter- und Bauernstaat“ und nach der Wiedervereinigung sollen ein Teilthema dieser Hausarbeit sein. Der größere Teil dieser Arbeit beschäftigt sich allerdings mit der Erläuterung der Frage nach dem Abhängigkeitsverhältnis von Literatur und Politik im Zeitraum von 1945 bis in die siebziger Jahre hinein sowie nach der Rolle der Schriftsteller und Literatur in der Deutschen Demokratischen Republik im Allgemeinen.

Die DDR etabliert sich als Staat der Schriftsteller

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges versuchte man möglichst viele hochkarätige Emigranten nach Deutschland, vornehmlich in die sowjetische Besatzungszone (SBZ), zurückzuholen. Der sowjetische Kulturoffizier Alexander Dymschitz warb mit persönlichen Gesprächen, Propagandaschriften und dem als „überparteilich“ ausgegebenen „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“.[2] Dieser im Juli 1945 gegründete Kulturbund sollte Taten, Geist und Macht vereinigen sowie eine Antwort sein auf das Versagen der Intellektuellen während der Machtergreifung und -ausübung Hitlers. Weitere Faktoren für die Immigration vieler Schriftsteller waren das uneingeschränkte Interesse, das die östliche Besatzungszone ihnen im Gegensatz zur Westlichen entgegenbrachte und die versprochene materielle Unterstützung von SED und SMAD (sowjetische Militäradministration). Sie waren bis in die sechziger Jahre der Ansicht, dass Literatur eine Erziehungsfunktion habe und dass die angeworbenen Künstler und Autoren durch ihre Werke den Aufbau des Sozialismus und Kommunismus massiv unterstützen könnten.

Die kulturelle Vielfalt zu Beginn der sozialistischen Ära in Ostdeutschland bestand in der Gewinnung namhafter Künstler wie Willi Bredel, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf, Fritz Erpenbeck und Erich Weinert aus der UdSSR und den bis 1949 einwandernden Westemigranten Alexander Abusch, Anna Seghers, Alfred Kantorowicz, Stephan Hermlin, Bodo Uhse, Berthold Brecht, Eduard Claudius, Hans Mayer und vielen anderen. Stephan Heym folgte erst 1951 und wurde nur unter der Bedingung, alle Verbindungen zu den kapitalistischen Ländern abzubrechen, als DDR Bürger anerkannt.[3] Er hatte sich schon einen Namen als Exilschriftsteller in Amerika gemacht. „Die SED warb jedoch nicht nur um die ‚Äußere’, sondern auch um Teile der ‚inneren’ Emigration.“[4] In der besonderen Würdigung in Ostdeutschland lebender Schriftsteller wie Hans Falladas, Bernhard Kellermanns, Peter Huchels und Gerhart Hauptmanns zeigt sich ein wichtiger Grundgedanke der SED Führung: der umfassende Anspruch zur Errichtung einer neuen Gesellschaft in Deutschland.[5] Durch den von Johannes R. Becher geleiteten Kulturbund und eine großzügige Kunstförderung konnte sich die DDR im ersten Nachkriegsjahrzehnt als „Staat der Schriftsteller“ etablieren.[6]

Stalinismus und „sozialistischer Realismus“- Der Anfang der Zäsur

In den Jahren 1947/48 kam es jedoch schon zum Erliegen dieser liberalen Kulturpolitik zugunsten einer dogmatischen. Gründe dafür sind der Kalte Krieg und der sich auch in Ostdeutschland durchsetzende Stalinismus. Ab diesem Zeitpunkt setzte die Ära des „sozialistischen Realismus“ ein, die ihr Ende erst mit der Amtsniederlegung Walter Ulbrichts 1971 fand.[7] Der „sozialistische Realismus“ war eine Anknüpfung an ein Projekt des sowjetischen Schriftstellerverbandes in den dreißiger Jahren dessen Grundprinzip eine wahrheitsgetreue Gestaltung der Realität war. Er beinhaltete die Verbreitung von Optimismus, die Darstellung von „positiven Helden“ (meist Helden der Arbeit) und eine Allgemeinverständlichkeit von Kunst.[8] Die Darstellung von Konflikten war erlaubt, solange diese am Ende überwunden wurden. Diese wirklichkeitsferne Literatur spiegelte schon den Beginn der im Laufe der Jahre immer größer werdenden Schere zwischen der sozialistischen Idee, dem Ideal, und der Wirklichkeit im „Arbeiter- und Bauernstaat“ wieder. Weitere Auflagen für die Schriftsteller in der DDR waren die „Anerkennung der führenden Rolle der SED in Kunst und Literatur“[9], eine volkstümliche Gestaltung ihrer Werke und die Behandlung „sozialistischen Ideengehalts“. Diese vom Staat vorgeschriebene Literaturströmung war der Anfang der Zensur der Künste in der Deutschen Demokratischen Republik. Wer sich nicht an die von der SED vorgeschriebenen Punkte hielt, dessen Literatur wurde nicht verlegt, dessen Kunst wurde totgeschwiegen. Außerdem drohte durch die Ausschließlichkeit des Programms die geistige Verarmung, da systemuntreuen Künstlern der Mund verboten wurde. Einem Künstler wie Ernst Barlach, dessen 1952 in Dresden eröffnete Ausstellung nach nur wenigen Tagen wieder geschlossen wurde, wurde Rückwärtsgerichtetheit vorgeworfen, da seine Figuren zu düster und zweiflerisch erschienen. Er, wie viele andere, wurde aus dem „Kanon der sozialistischen Kunst“ herausgenommen, da seine Werke nicht die Fortschrittsgläubigkeit der DDR repräsentierten. Ähnlich erging es auch dem Dramatiker Berthold Brecht, dem Sänger Ernst Busch und dem Komponisten Paul Dessau, deren Theaterstücke schon nach wenigen Aufführungen abgesetzt wurden. Zu moderne Musik, wie Hans Eislers Oper „Johann Faustus“ und zu moderne wurde Literatur verboten oder erschien erst in the achtziger Jahren, als das politische System schon sehr labil war. Während sich in der Bundesrepublik Deutschlands die Nachkriegsliteratur zu einer literarischen Gattung entwickelte, war eine Aufarbeitung der Erlebnisse mit dem Nationalsozialismus in der DDR unerwünscht. „Walter Ulbricht erregte sich mehrmals über die Rückwärtsgewandtheit der Schriftsteller, die drei Jahre nach dem Krieg immer noch ‚Emigrationsromane’ ‚KZ-Literatur’ verfassten, ‚verkrüppelte Frauen’ darstellten, anstatt sich positiven, neuen Themen wie etwa der Bodenreform zuzuwenden.“[10]

Im März 1951 wurde auf dem fünften Plenum des ZK der SED die Entschließung über den Kampf gegen den Formalismus und für eine fortschrittliche deutsche Kultur verabschiedet.[11] Offiziell bedeutete „Formalismus“ Kunst, bei der die Form wichtiger als der Inhalt ist. Unter dieser recht schwammigen Definition des Wortes verbarg sich jedoch die Auffassung, dass die Darstellung der subjektiven Meinung des Künstlers die gesellschaftliche Realität verfälschte. Die Verabschiedung vom März ´51 bedeutete also im Klartext nichts anderes als dass gegen systemuntreue Künstler und ihre Werke vorgegangen werden sollte. Die Demokratie in der DDR entwickelte sich schleichend zu einer Diktatur. Bis Mitte der Fünfziger Jahre hielt dieser strenge Kurs an.

Arbeiteraufstand und ein „neuer“ Kurs

Wie weit die SED die Künstler in der DDR mit ihrer Werbung und der danach folgenden extrem kulturpolitischen Verengung, also mit ihrer Zuckerbrot und Peitsche Methode, gekommen war, zeigte sich in der Reaktion der Schriftsteller auf den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953. Es gab keine, beziehungsweise nur sehr vorsichtige Proteste gegen die brutale Niederschlagung des Aufstandes durch die DDR-Führung und der sowjetischen Führung. Die Künstler verhielten sich loyal zur Regierung. Als Grund wird hier „[...] sehr häufig die durch die Privilegien hervorgerufene Entfremdung der Schriftsteller von der ‚normalen’ Bevölkerung genannt, ebenso die Tatsache, dass die Intellektuellen dem ‚Druck von unten’ misstrauten.“[12] Sie hatten das Vertrauen in die Bevölkerung verloren, die ja nur wenige Jahre zuvor Adolf Hitler und somit den Nationalsozialismus an die Macht gewählt oder ihn zumindest geduldet hatte.[13] Lediglich für Brecht und Heym war der Aufstand ein Schock. Brecht schrieb Briefe an sowjetische Stellen und sehnte die „große Aussprache“ zwischen Führung und Bevölkerung herbei.[14] Stefan Heym und Robert Havemann gehörten zu den Künstlern, die mit dem Stalinismus brachen im Gegensatz zu Johannes R. Becher, Anna Seghers und Stefan Hermlin, die diesen Bruch nicht vollzogen. Wenn sich die Schriftsteller im Allgemeinen auch nicht mit dem Volk solidarisiert hatten, so nutzten sie doch die Gunst der Stunde, um Forderungen zur Verbesserung der künstlerischen Freiheiten zu stellen.[15]

Dies war der Beginn eines „neuen Kurses“, der 1954 in die Gründung eines Kulturministeriums mündete, dem Becher (nicht zuletzt aufgrund seiner engen Freundschaft zu Ulbricht) bis zu seinem Tode 1958 vorstand. Jedoch ist festzuhalten, dass sich eine Veränderung nur äußerlich vollzog, der „neue Kurs“ nur scheinbar neu war, denn die SED- Führung bestimmte immer noch, was geschrieben werden durfte und was nicht.

Die Entstalinisierungskrise und ihre Folgen

Die Entstalinisierung stürzte viele Künstler in eine tiefe Krise. Sie hatten den Reden Ulbrichts Glauben geschenkt, Stalin sei ein Vorbild und der große Führer des Weltfriedenslagers.[16] Als nun der sowjetische Generalsekretär Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956 Stalin als Kriegsverbrecher ausrief, fühlten sich vor allem die jüngeren Intellektuellen ein zweites Mal vom Staat betrogen. Zuerst war ihnen Hitler als großes Ideal vorgestellt worden, danach Stalin.

„’War es möglich?’, fragte der damals dreiunddreißigjährige Ralph Giordano, ‚Walter Ulbricht, der keine Rede, keinen Vortrag... geschlossen hatte, ohne in ein Hoch auf den weisen Lehrer [...] auszubrechen; ... derselbe Walter Ulbricht entblödete sich jetzt nicht, Bevölkerung und Partei als erinnerungslose Analphabeten zu behandeln, indem er erklärte, Stalin sei nicht zu den Klassikern des Marxismus-Leninismus zu zählen.’“[17]

Nach den Enthüllungen Chruschtschows und der daraus resultierenden Enttäuschung über die jahrelangen Lobpreisungen Stalins vonseiten der Partei wurde nun auch Kritik an den Maximen Stalins laut, denen die DDR-Führung oft ohne sie kritisch zu hinterfragen, gefolgt war. Nach einem Zitat Stalins wurden die Schriftsteller als „Ingenieure der menschlichen Seele“ angesehen, das heißt, ihre Aufgabe sollte die Formung der Menschen sein. Dies bedeutet jedoch nichts anderes als eine Manipulation des Menschen, ein Schönreden der staatlichen Wirklichkeit. Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer kritisierte diese Maxime. Weiterhin „[...] hinterfragte [er] den Wert der sowjetischen Literaturwissenschaft für die DDR und nannte den Realismus-Begriff als ästhetische Norm ‚unbrauchbar’.“[18] Darüber hinaus warf er den Kulturfunktionären indirekt vor, eine Kunst und Wissenschaft zu propagieren, die nicht immer wahrheitsgetreu sei.[19] Weitere Kritik wurde im Juni 1956 auf dem zweiten Kongress junger Künstler in Chemnitz laut: Heinz Kahlau stellte fest, die meisten Künstler seien zu Ausrufern von Parteibeschlüssen geworden.[20] Außerdem lehnte man von nun an den in der DDR üblich gewordenen Personenkult ab (der Geburtstag Ulbrichts sollte im gleichen Jahr zum „Tag der Poesie“ ausgerufen werden).[21]

Die Tatsache dass sich die Kritik und die Proteste gegen Ulbricht und die SED häuften zeigt schon, dass die Entstalinisierung Mitte der fünfziger Jahre neben tiefer Desillusionierung auch ein freieres Klima mit sich brachte. Viele Künstler und Intellektuelle taten ihre Meinung und Kritik kund. Rüther schreibt: „Literatur, Wissenschaft und Publizistik wendeten sich zu einem nicht unbedeutenden Teil von dem Ulbricht-Regime ab. Dabei zogen überzeugte Kommunisten vielfach an einem Strang mit parteilosen Intellektuellen.“[22]

[...]


[1] Wolf Biermann, Über das Geld und andere Herzensdinge. Prosaische Versuche über Deutschland (Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1991) 14.

[2] Vgl. Beate Ihme-Tuchel, Die SED und die Schriftsteller 1946 bis 1956, Aus Politik und Zeitgeschichte B13 / 2000. 3.

[3] Vgl. Ihme-Tuchel, 4.

[4] Ihme-Tuchel, 4.

[5] Vgl. Ihme-Tuchel, 4-5.

[6] Vgl. Hans Mayer, Der Turm von Babel. Erinnerung an eine Deutsche Demokratische Republik (Frankfurt am M. : Suhrkamp, 1991) 188.

[7] Vgl. http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/kul/2638.html

[8] Vgl. Ihme-Tuchel, 5.

[9] Ihme-Tuchel, 5.

[10] Ihme-Tuchel, 6.

[11] Vgl. Elimar Schubbe (Hg.), Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED/Bd. 1: 1949-1970, Stuttgart 1972, 178-186.

[12] Ihme-Tuchel, 7.

[13] Vgl. Ihme-Tuchel, 7.

[14] Vgl. Ihme-Tuchel, 7.

[15] Vgl. Ihme-Tuchel, 7.

[16] Vgl. Ihme-Tuchel, 8.

[17] Ralph Giordano, Die Partei hat immer Recht (Köln-Berlin: Herder Taschenbuch Verlag, 1961) 197.

[18] Ihme-Tuchel,8.

[19] Vgl. Günther Rüther, „Greif zur Feder, Kumpel“ Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949-1990 (Düsseldorf: Droste Taschenbuch Verlag, 1992) 78.

[20] Vgl. Ihme-Tuchel, 8.

[21] Vgl. Ihme-Tuchel, 8-9.

[22] Rüther, 81.

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638503846
ISBN (Buch)
9783656059714
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55439
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
Rolle Schriftsteller Jahre Betrachtung Falles Biermann

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Titel: Die Rolle der Schriftsteller in der DDR bis in die siebziger Jahre unter besonderer Betrachtung des Falles Biermann