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Der 30jährige Krieg aus Oberpfälzer Sicht

Forschungsarbeit 2002 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

DER 30JÄHRIGE KRIEG

Es ist notwendig, dieses Kapitel zu benennen, denn die kleinen Dörfer Kirchenlaibach oder Muckenreuth - in denen meine Sippenforschung im Teil III beginnt - hatten in dem entsetzlich langen Krieg keine Schlagzeile gemacht.

Das Staatsarchiv Amberg bewahrt ein ansehnliches Paket von Akten über die Kriegsläufe im Gebiet der Oberpfalz auf. Der Amberger Heimatforscher Josef Dollacker hat sie gesichtet und in einem Manuskript, chronologisch geordnet, aufbereitet, dem Archiv zur Verfügung gestellt.

Der 30jährige Krieg von 1618-48 war die Fortsetzung und die Folge der Glaubensspaltung in Deutschland, weitete sich aber mit fortschreitender Zeit zu machtpolitischen Interessenkämpfen europäischen Ausmaßes aus.

Deutschlands evangelische Fürsten hatten sich 1608 in der "Union" zusammengeschlossen, worauf die katholischen 1609 mit der Gründung der "Liga" antworteten. Auf ihrer Seite stand von Anfang an die Macht des katholischen deutschen Kaiserhauses in Wien. Die Evangelischen erhielten später in den Schweden kraftvolle Glaubens- und Kampfgenossen. Die dominierenden Männer auf katholischer Seite waren der willensstarke bayrische Herzog Maximilian und sein Feldhauptmann Tilly sowie des Kaisers Feldherr Wallenstein. Die überragende Figur der protestantischen Partei sollte Schwedens König Gustav Adolf werden.

Als die Ereignisse in Böhmen mit dem Prager Fenstersturz (23.05.1618) einen dramatischen Höhepunkt fanden und der Pfälzer Kurfürst, wohl ohne Einsicht in die unausbleiblichen Folgen seines Unternehmens, die angebotene Krone nahm (1619) - in Waldsassen, an der Grenze seines alten und neuen Herrschaftsgebietes, wurde er von der böhmischen Abordnung empfangen - , ließ Maximilian von Bayern für Kaiser Ferdinand seine Truppen in Böhmen einmarschieren.

Am 23. Mai 1618 begann mit dem Prager Fenstersturz der 30jährige Krieg, an dessen Ausbruch der in der Oberpfalz (Amberg) residierende Statthalter der Oberen Pfalz, Fürst Christian von Anhalt, wesentlichen Anteil hatte. Die Obere Pfalz gehörte damals - wie ausgeführt - zur Kurpfalz, deren Kurfürst Friedrich V., der spätere "Winterkönig", in Heidelberg seine Residenz hatte.[1]

Fürst Anhalt, *1568, mit der Gräfin Anna von Bentheim vermählt[2], war seit 1595 Statthalter in Amberg und seit langer Zeit der eigentliche Kopf der pfälzischen Politik. Das Ziel dieser Politik war klar gegen das Haus Habsburg gerichtet; dies fand seinen deutlichen Ausdruck in der 1608 gegründeten "Union".

Eine hervorragende Rolle spielten auch die beiden Burggrafen zu Dohna, die zwei Brüder Achatius und Christoph, beide zu Mohrungen in Ostpreußen 1581 bzw. 1583 geboren. Schon 1617 war Christoph zu Dohna nach Böhmen gesandt worden, um dort die Stimmung zu erkunden. Nach seinem Bericht war diese so feindselig gegen den deutschen Kaiser Matthias und dessen Neffen Ferdinand, den König von Böhmen, daß die Auflösung des Habsburger Reiches nur mehr eine Frage der Zeit sei.

Der Prager Fenstersturz schien dieser Anschauung Recht zu geben. Fürst Anhalt richtete deshalb bald darauf von Amberg nach Prag eine Post über Weiden, Tirschenreuth, Königswart ein, um mittels der beiden in Prag weilenden pfälzischen Agenten, der Räte Leander Rüppel und Konrad Paul, eine rasche und sichere Verbindung mit den Böhmen herzustellen.[3]

Bald reiften Anhalts Pläne, Ferdinand als König von Böhmen abzusetzen. Die Verhandlungen über diese Frage erforderten große Vorsicht, weshalb man den Grafen Albrecht zu Solms nach Prag sandte. Dieser mußte unter dem Schein eines Besuches zu seinem Bruder Reinhard nach Amberg und von da nach Prag reisen, wo er am 08. Juli 1618 eintraf und schon am 09. Juli die Besprechung mit den Führern der aufständischen Böhmen aufnahm. Deren Ergebnis war, daß sich Friedrich V. mit dem Herzog Emanuel von Savoyen in Verbindung setzte, der ihm den Grafen Ernst von Mansfeld mit 2000 Mann überließ, welche dann im September 1618 durch die Obere Pfalz den aufständischen Böhmen zu Hilfe eilten.[4]

Was an Leid und Elend dieser Krieg in 30 Jahren über weite Teile Deutschlands brachte, hatte in der Geschichte unseres Volkes bis dato nicht seinesgleichen und ist deshalb auch bis heute noch nicht in Vergessenheit geraten, vielleicht auch, weil im nachhinein, wie mir scheint, die zum Teil unmenschlichen Grausamkeiten zu sehr verallgemeinert wurden. Nicht alle Teile Deutschlands litten gleichermaßen unter dem Krieg, nicht alle Jahre waren Kriegsjahre, und nicht die direkten Kriegshandlungen brachten die großen Leiden über die Zivilbevölkerung, sondern die vielen Einquartierungen und Durchzüge der Kriegsvölker, die Gelderpressungen (Kontributionen), die Ausschreitungen einer undisziplinierten, internationalen Soldateska sowie Hunger und Seuchen, die der Krieg im Gefolge hatte.

Der unmittelbare Anlaß dieses schlimmen Krieges war ein geradezu banales, erheiterndes Spektakulum in Böhmens Hauptstadt Prag: Empörte Protestanten warfen zwei kaiserliche Räte und ihre Schreiber aus einem Fenster des Hradschin, der Prager Burg. Auf dem Boden der Oberpfalz wurde während des ganzen Krieges keine einzige bedeutende Schlacht geschlagen. Treffen feindlicher Parteien waren Scharmützel oder kleinere Gefechte, aber nicht mehr. Das bittere Schicksal der Oberpfalz waren die vielen Durchzüge vorwiegend der katholischen Partei zwischen zwei Hauptkriegsschauplätzen dieses Krieges: dem böhmischen Kessel im Osten und der süddeutschen Beckenlandschaft im Westen. Soweit die heutige Oberpfalz kurpfälzisches Territorium war (im wesentlichen die Mitte und der nördliche Teil), war sie von Anfang an Frontgebiet und Feindesland gegenüber dem katholischen Altbayern und wurde als solches behandelt.

Vorerst führte nur der Kaiser Krieg gegen die Böhmen; am 06. Juni 1620 jedoch erteilte er dem Herzog Maximilian die Vollmacht zum Einmarsch in Oberösterreich, während der Kurfürst von Sachsen[5] gleichzeitig die Ermächtigung zur Besetzung Schlesiens erhielt.[6]

Im August 1620 übertrug der Kaiser Maximilian die Aufgabe, die Böhmen zum Gehorsam gegen den Kaiser zu bringen. Maximilian überschritt mit 22000 Mann am 24. Juli den Inn, unterwarf Österreich, ging bei Linz über die Donau und drang in Böhmen ein. Gleichzeitig sammelte er bei Großaigen[7] ein neues Heer, das am 06. Oktober die Grenze überschritt, am 10. Taus, am 13. Klattau einnahm.[8]

In der Oberpfalz standen das ganze Jahr über nur einige geworbene Kompanien Fußtruppen. Im Sommer 1620 wurden mehrere Landfähnlein des Ausschusses aufgeboten, die teils von Beamten, teils von Korporalen der Amberger Schloßgarde geführt wurden. Viele davon meuterten, weil sie keinen Sold und eine sehr mangelhafte Verpflegung erhielten.[9] Aus den Landsassen und Beamten wurden 8 Reiterkompanien gebildet.[10]

Der erste Paukenschlag des Krieges war die Schlacht am "Weißen Berg" bei Prag am 08. November 1620, in der Kurfürst Friedrich V., Landesherr der Pfalz und Oberpfalz, Führer der protestantischen "Union" und frischgewählter König von Böhmen, von dem ligistischen Feldherrn Tilly eine schwere Niederlage hinnehmen mußte. Der Statthalter der Oberen Pfalz, Fürst Christian zu Anhalt, konnte sich nur mit zerschossenen Kleidern und ohne Hut nach Prag retten und flüchtete am 09. morgens mit Friedrich V. und dessen Familie aus der Stadt. Sein Sohn, der am 11. August 1599 in Amberg geborene Prinz Christian, führte bei Beginn der Schlacht sein Reiterregiment zu einem schneidigen Reiterangriff vor, wurde jedoch zweimal verwundet und gefangen genommen. Oberstleutnant Balthasar von Schlammersdorf, Landrichter in Auerbach, sorgte für einen geordneten Übergang des zurückweichenden Fußvolkes über die Prager Moldaubrücke. Sein Vetter, Hauptmann Sigmund von Schlammersdorf, wurde gefangengenommen und nach Straubing gebracht.[11] Die Nachricht von der verlorenen Schlacht traf erst am 14. November 1620 in Amberg ein.[12] Die Obere Pfalz mit der Hauptstadt Amberg wurde im 2. Halbjahr 1621 von bayrischen Truppen besetzt, die Bevölkerung entwaffnet; erste Vorbereitungen zur Gegenreformation wurden getroffen.[13] Wegen der Unzuverlässigkeit der Oberpfälzer, die die Bayern keineswegs als Befreier begrüßten und wegen der Nähe der protestantischen Markgrafschaft Bayreuth, die sich zwar vorläufig noch neutral verhielt, blieb in der nördlichen Oberpfalz in allen größeren Orten eine Besatzungstruppe. Diese Einquartierungen und die durchziehenden Truppenkontingente, insbesondere wenn es kaiserliche Truppen waren, in denen Söldner aus aller Herren Länder dienten, ließen die Leute schon empfindlich spüren, was es heißt: Das Land muß den Krieg ernähren. Liest man die Statuten, auf die neu angeworbene Soldaten den Eid schwören mußten und in denen edelste Tugenden beschworen wurden, so war es blanker Hohn, wie sich dieselben Soldaten aufführten, sobald sie die Schwurhand wieder gesenkt hatten.[14]

Bereits 1624 schien ein Abflauen der Kämpfe in Sicht, in die sich nun auch Engländer, Spanier und Holländer eingemischt hatten. Da erbietet sich der Kommandeur der Kaiserlichen in Böhmen, Albrecht von Waldstein[15], "auf eigene Kosten eine Armee aufzustellen und zu unterhalten". Der Krieg beginnt den Krieg zu ernähren. Er wird um seiner selbst willen fortgesetzt.[16] Damit war nicht ein Freibrief für Raub und Gewalt ausgestellt. Ware gegen Geld sollte eigentlich gelten, und die Landesverwaltung sollte die Verpflegung der Truppe sicherstellen. Das funktionierte nicht einmal im eigenen Land, geschweige im besetzten. Die Soldaten gingen sehr schnell zur Selbstversorgung über. Auch war der Sold des gemeinen Musketiers so gering, daß er damit nicht weit kam. Hier ein Vergleich: Ein Obrist erhielt im Monat 500 Gulden, der Hauptmann 140, 45 Gulden der Leutnant, 12 Gulden ein Korporal und nur 6 Gulden der gemeine Mann.[17]

[...]


[1] aber im Amberger Schloß das Licht der Welt erblickte.

[2] Der Ehe entsprossen 10 Söhne und 6 Töchter

[3] StA Amberg: Dreißigjähriger Krieg Nr. 61-3736 und Amberger Wochen- und Tagblatt 1879-1945

[4] Günter Barudio, Der Teutsche Krieg 1618-1648, Frankfurt 1988

[5] Johann Georg I.

[6] Kaspar Ens, Fama Austriaca. Das ist / Eigentliche Verzeichnuß denckwürdiger Geschichten / welche sich in den verflossenen 16 Jahren ... biß 1627 begeben haben. Darin sonderlich d. böhmischen Unruhe ... Sampt Reg. Köln: Brachel und Hohenberg, 1627

[7] 5 km östlich von Furth im Wald

[8] Kaspar Ens, a.a.O.

[9] Josef Dollacker, Die Oberpfalz im dreißigjährigen Krieg, in: Die Oberpfalz ab Bd. 21 in Fortsetzungen

[10] Josef Dollacker, s.o., a.a.O.

[11] Er ist als der "schwarze Schlammersdorf" bekannt, der später in schwedische Dienste trat und bei der Einnahme von Landsberg a. Lech schlimm gehaust hat.

[12] Josef Dollacker,a.a.O.

[13] Friedrich Lippert, Geschichte der Gegenreformation in Staat, Kirche und Sitte der Oberpfalz-Kurpfalz zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, Freiburg 1901

[14] Langer Herbert: Kulturgeschichte des 30jährigen Krieges, Stuttgart 1978

[15] Schillers "Wallenstein"

[16] Köhne Carl Ernst: a.a.O.

[17] Georg Winter, Geschichte des dreißigjährigen Kreiges, Berlin 1893

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638507561
ISBN (Buch)
9783638838061
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55925
Note
Schlagworte
Krieg Oberpfälzer Sicht

Autor

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