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1968 - Studentenbewegung und Hochschulreform (mit Beispiel Mainz)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 30 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Entstehungsursachen und vorläufige Entwicklung in der Hochschulpolitik

II. Forderungen und Vorstellungen der studentischen Bewegung im Hochschulbereich

III. Ein Beispiel für gemäßigten Studentenprotest – der Universitätsstandort Mainz

Schluß

Literaturverzeichnis
Quellen
Forschungsliteratur
Internet

Anhang

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit widmet sich dem Thema der Studentenbewegung und will sich ihm hauptsächlich auf zwei Wegen nähern. Da der enge Rahmen eine Einschränkung des sehr vielschichtigen Gegenstandes erfordert, wird zum einen eine besondere Konzentration auf den Bereich der Hochschulpolitik - stellvertretend für einen Bereich der studentischen Kritik – erfolgen. Ein Abriß der bundesdeutschen Hochschulpolitik und die Darstellung der studentischen Forderungen auf diesem Gebiet sollen dabei als Hinführung Ein weiterer Ansatz wird sein, sich dem Inhalt aus regionalhistorischer Sicht zu nähern. Der Standort Mainz kann dabei zweifellos keine Symbolfunktion übernehmen, da er nicht zu den Zentren der Protestbewegung gehörte, soll aber exemplarisch einen Eindruck davon vermitteln, wie sich Rebellion im Kleinen ereignete und wie bundesweite Ereignisse darauf Einfluß nahmen. So gliedert sich die Arbeit in zwei Hauptkomplexe, wobei der erstere eher theoretischen Charakter trägt und durch den anderen um eine praktische Illustration der zeittypischen Situation ergänzt wird. Für den zweiten Teil wurden die Ereignisse in der Stadt Mainz größtenteils aus Presseartikeln der Mainzer Allgemeinen Zeitung[1] rekonstruiert, bei deren Auswertung die Verfasserin Unterstützung beim Universitätsarchiv Mainz fand. Aus Mangel an Literatur und weiteren Quellen kann dies leider die einzige Grundlage für die Erfassung der Mainzer Ereignisse sein und muß zweifellos kritisch betrachtet werden. Da jedoch für diese Arbeit die subjektive Presseberichterstattung nicht im Vordergrund steht und es vielmehr um die Darstellung von Fakten geht, scheint der Gebrauch von Artikeln aus der Tagespresse insoweit gerechtfertigt. Beide Teile der Arbeit folgen einer chronologischen Darstellung und beziehen – besonders der theoretische Teil - auch vorläufige Begebenheiten mit ein, um Prozesse ablesbar und Entwicklungen ein Stück weit eindeutiger machen zu können.

Für die konkrete Auswertung könnten schließlich Fragen danach interessieren, inwiefern die Mainzer Studentenschaft Themen aus der Hochschuldiskussion mit in ihren Protest aufnahm oder ob andere Inhalte dominierten, ob die Inhalte möglicherweise auch zeitlich differenzierten, inwieweit äußere Faktoren – wie etwa bundesweite Schlüsselereignisse aus der Zeit der Studentenrevolte – die Handlungen mitbestimmten, in welcher Form die Studentenbewegung an einem Standort wie Mainz überhaupt stattfand, wie die Entwicklung der deutschen Hochschulpolitik sich auf die Protesthaltung und -aktionen - am Beispiel Mainz – auswirkte, welche Resultate sie wiederum ihrerseits erreichte und wie sie von ihrem Umfeld aufgenommen wurde.

Was die Literatur betrifft, wird aus der Fülle der Literatur aus dem Großbereich „1968 – APO – Studentenbewegung“ diejenige herauszufiltern sein, die dem beschriebenen Gegenstand entspricht; naturgemäß werden neuere Erscheinungen älteren vorzuziehen sein. Des weiteren werden, wenn möglich, immer wieder zeitgenössische Zitate in die Arbeit einfließen, da sie nach Ansicht der Verfasserin in besonderem Maße die zeittypische Debatte beleuchten und Kontroversen darstellen können.

I. Entstehungsursachen und vorläufige Entwicklung in der Hochschulpolitik

Die bildungspolitische Situation der Nachkriegsjahre war bis in die späten Fünfziger Jahre hinein von einer allgemeinen Stagnation gekennzeichnet und damit ein Spiegelbild der eher traditionell ausgerichteten Adenauer-Gesellschaft[2]. Verschiedene Faktoren waren dafür ausschlaggebend, die jedoch im begrenzten Rahmen dieser Arbeit leider nicht im einzelnen erläutert werden können. Generell gesprochen wurde in den frühen Jahren der Bundesrepublik weitestgehend am herkömmlichen Bildungssystem festgehalten, die bestehenden Schul- und auch Hochschulformen blieben in ihrer Struktur im Wesentlichen unverändert[3]. Dies betraf sowohl den inhaltlichen, administrativen als auch in großen Teilen den personellen Bereich. Die Alliierten stießen bei Versuchen, die Ordinarienuniversität zu reformieren, auf beträchtlichen Widerstand; Demokratisierungsvorschläge scheiterten zumeist[4]. Hinzu kam, daß es durch den Zustrom von Flüchtlingen aus der Sowjetzone bis zum Mauerbau nicht an qualifizierten Kräften mangelte, wodurch der Bedarf am Reformen zunächst nicht zwingend ins Auge fiel[5].

Eine vorsichtige Veränderung dieser Situation war erst gegen Ende der Fünfziger Jahre festzustellen, begleitet von und bedingt durch einen allgemeinen Wandel in der politischen Landschaft Westdeutschlands. Adenauer hatte die Westintegration der Bundesrepublik erfolgreich vorangetrieben, die neu erlangte Souveränität mit dem Rückhalt der westlichen Partnerstaaten bescherte den Westdeutschen wieder Selbstbewußtsein, auch gegenüber den gefürchteten Ostblockstaaten. Der wissenschaftliche Wettbewerb mit ihnen jedoch war deutlich spürbar, das Erstaunen über den Fortschritt der UdSSR etwa im Bereich der Raumfahrt – der sog. Sputnik-Schock – groß[6]. Die Notwendigkeit der Reformierung von Forschung und Lehre, auch im ökonomischen Sinne, wurde deutlich; das neu empfundene Erstarken schuf ein etwas liberaleres, reformfreundlicheres Klima. Meilensteine dieser Entwicklung bildeten etwa die Gründung des Wissenschaftsrates für den Hochschulbereich durch Bund und Länder im Jahre 1957[7] sowie die im selben Jahr erfolgte Einrichtung des „Honnefer Modells“, einer Vorform der heutigen Bundesausbildungsförderung[8]. Auch außerhalb des universitären Bereichs wurden Neuerungen angestrengt, so etwa bei der Einführung des Zweiten Bildungsweges[9]. Vor allem der Wissenschaftsrat brachte in den folgenden Jahren Mißstände der universitären Situation in die öffentliche Diskussion und regte zunehmend einen Ausbau der Hochschullandschaft an. So wurde in einer 1962 erschienenen Schrift bereits der autoritäre Charakter der deutschen Hochschulen kritisiert und dieser Zustand als überkommen dargestellt[10]. Ein weiteres Expertengremium, der „Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen“, wurde zwar schon 1953 gegründet, befaßte sich jedoch wenig mit universitären Inhalten und konnte bis zum Ende der Fünfziger Jahre keinen nennenswerten Einfluß auf die Politik nehmen[11]. Der Bereich der Bildung, besonders die Hochschulen betreffend, war also auch in diesen Jahren ein thematisch und finanziell sehr vernachlässigter Gegenstand der Politik, weshalb noch immer keine tiefgreifenden Neuerungen durchgesetzt werden konnten. Auffällig erscheint hier etwa der Mangel an Bildungsfachleuten in den Parlamenten und Parteien zum Ende der Fünfziger Jahre. Zu diesem Zeitpunkt gehörten fünf der elf amtierenden Kultusminister keiner Landesvertretung an, drei von ihnen – ein Novum – waren parteilos; selbst Willy Brandt entschied sich noch 1969 für den parteilosen Hans Leussnik als Bildungsminister[12]. Beiträge der Kultusministerkonferenz oder anderer Kommissionen verließen meist nicht den Kreis der Experten und fanden daher nicht das nötige Echo. Wenn auch die Empfehlungen des Wissenschaftsrates inhaltlich zutreffend waren, so waren sie zudem zeitlich so überfällig geworden, daß sich der studentische Protest kaum noch verhindern ließ.

Als allerdings 1964 Georg Pichts berühmte Studie zur „deutschen Bildungskatastrophe“ herauskam, schienen die Verantwortlichen zu „erwachen“ – nun wurde auch eine breitere Öffentlichkeit auf den desolaten Zustand des Bildungswesens aufmerksam, was eine weitreichende Diskussion zum Thema auslöste und so gleichsam einen gewissen Handlungsdruck erzeugte. Erstmals entlarvte ein Fachmann – Picht war Pädagoge und Mitglied des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen – die Situation der deutschen Hochschulen schonungslos als desolat, anachronistisch und äußerst reformbedürftig. Konkret prognostizierte er für die Zukunft einen gewaltigen Mangel an Lehrkräften, der mit derzeitigen Mitteln und der aktuellen Anzahl an Studenten nicht mehr auszugleichen sei. Als Konsequenz sah er ein stetes Absinken des Bildungsniveaus auf die Bundesrepublik zukommen und rief deshalb den Staat dazu auf, möglichst schnell adäquate Maßnahmen einzuleiten[13]. Im Verlauf der Debatte folgten weitere Publikationen, so etwa 1965 das ebenfalls populär gewordene Werk Ralf Dahrendorfs „Bildung ist Bürgerrecht“, in dem er sich mit dem darin enthaltenen Hauptschlagwort für die „Mobilisierung der Bildungsreserven“ aussprach. Durch diese klaren Thematisierungen der Mißstände in der Hochschulpolitik waren erste Grundlagen für einen Umschwung geschaffen, der aufgrund neuer Faktoren auch immer notwendiger zu werden schien. So stellten etwa die stetig steigenden Studentenzahlen ein zunehmendes Problem dar – geburtenstarke Jahrgänge sorgten für Überfüllung der bisher geringen Anzahl an Universitäten. Die Studentenzahl hatte sich vom Sommersemester 1950 bis zum Sommersemester 1967 von 120.000 auf 288.000 erhöht[14]. Des weiteren schien die Universität sich mehr und mehr zu einer elitären Einrichtung zu entwickeln, was zumindest die soziale Zugehörigkeit der Studentenschaft suggerierte: Gegenüber dem Wintersemester 1949/50 war der Anteil der Studenten aus Akademikerfamilien im Sommersemester 1965 von 26,4 auf 35,7 Prozent angewachsen[15]. Sprecher der „Aktion 1. Juli“, einer studentischen Initiative gegen den Bildungsnotstand, die vom damaligen Präsidenten der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK) unterstützt wurde, wiesen besonders auf das soziale Ungleichgewicht unter den Studierenden hin. Nur unter 5 Prozent von ihnen kämen aus Arbeiterfamilien, ließ die Vereinigung verlauten, der am 1. Juli 1965 Tausende von Studenten in bundesweiten Demonstrationen folgten[16].

In der Folgezeit kam es seitens des Staates naturgemäß zu Neuerungen und Lösungsansätzen, die jedoch nicht immer den Problemkern trafen. So bestand etwa der erste Versuch der Eindämmung im Ausbau der bestehenden Universitäten und dem Entwurf von Neugründungen. Dieses Verhalten zeigt, daß die Thematik im Wesentlichen mißverstanden und mehr in quantitativer als qualitativer Weise aufgefaßt wurde. Zudem wurde auch die Zunahme der Studentenzahlen, die sich etwa zwischen 1950 und 1960 mehr als verdoppelte, vom Wissenschaftsrat vollkommen unterschätzt[17].

1965 erfolgte die Gründung des Deutschen Bildungsrates, der mit anderem Aufbau und anderer Organisationsstruktur die hauptsächlich beratende Arbeit des "Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen" fortsetzte[18]. Dieser konnte durch seine Zusammensetzung aus sowohl Bildungsexperten wie auch politischen Vertretern mehr Erfolg bei der Durchsetzung hochschulpolitischer Inhalte versprechen. Im selben Jahr trat die Westdeutsche Rektorenkonferenz in einem Memorandum für eine Straffung und Rationalisierung des Studiums mit Hilfe von befristeter Immatrikulation oder Zwangsexmatrikulation ein. Dabei sah die Option der Zwangsexmatrikulation vor, den Studenten bei Hochschuleintritt eine unbefristete Immatrikulation zu gewähren und sie bei fristgerecht getroffener Examensanmeldung automatisch zu exmatrikulieren. Die befristete Immatrikulation dagegen sollte die Studienzeit von vorneherein begrenzen.[19] Auch der Wissenschaftsrat entwarf 1966 Modelle dieser Richtung, um zu einer Verkürzung der Studienzeiten zu gelangen[20].

[...]


[1] im folgenden mit „AZ“ abgekürzt

[2] vgl. u.a. Anweiler, Oskar/Fuchs, Hans-Jürgen/Dorner, Martina/Petermann, Eberhard (Hgg.), Bildungspolitik in Deutschland 1945-1990. Ein historisch-vergleichender Quellenband, Opladen 1992, S. 17

[3] Turner, George: Hochschule zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Zur Geschichte der Hochschulreform im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Berlin 2001 (Abhandlungen zu Bildungsforschung und Bildungsrecht 7), S. 15

[4] Schmid, Claudia, Hochschulpolitik, S. 11f.; sowie ”Direktive für die Kommandierenden Generale der US Armee in Deutschland vom 7. Juli 1945 [Auszug]”, in: Anweiler u.a., Bildungspolitik, S. 74f.

[5] Arbeitsgruppe Bildungsbericht, Bildungswesen, S. 24.

[6] Theodor Berchem: Elitebildung in der Massenuniversität? Bilanz und Perspektiven der Hochschulreform. Köln 1985. (Kleine Reihe der Walter-Raymond-Stiftung 37), S. 14

[7] Arbeitsgruppe Bildungsbericht, Bildungswesen, S. 90

[8] Fels, Gerhard: Der Aufruhr der 68er. Zu den geistigen Grundlagen der Studentenbewegung und der RAF. Bonn 1998, S. 135

[9] Anweiler u.a., Bildungspolitik, S. 18f.

[10] Wissenschaftsrat (Hg.), Anregungen des Wissenschaftsrates zur Gestalt neuer Hochschulen, Bonn 1962, S.17.

[11] vgl. Anweiler u.a., Bildungspolitik, S. 18 und weiterführend Deutscher Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen (Hg.), Empfehlungen und Gutachten, 1953-1965

[12] Turner, George: Hochschule S. 18

[13] u.a. ebd. S. 16

[14] Fels, Gerhard: Der Aufruhr, S. 135

[15] Jarausch, Konrad H.: Deutsche Studenten 1800-1970. Frankfurt a.M. 1984, S. 234

[16] Kraushaar, Wolfgang: Denkmodelle der 68er-Bewegung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 22 – 23/2001, S.14-27, S. 17

[17] Theodor Berchem: Elitebildung, S. 15

[18] Turner, George: Hochschule, S.21

[19] „Studienreform und befristete Immatrikulation.“ Memorandum der WRK vom 13. Dezember 1965, in: Schardt, Alois/Brauneiser, Manfred, Zwischenbilanz der Bildungspolitik, München 1967, S. 270ff

[20] vgl. Jürgen Habermas: ”Zwangsjacke für die Studienreform – Die befristete Immatrikulation und der falsche Pragmatismus des Wissenschaftsrates” in: Leibfried, Handbuch, S. 86ff.

Details

Seiten
30
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638134606
Dateigröße
928 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5647
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Historisches Seminar
Note
1,5
Schlagworte
Studentenbewegung Hochschulreform Beispiel Mainz) Hauptseminar Kulturgeschichte

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Titel: 1968 - Studentenbewegung und Hochschulreform (mit Beispiel Mainz)