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Was ist was: Problem einer Unterscheidung? Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Konvergenz politischer Informationssendungen im deutschen Fernsehen.

Seminararbeit 2005 24 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Konvergenzthese im Fokus der Wissenschaft
2.1 Zum Begriff der Konvergenz
2.2 Studien pro Konvergenz
2.3 Studien contra Konvergenz
2.4 Kritische Stellungnahme zu den Studien

3. Konvergenz aus Zuschauerperspektive

4. Medienpolitische Instrumentalisierung der Konvergenzthese

5. Resümee, Stellungnahme und Ausblick

6. Quellenverzeichnis

„ Die Problematik liegt offenbar weniger in der Konvergenzthese selbst als im wissenschaftlichen und medienpolitischen Umgang mit ihr. “[1]

1. Einleitung

Die aktuellen innenpolitischen Geschehnisse um die voraussichtliche Bundestagswahl im September nähren nicht nur die Hoffnung mancher Bürger auf „Besserung“, sondern treiben schon jetzt die Konjunktur zumindest einer deutschen „Branche“ an. Es geht um die politischen Informationssendungen bzw. Fernsehnachrichten, die traditionell gerade zu Wahlzeiten erheblich an Bedeutung gewinnen. Die Vermittlung von Information durch die Medien ist besonders während derartiger Partizipationsprozesse der Bürger gefordert, bildet sie doch eine Grundlage für die politische Meinungs- und Willensbildung und damit für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaftsordnung.

Berücksichtigt man, dass zumindest das öffentlich-rechtliche Fernsehen „die größte Reichweite, die höchste Glaubwürdigkeit und die größte zugesprochene Kompetenz für die Vermittlung von Informationen“[2] im intermediären Vergleich besitzt, dann kann man die Bedeutung der entsprechenden Nachrichtenformate wohl kaum überschätzen. Aber das (Fernseh-)Bild wird getrübt: Denn nicht wenige wissenschaftliche Studien behaupten, dass „Politik […] offensichtlich immer seltener Gegenstand von Nachrichten [wird]“[3] bzw. dass „Sensation wichtiger ist als politische Relevanz“[4]. Wolfgang Donsbach und Katrin Büttner konstatieren, dass selbst das öffentlich-rechtliche ZDF innerhalb seiner Nachrichtenformate deutliche Boulevardisierungs-tendenzen offenbart und sich damit an die privaten Sender anpasst.[5] Auch die ARD bleibt von ähnlicher Kritik nicht gänzlich verschont.[6] Die Rede ist von der so genannten Konvergenzhypothese, nach der sich die Programme der öffentlich-rechtlichen und der privaten Anbieter immer weiter angleichen. Nicht umsonst gerät vor allem das Genre „politische Information“ ins Zentrum dieser Hypothese, schließlich bildet es unbestritten, wie oben exemplarisch dargestellt, einen essentiellen Bestandteil des verfassungsrechtlich gebotenen Grundversorgungsauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der eindeutige Nachweis von Konvergenz, wobei bezüglich der Relevanz verschiedener Konvergenzformen im Folgenden noch differenziert werden muss, würde den öffentlich-rechtlichen Sendern ein erhebliches Legitimationsdefizit bescheren und sie womöglich ihrer gesonderten Gebührenfinanzierung berauben. Dass bis dato solche Entwicklungen ausgeblieben sind, hängt vor allem mit den widersprüchlichen Befunden innerhalb der Forschung zusammen: Genauso wie Studien existieren, die Konvergenz eindeutig nachgewiesen haben wollen, gibt es jedoch auch welche, die das Gegenteil behaupten. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die empirischen Untersuchungsergebnisse zum Spielball der Programmanbieter geworden sind: Je nach Intention wird die Konvergenzthese in die eine oder andere Richtung „zurechtgebogen“, dabei ist es schwierig den Überblick über die Argumentationsgänge der Verantwortlichen zu behalten.

In der vorliegenden Arbeit soll es darum gehen, das viel beackerte Feld der Konvergenzforschung hinsichtlich der Untersuchungsergebnisse zu strukturieren, um anschließend einen kritischen Blick auf die medienpolitische Debatte werfen zu können. Dafür bedarf es zu Beginn einer Begriffsklärung von Konvergenz, die ein grundlegendes Verständnis für die späteren Betrachtungen ermöglicht. Der kurzen Darstellung der unterschiedlichen wissenschaftlichen Positionen zur Konvergenzhypothese folgt eine kritische Zusammenfassung der empirischen Untersuchungen. Hinsichtlich einer umfassenden Beurteilung der Konvergenzentwicklungen ist es zudem erforderlich, auch die Rezipientenseite mit einzubeziehen. Nach einer umfassenden Darstellung der medienpolitischen Instrumentalisierung der Konvergenzthese schließt das abschließende Resümee, in dem zu der Thematik Stellung bezogen und eine Prognose für die Zukunft gewagt wird, die Arbeit ab.

Grundlegende Quellen für die folgenden Ausführungen sind Veröffentlichungen aus diversen Fachzeitschriften und der Fachliteratur, wobei insbesondere die Publikationen von Heribert Schatz, Nikolaus Immer, Frank Marcinkowski, Udo-Michael Krüger, Barbara Pfetsch und Klaus Merten zu nennen sind. Was die medienpolitische Herangehensweise an das Thema anbelangt, dienten auch einige Zeitungsartikel aus der tagesaktuellen Presse als Quelle.

2. Die Konvergenzthese im Fokus der Wissenschaft

Zwar ist das Thema Konvergenz von Informationssendungen Untersuchungsgegenstand zahlreicher Studien, aber wie eingangs erwähnt, liefern die Forscher teils widersprüchliche Ergebnisse. Dies liegt unter anderem daran, dass einige Untersuchungen aufgrund noch zu thematisierender Motive auf einem nicht eindeutig differenzierten Begriff von Konvergenz basieren.[7] Bevor die konträren Positionen der Wissenschaft dargestellt und diese anschließend kritisch beleuchtet werden können, sollte geklärt sein, welche Konvergenzformen existieren und wie ihre medienpolitische Relevanz einzuschätzen ist.

2.1 Zum Begriff der Konvergenz

Unter Konvergenz versteht man im Allgemeinen den „Prozess einer Distanzverringerung […] zwischen zwei Beobachtungsobjekten innerhalb eines bestimmten Zeitraums“[8]. Schatz, Immer und Marcinkowski, die die Konvergenzthese im Jahr 1989 nach einer vergleichenden Struktur- und Inhaltsanalyse von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern in den vier Kabelpilotprojekten veröffentlichten[9], definierten Konvergenz der Fernsehprogramme ursprünglich als einen strukturellen, inhaltlichen und qualitativen Angleichungsprozess der zuschauerstärksten Vollprogramme. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Forscher einen Prozess beidseitiger Annäherung beschreiben und nicht wie Merten einen gerichteten Konvergenzprozess seitens der öffentlich-rechtlichen Fernsehanbieter als untersuchungsleitend annehmen. Für die medienpolitische Sichtweise ist zweifelsohne neben den Richtungen von Konvergenzprozessen entscheidend, auf welcher Ebene derartige Entwicklungen zu beobachten sind. Einerseits untersuchen Programmstrukturanalysen die Anteile und Sendeplätze verschiedener Genres und Sendungsformen am Gesamtprogramm, andererseits bietet sich eine Abstraktionsebene tiefer die Möglichkeit der Untersuchung bzw. des Vergleichs der inhaltlich-qualitativen Ebene einzelner Sendungen.[10] In der medienpolitischen Diskussion eher nebensächlich behandelt wird die Untersuchung der präsentativen Ebene einzelner Sendungen, wobei sie z.B. im Hinblick auf die Zunahme filmischer Beiträge und damit verbunden auch von Gewaltdarstellungen in Informationssendungen vor allem medienpsychologisch relevant erscheint.[11]

2.2 Studien pro Konvergenz

Mit der Einführung des dualen Rundfunksystems im Jahr 1984 versprachen sich die Verantwortlichen eine Zunahme der Programm- und Meinungsvielfalt. Etwas ganz anderes stellen die Befürworter der Konvergenzthese in ihren Studien fest: Genauso wie Pfetsch in ihrer vergleichenden Analyse der Jahre 1985/86 und 1993[12] kommen auch Bruns und Marcinkowski in ihrer Analyse der Jahre 1986 bis 1994 (untersucht wurden die zuschauerstärksten Vollprogramme ARD, ZDF, RTL und SAT.1) zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Nachrichtenprogramme sich stark angleichen und ein „vereinheitlichtes Sendungsformat der Nachrichten über die Sendergrenzen hinweg“[13] existiert. Ihre Ergebnisse belegen diesen Befund unter anderem auch auf präsentativer Ebene. Hierbei handelt es sich sogar um gerichtete Konvergenz, z.B. haben sich bezüglich des Anteils visualisierter Sprechermeldungen die privaten Sender und das ZDF deutlich an der ARD orientiert[14]. Dagegen stellt Brosius fest, dass sich hinsichtlich der Moderation die öffentlich-rechtlichen an die privaten Nachrichtenformate angleichen und verwendet dabei den Begriff der „News Show“, für die eine lockere Präsentationsform charakteristisch ist.[15] Donsbach und Büttner differenzieren hierbei und stellen diese Tendenz nur für das ZDF, keineswegs aber für die ARD fest.[16] Was die Nachrichtensprache (Satzlänge und Gebrauch von Umgangssprache) angeht, richtet sich die Konvergenz aber eindeutig von den beiden öffentlich-rechtlichen zu den privaten Formaten.[17]

Entscheidender als diese präsentativen Merkmale ist für die medienpolitische Brisanz aber die Entwicklung der Inhaltsstrukturen, die auch von anderer Seite erforscht wurden: Merten führte eine programmstrukturelle Langzeituntersuchung (Zeitraum: 1980 – 1993) des Gesamtprogramms anhand der Programmdaten der Zeitschrift „HörZu“ durch und gelangte zu dem Ergebnis, dass ARD und ZDF sich an der privaten Konkurrenz orientiert und ihr Informationsprogramm zugunsten von Unterhaltungsformaten reduziert haben.[18] Dabei ist anzumerken, dass es sich zwar um eine anteilsmäßige Reduzierung der Information handelt, „absolut gesehen, […], ist aber eine Steigerung dieser Kategorie zu verzeichnen gewesen“[19]. Laut Merten zeigen die öffentlich-rechtlichen Sender auch hinsichtlich der Sendeplatzverwaltung klare Angleichungstendenzen in Richtung private Konkurrenz, so stellte er eine Verlagerung der Informationsinhalte von der quotenstarken Vorabendzeit in die weniger attraktiven Sendeplätze zwischen 14 und 16 Uhr bzw. 20 und 22 Uhr fest. Was die Inhaltsstruktur innerhalb der Nachrichtensendungen betrifft, so belegen Bruns und Marcinkowski in ihrer oben erwähnten Studie eine beidseitige Annäherung: Die privaten Anbieter reduzierten ihren Unterhaltungsanteil zugunsten politischer Information[20], „während die öffentlich-rechtlichen [Anbieter] den Unterhaltungsanteil erhöhten, wenn auch die Ausweitung hier nicht so stark ausgeprägt ist, wie die Reduktion des Unterhaltungsanteils bei den Privatsendern“[21]. Insofern kann man zumindest was die Betrachtung der privaten Nachrichtenformate auf inhaltlich-struktureller Sendungsebene betrifft, „von einer rundfunkpolitisch erwünschten (Höher-)Entwicklung ausgehen“[22].

[...]


[1] Krüger, Udo Michael: Zur medienpolitischen Instrumentalisierung der Konvergenzthese von Heribert Schatz. In: Abromeit, Heidrun / Nieland, Jörg-Uwe / Schierl, Thomas / Werthes, Sascha / Schatz, Heribert: Politik, Medien, Technik. Festschrift für Heribert Schatz. Wiesbaden 2001, S. 204.

[2] Donsbach, Wolfgang / Büttner, Katrin: Boulevardisierungstrend in deutschen Fernsehnachrichten. In: Publizistik, 1/2005, S. 21.

[3] Ebd., S. 35.

[4] Brosius, Hans-Bernd: Politikvermittlung durch Fernsehen. Inhalte und Rezeption von Fernsehnachrichten. In: Klingler, Walter / Roters, Gunnar / Zöllner, Oliver: Fernsehforschung in Deutschland. Themen, Akteure, Methoden. Baden-Baden 1998, S. 296.

[5] Vgl. Donsbach / Büttner, a.a.O., S. 35.

[6] Vgl. Bruns, Thomas / Marcinkowski, Frank: Konvergenz Revisited. Neue Befunde zu einer älteren Diskussion. In: Rundfunk und Fernsehen, 4/1996, S. 476.

[7] Vgl. ebd., S. 463.

[8] Krüger, Udo Michael: Zum Stand der Konvergenzforschung im dualen Rundfunksystem. In: Klingler, Walter / Roters, Gunnar / Zöllner, Oliver: Fernsehforschung in Deutschland. Themen, Akteure, Methoden. Baden-Baden 1998, S. 154.

[9] Vgl. Schatz, Heribert / Immer, Nikolaus / Marcinkowski, Frank: Der Vielfalt eine Chance? Empirische Befunde zu einem zentralen Argument für die „Dualisierung“ des Rundfunks in der BRD. In: Rundfunk und Fernsehen, 1/1989, S. 5-24.

[10] Vgl. Hohlfeld, Ralf: Fernsehprogrammanalyse, Formen, Einsatzmöglichkeiten und Reichweite. In: Klingler, Walter / Roters, Gunnar / Zöllner, Oliver: Fernsehforschung in Deutschland. Themen, Akteure, Methoden. Baden-Baden 1998, S. 201.

[11] Vgl. Stawski, Dominik: Brandstifter Tagesschau? Eine Untersuchung zur Wirkung realer Gewaltdarstellungen in den Medien. Seminararbeit. Eichstätt 2004, S. 13.

[12] Vgl. Brosius 1998, a.a.O., S. 287-288.

[13] Bruns, Thomas / Marcinkowski, Frank: Konvergenz Revisited. Neue Befunde zu einer älteren Diskussion. In: Rundfunk und Fernsehen, 4/1996, S. 476.

[14] Vgl. ebd., S. 475-476.

[15] Vgl. Brosius 1998, a.a.O., S. 288-289.

[16] Vgl. Donsbach, Wolfgang / Büttner, Katrin: Boulevardisierungstrend in deutschen Fernsehnachrichten. Darstellungsmerkmale der Politikberichterstattung vor den Bundestagswahlen 1983, 1990 und 1998. In: Publizistik 1/2005, S. 35.

[17] Vgl. http://www.welt.de/data/2000/02/11/551033.html?prx=1, Zugriff am 29.05.2005.

[18] Vgl. Merten, Klaus: Konvergenz der Fernsehprogramme im dualen Rundfunk. In: Hömberg, Walter / Pürer, Heinz (Hrsg.): Medien-Transformation. Zehn Jahre dualer Rundfunk in Deutschland. Konstanz 1996, S. 160.

[19] Öffentliches Fernsehen nähert sich privatem. Weniger Information, mehr Unterhaltung. Studie im Auftrag der Privaten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Januar 1993, S.12.

[20] RTL: Zunahme von 22,2 Prozent (1986) auf 48,2 Prozent (1994) bzw. SAT.1: Zunahme von 20,1 Prozent (1986) auf 43,4 Prozent (1994).

[21] Bruns, Thomas / Marcinkowski, Frank: Konvergenz Revisited. Neue Befunde zu einer älteren Diskussion. In: Rundfunk und Fernsehen, 4/1996, S. 471.

[22] Ebd., S.476.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638505352
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55641
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Journalistik
Note
1,0
Schlagworte
Problem Unterscheidung Eine Untersuchung Konvergenz Informationssendungen Fernsehen Medienlehre Rundfunk

Autor

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