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Venezuela im 19. Jahrhundert: Bildung der Nation

Seminararbeit 2006 29 Seiten

Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung und Gang der Untersuchung
1.2. Bildung der Nation: Begriffsabgrenzung

2. Prozess der Bildung der Nation vor 1830
2.1. Politisch-historische Entwicklung des Prozesses der Nationsbildung
2.2. Entwicklung des nationalen Bewusstseins und Methoden der Identitätsbildung
2.3. Sozial-ökonomische Entwicklung bei der Gründung der Nation

3. Entwicklungswege des unabhängigen Staates Venezuela ab 1830
3.1. Politisch-historische Entwicklung des Prozesses der Nationsbildung
3.2. Schaffung des nationalen Bewusstseins
3.3. Sozial-ökonomische Aspekte bei der Gründung der Nation ab 1830

4. Zusammenfassung der Ergebnisse

Bibliographie

1. Einleitung

1.1. Problemstellung und Gang der Untersuchung

In den folgenden Kapiteln wird die Frage der Staats- und Nationsbildung in Venezuela im Laufe des 19. Jahrhunderts analysiert. Dabei werden folgende Aspekte untersucht: Einerseits, die politisch-historische Entwicklung dieses Prozesses. Dabei handelt es sich unter anderem um die Festlegung der Landesgrenzen, Bildung und Evolution staatlicher Strukturen und Partizipation der Bevölkerung im politischen Leben des Landes. Außerdem werden Mittel, Institutionen und Symbole angesprochen, mit deren Hilfe sich die venezolanische politische Führung nach der Staatsgründung bemühte, ein nationales Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Des Weiteren wird das ökonomische System analysiert, das nationale Inhalte und Ziele verkörpert, dabei unter anderem Faktoren, die mit wirtschaftlicher Integration bzw. Desintegration des Landes in Verbindung stehen, wie z. B. die Einführung der einheitlichen Währung, der Stand und Ausbau der Infrastruktur sowie Außenhandelspolitik. Außerdem wird die soziale Entwicklung untersucht, die die Fragen der Evolution der gesellschaftlichen Struktur behandelt. Anhand der oben genannten Kriterien wird analysiert, wie sich der Prozess der Nations- und Staatsbildung in Venezuela entwickelte, welche Besonderheiten er aufweist und inwieweit man im Laufe des 19. Jahrhunderts über Venezuela als eine Nation sprechen kann.

Aus der zeitlichen Perspektive gesehen, wird die Analyse der Nationsbildung auf folgende Weise vorgenommen: Zuerst wird die Periode seit dem Beginn der Unabhängigkeitskriege 1810 bis zur Auflösung Großkolumbiens 1830 behandelt. In der Literatur wird das Thema in Bezug auf die Bildung der Nationen in Lateinamerika häufig ab 1830 datiert. Erste Versuche, staatliche Strukturen zu bauen und die nationale Identität zu schaffen, wurden jedoch schon 1810 mit Beginn des Unabhängigkeitskrieges und 1811 mit der Unabhängigkeitserklärung unternommen. Weiterhin wird die Periode seit der Bildung des unabhängigen Staates Venezuela 1830 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts analysiert. Im Rahmen dieser Arbeit scheint es unmöglich zu sein, alle Aspekte der Staats- und Nationsbildung im 19. Jahrhundert gleichmäßig zu schildern. Aus diesem Grund werden einige Akzente gesetzt, die bei der Analyse der genannten Aspekte als besonders wichtig erscheinen. Dabei wird insbesondere auf die Zeitperiode nach dem Unabhängigkeitskrieg und auf die Schaffung des Staates Großkolumbien, Wiedererlangung der Unabhängigkeit Venezuelas 1830 und die Regierungszeit von Guzmán Blanco eingegangen.

1.2. Bildung der Nation: Begriffsabgrenzung

Bevor man zur Analyse der staatlichen und politischen Entwicklung Venezuelas im 19. Jahrhundert übergeht, ist es notwendig, den Prozess der Staats- und Nationsbildung zu definieren. Außerdem sind die Begriffe der Nation und des Prozesses der Nationsbildung unerlässlich, um sich mit dem Thema näher auseinandersetzen zu können.

Für die Definition von Nation existieren mehrere Typologien in der Literatur, die meist aus der Entwicklung europäischer Nationen und Nationalstaaten hergeleitet werden. Norbert G. Sporn betont z.B. ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe, das sich in gemeinsamen Haltungen und Grundbestimmungen wiederspiegelt. Dabei spielen ethnische, geographische sowie auch kulturelle Faktoren wie gemeinsame Sprache, Religion, Kultur oder ein gemeinsamer Staat eine wichtige Rolle, die mit zur Entwicklung eines solchen Solidaritätsgefühls beitragen können. (Vgl. Sporn 1991: 25f.) Wilfried Loth betont ähnliche Faktoren und stellt außerdem heraus, dass zu jeder gemeinsamen Geschichte auch ein Wissen um diese Geschichte gehört, ein historischer Mythos, der die gemeinsame Identität thematisiert. Er spricht dabei von einem „kollektiven Gedächtnis“ als einer wichtigen Komponente bei der Bildung von Nationen, die die politische Identität einer Gemeinschaft ermöglicht. (Vgl. Loth 2002: 9.) In der Moderne wurde dieser Mythos regelmäßig mit einem gesellschaftlichen Projekt verbunden, d.h. mit Aussagen darüber, wie die Ordnung der Menschen gestaltet werden soll, die dieser Nation angehören. Solche Kriterien wie rechtliche Gleichheit und die politische Partizipation der Angehörigen einer Nation, Vereinheitlichung des Lebensraums und Souveränität des nationalen Willens, d.h. territoriale Staatsbildung mit nationaler Prägung werden dabei genannt.

Einen Systematisierungsansatz zur Staaten- und Nationsbildung bietet z.B. Stein Rokkan an: Die Gesellschaften können erst dann als Nationen bezeichnet werden, wenn sie im Laufe ihrer Entwicklung bestimmte Phasen eines Prozesses durchgelaufen sind:

Staatsgründung/territoriale Fixierung durch eine Elite: Innerhalb einer Elite kommt es zu einer gewissen politischen, ökonomischen und kulturellen Unifizierung. Es entsteht eine Verwaltung zur Einnahme von Steuern und zur Gewährleistung einer militärischen Mobilisierung.

Einbeziehung größerer Bevölkerungsteile in das politische System, z.B. durch den Einzug in die Armee, die Schulpflicht, durch die Kontakte zwischen der Bevölkerung und der etablierten, zentralen Elite durch Massenmedien. Dies wird mit dem Ziel unternommen, ein weitverbreitetes Gefühl der Identität mit dem gesamten politischen System zu schaffen, dass durch die Propagierung von Riten und Symbolen wie z.B. Flaggen oder Liedern verstärkt wird.

Ausweitung aktiver Partizipation, wonach die bislang unterprivilegierten Bevölkerungsschichten die Möglichkeit einer aktiven Beteiligung innerhalb des territorialen politischen Systems erhalten, z.B. durch das Wahlrecht.

Redistribution nationaler Güter: Die Entwicklung von politischen Maßnahmen zur Angleichung der ökonomischen Bedingungen auf nationaler Ebene, Expansion des Verwaltungsapparates. (Vgl. Rokkan 1995).

Diese Definitionen werden auf den Prozess der Staats- und Nationsbildung im 19. Jahrhundert in Venezuela angewandt.

2. Prozess der Bildung der Nation vor 1830

2.1. Politisch-historische Entwicklung des Prozesses der Nationsbildung

In dieser Periode wird der neugegründete Staat in seiner ersten Phase (bis 1819) nach der politischen Loslösung vom spanischen Mutterland neue Bezugspunkte setzten müssen, um die Gründung des eigenen politischen Systems zu rechtfertigen und seine Anerkennung durch möglichst viele Bevölkerungsgruppen zu erlangen. In diesem Zusammenhang wird unter anderem untersucht, mit welchen Mitteln, Institutionen und Symbolen sich die venezolanische politische Führung nach der Staatsgründung bemühte, ein nationales Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.

Vorstellungen hinsichtlich der Bildung des unabhängigen Staates

Bei der Staatsbildung hat sich die politische Elite des Landes, die teilweise längere Zeit in Europa gelebt oder studiert hatte, an den französischen und nordamerikanischen Vorbildern orientiert. Die politischen Konzepte der französischen Aufklärung bildeten das ideologische Fundament.

Allerdings waren diese liberal-republikanischen Verfassungen wenig geeignet, um in den heterogenen Gesellschaften stabile Regierungen zu ermöglichen. In allen politischen Ideen von Bolívar, die er in Briefen oder während der Kongresse gehalten hat (z.B. in Angostura), kann man seine Hauptidee nicht übersehen: Amerikanische Nationen sollen starke und zentralisierte Regierungen haben. Er fand, dass das föderale System für Lateinamerika nicht anwendbar sei. (Vgl. Ruggeri Parra 1949: 51.) Im „Manifest von Cartagena“ 1812 hat er das Scheitern der ersten venezolanischen Republik vorwiegend auf ihre föderative Struktur zurückgeführt und davor gewarnt, in einem Land, wo es keine Traditionen der Selbstregierung gab, den Provinzen und Städten weitgehende Autonomie einzuräumen, da dies, seiner Meinung nach, zwangsläufig zu Separatismus und Anarchie führen musste. (Vgl. Garz 1998: 47.).

Territorium

Die Festlegung der Staatsgrenzen folgte weitgehend der kolonialen Provinzeinteilung. Laut der Verfassung von 1811, das Territorium der Republik Venezuela umfasste das Gebiet des ehemaligen spanischen Generalkapitanats Venezuela. Dazu gehörten die Provinzen Caracas, Cumaná, Barinas, Barcelona, Trujillo, Mérida und Margarita. (Vgl. Pérez 1988: 867.) Laut der Verfassung, Provinzen Coro, Maracaibo und Guayana können jede Zeit der Konfederation beitreten (Art. 128). (Evolución Histórica 2004.)

Bildung von staatlichen Strukturen

Nach der Loslösung von Spanien war in Venezuela eine verfassungsgebende Versammlung zusammengetreten. Das von den Spaniern überlassene Machtvakuum sollte mit Rechtsprinzipien ausgefüllt werden, die dem jungen Staat für alle Zeiten als Legitimation dienen konnten. Man entschied sich für die republikanische Regierungsform mit der klaren Gewaltenteilung von Exekutive, Legislative und Jurisdiktion. Dem Anspruch der Provinzen nach einem hohen Maß der Autonomie folgend, vereinte die erste Verfassung von 1811 die einzelnen Provinzen in einen föderativen Bund. Die Verfassung garantierte de jure die Gleichheit der gesamten Bevölkerung vor dem Gesetz. Das Wahlrecht hingegen, an Besitzkriterien gekoppelt, sicherte auch weiterhin die politische Macht in Händen einer plutokratischen Minderheit (Vgl. Bernecker 1992: 225.) Alle nachfolgenden Verfassungen (1819, 1821) im Rahmen der betrachteten Periode hatten starke zentralistische Züge.

Milizen und Militär

Charakteristisch für die militärische Organisation des neugegründeten Staates war die Abwesenheit einer zentral organisierten regulären Armee, was auch in der Kolonialzeit der Fall war. Dafür aber war der Dienst in den Milizen während der Kolonialzeit obligatorisch. Mit dem Beginn des Unabhängigkeitskrieges sind die Milizen zur tragenden Kraft in den Kriegsauseinandersetzungen geworden. 1823 wurden sie reorganisiert und sollten für die Sicherheit des Landes sorgen.

Venezuela als Teil Großkolumbiens

Die zweite Phase der Staatsgründung (1819-1830) umfasst die Periode, als Venezuela ein Teil des Staates Großkolumbien war. Die Staatsbildung erfolgte zu einem Punkt, als Teile des Staatsgebietes noch von Spanien besetzt waren und über ihre Zugehörigkeit zum neuen Staat gar nicht mit entscheiden konnten. Die Begründung und Basis dieser Staatsbildung leiteten sich aus der Einsicht in die Notwendigkeit gemeinsamer, grenzüberschreitender und nicht regional beschränkter Maßnahmen zur Erlangung der politischen Freiheit und der Loslösung aus dem für alle gleichermaßen geltenden Kolonialstatus her.

1821 erhielt die kolumbianische Verfassung, La Ley fundamental de la Unión de los Pueblos de Colombia, Gültigkeit, die eine Vereinigung von Neu-Granada und Venezuela vorsah. Laut dem Artikel 50 wurde das gesamte Territorium des neu geschaffenen Staates in 3 Bezirke (departamentos) aufgeteilt: “La República de Colombia se dividirá en 3 grandes departamentos: Venezuela, Quito y Cundinamarca, que comprenderá las provincias de la Nueva Granada…” (Carrera Damas 1978.) Als zusätzlich Panama dem Bund beitrat, umfasste das Territorium vom Großkolumbien die Fläche von 2.403.145 km²., was etwa einem Viertel Europas entspricht. Von der Gesamtfläche entfallen 45,7% auf Kolumbien, 38,1% auf Venezuela, 11,2% auf Ecuador und 3,1% auf Panama. (Vgl. Bernecker 1992:210.)

Wie H.-J. König aufführt, die Garantie der Staatsbürgerrechte, welche die Verfassung bot, und die Berechenbarkeit der Politik, welche die Verfassung in Aussicht stellte, haben zu Anerkennung des neuen Staates nach innen und nach außen beigetragen, z.B. zur politischen Anerkennung durch die USA oder die europäischen Staaten. (Vgl. König 1988: 210.)

Großkolumbien wurde in 12 Provinzen unterteilt, die dünn besiedelt und geographisch stark voneinander isoliert waren. Die Bevölkerung wurde stark durch die Kriege dezimiert, die Regionen wirtschaftlich stark geschädigt. Zu Kontroversen führte auch die Frage, ob Großkolumbien föderalistisch oder zentralistisch organisiert werden sollte. Hauptgegner einer zentralistischen Lösung waren die Abgeordneten aus den mit der Hauptstadt rivalisierenden Städten Neu-Granadas, die so ihr traditionelles Misstrauen gegen eine Dominanz Bogotás zum Ausdruck brachten. (Vgl. Gartz 1998: 62.) Die zentralistische Lösung hat sich jedoch durchgesetzt. Jetzt ging es darum, bei der Bevölkerung ein nationales, d.h. kolumbianisches, Gemeinschaftsbewusstsein als Basis für das Funktionieren des neuen politischen Systems zu schaffen. Dies wollte man, trotz divergierenden Interessen, bei dem gemeinsamen Interesse von Venezolanern, Neu-Granadinern und Quitenos anzusetzen, um die spanische Kolonialherrschaft endgültig abzuschütteln, da die einzelnen, isoliert durchgeführten Versuche fehlgeschlagen waren.

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Details

Seiten
29
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638511940
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56539
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Schlagworte
Venezuela Jahrhundert Bildung Nation

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Titel: Venezuela im 19. Jahrhundert: Bildung der Nation