Lade Inhalt...

Migrantenkinder - Soziokulturelle Hintergründe, das Integrationsproblem und damit verbundene Aufgaben für Schule und Elternarbeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 23 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Situation von Migrantenkindern in Deutschland
2.1 Das Problem der “Außenseiterfunktion”
2.2 Differente Erziehung und Kultur
2.3 Ethnisch-kulturelle Defizite, Sprachschwierigkeiten,
mangelhafter Bildungsstand und die Schwierigkeit,
mit dieser Basis eine Ausbildungsstelle zu finden
2.4 Bewusste Ab- und ungewollte Ausgrenzung
2.5 Die Angst, nirgendwo mehr “dazuzugehören”

3. Möglichkeiten der Integrationsförderung von Kindern
mit Migrationshintergrund an Schulen
3.1 Im schulischen Bereich: Interkultureller Unterricht
3.2 Im Bereich der Elternarbeit: Sprachkurse für Mütter
mit Migrationshintergrund

4. Schlussbetrachtung

1. Vorwort

Seit wenigen Wochen steht die Presse sprichwörtlich Kopf. Der Grund dafür ist weniger überraschend als erschreckend: Eine Schule im Berliner Stadtteil Neukölln hat kapituliert. In einem offenen Brief an den Berliner Senat eröffneten die Lehrer der Schule, sie fühlten sich der vorherrschenden Situation nicht mehr gewachsen. Sie schilderten in erschütternden Worten ihre Hilflosigkeit und baten ganz offen um Hilfe. Doch was war passiert?

Die Rütli(Haupt-) Schule im Berliner Stadtteil Neukölln unterscheidet sich eigentlich nicht von anderen Schulen “dieser Art”. Sie liegt in einem Stadtteil einer deutschen Großstadt, der fest in “ausländischer Hand “ ist. Viele verschiedene Nationen treffen in diesem “Großstadtghetto” aufeinander, wobei besonders die muslimischen Völker einen Großteil der Migranten ausmachen. Neukölln ist keine sehr begehrte, geachtete Wohngegend. Neben dem starken Ausländeranteil regiert hier die Arbeits-, aber auch die Hoffnungslosigkeit. Harz IV- Empfänger zu sein ist hier eine ganz alltägliche “Berufsausrichtung”. In den tristen Wohnbausiedlungen, den “Blocks”, herrscht eine dumpfe Stimmung. In den Eingängen der Plattenbauten lungern Obdachlose, auf den Straßen geben verschiedene ausländische “Jugendgangs” den Ton an. Selbst die Polizei, die oftmals in dieser Gegend gewalttätige Auseinandersetzungen schlichten muss, meidet einige, berüchtigte Straßen, sofern ihnen dies möglich ist. Hoffnung, diesen Stadtteil zu verlassen und so der allgemeinen Hoffnungslosigkeit zu entgehen, hegt kaum jemand. In dieser Gegend nun erlangte die Rütli-Schule traurige Berühmtheit. Doch was ist es, was sie von anderen Schulen “dieser Art” unterscheidet? Ist es die Tatsache, dass die Schüler ausländischer Herkunft, die immerhin 83,2 Prozent der Gesamtschülerschaft an der Schule ausmachen, generell “Problemschüler” sind? Dass die Schüler so dermaßen voller Frust und Hoffnungslosigkeit sind, dass hier deshalb eine derart hohe Gewaltbereitschaft vorherrscht? Sind sie einfach skrupellos und brutal? Auf Konfrontationskurs mit den Erwachsenen? Oder aber gar mit den für sie “Anderen”, den Deutschen? Machen sie deshalb den Lehrern das Lehren “zur Hölle“? Liegt es daran, dass ihre Mentalitäten einfach nicht mit unserer deutschen Autoritätsauffassung vereinbar sind? Sind sie, die doch größtenteils hier in Deutschland geboren sind, eben doch Ausgeschlossene, die sich gar nicht integriert sehen wollen? Oder sind sie Opfer dieses Systems? Das ihnen eine neue Heimat verspricht, in der sie jedoch nie wirklich als “Heimische” angesehen werden? In der sie immer “Ausländer” bleiben, egal, seit wie vielen Generationen ihre Familie hier bereits lebt? Und ist es wirklich die Schuld dieser Generation von Schülern, dass sie zu wenig in Deutschland Fuß fassen? Oder aber liegt es vielmehr an der älteren Generation, die sich in “ausländischen” Vierteln niederlässt und so kaum Kontakt mit der deutschen “Außenwelt” aufnimmt, sondern lieber in ihrer Sprache ihrer eigenen Kultur nachgehen, ohne Rücksicht auf ihre Kinder, die in dieser “Innenwelt” aufwachsen und die sie damit auf ein “soziales Abstellgleis” verfrachten, das sie kaum je durchbrechen können? Wer wundert sich dann noch darüber, warum solche Schüler keine Lust mehr haben, zu lernen?

Und warum dieser Medienrummel um die Rütli Schule, die doch nur eine von vielen “dieser” Schulen ist? Sie steht mit ihren Problemen sicher nicht allein. Doch ist sie die erste Schule, die offen eingesteht, dass sie dem Problem nicht mehr allein Herr werden kann. Die offen kapituliert. Und die damit unglaubliches Aufsehen erregt. Die Menschen sind verwirrt, schockiert, verängstigt. Wer soll den aus der Misere helfen, wenn nicht geschultes Fachpersonal wie Lehrer? Doch diese stehen scheinbar allein auf weiter Flur. Denn auch mit zusätzlichen Sozialpädagogen ausländischer Herkunft, die die Migrantenschüler in deren Sprache betreuen, auch durch spezielle “Schulungen” über Migration und Interkulturelles Lernen, selbst durch beherztestes Engagement ist es schwer, der Problematik beizukommen, die durch jahrzehntelange (politische) Untätigkeit entstanden ist. Und doch schaut alle Welt auf die Rütli Schule und überhäuft die Lehrer mit Kritik. Und wenn der erste Schockzustand erst einmal vorbei ist? Wenn die Kamerateams vor der Schule abgerückt sind und die Medien so wie die Politiker sich für neue Themen interessieren? Dann gerät das Problem abermals in Vergessenheit- bis eine neue Eskalation die Gemüter erschüttert. Doch wie viele Eskalationen braucht es noch, um endlich der Tatsache ins Auge zu sehen, dass wir so nicht weiter kommen? Wann folgen der langen Worte endlich Taten?

Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, meine Hausarbeit der Problematik “Migrantenkinder” zu widmen. Bereits im Seminar hat mich dieses Thema sehr zum Nachdenken angeregt. Über die Situation der Kinder, die, obwohl doch meist hier geboren, immer stets die “Fremden” sein werden. Weil sie Sprachprobleme haben. Eine andere Kultur. Andere Ansichten. Und eine andere Erziehung. Und darüber, wie man es schaffen kann, dieses dringend notwendige Handeln zumindest auf einer kleinen, und doch elementaren Ebene - dem Unterricht- zu verwirklichen. Denn nur aus kleinen Teilen kann irgendwann einmal ein großes Ganzes entstehen, und wer, wenn nicht die Schule mit ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag, sollte damit beginnen?

2. Die Situation von Migrantenkindern in Deutschland

Nachdem Deutschland bereits über 45 Jahre ein Einwanderungsland ist, leben hier meist schon mehrere Folgegenerationen der ursprünglichen Gastarbeiter, die in den Sechzigerjahren in Deutschland Arbeit suchten und dieses Land zu ihrer neuen Heimat machten. Wo früher hauptsächlich Italiener und russische Einwanderer dominierten, geraten heute hauptsächlich die islamischen Migranten in das öffentliche Interesse. Ihre Zahl wächst ständig, immer mehr Menschen aus islamischen Ländern wählen Deutschland als Wahlheimat. Durch ihr oftmals fremd wirkendes Äußeres (zum Beispiel das Kopftuch) und ihre breit gefächerte Kultur (wobei besonders die Religion und die Geschlechterhierarchie immer wieder Aufsehen erregt) stechen sie besonders in unserer Gesellschaft hervor. In meiner Hausarbeit widme ich mich hauptsächlich diesen Migranten, wobei die türkischstämmigen Jugendlichen als Beispiel für jene Gesamtgruppe der islamischen Einwanderer fungieren soll. Den Kindern dieser (islamischen) Migrantengenerationen wird seit geraumer Zeit vermehrte Aufmerksamkeit zuteil: Besonders seit dem Ergebnis der PISA-Studie, die belegte, dass nirgendwo der Bildungsgrad so stark mit der sozialen und ethnischen Situation verknüpft ist wie in Deutschland, geraten diese Schüler vermehrt in den öffentlichen, aber auch in den pädagogischen Blickwinkel. Ihr Bild in der Öffentlichkeit ist nicht eben positiv, es wird mit zunehmendem Alter sogar immer schlechter. Jugendliche Migranten stellen einen erheblichen Teil der deutschen Kriminalstatistik, sie gelten als Unruhestifter und als bewusst unangepasst: Eine Generation “deutscher Ausländerkinder und -jugendlicher” auf Konfrontationskurs. Doch worin liegt dieses Problem begründet?

2.1 Das Problem der “Außenseiterfunktion”

Die meisten Migrantenkinder, die heute in Deutschland leben, sind hier geboren. Und doch sind sie, trotz des häufig deutschen Passes, keinesfalls “Deutsche” in den Augen der Allgemeinheit. Nach wie vor existieren maßgebliche Vorbehalte in den Köpfen der Menschen, wenn es um Ausländer geht. Sie sind “anders” als wir, sehen nicht nur anders aus, sondern leben auch, obwohl in Deutschland beheimatet, in ihrer eigenen Kultur, die sie meist auch nach außen hin demonstrieren (zum Beispiel durch das Tragen eines Kopftuches oder abendländischer Kleidung). Die Menschen in Deutschland begegnen dieser “Andersartigkeit” mit Vorbehalten und einer deutlichen Distanz. Immer wieder forcieren Negativschlagzeilen und / oder Beispiele des Alltags ein abwertendes Bild des “Ausländers” an sich. Dass Menschen generell unterschiedlich sind, scheint nur dann wirklich ins Bewusstsein zurückzukehren, wenn Migranten in Deutschland ein hohes Maß an sozial erwünschtem Verhalten an den Tag legen. Dann verschiebt sich das Bild in den Köpfen der Menschen kurzzeitig, doch der Eindruck der Fremde und Distanz gegenüber Migranten bleibt bestehen.

2.2 Differente Erziehung und Kultur

“Die” Erziehung gibt es auch in Migrationsfamilien nicht. Auch hier ist es entscheidend, woher die Familie kommt (nicht nur Länder-, sondern auch regionsdifferenzen sind von Bedeutung). Auf türkische Migranten bezogen gibt es zum Beispiel große Unterschiede zwischen den in der Türkei aus den städtischen Gebieten und den aus dem ländlichen Bergland stammenden Familien. Die Familien, die aus dem ländlichen Bergland stammen, sind in der Regel noch Anhänger der traditionellen Großfamilie mit einer starken Hierarchie in Bezug auf Alter und vor allem Geschlecht. Den Vorsitz der Familie hat das Familienoberhaupt, meist der älteste Mann der Familie inne, dem in Altersreihenfolge die jüngeren Männer in der Familienhierarchie folgen. Den Frauen kommt hier eine stark inferiore Position zu. Heimatliche Kultur und Lebensführung spielt hier eine große Rolle. Die aus den städtischen Gebieten stammenden türkischen Familien leben in der Regel bereits in kleineren Familienformen, in denen mehr Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrscht und man in der Regel auch offener gegenüber anderen Kulturen ist.[1] Betrachtet man also infolgedessen die in Deutschland lebenden Migrantenfamilien, so finden sich eben diese Unterschiede auch in hier wieder. Man kann also nicht verallgemeinern, dass in “der” Migrationsfamilie grundsätzlich eine strenge, kulturell orientierte und beschränkte Erziehung vorherrscht, die die kategorische Unterdrückung der Frauen einschließt.

Was jedoch vielen der in Deutschland lebenden, türkischstämmigen Familien gemein ist, ist die stärkere Orientierung an diesen traditionellen Werten, die in der Türkei selbst mittlerweile oftmals sogar als veraltet angesehen werden. Migrationsfamilien halten dagegen jedoch oft gerade daran fest, um sich ein Stück Heimat zu bewahren. So findet man gerade in Deutschland häufiger die strenge, an kulturellen Maßstäben orientierte Traditionserziehung der Kinder vor, als dies in der Türkei selbst der Fall ist. Hier aufwachsende junge Migranten, besonders junge Migrantinnen, haben jedoch gerade damit zu kämpfen. In der Familie vermittelte Werte und Ansichten stimmen so gar nicht mit der gesellschaftlich modernen, freien deutschen Lebensweise überein.

Sie erfahren zuhause eine Erziehung, die auf Strenge, Gehorsam und Unterordnung in der Hierarchie fußt. Sie bekommen kulturelle Werte und Pflichten vermittelt, die zu bewahren und zu leben ihr höchstes Gut sein soll. Dazu gehören neben der obersten Maxime der Erhaltung der Familienehre auch ein überzeugter Nationalstolz und die damit einhergehende Feindesverurteilung, die oftmals durch Körperlich-kriegerische Auseinandersetzungen deutlich gemacht und Heroisiert wird. Kinder mit Migrationshintergrund lernen schnell, diese Maximen auch in ihren Alltag zu integrieren, Konflikte notfalls auch mit der Faust zu bestreiten.[2]

So erzogen und aufgewachsen werden sie dann mit der deutschen Lebensweise, mit der demokratischen und gleichheitlichen Erziehung in den Schulen konfrontiert. Auf einmal sollen sie lernen, sich selbst zu verwirklichen, selbstbewusst zu werden und unter anderem natürlich auch verstehen, dass Junge und Mädchen den gleichen Stellenwert haben. Diese Ansätze sind völliges Neuland für junge Migranten, mit denen sie oftmals erst in der Schule konfrontiert werden. Der Weg der Aneignung jedoch erscheint umso schwerer, da sie zuhause wieder in die traditionellen Rollenmuster schlüpfen müssen- jeden Tag ein Spagat zwischen neu gewonnener Selbstbestimmung und -Verwirklichung - und traditioneller Erziehung, die eben diese Werte nicht berücksichtigt.

[...]


[1] Vgl. Holfort, Friedhelm: Benachteiligung ohne Ende? Zum Problem der sozialen Integration der Kinder ausländischer Arbeitnehmer (Türken) in der Bundesrepublik. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann 1982.. S.20f. (Im Folgenden abgekürzt mit: Holfort.). Sowie Vgl. Faruk, Sen / Andreas Goldberg: Türken in Deutschland. Leben zwischen zwei Kulturen. München: C.H. Beck 1994. S.54f. (Im Folgenden abgekürzt mit: Faruk / Goldberg.).

[2] Vgl. Holtfort. S.25f.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638513180
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56696
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik
Note
1,0
Schlagworte
Migrantenkinder Soziokulturelle Hintergründe Integrationsproblem Aufgaben Schule Elternarbeit Lehren Lernen Kindern Lernvoraussetzungen
Zurück

Titel: Migrantenkinder - Soziokulturelle Hintergründe, das Integrationsproblem und damit verbundene Aufgaben für Schule und Elternarbeit