Lade Inhalt...

Religionspädagogik. Franz von Assisi im Religionsunterricht der 4. Klasse.

Examensarbeit 2004 88 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung1

2. Zur gesellschaftlichen und religiösen Situation heutiger
Grundschulkinder
2.1 Einleitung
2.2 Kindheit heute
2.2.1 Sehnsucht und Sehnsüchte – Kindheit im Wandel
2.2.2 Kinder und Konsumerziehung
2.3 Religiöse Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung
2.3.1 Familie
2.3.2 Kirche / Gemeinde
2.3.3 Grundschule
2.3.4 Entwicklungsstufen des Glaubens nach Fowler
2.3.5 Die Entwicklung des religiösen Urteils nach Fritz Oser
2.4 Empirische Untersuchungen bezüglich des Religionsunterrichts
in der Grundschule

3. Franz von Assisi
3.1 Einleitung
3.2 Verankerung des Themas im Rahmenplan des Landes Hessen
für die Grundschule
3.3 Heilige aus systematischer Sicht
3.4 Das Leben des heiligen Franz von Assisi
3.4.1 Äußere Erscheinung des Franz von Assisi
3.4.2 Franz, vom Kaufmann zum Aussteiger
3.4.3 Der Bruch mit seinem bisherigen Leben
3.4.4 Das „neue“ Leben
3.4.5 Die Gemeinschaft der „Minderen Brüder“
3.4.6 Der Orden der Klarissinnen
3.4.7 Mission
3.4.8 Bruder Tod
3.5 Der Orden nach dem Ableben von Franziskus bis heute

4. Religionspädagogische Überlegungen
4.1 Einleitung
4.2 Didaktische Überlegungen in Bezug auf die Lebenswelt
der Kinder
4.3 Zur Adäquatheit des Themas in Bezug auf religiöse
Sozialisation und Entwicklungspsychologie
4.4 Ein Interview zur Aktualität des Themas
4.4.1 Skizze des Interviews
4.4.2 Auswertung des Interviews
4.5 Religionspädagogische Überlegungen zur praktischen
Umsetzung des Themas in der 4. Jahrgangsstufe
4.5.1 Vorstellung verschiedener Unterrichtsprojekte
4.5.2 Kritische Auswertung der Modelle

5. Persönliches Resümee

6. Literaturverzeichnis

7. Versicherung

Diese Arbeit ist nach den Regeln der Neuen Deutschen Rechtschreibung verfasst.

1. Einleitung

Beim Lesen eines Magazins fiel mir folgendes Zitat ins Auge:

„Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. Sammelt Euch lieber Schätze bei Gott. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“

(Matthäus 6, 19-21)

Dieses Zitat bewegte mich und ich überlegte, wo es mir schon einmal begegnet war. Da fiel mir das Buch wieder ein, das ich vor Jahren über Franz von Assisi gelesen hatte: „Was Franziskus uns heute sagt“ von Carlo von Carretto. Dort wird Franziskus dieses Zitat als Gedanke über seinen Tod und sein ganzes Leben zugewiesen. Der Titel dieses Buches warf für mich folgende Frage auf: Was sagt uns Franziskus heute?

Also suchte ich nach dem Buch und stöberte ein wenig darin. Mir wurde klar, dass ich mich damit etwas mehr und intensiver befassen musste, wenn ich die Antwort auf die Frage eruieren wollte.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich nun ausgiebig damit befassen, welche Aktualität Franziskus heute noch hat und dies insbesondere im Hinblick auf die Fragestellung, ob das vorgeschriebene Rahmenplanthema „Franz von Assisi“ die Schüler in der 4. Klasse überhaupt noch anspricht.

Kann ein Franz von Assisi, der vor über 800 Jahren gelebt hat, in der heutigen medien - und konsumorientierten Welt noch einen Viertklässler überzeugen? Ist sein Leben, seine Botschaft noch aktuell? Die zahlreiche Literatur, die ich zu dem Thema fand, schien ein erstes Indiz dafür zu sein, dass das Thema nach wie vor sehr aktuell sein muss.

In dem ersten Teil meiner Hausarbeit möchte ich kurz auf die religionspsychologische Entwicklung sowie ausführlicher auf die Lebenswelt der Grundschüler bzw. Viertklässler eingehen. Mein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Konsuminteresse der Kinder, sowie ihrer religiöser Sozialisation.

Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der Verankerung des Themas im Rahmenplan der Grundschule, gefolgt von einer ausgiebigen Beschreibung vom Leben und Wirken des heiligen Franziskus von Assisi.

Im letzten Teil soll dann anhand der beiden ersten Teile die Begründung erfolgen, ob das Thema „Franz von Assisi“ noch aktuell ist und das Interesse eines Viertklässer wecken kann. Den Abschluss bildet die Beschreibung zweier Unterrichtseinheiten zum Thema.

Es sei noch gesagt, dass es speziell zum Leben des Franz von Assisi schier unermessliche Literatur gibt und man alleine über dieses Thema hätte eine ganze Hausarbeit verfassen können. Da Franziskus für das Mittelalter der Heilige schlechthin war, gibt es eine große Menge verschiedener Darstellungen über sein Leben und Wirken. Die Auswahl der Literatur für meine Examenshausarbeit war dadurch schwierig. Das werde ich später noch einmal näher erläutern.

2. Zur gesellschaftlichen und religiösen Situation heutiger Grundschulkinder

2.1 Einleitung

Für die heutige moderne Gesellschaft gilt im Gegensatz zu vorherigen, traditionalen Gesellschaften, dass Gesellschaft und Religion in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Heute tritt an die Stelle der Orientierung an Traditionen und der Legitimation über Traditionen die Festlegung auf Strukturen, deren ständiger Wandel und Veränderbarkeit schon einkalkuliert sind.[1]

In dieser modernen Gesellschaft, auch oft als so genannte „Erlebnisgesellschaft“ bezeichnet, wachsen unsere Kinder auf. Sie müssen sich den Gegebenheiten anpassen und den ständig wechselnden Trends und Moden unterwerfen, um nicht aus der Gesellschaft bzw. aus der Gemeinschaft der anderen Kinder ausgestoßen zu werden. Doch wie gehen sie damit um?

Im folgenden Kapitel möchte ich genauer untersuchen, wie Kinder des vierten Schuljahres, im besonderen auf das Thema meiner wissenschaftlichen Hausarbeit bezogen, mit dem Druck, der auf ihnen lastet, umgehen und welche Rolle die Religion in ihrem Leben spielt.

Dafür ist zunächst notwendig, eine allgemeine Beschreibung der Kindheit von heute anzufügen, die religiöse Sozialisation in den drei Bereichen Familie, Kirche/Gemeinde und Grundschule darzustellen, sowie einen Einblick in die psychologische Entwicklung der Kinder bezüglich des Glaubens zu geben. Bei der psychologischen Entwicklung werde ich auf die Theorie von James Fowler detailliert eingehen. Meine Wahl fiel auf ihn, da er im Gegensatz zu Fritz Oser oder Lawrence Kohlberg einen sehr breit angelegten Ansatz beschreibt. Seine Fragestellungen beziehen die

Denkentwicklung und die Entwicklung des moralischen Urteils sowie des Weltbildes mit ein, um zugleich über sie hinauszugehen.

Der Vollständigkeit halber wird es aber auch noch einen kurzen Einblick in die Theorie von Fritz Oser geben, die zwar etwas über Kinder im Grundschulalter aussagt, sich jedoch nur auf das Verhältnis des Kindes zu Gott bezieht, was in Bezug auf das Thema „Franz von Assisi“ nur indirekt von Bedeutung ist.

Zum Abschluss wird noch eine Untersuchung zum Religionsunterricht herangezogen, welche die Beliebtheit des Religionsunterrichts in der vierten Klasse belegen soll.

2.2 Kindheit heute

2.2.1 Sehnsucht und Sehnsüchte – Kindheit im Wandel

Das Leben des Menschen wird seit jeher von Sehnsüchten begleitet. Wir haben ein unendliches Verlangen nach Liebe und Glück, nach dem Sinn und dem Gelingen unseres Lebens. Gerade diese Sehnsüchte machen sich die heutige Werbeindustrie und die Popkultur zu Eigen und gebrauchen sie zu ihren Zwecken.

In den letzen fünfzig Jahren hat sich in unserer westlichen Welt eine solche Wohlstandssteigerung vollzogen, dass sich die elementaren Fragen der Daseinssicherung und des materiellen Überlebens nicht mehr stellen. Es müssen deshalb ständig neue Anreize geschaffen werden, damit man das eigene Leben spürt und das Gefühl hat, dass es sich zu leben lohnt. Dieses lässt sich ins Unendliche steigern. Trotz der Überfülle von Erlebnismöglichkeiten stellt sich vielfältig das Gefühl ein, etwas in seinem Leben verpasst zu haben.[2]

In dieser Zeit müssen sich unsere Kinder und Jugendlichen zum Erwachsenen entwickeln. Sie werden mit diesem ständigen „auf der Suche sein“ groß. Gerade deshalb müssen Theologie und Religionspädagogik heute verstärkt darum bemüht sein, die unsichtbare, subjektive Religion der Kinder und Jugendlichen ins Bewusstsein zu heben. In erster Linie ist diese subjektive Religion eine Religion des Suchens und Fragens, eine „Sehnsuchtsreligion“. Sie stimmt mit der grundlegenden Dimension des menschlichen Lebens überein. Für Kinder und Jugendliche ist diese „Sehnsuchtsreligion“ besonders anziehend. Der Religionsunterricht hat die Chance, sie darauf anzusprechen. Dies gelingt jedoch nur dann, wenn der Weg dorthin nicht vorschnell mit den dogmatischen Lehren, Vorstellungen

und Normen der kirchlichen Überlieferungen und theologischen Büchern verstellt wird.[3]

Auch die Medien, hier im besonderen Maße das Fernsehen, versuchen, die „Sehnsuchtsreligion“ zu thematisieren. Die täglich wiederkehrenden Soaps im Fernsehen mit ihren festen und klar durchschaubaren Rollenmustern, stellen für die Kinder und Jugendlichen ein Identifikationsangebot dar. Insbesondere dann, wenn diese innerhalb der Familie und des Freundeskreises wenig Gelegenheit zu sozialem Austausch haben. Auch aufwendig produzierte Videoclips der verschiedensten Musiker und Popgruppen vermitteln solche Bilder.

Jedoch nicht nur das Fernsehen, sondern auch Bücher und Zeitschriften haben eine magische Anziehungskraft auf Kinder und Jugendliche. Seit dem großen „Harry-Potter-Boom“ und der „Herr der Ringe – Trilogie“ ist Lesen und Fantasy wieder „in“. Oft spielen dabei religiöse Themen eine zentrale Rolle. Joanne Rowlings „Harry Potter“ ist ohne religiöse Chiffren nicht verständlich. Ebenso findet über die Identifikation der Kinder mit der jeweiligen Heldenfigur religiöses Lernen statt. Dieser Bereich ist für die religiöse Erziehung besonders bedeutsam, da sich dies mit Hilfe unterschiedlicher, wenig durchschaubarer Anspielungen vollzieht.[4]

Moderne Kindheit ist Medienkindheit geworden. Oft genug kommen die Kinder mit religiösen Inhalten erst durch die Medien in Kontakt. Hier nenne ich als Beispiel den Film von Walt Disney „Der Prinz von Ägypten“, bei dem der Moseszyklus vermittelt wird.

Die Zeit, in der die Kinder heute aufwachsen, befindet sich im stetigen Wandel und somit befindet sich auch die Kindheit im Wandel.

Es ist eine schwierige und widersprüchliche Zeit, in der wir leben. Es gibt mehr als vier Millionen Arbeitslose und gleichzeitig zeichnet sich die Verdrängung normal abgesicherter Arbeit ab. Trotz noch vorhandener

Arbeit steigt die Zahl derer, die bei uns in Armut leben, beständig an. Gleichwohl nimmt auf der anderen Seite der vorhandene Reichtum in Deutschland zu. Viele Kinder wachsen als Scheidungskinder auf, und immer mehr Jungen und Mädchen erleben eine „Armuts- und Sozialkindheit“.

Es ist verständlich, dass gerade in diesen widersprüchlichen Zeiten die Menschen und ganz besonders die Kinder und Jugendlichen sich nach dem großen Glück und einer Welt ohne Probleme und Existenzsorgen sehnen. Verstärkt wird das Gefühl bei denen, deren Eltern arbeitslos sind. Sie quält die Angst, nicht mit den anderen mithalten zu können und ausgeschlossen zu werden. Dies wiederum kann die Grundlage für ein tief sitzendes „Unwertgefühl“ sein.

Es gibt verschiedene Methoden, mit diesen Widersprüchlichkeiten umzugehen. Manchen bringt es etwas, wenn sie die täglichen Gewinnspiele und Talkshows im Fernsehen anschauen. Die Gewinnverheißungen in den Gameshows und die Darstellung besonderer Menschen, zum Beispiel bei „Jürgen Fliege“ oder „Arabella Kiesbauer“, bieten ihnen die Möglichkeit, der eigenen Situation kurzzeitig zu entfliehen. Andere gehen extremere Wege: Berichte über Gewalttaten gegen Ausländer/innen in unserem Land oder über immer mehr Gewalt an unseren Schulen nehmen zu.[5]

Kindheit ist kein spielerisches „Außer-der-Zeit-Sein“ mehr, sondern die Zeitstrukturen Erwachsener sind in die Lebenswelt der Kinder eingedrungen. Ihre erste Uhr erhalten sie nicht mehr zur Kommunion oder zur Firmung, sondern sie benötigen sie bereits in der Grundschule, wenn nicht schon im Kindergarten, um alle ihre Termine auch einhalten zu können. Klavierunterricht, Ballettunterricht etc. sind nur einige der vielen

Hobbys, die die meisten Grundschüler heute in ihrem Terminplan haben. Dafür allerdings kommt das spontane Spielen auf der Straße oder auf dem Spielplatz mit Nachbarkindern, wie es früher an der Tagesordnung war, zu kurz.

Die meisten Eltern zielen heute auf eine liberalere Erziehung ab. Sie legen weniger Wert auf traditionelle und mit der Kirche in Verbindung gebrachte Gehorsamswerte, sondern ihnen ist vielmehr die Selbstständigkeit ihrer Kinder, auch in religiösen Fragen, wichtig. Dies alles leistet der Individualisierung Vorschub, die ein Zeichen moderner Kindheit und Religiosität ist. Kinder entwickeln also auch im 21. Jahrhundert Religiosität, weil für sie die bleibenden Fragen nach dem Woher und Wohin unumgänglich sind.[6]

Zusammenfassend kann man sagen, dass Kindheit heute von einem Wandel der Lebensräume, neuen Raum- und Zeitwahrnehmungen, „Verhäuslichung“ und „Verinselung“ des Kinderlebens und dem Wandel in den familiären (Sub-) Systemen geprägt ist. Durch die veränderten Bedingungen verändert sich die Kindheit selbst.

2.2.2 Kinder und Konsumerziehung

Die Werbung prägt unser heutiges Konsumverhalten enorm. „Für den Durst gibt’s Coca-Cola, für das Gespräch Handys, für Spiel Spielsachen, für Erholung Urlaubsreisen, für Gefühl von Selbstwert und Freiheit Autos usw.“[7] Nach neueren Untersuchungen besteht das Freizeitverhalten der meisten Kinder und Jugendlichen, wenn sie es sich leisten können, aus kostenintensivem Konsumieren. Kindheit ist nicht mehr nur lohnfreie bzw. arbeitsfreie Zeit und damit „nur“ Konsumfreiheit, sondern bedeutet Aufwachsen mit dem Markt, seinen Produkten, Dienstleistungen und Absatzstrategien. Doch wie sieht das genauer aus?

Taschengeld, zusätzliche Geldzuwendungen, Geldgeschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag sowie auch Belohnungen für kleinere Arbeiten sind das „Einkommen“ der Kinder heutzutage.

Die 6- bis 8- Jährigen haben durchschnittlich zwischen 15 und 20 Euro im Monat zur Verfügung, zuzüglich rund 100 Euro in Form von einmaligen Geldgeschenken zu Geburtstag und Weihnachten.

Bei den 9 – bis 11 Jährigen sind die genannten Summen nur wenig höher.

Mehr Geld für die (Noch-) Kinder gibt es ab 12 Jahren. Es sind etwa 25 bis 30 Euro Taschengeld im Monat.

Die meisten Kinder kaufen sich von ihrem Taschengeld in erster Linie Süßigkeiten, Getränke und ab und zu auch Spielzeug.[8]

Die vorhandenen Märkte machen aus Kindern jedoch nicht automatisch eigenständige Käufer und Konsumenten. Kinder lernen das Konsumverhalten vor allem durch Beobachtung, Teilnahme und durch pädagogische Anleitung. Zunächst spielt in erster Linie das Vorbild der Eltern eine große Rolle. Ihre ersten Erfahrungen mit der Welt des Konsums sammeln sie, wenn Mutter oder Vater sie zum Shopping mitnehmen. Die Alltagsszenen mit quengelnden Kindern an den Supermarktkassen, die mit dem Warenangebot auf diese Situation eingerichtet sind, sind allseits bekannt.[9]

Um von einem Kind als Konsumenten zu sprechen, müssen allerdings drei Kriterien erfüllt sein, nämlich „[…] eine Person muss Geld haben, den Willen, es auszugeben, sowie unbefriedigte Wünsche und Bedürfnisse.“[10] Kinder werden jedoch schnell zu solchen Konsumenten, wenn sie in der Schule mit den Gleichaltrigen auf dem Nachhauseweg im Bäckerladen oder am Kiosk stehen und sich selbsttätig Süßigkeiten kaufen.

In einer Welt, die von Geld bestimmt wird, können Kinder aber ohne ein Zahlungsmittel nicht auskommen, wenn sie beispielsweise Verkehrsmittel benutzen müssen, zum Schulausflug gehen oder sich Hefte, Stifte und Bücher besorgen.

Mit der Überlassung von Geld an Kinder nehmen Eltern billigend in Kauf, dass ihre Kinder Marktmacht besitzen und somit als potenzielle Käufer umworben werden. Die Gesamtsumme des Taschengeldes ist für die Produzenten und Händler ausschlaggebend, auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen, sie mit Werbung dahingehend zu beeinflussen, dass sie ihren Konsum verstärken.

Eines der anschaulichsten und interessantesten Phänomene der Kommerzialisierung der Kindheit ist die Verschiebung „jugendkultureller Stile“ in das Kindesalter. Ob der Markt das Bedürfnis nach Identifikation mit Lifestyle-Produkten hervorruft oder das Bedürfnis der Kinder, schon groß zu sein, ist schwer zu beurteilen. Klar ist jedoch, dass das Gefühl, schon „dazuzugehören“ und es den Großen gleich zu tun, von den Eltern in vielem toleriert und sogar unterstützt wird. Die Grenze zwischen Kindheits- und Jugend- bzw. Erwachsenenstatus verliert sich immer mehr. Dies wird durch die frühe Selbstständigkeit der Kinder hinsichtlich der Akzeptanz kinderkultureller Stile, die marktgerecht sind und deren Übernahme insofern an die Verfügung von Geld gebunden ist, deutlich.

Offensichtlich sind aber nicht alle Kinder gleich anfällig für manipulierende und aggressive Medienmodelle, die darauf abzielen, das Verhalten des Vorbildes zu übernehmen. Kinder, die aus Elternhäusern kommen, die wenige soziale Anregungen bieten, scheinen für diese Suggestion empfänglicher zu sein, als Kinder aus sozial kompetenten Familien.[11]

2.3 Religiöse Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung

2.3.1 Familie

Die Familie ist für die religiöse Sozialisation immer noch eine der wichtigsten Institutionen. Eltern, Großeltern und Geschwister sind wichtige Bezugspersonen und gelten als Vorbild für Kinder beim Aufbau eigener Verhaltensmuster. Sie orientieren sich an den Rollenmustern und Werthaltungen der Familie.

Am Ende des 20. Jahrhunderts zeigt sich allerdings, dass es weniger die klar als religiös erkennbaren Handlungen sind, die Kinder in den Familien lernen. Regelmäßige Tischgebete, Morgen- und Abendgebete oder Hausandachten gehören nicht mehr selbstverständlich in das Bild eines christlichen Familienlebens. Daraus kann man aber nicht schließen, dass religiöse Sozialisation in den Familien nicht mehr stattfindet. Familien leben in der heutigen Zeit eher eine weitläufige Form von Religiosität, die die Kinder prägt. Es geht zwar um eine religiöse, aber nicht mehr um eine rein kirchliche Sozialisation in den Familien.[12] Das Ziel der religiösen Erziehung ist es, die Kinder zu einem eigenständigen und selbst entschiedenen Glauben zu erziehen und nicht zur Kirchlichkeit. Dabei haben nicht nur kirchlich orientierte, sondern auch kirchlich distanzierte Eltern die gleiche Absicht. Heute sind die meisten Eltern bemüht, Religiosität als einen Halt in Krisenzeiten des Lebens und als Quelle einer gelungenen Lebensbewältigung zu vermitteln.

An der Gestaltung der Religiosität in der Familie sind alle Mitglieder und die Kinder, jeder auf seine eigene Art und Weise, beteiligt. Mutter und Großmutter sind nach wie vor die Hauptpersonen, die sich um religiöse Sozialisation der Kinder kümmern. Frauen leben allgemein ihre Religiosität familien- und kindbezogen. Die Männer (Väter, Großväter) neigen dazu, ihre Religiosität individueller und weniger familien- und

gemeindebezogen zu leben. Die heutige Situation von vielen getrennt lebenden Elternpaaren und anderen Familienformen macht die religiöse Sozialisation von Kindern nicht leichter. Viele Familien müssen wegen gestiegener Mobilität bei der Erwerbstätigkeit phasenweise getrennt leben oder können nur die Wochenenden oder Urlaubszeiten zusammen verbringen.[13] Die religiöse Einstellung des Einzelnen tritt dann an die Stelle religiöser Praxis der gesamten Familie.

Wenn sich die Familien um eine religiöse Erziehung bemühen, geschieht das heute auf unterschiedlichen Ebenen:

- durch gemeinsame Rituale wie Gebete, Kirchgänge, Gestaltung von Festtagen, wobei auch familieninterne religiöse Riten und Praktiken, die manchmal über Generationen weitergegeben worden sind, durchgeführt werden
- durch das Vorleben christlicher Werte, Handlungsmuster und Lebenseinstellungen
- durch gemeinsames Anschauen, Vorlesen oder das Verschenken von religiösen Büchern, durch Erzählen von thematischen Geschichten, durch Gespräche und Diskussionen über den Glauben.[14]

Auch die Kinder ihrerseits beeinflussen wiederum die Familienreligiosität. Viele Feste wie das Nikolausfest, Adventssingen oder die Weihnachtsgestaltung werden für die Kinder und in ihrem Verständnis inszeniert und teilweise von ihnen auch in einer bestimmten Weise eingefordert.

Angesichts der jedoch immer geringer werdenden sozialisierenden Leistungen der Familien im Hinblick auf explizite Religiosität wird Religionsunterricht zusehends bedeutsamer. Vielen Kindern ermöglicht erst der Religionsunterricht die Erstbegegnung mit der Bibel, Gebet, Jesus etc. Dazu in einem späteren Absatz aber noch mehr.

2.3.2 Kirche/Gemeinde

Der Kontakt der Familien zu den Gemeinden beruht heute immer weniger auf kirchlichen und sozialen Regeln, sondern vielmehr auf den Entscheidungen der einzelnen Familienmitglieder. Kontakte innerhalb der Gemeinde bestehen nicht für die ganze Familie gleichzeitig, sondern werden durch die verschiedenen Lebenslagen der einzelnen Familienmitglieder bestimmt. So sind zum Beispiel Jugendgruppen, Erstkommunion und Firmung Ereignisse, bei denen Kinder und Jugendlichen mit dem Gemeindeleben in Kontakt treten. Solche „gemeindenahen Phasen“ einzelner Mitglieder der Familie können sich auf das gesamte religiöse Familienleben auswirken. Wenn einzelne Familienmitglieder positive Erfahrungen mit dem Gemeindeleben machen, wird dies von den anderen Familienmitgliedern registriert und sie stehen vorerst der Gemeinde ebenfalls positiv gegenüber. Umgekehrt gilt dies jedoch auch für negative Ereignisse.[15]

Angebote der Kirche wie z.B. Jugendgruppen, die von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit sozialer und religiöser Kompetenz geführt werden, könnten den Kindern in ihren religiösen und allgemeinen Lernprozessen beistehen. Warum diese von Kindern und Jugendlichen eher wenig genutzt werden, wäre eine Untersuchung wert. Wenig hilfreich, aber meist sehr prägend für die religiöse Sozialisation, sind vielfach Erfahrungen der Jugendlichen mit Gottesdiensten in der Kirchengemeinde. Gezwungenermaßen müssen sie in der Vorbereitungszeit von Kommunion und Firmung Gottesdienste besuchen, die kaum oder gar nicht auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Sie erfahren Kirche als langweilig, autoritär und unverständlich und bleiben meist nach der Kommunion bzw. Firmung der Kirche wieder fern. Jugendgottesdienste mit einer Eucharistiefeier, die Jugendliche anzusprechen vermag, sind leider sehr selten.[16]

Die evangelische und ebenso die katholische Kirche haben sich im Verlauf der Jahre immer mehr von „[…] einer Überzeugungsgemeinschaft zu einem Dienstleister für religiöse Passageriten verwandelt.“[17]

2.3.3 Grundschule

Der Religionsunterricht sollte, wie jedes ordentliche Lehrfach, wissenschaftlich fundiert sein. Allerdings bietet ein wissenschaftlich orientierter Fachunterricht nur sehr beschränkte Möglichkeiten einer religiösen Sozialisation. Um eine intensive religiöse Sozialisation zu leisten, müssen weitere Angebote einer Schule hinzukommen. Denn religiöses Fragen und Lernen findet nicht nur im Unterricht statt, sondern auch durch verschiedene pädagogische Situationen wie zum Beispiel bei einem Morgenkreis oder Wochenabschluss, bei Festen und Feiern im Jahreskreis, durch gemeinsame Besinnungstage oder Begegnungen mit Fremden und Fremdem und durch gemeinsame Gottesdienstgestaltung.

Wichtige „Schlüsselthemen“ des Religionsunterrichts in der Grundschule, die auch später noch einmal im Absatz über den Rahmenplan erwähnt werden, resultieren aus den Lebenserfahrungen der Kinder, so zum Beispiel Fragen der eigenen Identität und des Lebens in einer Gemeinschaft, Erfahrungen von Angst, Hoffnung, Leid, Trauer und Krankheit, Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Wirklichkeit und Glück. Diese Erfahrungen müssen im Religionsunterricht wahrgenommen werden. Es gilt auf diese Themen würdevoll einzugehen und im Hinblick auf Geschichten der Ermutigung und der positiven Lebensbewältigung zu besprechen. Das ist vor allem in gestalterischen, darstellenden und spielerischen Formen des Unterrichts möglich, nicht nur in erzählenden, erklärenden oder belehrenden.[18]

Für die religiöse Sozialisation sind jedoch nach wie vor die Religionslehrer und Religionslehrerinnen von besonderer Bedeutung, die selbst als gelebtes Beispiel von Religion und religiösem Leben von ihren Schülern wahrgenommen werden. Wichtig ist, dass sich der Religionslehrer und Religionslehrerin im Kontext des Glaubens als authentisch erweist.[19] Wenn auch der Umgang mit Schülern auf Grund psychischer Belastungen und Konzentrationsschwäche heute als schwierig angesehen werden muss und der Unterricht kaum mehr eine religiöse Erziehung durch das Elternhaus voraussetzen kann, haben Lehrkräfte dennoch pädagogische Formen des Religionsunterrichts gefunden, mit denen Kinder religiös angesprochen werden können.

Auch das Zusammenleben von Kindern unterschiedlicher religiöser Herkunft in einer Klasse und einer Schule erfordert religionspädagogische Weiterentwicklung. In der heutigen Grundschulsituation werden im Unterricht Gelegenheiten aufgesucht, das Differente zwischen evangelischen und katholischen, sowie anders Religiössozialisierten zu klären und zugleich das Gemeinsame zu stärken.[20]

2.3.4 Entwicklungsstufen des Glaubens nach Fowler

James W. Fowler hat eine umfassende Theorie der religiösen Entwicklung im Lebenslauf vorgelegt. Für Fowler ist Glaube eine Struktur, was soviel heißt wie eine Art, „[…] das Leben zu erkennen, zu werten und mit Sinn zu erfüllen – oder biblisch gewendet: zu glauben, zu lieben und zu hoffen.“[21] Der Glaube ist also die Konstruktion eines umfassenden Ganzen (ultimate environment). Der Glaube ist nach Fowler ein Vorgang der Bedeutungsbildung, was ihn dazu bewegt, seine Theorie des Glaubens mit der Theorie der Selbst-Konstruktion, die Robert Kegan (1991) vorlegte, zu verbinden. Kegan nennt die Perspektive, die ich von mir auf andere und von anderen auf mich hin einnehme, „Selbst“.

In Anlehnung an dessen Theorie arbeitet Fowler die Theorie der Entwicklungsstufen des „Selbst“ in seine Theorie der Entwicklungsstufen des Glaubens mit ein:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[22]

Die einzelnen Stufen seines Modells hat Fowler wie folgt betitelt:

Stufe 0: Primärer/undifferenzierter Glaube (Säuglingsalter)

Stufe 1: Intuitiv-projektiver Glaube (Frühe Kindheit)

Stufe 2: Mythisch-wörtlicher Glaube (Kindheit und darüber hinaus): Die sich entwickelnde Fähigkeit des logischen Denkens hilft beim Regeln der Welt mit Hilfe von Kategorien der Kausalität, von Raum und Zeit; sie verhilft, Zugang zu den Sichtweisen anderer zu erhalten und aus Geschichten einen Sinn des Lebens zu entnehmen.

Stufe 3: Synthetisch-konventioneller Glaube (Jugendzeit und darüber hinaus): Neue kognitive Fähigkeiten ermöglichen die eigene Perspektive und die des anderen zu erfassen und machen es erforderlich, verschiedene Selbst-Bilder zu einer einheitlichen Identität zu integrieren. Eine persönliche, weitgehend unreflektierte Synthese von Glauben und Werten bringt eine Bestärkung der Identität mit sich und vereint den Einzelnen mit anderen in emotionaler Solidarität.

[...]


[1] vgl. Gabriel 2002, S. 139

[2] vgl. Gräb 2002, S. 144

[3] ebda., S. 145

[4] vgl. Schwab 2002, S. 183 f.

[5] vgl. Wustmans 2001, S. 323 f.

[6] vgl. Bucher 2002, S. 194 f.

[7] Ruster 2002, S. 155

[8] vgl. Neumann-Braun 2001, S. 60

[9] ebda

[10] ebda

[11] Charlton 2002, S. 75

[12] vgl. Schwab 2002, S. 181

[13] vgl. Klein 2002, S. 295

[14] vgl. Klein 2002, S. 297

[15] vgl. ebda

[16] vgl. Schwab 2002, S. 183

[17] Kuld 2000, S. 58

[18] vgl. Fischer 2002, S. 371

[19] vgl. Schwab 2002, S. 182

[20] vgl. Fischer 2002, S. 371

[21] Kuld 2000, S. 65

[22] vgl. Kuld 2000, S. 64 f.

Details

Seiten
88
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638508018
ISBN (Buch)
9783638693493
Dateigröße
944 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v55991
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,75
Schlagworte
Religionspädagogische Thema Franz Assisi Religionsunterricht Klassen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Religionspädagogik. Franz von Assisi im Religionsunterricht der 4. Klasse.