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Paternalismus und Patientenautonomie - Machtstrukturen in der Gesundheitsberatung

Hausarbeit 2005 11 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Paternalismus im Gesundheitswesen
1.1 Historischer Hintergrund
1.2 Paternalismus vs. Patientenautonomie

2 . Beratung im Gesundheitswesen – Paternalismus oder Patientenautonomie?
2.1 Das Beratungsgespräch
2.2 Fallanalyse

Literaturangaben.

Einleitung

Wenn man über das Gesundheitssystem spricht, nimmt man unwillkürlich immer auch Bezug auf Dienstleister von Gesundheitsleistungen und deren Konsumenten. Im Kontext dieser Hausarbeit möchten wir auf der Ebene der Patienten etc. und Ärzte etc. verweilen und deren Beziehung zueinander darstellen. Dabei werden wir unseren Blick vor allem auf den so genannten „Paternalismus“ und „Patientenautonomie“ konzentrieren, welches in dem Kontext der „Arzt – Patient – Beziehung“ immer zugegen ist. Dies werden wir im Verlauf dieser Hausarbeit anhand eines praktischen Beispieles versuchen zu analysieren. Die Problematik dabei ist, dass der Mensch in der Rolle des Patienten über lange Zeit fremdbestimmt war und damit keinerlei Souveränität im Behandlungsprozess etc. besaß. Nach Dierks et al. (2001) hat sich dies im Laufe der Zeit zum Vorteil des Patienten gewandelt, jedoch sind die alten Strukturen immer noch gegenwärtig. Um einen kleinen Einstieg in die Thematik zu liefern, möchten wir noch eine kurze Definition zum Begriff „Paternalismus“ darstellen:

„Der Begriff Paternalismus entstammt der lateinischen Sprache (pater = vater). Damit wird eine Herrschaftsordnung beschrieben, die im außerfamiliären Bereich ihre Autorität und Herrschaftslegitimierung auf eine vormundschaftliche Beziehung zwischen Herrscher/Herrschern und den Herrschaftsunterworfenen begründet. Als paternalistisch wird eine Handlung bezeichnet, wenn sie gegen den Willen aber auf das Wohl eines anderen gerichtet ist. (…)“[1]

Diese Hausarbeit beruht, so weit nicht anders gekennzeichnet, auf den in der Veranstaltung BHC32 im Wintersemester 2005/2006 von Fr. Dr. Peters und Fr. Tiesmeyer, MPH und den Studenten erarbeiteten Inhalten. Dabei versichern wir, dass diese Hausarbeit zu gleichen Anteilen von uns bearbeitet worden ist, alle wörtlichen Zitate als solche gekennzeichnet wurden und alle relevanten Literaturangaben vorhanden sind.

(Kamil Wrona / 1728750) (Steven Nicolaus / 1730840)

1. Paternalismus im Gesundheitswesen

Der Mensch tritt im Gesundheitswesen in zweierlei Rollendefinitionen auf. Zum einen ist er der Kranke, Patient oder Hilfesuchende und zum anderen ist er der Berater, Arzt oder Helfer, der durch eine erlernte Heilkunst seine Hilfe in Gesundheitsfragen anbieten kann. Dabei muss sich der Hilfesuchende auf das umfangreiche Wissen des Professionellen verlassen können und darf in diesem Zusammenhang auch davon ausgehen, dass dieses Wissen i. d. R. das eigene um Weiten übertrifft. Auch darf hierbei davon ausgegangen werden, dass der Professionelle mit dem Hintergrund des ärztlichen Berufsethos immer im Wohlwollen des Patienten entscheidet und arbeitet. Dies bietet aber auch den Gesamteindruck, dass der Hilfesuchende im Behandlungsprozess keinerlei Autonomie besitzt und sich somit vollständig unter Fremdbestimmtheit bzw. Heteronomie im Sinne der Willensfreiheit befindet. Solch eine Schlussfolgerung ergibt sich dadurch, dass der Patient, wenn er denn autonom handelnd wäre, keinerlei Hilfe in Anspruch zu nehmen bräuchte bzw. in allen Fragen und Aspekten mitreden könnte. Dies würde dazu führen, dass er im Heilungsprozess nicht mehr „unterworfen“ wäre. Dabei muss allerdings darauf hingewiesen, dass Heteronomie auch selbst gewählt sein kann und nicht immer auf einen eingeschränkten Wissensstand zurückzuführen ist. Die Mehrzahl der Hilfesuchenden begibt sich oftmals in einen eigens von Ihnen gewählten Heteronomie – Status, da es oft leichter erscheint unter Fremdbestimmung zu stehen, als autonom zu handeln. Letzteres würde nämlich voraussetzen, dass sich der Hilfesuchende zunächst selbst mit seiner Problematik auseinandersetzen müsste, welches oftmals umgangen wird, da man gern auf andere vertraut (vgl. Dierks et al., 2001). Schon der deutsche Philosoph Immanuel Kant beschreibt diese Problematik der Heteronomie in seiner „Definition über die Aufklärung“, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Hier heißt es u. a. wie folgt:

„(…) Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. (…) Es ist so bequem, unmündig zu sein. (…) so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. (…)“[2]

Ohne dies zu diesem Zeitpunkt weiterführend kommentieren zu wollen, möchten wir dennoch darauf hinweisen, dass wir genau hierzu noch zu einem späteren Zeitpunkt Bezug nehmen werden. Im Vordergrund sollte jetzt nämlich der Paternalismus in seiner geschichtlichen Entwicklung und die daraus resultierende Patientensouveränität bzw. Autonomie stehen.

1.1 Historischer Hintergrund

„Historisch gesehen ist die älteste Rollendefinition zwischen Professionellen im Gesundheitswesen (…) im „benevolenten Paternalismus“ zu sehen.“[3]

„Bene“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „gut“. Die älteste Rollendefinition zwischen Arzt und Patient beschreibt also einen „gut gemeinten-“ bzw. „wohlwollenden – Paternalismus“. Wohlwollend sei dieser, da der Arzt mit dem Hintergrund seines umfangreichen Wissens immer nur das Beste für seinen Patienten wollen sollte. Diese älteste Rollendefinition hatte bis in die 60er Jahre Einhalt und wurde in den 70ern zumindest in der Theorie von einem partnerschaftlichen Modell abgelöst (vgl. Dierks et al., 2001).

„Der Patient wird dazu befähigt, bei medizinischen Entscheidungen als gleich-berechtigter Partner (koproduzierender Konsument) aktiv zu partizipieren.“[4]

Abgelöst von einem partnerschaftlichen Model wurde diese einseitig verlaufende Interaktion nur in der Theorie, da es für Ärzte selbst undenkbar zu sein schien ihre omnipotente Rolle aufzugeben und sich ggf. seinem Patienten unterordnen zu müssen. Daher ist es in diesem Zusammenhang vom besonderer Wichtigkeit zu erwähnen, dass die Heteronomie in der Arzt – Patient – Beziehung nicht wie geglaubt überwunden wurde, sondern sich nach einer These von Schneiderman et al. (1993) und Feuerstein & Kuhlmann (1999) in eine neue Form des Paternalismus gewandelt hat. Diese neue Form kann als „Neo – Paternalismus“ beschrieben werden und beschreibt u. a. die Tatsache, dass die Entscheidung eines Patienten immer auch von der Information beeinflusst sei, die der Arzt einen zukommen lässt. Außerdem ist anzunehmen, dass sich ein „leidender“ Hilfesuchender nach einer Person sehnt, die ihm die Last und Entscheidungen abnimmt, anstatt, dass sich der Patient selbst über seinen Zustand Gedanken macht, übergibt er seine Last. Es kommt in diesem Zusammenhang immer darauf an, was der Patient erwartet und in wie Fern er sich dazu bereit erklärt eine autonome Rolle in der Arzt – Patienten Beziehung einzunehmen oder ob man nicht aus eigenem Willen heraus lieber darauf verzichtet und somit unmündig bleibt. Die Möglichkeit ist heutzutage jedenfalls vorhanden, sich für einen dieser beiden Wege zu entscheiden (vgl. Dierks et al., 2001).

[...]


[1] Online – Enzyklopädie, „www.wikipedia.de“: „Paternalismus“. Online im Internet: WWW: http://de.wikipedia.org/wiki/Paternalismus (15.02.2006)

[2] Kant, I. (1784): Was ist Aufklärung. Online im Internet: WWW: http://www.textlog.de/2335.html (13.03.2006)

[3] Dierks, Marie-Luise et al. (2001): Patientensouveränität. Der autonome Patient im Mittelpunkt. Arbeitsbericht Nr.195. August 2001, S. 7

[4] H. Faller (2003), Heft 64: Empowerment als Ziel der Patientenschulung. Online im Internet: WWW http://www.pabst-publishers.de/Psychologie/psyzeit/pkvr/2003-4/artikel_05.htm

Details

Seiten
11
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638514422
ISBN (Buch)
9783640858576
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v56862
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Gesundheitswissenschaften
Note
2
Schlagworte
Paternalismus Patientenautonomie Machtstrukturen Gesundheitsberatung Strategien Methoden

Autor

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Titel: Paternalismus und Patientenautonomie - Machtstrukturen in der Gesundheitsberatung