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Zu: Paul Celan "Das verstummende Gedicht" - Zur Entwicklung der Sprachlosigkeit im lyrischen Werk Paul Celans

von Christine Porath (Autor)

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Entwicklung der Lyrik Celans – Der Weg des verstummenden Gedichts
2.1. Mohn und Gedächtnis
2.2. Von Schwelle zu Schwelle
2.3. Sprachgitter und Die Niemandsrose
2.4. Atemwende
2.5. Ausblick

3. Zusammenfassung

4. Anhang

1. Einleitung

Als im Sommer 1945 der Zweite Weltkrieg und damit der Schrecken des antisemitischen Nationalsozialismus’ ein Ende fand, breitete sich die Erleichterung darüber nicht nur in der Masse der Bevölkerung, sondern auch bei den Deutschen und Juden im Exil aus. In das Nachkriegsdeutschland kehrten nun auch nach und nach die ins Exil gegangenen Schriftsteller zurück, die schon inständigst, so doch auf ein Ende des Krieges gehofft und im Exil weiterhin deutschsprachige Literatur verfasst hatten.

Anders verhielt es sich jedoch mit dem deutschsprachigen Lyriker Paul Celan, zumal er auch eine andere Seite nicht nur des Krieges, sondern auch des Dritten Reiches erleben musste.

Die meisten Schriftsteller, überwiegend deutschstämmig, nahmen entweder aktiv am Krieg teil oder beobachteten die Geschehnisse aus einem anderen Land. Celan war als Jude jedoch vielmehr dem deutschen Antisemitismus ausgesetzt, er musste die Folgen der Judenvernichtung im Ausland miterleben und konnte wie alle anderen Juden nur versuchen irgendwie zu überleben.

Paul Celan, mit bürgerlichem Namen Paul Antschel, wurde 1920 in Czernowitz als Sohn deutschsprachiger Juden geboren und blieb dort bis 1945, als er schließlich vor der Massenvernichtung der Juden durch die Nazis fliehen musste.

Er lebte also weder vor, noch zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und des Krieges in Deutschland, hatte aber trotzdem immer deutsch gesprochen und geschrieben (obwohl er noch weitere Sprachen beherrschte). Aber auch nach dem Krieg kam es für ihn nicht in Frage in Deutschland zu leben, obwohl er dort publizierte und weiterhin deutsch schrieb.

Dies lag hauptsächlich daran, dass deutsch Celans Muttersprache, im wörtlichen Sinne, war, die ihn mit seiner Mutter und damit auch mit den Erinnerungen an diese verband. Da seine Eltern der Judenvernichtung der Nazis zum Opfer gefallen waren, sah Celan noch mehr die Notwendigkeit der deutschen Sprache treu zu bleiben, um wenigstens so das Andenken seiner Mutter zu bewahren. Doch gerade dadurch entstand ein persönlicher Konflikt, der Paul Celans Leben und Lyrik prägte, denn die Sprache seiner Mutter war gleichzeitig die Sprache der Mörder seiner Eltern und vieler Millionen Juden.

„Celans Lyrik, in deutscher Sprache geschrieben, stellt eine besondere Herausforderung dar. Denn

das ‚Tausendjährige Reich’ hat den Völkermord an den europäischen Juden mit Hilfe der Sprache

organisiert. Parolen und Diffamierungen [...], Propaganda, Euphemismus und Jargon waren es, die

jede Vernichtungs- ‚Aktion’ in Gang setzten, von den ersten Rasse- ‚Gesetzen’ über die

‚Sonderbehandlung’ in den Lagern bis zur letzten ‚Umsiedlung’ von jüdischen Waisenkindern.“[1]

Wie problematisch das Sprechen vor diesem Hintergrund für Celan war, zeigen zahlreiche Gedichte, die die (Un-) Möglichkeit des Sprechens (vor allem auch das Sprechen über die

Schandtaten der Deutschen an den Juden) thematisieren.

Traumatisch blieb für Celan zeitlebens auch die Tatsache, dass er sich vor den Nazis und einem Tod durch Vergasung oder Erschießung retten konnte (auch wenn er einige Zeit in einem Arbeitslager verbringen musste), während seine Eltern, wie so viele andere Juden eines Tages deportiert wurden und er seitdem kein Lebenszeichen mehr von ihnen erhalten hatte.

In seiner Lyrik versucht Celan diese Geschehnisse zu vergegenwärtigen, nicht alleine um sie zu verarbeiten, sondern vielmehr um die Erinnerung daran wach zu halten, für sich und das ganze deutsche Volk. Die Aufgabe, die Celan sich damit gestellt hatte, grenzte an den Versuch das Unsagbare dieses Schreckens in Worte zu fassen; ein Ringen um Worte in einer Sprache, die durch den Missbrauch der Nazis fast unbrauchbar geworden war, um die vergangenen und gegenwärtigen Ereignisse adäquat ausdrücken zu können.

„Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache,

blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie musste hindurch gehen durch ihre eigene Antwortlosigkeit,

hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse

todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging

durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, ‚angereichert’ von all dem.“[2]

Dieses Ringen um Worte spiegelt sich deutlich zunehmend in der Lyrik Celans wieder, ein Ringen, das nahe am Verstummen zu sein scheint.

Um diese Entwicklung nachzuvollziehen, soll im Folgenden der Weg der Lyrik Celans anhand einiger Werke, die exemplarisch für den jeweiligen Gedichtband stehen, nachskizziert werden. Hierbei kann nicht auf die Interpretation der einzelnen Gedichte eingegangen werden, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde, vielmehr geht es darum die typischen Merkmale der Celanschen Poetik zu einem bestimmten Zeitpunkt an Beispielen aufzuzeigen. Diese Betrachtung kann ebenfalls nicht alle Eigenheiten der Lyrik Celans berücksichtigen, da diese zu vielschichtig ist, um alle Motive und Besonderheiten auf engem Raum darstellen zu können. Daher werde ich mich auf das Moment des Sprechens, d.h. die Thematisierung und Problematisierung des Sprechens und der allmählichen Verstummung im Gedicht beschränken müssen, selbst wenn dies der Vielschichtigkeit und Komplexität im Gesamtzusammenhang der Celanschen Poetik nicht annähernd gerecht werden kann.

Da die Lyrik Celans nicht unabhängig von seiner Biographie betrachtet werden kann, weil sich seine Gedichte auf eine unmittelbare, meist aktuelle Realität beziehen und die Lebensumstände Celans oftmals zu einer Veränderung seiner Dichtung beigetragen haben, wird es stellenweise notwendig sein, auf biographische und zeitgeschichtliche Ereignisse einzugehen. Entscheidend dabei ist auch, wie die Lyrik Celans im Nachkriegsdeutschland aufgenommen und verstanden wurde.

2. Zur Entwicklung der Lyrik Celans – Der Weg des verstummenden Gedichts

Paul Celan hatte schon mit 15 oder 16 Jahren, als er noch in Czernowitz lebte, angefangen Lyrik zu schreiben. Diese Gedichte thematisieren oftmals die Liebe und den Traum, sind mit vielen surrealistischen Motiven und Metaphern versehen und in der Form noch sehr mit der Tradition verbunden. Celan beschrieb seine früheren Gedichte als „Schlaflosigkeit nur oder Traum, sind sie doch das aufblühende Leben fast, der leise Schlag der Wimpern und der Weg von Dunkel zu Dunkel. Die heimatlose Welt und der Schlag unserer Herzen. Und das Antlitz des wechselnden Lebens [...].“[3] Es gibt aber auch schon einige Gedichte, die das Sprechen und die Sprachlosigkeit zum Thema haben. So zum Beispiel Finsternis[4] aus dem Jahre 1941:

Die Urnen der Stille sind leer

In Ästen

staut sich schwarz

die Schwüle sprachloser Lieder.

Die Pfähle der Stunden

tasten stumpf nach einer fremden Zeit.

[...]

Mein Schatten ringt mit deinem Schrei-

[...]

Dieses Gedicht, als Reaktion auf die Reichspogromnacht 1938, während der Celan sich auf der Durchreise in Berlin befand, ahnt schon die unsagbaren Schrecken der kommenden Zeit voraus. Damit beginnt die Lyrik Celans immer mehr das Schicksal der Juden zu thematisieren; ein Versuch darüber sprechen zu können, der sich als problematisch erwies.

2.1. Mohn und Gedächtnis

1952 veröffentlichte Celan die Gedichtsammlung Mohn und Gedächtnis. Dies war eigentlich nicht sein erster Gedichtband, denn bereits 1948 erschien ein Band mit dem Titel Der Sand aus den Urnen bei einem Wiener Verlag. Dies ließ Celan jedoch einige Jahre später vom Markt nehmen und wurde nicht erneut verlegt. Einige der Gedichte aus diesem Band erschienen auch in der Sammlung Mohn und Gedächtnis, dessen Kernstück das mitunter bekannteste Gedicht Celans ist: Todesfuge.

Allgemein kann man über die Gedichte in dieser Sammlung sagen, dass sie eine intakte Syntax und Reim aufweisen, oftmals wird die daktylische Langzeile verwendet.

In Bezug auf die formellen Aspekte, sind diese Gedichte also noch sehr traditionsbewusst.

Doch bereits die oft verwendeten Metaphern sind schwer verständlich und kühn bis paradox, sie geben den Gedichten oft eine surrealistische und mit Bildern überfrachtete Atmosphäre. Doch im Vergleich zu seinem Frühwerk ist der Ausdruck Celans weniger verklärend und harmonisierend, ja teilweise sogar distanziert und objektiver.

[...]


[1] Felstiner, John: Paul Celan - Eine Biographie. Deutsch von H. Fliessbach. München. 1997. S.17

[2] Aus der Rede Celans zur Verleihung des Bremer Literaturpreises 1958. In: Felstiner, John: Paul Celan - Eine Biographie. Deutsch von H. Fliessbach. München. 1997. S.157

[3] Buck, Theo: Muttersprache - Mördersprache. Celan-Studien I. Aachen 1993. S.15.

[4] Felstiner, John: Paul Celan - Eine Biographie. Deutsch von H. Fliessbach. München. 1997. S.37.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638504294
ISBN (Buch)
9783638806701
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55502
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
Paul Celan Gedicht Entwicklung Sprachlosigkeit Werk Paul Celans

Autor

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    Christine Porath (Autor)

    19 Titel veröffentlicht

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