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Zeitgeschichte im Roman "Der Zauberberg" von Thomas Mann. Die Antipoden Settembrini und Naphta und ihre ideologischen Gegensätze

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Ludovico Settembrini
1) Herkunft und Persönlichkeit
2) Politische Gesinnung/Ideologie

II. Leo Naphta
1) Herkunft und Persönlichkeit
2) Politische Gesinnung/Ideologie

III. Weltbild und Geschichtsauffassung

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Mittelpunkt der Betrachtung steht der Roman „Der Zauberberg“[1] von Thomas Mann und insbesondere die Figurenkonstellation Leo Naphta und Lodovico Settembrini. Beide Figuren haben pädagogische Auswirkungen auf den Hauptdarsteller der Erzählung, den jungen Hans Castorp, der zwischen ganz verschiedenen Weltanschauungen, zwischen einem italienischen Freimaurer und einem deutschen Vertreter des mittelalterlich-christlichen Kommunismus[2] steht. Thomas Mann setzt in diesem Werk den Konflikt zwischen Romantik und Rationalismus, der sich bereits als Grundton durch die ‚Betrachtungen eines Unpolitischen’[3] zieht, fort. „Die Genusssucht [namentlich Naphta], vor dem drohenden Tod aufschäumend, das ist die Romantik. Der italienische Aufklärer [namentlich Settembrini] der Rationalismus.“[4] Der Roman entstand in den Jahren 1912 bis 1924. Genau in diesen Zeitraum fallen wesentliche Umbrüche des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Das Kaiserreich schreitet seinem Ende entgegen und wird nach vierjährigem Weltkrieg durch eine deutsche Republik ersetzt. Diese Umwälzungen konnten nicht ohne Auswirkungen auf die Geistes- und Gedankenwelt des Autors bleiben.[5] Gerade deswegen ist der Aspekt so interessant, inwiefern der Autor die Geistes- und Gedankenwelt der damaligen Zeit, die Zeitgeschichte im Roman verarbeitet. Hierbei sind vor allem die politischen Anschauungen von besonderer Bedeutung.

Aus diesem Grund befasst sich die vorliegende Ausarbeitung mit den beiden politischen Figuren des Werkes: Naphta und Settembrini. Der Versuch, die Auseinandersetzungen zwischen den beiden in wenigen Worten zu entfalten, muss sehr schnell scheitern. In diese Gestalten hat der Autor eine derartige Vielfalt an Ideen, Konzepten und Standpunkten eingeflochten, dass flüchtige Schilderungen das Gemeinte nicht annähernd treffen könnten. Es sollen daher zunächst beide Figuren für sich betrachtet werden. Danach wird nochmals auf einen der elementarsten Gegensätze im Besonderen eingegangen, denjenigen in Bezug auf ihre Auffassung von historischer und politischer Entwicklung.

Zur Literaturlage ist anzumerken, dass es über die Romane von Thomas Mann eine große Bandbreite an Forschungsliteratur gibt und kaum ein Aspekt in seinen Werken bisher unbetrachtet geblieben ist. Deswegen beansprucht diese Arbeit auch nicht, sämtliche zu dem Thema verfassten Werke mit in die Untersuchung einbezogen zu haben, sondern konzentriert sich auf ausgewählte Werke. Für die Gesamtdarstellung wird hierbei vor allem auf die Werke von Michael Thews[6] und Metin Toprak[7] eingegangen, für die Darstellung der Settembrini-Figur ist die Monographie von Lotti Sandt[8] von Bedeutung. Für die Analyse Naphtas wurden wegen ihrer thematischen Eingrenzung besonders die Aufsätze von Pierre-Paul Sagave[9] sowie Claude David[10] verwendet. Insgesamt wurde jedoch auch vieles unmittelbar aus der Quelle selbst entnommen und verarbeitet.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die beiden Kontrahenten in ihren persönlichen und politischen Facetten gegenüberzustellen, ihre Gegensätze herauszuarbeiten und ihre besondere Bedeutung für den Roman zu erfassen.

I. Lodovico Settembrini

Bereits ganz zu Anfang des Sanatoriumaufenthaltes von Hans Castorp wird die erste der beiden Lehrgestalten in die Handlung eingeführt: Lodovico Settembrini. Beachtenswert ist der Titel des Abschnittes, in dem diese Einführung stattfindet, sie lautet „Satana“ (Zbg., S. 52). In diesem Kapitel wird Settembrini als ein gebildeter, rhetorisch gewandter „Literat“ (Zbg., S. 54) vorgestellt, der sich als „homo humanus“ (Zbg., S. 55) und zugleich als Pädagoge versteht.

1) Herkunft und Persönlichkeit

Wie für die meisten Figuren innerhalb des Romans hatte der Autor auch im Falle Settembrinis historische Vorbilder, nach denen er die Figur gestaltete. Diese sollen hier in Kürze angedeutet werden. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass Thomas Mann häufig die Äußerlichkeiten oder das Verhalten ihm bekannter oder historischer Figuren nachgebildet hat. Diese Technik unterstützte jedoch oft nur die Erzielung lebendigerer Personenbeschreibungen. Nur selten wird mit der äußerlichen Festlegung einer Figur auf ein Vorbild auch eine geistige, inhaltliche Übereinstimmung verfolgt.[11]

Äußerlich, vornehmlich aber bezüglich ihres Namens ähnelt die Figur Settembrini einem historischen Vorbild, und zwar dem italienischen Literaten Luigi Settembrini (1817-1876) aus Neapel. Thomas Mann selbst hat sich wage dazu bekannt, die Figur des Settembrini hinsichtlich dieses historischen Vorbildes gestaltet zu haben; Lotti Sandt zitiert in diesem Zusammenhang einen Brief von Thomas Mann an Harry W. Rudman, in dem er die Anlehnung an dieses Vorbild verdeutlicht: „I remember vaguely, that the name Settembrini had indeed ist origin mentioned this historical figure at that time“.[12] Zu einem anderen Zeitpunkt stellte Mann Gegenteiliges fest: ursprünglich sei die Figur als ‚Ottobrini’ geplant gewesen und der Name ‚Settembrini’ in Anlehnung an ein italienisches Revolutionsdatum, dem ‚Venti Settembre’, entstanden.[13] Eine Entscheidung dieser Frage ist innerhalb der Forschung noch nicht getroffen. Tatsächlich aber lassen sich biographische Übereinstimmungen zwischen Settembrinis Großvater und dem Leben jenes Luigi Settembrini erkennen, so dass einiges für die Vermutung spricht, Mann habe eben an jenen Luigi Settembrini gedacht, als er Lodovico Settembrini erschuf.[14]

Des Weiteren offenbaren die Ansichten des Settembrini noch Vielzahl anderer Vorbilder, die zum Teil für ihre Person selbst, teilweise auch für geistige, literarische und politische Strömungen stehen. Angeführt seien hier die Namen Boccaccio, Carducci, Dante, Garribaldi, Heine, Horaz, Mezzini, Petrarca und Vergil, Voltaire.[15]

Innerhalb der Forschung tritt wiederholt die Frage auf, warum Mann die westliche Weltanschauung und den Zivilisationsliteraten durch einen Italiener repräsentieren lässt, obwohl er selbst den Franzosen als typischen Vertreter für beides betrachtete.[16] Dass Thomas Mann sich dennoch für den Italiener entschied, wird dadurch begründet, dass es sich bei dem Zivilisationsliteraten möglicherweise nicht ausschließlich um einen Franzosen handele, sondern ebenso ein Italiener aus Mazzini oder d’Annunzio in Frage komme.[17] Die wiederholten Italienaufenthalte Thomas Manns haben gewiss das ihrige dazu beigetragen, dass die Figur Settembrini aus Italien stammt. Sein Äußeres, aber auch sein Verhalten erwecken Assoziationen mit einem Italiener. Er hat schwarze Augen und einen auffälligen Schnurrbart, redet mit großem Pathos und unter großen Gesten und neigt zu leichter Erregbarkeit. Auch fügt er seinem im Grunde guten Deutsch häufig italienische Sprachfetzen bei oder verfällt ganz in seine Muttersprache[18], insbesondere bei aufwühlenden Erlebnissen wie zum Beispiel dem Selbstmord Naphtas (Zbg., S. 648). Als „typischer Vertreter seines Landes“ besitzt er außerdem „eine natürliche Begabung für lebhafte Rhetorik“.[19] Erwin Koppen wirft der Darstellung dieser Figur allerdings Realitätsferne und Klischeehaftigkeit vor. Als typisches Merkmal des literarischen Klischees bewertet Koppen außerdem die relative Armut Settembrinis, die dazu führt, dass Castorp sich durch ihn an einen „Drehorgelmann“ (Zbg., S. 53) erinnert fühlt.[20]

Metin Toprak entdeckt in der Figur jedoch auch sehr reale Züge, da Settembrini keineswegs als eine perfekte widerspruchsfreie Persönlichkeit mit idealen Eigenschaften dargestellt wird, sondern ganz im Gegenteil: mit seinen guten sowie schlechten Seiten besitzt er Charakterzüge, die auch im wirklichen Leben häufig vorkommen. So hat er, obwohl er sich dem Humanismus verpflichtet fühlt, Vorurteile gegenüber anderen Völkern und Bewohnern des Berghofs.[21] Eine weitere Charaktereigenschaft, die weder einem gebildeten Literaten, viel weniger noch einem Pädagogen, entspricht, ist seine ‚Spottsucht’ und sein Umgang mit den Bewohnern des Berghofs, die Castorp als „spöttisch“ empfindet. Settembrini selbst hingegen nennt diese seine Verhaltensweise „boshaft“ und „Bosheit“ spiegelt für ihn „die glänzendste Waffe der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Hässlichkeit“ wider (Zbg., S. 57). Trotz seiner kritischen Haltung und obwohl Settembrini auf alles und jeden zu schimpfen scheint, glauben die Vettern Ziemßen und Castorp, dass der „Oppositionsmann“ im Grunde „was Anständiges“ sowie eine menschenfreundliche Einstellung besitze (Zbg., S. 94).

Sein vermeintlicher Humanismus wird durch Settembrinis Widersprüchlichkeit auf die Probe gestellt. So scheut er sich nicht, die Erfindung der Druckpresse und des Schießpulvers auf eine Ebene zu setzen, da er in diesen beiden Erzeugungen ähnliche Erfolge für die historische Entwicklung der Menschheit sieht: das Schießpulver, „welches den Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel gemacht habe, sowie die Druckpresse, denn diese habe die demokratische Verbreitung der Ideen – das heiße: die Verbreitung der demokratischen Ideen ermöglicht“ (Zbg., S. 143). Aufgrund dieser Denkweise befürwortet der Verteidiger der demokratischen Ideen und eigentliche Kriegsgegner Settembrini einen Krieg, der die Zerstörung Österreichs zum Ziel habe, da dieser als Rachezug „für Vergangenes“ (Zbg., S. 145) einen Ausnahmefall darstellt. Hier zeigt sich die Wider-sprüchlichkeit Settembrinis, indem er als Humanist und Kriegsgegner einem gewaltsamen Gefecht zustimmt.[22] Auch als Enkel eines Großvaters, der „die Vereinigung der befreiten Völker zur Errichtung des allgemeinen Glückes“ (Zbg., S. 141) als Bedingung voraussetzt, verhält sich Settembrini ambivalent. Obwohl er mit großem Enthusiasmus von diesem Wunsch des Großvaters berichtet, kann er sich selbst nicht befreien von seinen Vorurteilen gegenüber anderen Völkern.[23]

[...]


[1] Mann, Thomas: Der Zauberberg, 3. Auflage, Frankfurt/Main 1960. Im Folgenden werden Anlehnungen und Zitate aus diesem Werk unter der Verwendung der Sigle „Zbg.“ und der entsprechenden Seitenzahl nachgewiesen.

[2] Vgl. Wisskirchen, Hans: Zeitgeschichte im Roman. Zu Thomas Manns Zauberberg und Doktor Faustus, Bern 1986, S. 56. Diese Studie wird im Folgenden in der Kurzform: Wisskirchen: Zeitgeschichte“ angegeben.

[3] Vgl. Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen, Frankfurt/Main 1985.

[4] Dietrichstein, Egon: Gespräch mit Thomas Mann, Neues Wiener Journal, 4. Dezember 1919, in: Hansen, Volkmer / Heine, Gert (Hrsg.): Interviews mit Thomas Mann 1909-1955, Hamburg 1983, S. 44.

[5] Vgl. Reed, Terence J.: ‚Der Zauberberg’. Zeitenwandel und Bedeutungswandel 1912-1924, in: Kurzke, Hermann (Hrsg.): Stationen der Thomas-Mann-Forschung. Aufsätze seit 1970, Würzburg 1985, S. 93f. Dieses Buch wird im Folgenden „Reed: Zauberberg“ genannt. Siehe auch Kurzke, Hermann: Wie konservativ ist ‚Der Zauberberg’?, in: Wiecker, Rolf (Hrsg.): Gedenkschrift für Thomas Mann 1875-1975, Kopenhagen 1975, S. 141-143.

[6] Thews, Michael: Figuren und Modelle. Rechts- und staatstheoretische Aspekte in Thomas Manns Roman ‚Der Zauberberg’, Frankfurt 1990. Im Folgenden wird dieses Werk unter dem Kürzel ‚Thews: Figuren und Modelle’ aufgeführt.

[7] Toprak, Metin: Die deutsche Mitte. Politische Betrachtungen des Zauberbergs, Frankfurt/Main 1999. Im Folgenden wird dieser Titel aufgeführt unter der Kurzform ‚Toprak: Die deutsche Mitte’.

[8] Sandt, Lotti: Mythos und Symbolik im Zauberberg von Thomas Mann, Bern/Stuttgart 1979. Diese Monographie wird im Folgenden in der Kurzform ‚Sandt: Mythos und Symbolik’ angeführt.

[9] Sagave, Pierre-Paul: Der Begriff des Terrors in Thomas Manns „Zauberberg“, in: Wolff, Rudolf (Hrsg.): Thomas Mann. Aufsätze zum ‚Zauberberg’, Bonn 1988. Dieser Titel wird im Folgenden in der gekürzten Fassung „Sagave: Der Begriff des Terrors“ aufgeführt.

[10] David, Claude: Naphta, des Teufels Anwalt, in: Wolff, Rudolf (Hrsg.): Thomas Mann. Aufsätze zum ‚Zauberberg’, Bonn 1988. Im Folgenden tritt dieser Titel in der verkürzten Form „David: Naphta“ auf.

[11] Vgl. Thews: Figuren und Modelle, S. 155.

[12] Sandt: Mythos und Symbolik, S. 174.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. Toprak: Die deutsche Mitte, S. 74 und S. 76.

[15] Vgl. Thews: Figuren und Modelle, S. 157 und Schoepf, Joachim: Die pädagogischen Konzepte in Thomas Manns „Zauberberg“ und ihre Wirkung auf die Hauptfigur Hans Castorp, Marburg 2001, S. 24f. Des Weiteren tritt dieser Titel in der gekürzten Fassung: „Schoepf: Die pädagogischen Konzepte“ auf.

[16] Vgl. dazu Toprak: Die deutsche Mitte, S. 58f.

[17] Vgl. Nunes, Maria Manuela: Die Freimaurerei. Untersuchungen zu einem literarischen Motiv bei Heinrich und Thomas Mann, Bonn 1992, S. 87.

[18] Vgl. Koppen, Erwin: Nationalität und Internationalität im Zauberberg, in: Wolff, Rudolf (Hrsg.): Thomas Mann. Aufsätze zum ‚Zauberberg’, Bonn 1988, S. 48f. Im Folgenden tritt dieser Titel in der gekürzten Form „Koppen: Nationalität und Internationalität“ auf.

[19] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien. Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Heidelberg 1969, S. 63.

[20] Vgl. Koppen: Nationalität und Internationalität, S. 49.

[21] Vgl. Toprak: Die deutsche Mitte, S. 57.

[22] Vgl. Toprak: Die deutsche Mitte, S. 58.

[23] Seine Voreingenommenheiten unter anderem gegenüber den Deutschen, deren Nationalgefühl seiner Meinung nach aus „Bier, Tabak und Musik“ (Zbg., S. 104) entsteht, widersprechen den Argumenten des Italieners, der davon schwärmt, „die Völker einander nahe zu bringen, ihre gegenseitige Bekanntschaft zu fördern, menschlichen Ausgleich zwischen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören und endlich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen“ (Zbg., S. 143).

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638510967
ISBN (Buch)
9783638782647
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56425
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Germanistisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Zauberberg Settembrini Naphta Thomas Mann

Autor

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