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Die Emanzipation des Tyrannen - Machiavelli's einzig historische Leistung?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Die Emanzipation des Tyrannen - Machiavellis einzige historische Leistung
1. Dolf Sternberger – Dämonologik
2. Die Tyrannis
2.1. Allgemeiner Überblick
2.1. Xenophon
2.2. Leo Strauss
2.3. Manés Sperber
2.4. Aristoteles
3. Machiavellis „principe nuovo“
4. Noch einmal Dolf Sternberger
5. Bewertung

III. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Die Emanzipation des Tyrannen – dies und nichts anderes ist Machiavellis historische Leistung.“[1] Mit diesem Vorwurf beginnt Dolf Sternberger das Kapitel über Niccolo Machiavelli in seinem Buch „Drei Wurzeln der Politik“, in dem er sich mit der grundlegenden Untersuchung des Politikbegriffs beschäftigt. Eben jenes Kapitel trägt die Überschrift „Dämonologik“ und geht - wie das Zitat bereits vermuten lässt - nicht gerade positiv mit Machiavellis politischer Theorie ins Gericht. Besonders Machiavellis Schrift über den Fürsten („Il principe“) ist es, an der Sternberger sich stört. Die Ratschläge, die Machiavelli darin einem zukünftigen Fürsten eines geeinten Italiens erteilt, bilden die Grundlage für Sternbergers Behauptung. Dieser sieht in Machiavellis Fürst nichts anderes als den Despoten, den Aristoteles in der „Politik“ in dem Kapitel über die Tyrannenherrschaft beschreibt. Sternberger stützt sich bei der Entwicklung seiner Dritten Wurzel der Politik unter anderem auch auf Reginald Pole, der Machiavellis Fürsten für mit dem Finger des Satans geschrieben hält.[2]

Allerdings soll nicht die Untersuchung Sternbergers „Dämonologik“ Gegenstand dieser Arbeit sein, sondern die eingangs erwähnte These. Ist Machiavellis „principe nuovo“ wirklich nur der alte Tyrann bei Aristoteles? Hierzu sollen insbesondere die relevanten Stellen in Machiavellis „Il Principe“ mit denen von Aristoteles „Politik“ verglichen werden, aber auch andere Analysen der Tyrannis herangezogen werden. Dazu wird zunächst Sternbergers These erläutert. Danach die Tyrannis in allgemeiner und spezieller Hinsicht unter besonderer Berücksichtigung der entsprechenden Kapitel in Aristoteles „Politik“ dargestellt und schließlich mit Machiavellis „principe nuovo“ in Vergleich gesetzt. Abschließend soll Sternbergers These kurz bewertet werden.

II. Die Emanzipation des Tyrannen – Machiavellis einzige historische Leistung?

Sternbergers Zitat steht natürlich in einem bestimmtem Zusammenhang und mag daher provokanter klingen, als dieser es beabsichtigt haben mag. Zum besseren Verständnis und um Sternberger nicht unrecht zu tun soll nun zunächst der Gesamtkontext erläutert werden.

1. Dolf Sternberger – Dämonologik

Dolf Sternberger war ein deutscher Politikwissenschaftler und Journalist. Er gilt als einer der Begründer der deutschen Politikwissenschaft in der Nachkriegszeit. Sternberger studierte ab 1925 Theaterwissenschaften und Germanistik in Kiel und Frankfurt am Main. 1927 wechselte er nach Heidelberg. Seine Promotion absolvierte Sternberger 1932 in Frankfurt mit einer Arbeit über Martin Heideggers „Sein und Zeit“.

Sternberger unterstellt Machiavelli die Emanzipation des Tyrannen als seine einzig historische Leistung. Belege dafür findet er indem er die Erörterung von Aristoteles über die verschiedenen Verfassungstypen in der „Politik“, insbesondere der Tyrannenherrschaft mit dem in Machiavellis „Der Fürst“ beschriebenen Herrscher miteinander in Beziehung setzt. Aristoteles geht in seinen Erörterungen dichotom vor und unterscheidet drei Typen der Verfassung (Monarchie, Aristokratie, Politie) und deren jeweiliges schlechtes Gegenstück (Tyrannis, Oligarchie, Demokratie). Eine Vorgehensweise, die auch Machiavelli bevorzugt. Dieser beginnt die Unterscheidung in seinen Ausführungen zunächst mit ererbten und neuen Fürstenherrschaften. Sternberger sieht nun in dem Fürsten der neu erworbenen Herrschaft („principe nuovo“) den alten Tyrannen bei Aristoteles, dem Gegenbild zu dem guten König. Er wirft Machiavelli vor, den Tyrannen von seinem Gegenstück befreit zu haben, ihn zu „isolieren“[3]. Der Verzicht auf eine Erörterung der Königsherrschaft, wie er bei Machiavelli vorläge, führe dazu, dass die Tyrannis von ihrer Schlechtigkeit abfalle. Sternberger führt nun zunächst Beispiele aus Machiavellis anderem Werk - den Discorsi - an, um seine These zu untermauern. In diesen beschäftigt sich Machiavelli mit den Republiken, aber auch hier ist von dem neuen Fürsten die Rede und am Ende des fünfundzwanzigsten Kapitels des ersten Buches schreibt Machiavelli: „Wer aber eine absolute Monarchie, eine sogenannte Tyrannis errichten will, der muss alles verändern, wie im nächsten Kapitel gezeigt werden soll.“[4] Hier sieht Sternberger nun quasi den schriftlichen Beweis seiner These, wobei seine Übersetzung „muss alles neu machen“[5] statt „muss alles verändern“ lautet und damit etwas deutlicher ist. Auch die Tatsache das sich Machiavelli nur mit der Republik und der Fürstenherrschaft, sprich Tyrannis, beschäftige und die Königsherrschaft nur „gleichsam zwischen ihnen einher [geistert]“[6] sieht Sternberger als Beweis dafür, dass Machiavelli den Tyrannen „aus dem Schatten gezogen, vom Bannfluch befreit, der [ihn] selbstständig gemacht hat, so dass [er] allein aufzutreten vermochte.“[7] Machiavelli reduziere die aristotelische Unterscheidung der Verfassungstypen auf zwei, genauer eine gute, die der Republik, und eine schlechte, die der Tyrannis. Eben diese soll nun etwas ausführlicher betrachtet werden, um sie später mit dem principe nuovo in Machiavellis „Der Fürst“ vergleichen zu können.

2. Die Tyrannis

Im folgenden sollen nun vier unterschiedliche Abhandlungen über die Tyrannenherrschaft betrachtet werden, um ein möglichst genaues Bild dieser zu erstellen. Begonnen wird hierbei mit Xenophon, weiter mit Leo Strauss und über Manés Sperber schließlich zu Aristoteles. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen danach mit Machiavellis Fürst in Vergleich gesetzt werden. Bevor nun aber eine speziellere Betrachtung in den aufgeführten Einzelfällen vorgenommen wird, soll ein kurzer allgemeiner Überblick über die Tyrannis und ihren Herrscher gegeben werden.

2.1. Allgemeiner Überblick

Nach der Entmachtung der Erbmonarchie entwickelt sich bald ein Machtkampf zwischen dem „Geburtsadel“ und dem durch Wachstum in den Städten und Kolonisation entsehenden „Geldadel“. Die zunehmende Vermischung des alten Adelsgeschlechts mit den „Neureichen“ durch Heirat, aber auch der militärische Fortschritt hin zum Wehrdienst vollberechtigter Bürger und die daraus resultierende Abhängigkeit des Adels führt bald zu einer Polarisierung unterschiedlicher Parteien mit Herrschaftsansprüchen. Erkämpfte Ämter werden illegal verlängert und zur Tyrannis ausgebaut. Aber auch der heutzutage charakteristische Weg zur Erlangung der Alleinherrschaft durch Staatsstreich, mit Hilfe auf unterschiedliche Art - z.B. Glauben an Ideologie oder Abhängigkeit durch Geld - an sich gebundener Unterstützer, wird praktiziert.

„Wesen und Bedeutung der griechischen Tyrannis liegen für uns darin, daß (sic) sie als illegale, aber unterschiedlich entstehbare Alleinherrschaft (...) die Staatsordnung und -macht in den einzelnen Gebieten festigt.“[8]

Die Tyrannis kann dabei unterschiedliche Ausprägungen annehmen, allerdings drängt sie meistens die herrschende Adelsklasse zurück und bevorzugt zunächst die armen Freien. Damit kann man die Entstehung der Tyrannis als ungewollten Schritt hin zur Demokratie sehen. Wenngleich der Alleinherrscher zumindest formell auf einer breiteren sozialen Basis stehen mag und die wirtschaftlichen Ressourcen nicht nur explizit zu seinem Vorteil - im Gegensatz zu seinen aristokratischen Vorgängern - nutzt, erlangen die davon profitierenden Schichten keinesfalls mehr politische Freiheit. Der Tyrann versucht vielmehr alle bestehenden Ämter auf sich zu vereinigen. Um dies abzusichern, kommt es in der Tyrannis oft zu umfangreichen Anwerbungen von Söldnerheeren. Diese werden dann auch schon bei geringsten Anzeichen der Gefährdung der Alleinherrschaft meist rücksichtslos und in großem Umfang eingesetzt, sowohl gegen äußere Bedrohungen, aber auch im Inneren zur Stabilisierung der Macht.

Die gegebene Definition mag sich im Einzelnen von den Nachfolgenden unterscheiden, aber gerade dadurch wird versucht ein möglichst breites Bild der Tyrannis durch die Analyse unterschiedlichster Autoren zu geben.

2.1. Xenophon

Xenophon nähert sich seiner Analyse der Tyrannis durch ein Gespräch zwischen dem Dichter Simonides und dem Tyrannen Hieron. In diesem Gespräch wird dass Wesen eines Alleinherrschers mit Hilfe des Vergleichs zu einem Privatmann erörtert. Simonides charakterisiert dessen Leben durch das Erfahren angenehmer und unangenehmer Empfindungen durch die Sinnesorgane, sowie das Empfinden von Gut und Böse durch die Seele, unter Umständen mit Hilfe des Leibes. Hieron antwortet darauf, dass sich das Leben eines Tyrannen nicht wesentlich von einem Privatmann unterscheide, mit der Einschränkung, „daß (sic) die Tyrannen viel weniger Freuden empfinden als Privatleute, die in angemessenen Verhältnissen leben, und daß (sic) sie viel mehr und größere Unannehmlichkeiten haben.“[9] Begründet wird dies mit der ständigen Angst der Herrschaft beraubt zu werden und die aus dieser Angst resultierende eingeschränkte Reisefreiheit des Tyrannen. Auch der Überfluss an allen angebotenen Dingen des Alleinherrschers verderben die Freude auf besondere Tage, da diese für den Tyrannen alltäglich sind. Das Gespräch verläuft nun nach diesem Muster weiter: Simonides zählt Vorteile eines Tyrannen auf, die Hieron geschickt, wenngleich auch nicht immer plausibel, wiederlegt. So scheint es zum Beispiel tatsächlich schwieriger für einen Tyrannen geliebt zu werden und Vertrauen zu entwickeln, als man allerdings auf Besitztümer zu sprechen kommt, wird die fadenscheinige Argumentation Hierons deutlich:

„der Privatmann wünscht sich nämlich ein Haus, einen Acker oder einen Sklaven, der Tyrann dagegen Städte, viel Land, Häfen oder feste Burgen, was viel schwieriger zu erreichen ist als die Wünsche der Privatleute.“[10]

Wenngleich die Wünsche des Tyrannen eine größere Dimension haben, als die eines Privatmannes, so haben auch die zur Verfügung stehenden Mittel eine ebenso größere. Auch die anschließende Behauptung, der Tyrann müsse Kultstätten und Menschen ausplündern, um die enormen Ausgaben zu decken, lässt beinahe schon Mitleid für Hieron aufkommen. Dessen fortlaufenden Ausführungen setzt Simonides erstaunlich wenig entgegen und selbst wenn dies geschieht, weiß Hieron geschickt den eigentlichen Nachteil in dem vorgebrachten Vorteil darzustellen.

[...]


[1] Sternberger: Machiavelli oder die Dämonologik, 1978, S.160f

[2] vgl. Sternberger: Reginald Pole über Machiavelli, 1978, S.341

[3] Sternberger: Machiavelli oder die Dämonologik, 1978, S.161

[4] Machiavelli: Discorsi, 2000, S.88

[5] Sternberger: Machiavelli oder die Dämonologik, 1978, S.161

[6] ebd., S.170

[7] Sternberger: Machiavelli oder die Dämonologik, 1978, S.160

[8] Diesner: Griechische Tyrannis und griechische Tyrannen, 1960, S.7

[9] Strauss: Über Tyrannis, 1963, S.10

[10] ebd.: S.18

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638504799
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55572
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Emanzipation Tyrannen Machiavelli Leistung Hauptseminar

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