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Von Menschen und anderen (Rechts-) Subjekten

Diplomarbeit 2001 189 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Inhalt

Inhaltsübersicht

Kapitel 1
1. Die traditionelle Axiologie und ihre Stützen
1.1 Die „Säule der Gottesebenbildlichkeit“ (I)
1.1.1 Die logische Dekonstruktion von Säule I
1.1.2 Die „tierische“ Dekonstruktion von Säule I
1.2 Die „Säule der Vernunft“ (II)
1.2.1 Die logische Dekonstruktion von Säule II
1.2.2 Die „tierische“ Dekonstruktion von Säule II
1.3 Die Säule des „desengagierten Wertesystems“ (III)
1.3.1 Die logische und „tierische“ Dekonstruktion von Säule III

Kapitel 2
2. Der Bruch mit der traditionellen Axiologie
2.1. Die Theorie(en) von Peter Singer
2.1.1 Exkurs: Das Argument der Ersetzbarkeit oder die Tötungsfrage
2.2 Die Theorie von Jean-Claude Wolf

Kapitel 3
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Der Begriff der pathozentrischen Rechtstheorie
3.3 Wozu eine pathozentrische Rechtstheorie?
3.4 Wieso eigentlich Eigenrechte?
3.4.1 Gegenüberstellung von Rechtssubjekten und Rechtsobjekten
3.4.2 Einblicke ins geltende österreichische Recht - der rechtliche Deckmantel des Schweigens
3.4.2.1 Das Zivilrecht und § 285 a ABGB als rechtspolitisches Ausrufezeichen oder rechtsdogmatische Sinnlosigkeit
3.4.2.2 Das öffentliche Recht und das Recht gewordene Sprichwort
3.4.2.3 Das Strafrecht mit illustren Beispielen um § 222 StGB
3.5 Argument der „ethischen Spirale“ am Beispiel der Menschenrechte.
3.5.1 Der Kreis der Erweiterung: Die Rechte
3.5.2 Der Kreis der Erweiterung: Die Gruppen
3.6 Rechtsdogmatische Argumente
3.6.1 Argument der Interessen
3.6.2 Argument der Gleichheit
3.7 Das rechtspositivistische Argument
3.8 Das Naturrechtsargument
3.9 Das „konsequenter Anthropozentrismus ist im Grunde eigenrechtsbejahend“ Argument
3.10 Umsetzung: Chance oder Fiktion, Praktikabilität oder Untergrabung des 172 Rechts - Bedeutung für Mensch und Tier
3.11 Ein Blick hinter die Tierrechte: weiterführende Theorien

Literaturverzeichnis

Inhaltsübersicht

Eine Einbeziehung der Tiere in die Ethik ist unabdingbar, sie lässt sich nicht nur dadurch bewerkstelligen, dass die bisher der Ethik zugrunde liegende Axiologie erweitert wird, sondern es bedarf einer grundsätzlich neuen Betrachtungsweise. Daraus muss sich konsequenterweise eine andere, neu überdachte Eingliederung und Berücksichtigung der Tiere in unser Rechtssystem ergeben.

Hauptbestreben dieser Arbeit wird es sein, diese These zu untermauern und Möglichkeiten zu diskutieren, welche Art der Tierrechtsentwicklung sinnvoll und erstrebenswert sein kann - ob zukünftig nur durch direkte Tierrechte, also durch Einbeziehung der Tiere in den Kreis der Träger subjektiver Rechte, oder auch durch indirekte Tierechte wie Schutzgesetze oder Haftungsgesetze erreicht werden kann. Der Autor wird dabei die Meinung vertreten, dass sich trotz der daraus resultierenden Probleme, eine langfristige Entwicklung zum „Tier als Rechtssubjekt“ die einzig vernünftige Konsequenz sein kann. Fällt die Entscheidung in die andere Richtung und bleibt so der Grundgedanke des Tieres als Untertan des Menschen, als eine Entität ohne Anspruch auf Grundrechte, wird der Mensch, trotz etwaiger Bestrebungen nach besseren, indirekten Tier - und Naturschutzgesetzen, Gefahr laufen, das generelle Bestreben nach Gerechtigkeit innerhalb der eigenen Spezies Mensch als bloße Farce zu entlarven.

Der Autor vertritt somit die Meinung, dass ein entscheidender, rechtsethischer Fortschritt nicht ohne Berücksichtigung und Einbeziehung anderer Spezies in den universalen Kreis von Grundrechtsträgern erreicht werden kann.

In Kapitel 1 soll versucht werden zu erklären, dass die Säulen, auf die sich unsere traditionelle Axiologie stützt, mehr als nur unzeitgemäß sind und einer kritischen Betrachtung nicht standhalten können. Dies wird einerseits klar, wenn man die Tierforschung berücksichtigt, die modernen, vielfältigen und komplexen Kenntnisse, welche die heutige Wissenschaft zumindest teilweise in Bezug auf nicht menschliches Leben finden konnte, und andererseits die Gründe selbst, deren unkritische, selbstverständliche Betrachtungsweise über Hunderte von Jahren, erst zu einem so selbstverständlichen Umgang mit dem Begriff der „moralischen Berücksichtigung“, welche der Grundstein für eine rechtliche Berücksichtigung ist, geführt hat.1

Auch wenn die Fähigkeiten einzelner Tiere für ihre moralische Berücksichtigung eine entscheidende Rolle spielen, so wird darauf in der folgenden Arbeit nur oberflächlich eingegangen werden. Dies hat 3 Gründe: Erstens würde die detaillierte Betrachtung, welche noch dazu die gesamte Tierwelt erfassen müsste, den Rahmen sprengen. Zweitens hat das verstärkte wissenschaftliche Interesse an den kognitiven Fähigkeiten der Tiere sich zu einer eigentlichen Spezialwissenschaft entwickelt, woraus folgt, dass nur mehr Fachleute kompetente Aussagen über spezielle Tierarten und ihre Fähigkeiten tätigen können. Drittens schließlich, ist eine detailliertere Ausführung der Eigenschaften von Tieren als jene, die diese Arbeit vorlegen wird, für diese auch gar nicht von Bedeutung, da nur aufgezeigt werden soll, dass Tiere andere natürliche Eigenschaften aufweisen als bisher vielfach angenommen, und bereits daraus ein Umsturtz im Gedankengut zwingend folgen müsste. Das sich zukünftig das Wissen über die Fähigkeiten der Tiere rasant erweitern wird, kann nur mittels Hochrechnung aus der exponentialen Entwicklung der letzten zehn Jahre geschlossen und insofern im Hintergrund aller Überlegungen mitberücksichtigt werden. Kapitel 1 ist in diesem Sinne hypothetisch. Es soll nur belegt werden, dass ein Wesen mit der Eigenschaft X das Anrecht auf Y hat, ohne zu untersuchen welche(s) Wesen die Fähigkeit X aufweist(en).

Kapitel 2 wird im Anschluss an die Erkenntnis, dass die traditionelle Axiologie keine Geltung mehr beanspruchen dürfte, bedeutsame Alternativen darstellen, die sich im Umfeld der Tierrechtsbewegung entwickelt haben. Auf zwei gewichtige Entwürfe wird dabei genauer eingegangen werden. Es sind dies die Arbeiten des „Vaters“ der Tierrechte, eines Australiers namens Peter Singer, welcher mit seinen Büchern „Practical Ethics“2 und „Animal Liberation“3 als Missionar der Tierrechtsbewegung gilt; der aber für seine konsequenten Folgerungen aus dem „Präferenz - Utilitarismus“, zu dem er sich bekennt, viele Kritiker auf den Plan gerufen hat, und im Kreise der Moral- und Ethik- Philosophie einen zweifelhaften Ruf genießt. Aus der europäischen Debatte um die Rechte von Tieren möchte ich ebenfalls einen bemerkenswerten Mann, respektive seine Arbeit, näher beleuchten: Jean-Claude Wolf, ein Schweizer Philosoph und ursprünglich „bloß“ Übersetzer von Singers Büchern ins Deutsche. Mit seinem eigenen Buch „Tierethik. Neue Perspektiven für Mensch und Tier“4 hat er sich einen herausragenden Platz im Kreise der bedeutenden Vorreiter um die Rechte von Tieren gesichert.

Eine Analyse, welche Konsequenzen die praktische Anwendung der Theorien von Wolf und Singer mit sich bringen würde, sowie eine Darlegung der wichtigsten Kritikpunkte an ihren Arbeiten, werden den Abschluss des Kapitels bilden.

Schließlich soll Kapitel 3 den Kreis um Moralität und Recht schließen. Es soll darauf eingegangen werden, welche rechtliche Entwicklung für den Fortbestand und das Dasein der Tiere erstrebenswert - weil best möglich - wäre. Es sollen Auswirkungen, Chancen und Gefahren kundgetan werden, wenn eine Entwicklung in naher Zukunft das Tier um seiner selbst Willen schützt. Ein rechtstheoretisches Fundament soll der Rechtsdogmatik zugeführt und zur weiteren Verfügung bereit gestellt werden, welche zukünftig Begriffe wie „Rechtssubjekt“, „Sache“ oder „rechtliche Verantwortlichkeit“ neu und nicht mehr bloß aus anthropozentrischer5 Sicht zu interpretieren haben wird. Die Situation der Rechte von Tieren im österreichischen positiven Recht wird schematisch erörtert werden. Dabei soll nicht genau auf Teilaspekte (= spezielle Problemkreise) aus öffentlichem - und Zivilrecht eingegangen werden, sondern es sollen generelle Umgangs- und Integrationsmöglichkeiten gezeigt werden, welche sich, unter Berücksichtigung des rechtsethischen Anspruchs von Kapitel 1 und 2 und nach systemtranszendenter Betrachtung einerseits verwirklichen lassen und andererseits einem größtmöglichen Respekt vor dem Mitgeschöpf Rechnung tragen. Es soll aber auch der kritische Einwand vieler Gelehrten nicht verschwiegen werden, welche meinen, dass die Eigenrechte keine Lösung seien. Ihre Kritik liegt dahin, dass der Mensch auf Grund seiner Erkenntnisfähigkeit gar nicht in der Lage ist, zu erkennen oder zu wissen, was denn die Bedürfnisse, Interessen etc. nichtmenschlicher Entitäten6 sind (epistemologischer bzw. epistemischer Einwand).

Zusammengefasst kann man mit H. Jonas7 sagen, dass der Mensch (endlich) Verantwortung für Naturgeschöpfe und Naturgüter8 tragen muss, die er zwar zu beherrschen vermag, die aber eine Art Treugut darstellen und somit einen moralischen Anspruch an uns Menschen haben; nicht um unsertwillen, sondern um ihrer selbst willen und aus eigenem Recht.

Kapitel 1

1. Die traditionelle Axiologie und ihre Stützen

Ich werde in diesem Kapitel erklären warum wir die Menschen „etwas“, in diesem Fall nur „jemanden“, als moralisch berücksichtigenswert einstufen. Es sollen die Hintergründe unserer Denkweise beleuchtet werden. Nur so, indem man, wie ich es später tun werde, diese historischen und kulturell stark verwurzelten Strukturen hinterfragt und ihnen die Plausibilität nimmt, kann es gelingen einerseits festzustellen, dass eine neue Axiologie logisch notwendig ist, und dass andererseits diese neue Axiologie Tiere mitberücksichtigen muss. Dies sollte die Basis sein, um zukünftig, in einer Fortbildung des positiven Rechts, Berücksichtigung zu finden.

Ich werde ein 3-Säulen Modell vorstellen auf welchem unser Gedankengut, die Art und Weise wie wir denken, und darum auch letztendlich die Art und Weise unserer Gesetzgebung, beruht. Die erste Säule (I) werde ich als „Säule der Gottesebenbildlichkeit“, die zweite (II) „Säule der Vernunft“, und die dritte (III) „Säule des desengagierten Wertesystems“ nennen.9

Abbildung 1 zeigt, dass unsere Gesetzgebung im Tierbereich auf den oben erwähnten Säulen beruht. Es sei noch erwähnt, dass die Säulen in praxi fließende Übergänge aufweisen und relativ große Teilmengen untereinander bilden. Auch ein gegenseitiger Stützmechanismus der Säulen untereinander muss vorab diagnostiziert werden. Nachdem ich die Säulen nacheinander näher beleuchtet habe, werde ich die Argumente vorbringen, die sie zum Einsturz bringen sollten. Dabei werde ich die Argumente in zwei Kategorien unterteilen. Einerseits rein logische Gegenaspekte, welche die Glaubwürdigkeit der Säulen selbst in Frage stellen, andererseits Argumente von Seiten der Tiere. Die Einwirkung der „logischen“ und der „tierischen“ Argumente sind in Form der Pfeile (P1 und P2) in der Grafik eingezeichnet.

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1 Die „ Säule der Gottesebenbildlichkeit “ (I)

„Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis! Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels, das Getier, die Erde all, und alles Gerege, das auf Erden sich regt. Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich, weiblich schuf er sie. Gott segnete sie, Gott sprach zu ihnen: Fruchtet und mehret euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer! Schaltet über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels und alles Lebendige, das sich auf Erden regt! Gott sprach: Da gebe ich euch alles samensäende Kraut, das auf dem Antlitz der Erde all ist, euch sei es zum Essen, und all dem Lebendigen der Erde, allem Vogel des Himmels, allem was auf Erden regt, darin lebendes Wesen ist, alles Grün des Krauts zum Essen. Es ward so. Gott sah alles, was er gemacht hatte, und da, es war sehr gut. Abend ward und Morgen ward: der sechste Tag.“10

Diese unheilvolle Passage könnte man als den Anfang des Dilemmas bezeichnen. Gott sprach also zu uns, schuf den Menschen nach seinem Ebenbild und forderte ihn auf, sich die Erde Untertan zu machen. Seither ist die christlich-jüdische Tradition geprägt vom Denken, dass es unser Recht, ja sogar unsere Pflicht ist, als Herrscher der Erde zu leben. Von den Kirchenvätern des Mittelalters bis in die Gegenwart verteidigten die Christen und Juden immer wieder die Sonderstellung des Menschen gegenüber dem Tier. Die christliche Einstellung zur Natur als Ganzes bereits fußt in dem hebräischen Glauben, die Natur sei eine Art Feindin, die sich dem göttlichen und menschlichen Willen zu unterwerfen habe. Die Stellung der Tiere ist so gesehen nur eine unmittelbare Folge dieser Auffassung, gekoppelt mit einem ins Wahnsinnige gewachsene Anspruchsdenken, welches das alte Testament ebenfalls bereits vorgegeben hat. Der Erlöser Jesu Christus sei doch schließlich exklusiv in Menschengestallt aufgetreten und deshalb ist er auch als Mensch für die Menschheit gestorben, zum Zwecke ihrer Erlösung allein.11 Die Implikation all dessen, dass der Mensch nämlich allein als Gottes Ebenbild zu betrachten ist, hat, so bemerkt Jörg Weber treffend, „zu [einem] tiefen Graben zwischen der Menschheit und dem Rest der Schöpfung geführt; ein Graben, der nicht als Unglück empfunden wird, sondern als Ausweis der grundsätzlichen Höherwertigkeit betrachtet wird“.12 Man kann ergo dessen getrost sagen, dass das Menschenbild, welches von den Befürwortern unbegrenzten Wachstums getragen wird, fest in der christlich-jüdischen Tradition verankert ist. Es ist aber nicht, oder besser gesagt nicht mehr so sehr die direkte Wirkung kirchlicher Aussagen und Standpunkte, die das Leid der Tiere in unserer Zeit bestimmt. Immerhin fühlen sich (Natur)Wissenschaftler, Techniker, Wirtschaftler und politische Ideologen aber noch immer durch die abendländischen Leitvorstellungen in ihrer triumphalen Einstellung der Tierwelt und der Natur im allgemeinen gegenüber gerechtfertigt.13 Es findet sich im Aufruf Gottes an die Menschen keine Passage, wie denn dieser Weg der Unterwerfung zu beschreiten sei. Eine Moral, nach der Sonne und Mond zu bloßen Beleuchtungskörpern degradiert werden. De facto gibt es im Alten Testament nicht ein Wort, dass man mit Tieren oder Pflanzen gütig umgehen müsse. Mit dem rückständigen Denken und der Aussage, dass sich die Kirche eben noch nicht gewandelt habe, sie noch in alten Traditionen verhaftet sei, ist nicht zu punkten. Sehen wir doch immer wieder, dass es die Kirchenväter mit dem Exklusivrecht „menschliche Würde“ doch nicht so genau nehmen - segnen sie doch mit Begeisterung und großem Eifer so ziemlich alles, was der Mensch geschaffen hat, sei es auch noch so technisch, leblos oder sogar ein schnell vergängliches Götzenbild der Moderne. So verweigerte zum Beispiel 1990 in Deutschland ein Priester zwei Bernhardinern, beide ausgebildete Rettungshunde und Lebensretter in zahlreichen Situationen, den kirchlichen Segen. Richtig erzürnt war die Halterin der Hunde allerdings erst, als sie den selben Gottesdiener eine Woche später am Parkplatz eines Kaufhauses beobachten konnte, wie er würdevoll und mit voller Zustimmung des Vikariats ein Auto nach dem anderen mit Weihwasser beträufelte und das Blech segnete, auf dass es ihre Insassen wohl behütet heimtrage. Die Nachfrage der Frau beim Generalvikariat blieb unbeantwortet. Eine andere Geschichte lässt Zweifel, ob die Kirche selbst nicht genauso von dem „Virus“ der Gottesgleichheit befallen ist, den sie einst in die Welt gesetzt hat und dem sie mit ihrer Lehre den Weg geebnet hat. Als der World Wildlife Fund Papst Pius VI. bat, seine Stimme ex cathedra für die Tiere zu erheben, blieb er stumm. Er erbarmte sich aber immerhin auf eine andere Weise: Er ließ einen Scheck schicken - ein Scheck, der vielleicht als Ablasszahlung für die kirchlichen Sünden an die Tiere gedacht war?!14 15

Die christlich-abendländische Tradition vermittelt seit jeher die Überzeugung, alles drehe sich nur um den Menschen und sei nur zu seinem Zweck und Nutzen da.16 Sie ist der Überzeugung, die menschliche Geschichte habe ihren Sinn in einem ständigen Fortschritt, und noch mehr ist sie der Überzeugung, Gefühle und Unbewusstes sind entweder krankhaft oder nicht wirklich existent.

Die „Säule der Gottesebenbildlichkeit“ ist eine starke Säule, die nicht zuletzt aus der historischen Richtigkeitsvermutung ihre Geltungskraft bezieht. Sie ist jedoch nicht frei von den Zeichen der Abnützung, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Die einst so unüberwindlichen Mauern haben tiefe Risse von den quälenden Fragen jener davongetragen, die es gewagt haben sie zu stellen - Fragen, wie etwa eine Religion der Nächstenliebe einen solchen Menschentyp hervorbringen konnte? Einen Menschentyp, der in der Egozentrik und der Maßlosigkeit seiner Ansprüche einzigartig dasteht und dem es absolut normal erscheint, Tiere und die Erde an sich zu „kaufen“ und in Eigentum zu verwandeln. Der nächste Abschnitt soll zeigen, dass diese erste von drei Säulen nicht nur baufällig geworden ist, sondern schon von Haus aus auf einem sumpfigen, weichen Boden erstellt wurde.

1.1.1 Die „ logische “ Dekonstruktion von Säule I

Grundsätzlich kann man zur Dekonstruktion von Säule I vier unterschiedliche Argumentationslinien verfolgen. Wieder sei erwähnt, dass, obwohl sie hier zwecks besserer Beschreibungs- und Verständnismöglichkeiten getrennt behandelt werden, alle diese Stränge teilweise ineinander übergehen und verschwimmende Grenzlinien aufweisen. Als erstes fällt sicherlich an Säule I auf, dass sie nur auf das Judentum und die Christenheit Anwendung findet. Gegenüber Buddhisten oder Hindus, die eine völlig andere Auffassung vom Wesen des Menschen und seinem Verhältnis zum Tier haben, kann und konnte diese These wohl nie überzeugen. Die ständig transparenter werdende Gesellschaft hat dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen anderweitigen religiösen Orientierungen zuwenden und deren Wertesysteme adaptieren. Vor allem östliche Religionen finden regen Zustrom von Personen der westlichen Industrienationen. Zusammenfassend lässt sich für alle diese Glaubensformen sagen, dass sie es grundsätzlich als moralisch falsch betrachten in die Natur einzugreifen. Es bedarf also einer Rechtfertigung, da man in ihren Augen in etwas Schützenswertes eingreift. Etwas Schützenswertes aber, das um seiner selbst Willen schützenswert ist; sei es weil ein göttliches Individuum innewohnt oder weil es als gleichberechtigter Teil der göttlichen Schöpfung betrachtet wird. Wesentlich dabei ist, dass bei jedem Eingriff fremdes, nicht aber menschliches Recht verletzt wird. Es besteht eine besondere Solidarität mit allem Lebenden, was sich nicht zuletzt in der häufig anzutreffenden Inkarnationslehre zeigt. Wer glaubt, seine Seele könne in einem anderem Leben, in einer Pflanze, einem Tier oder einfach in allem Lebendigen neu zur Welt kommen, der achtet Tiere mehr als jener, der sie als Versuchsobjekte oder Fleischlieferanten ansieht.17 So verwundert es nicht, dass beispielsweise jainistische Mönche Masken tragen um keine Kleinsttiere einzuatmen.18

Ihre Nahrung besteht ausschließlich aus Früchten oder nachwachsenden Pflanzenteilen; schon das Ausreißen von Wurzeln gilt als Verstoß gegen das Tötungsverbot. Eine besondere Erwähnung verdient auch der Glaube der indianischen Kulturen. Jene, die in der Geschichte des weißen Mannes gerne als „Wilde“ bezeichnet wurden, betonten, lange bevor Moses die Gesetze Gottes dem Volke Israels verkündete, die Einheit des Menschen mit sich und dem gesamten Kosmos. Diese Einstellung wurde allerdings durch die Tatsache getrübt, dass in späterer Folge die Indianer Nordamerikas den Biberbestand fast völlig ausrotteten und dafür harte Dollars kassierten.19 Immerhin, auch wenn sich die Indianer nicht permanent als wahre Tierschützer erwiesen, so ist ihre Religion jedenfalls weit mehr als das Christentum getränkt von Respekt vor dem Tier. Der Indianer sieht den „großen Geist“ in allen Dingen. „Jeder Teil der Erde ist heilig“, sagte einst ein großer Indianerhäuptling in einer Rede an den Gouverneur von Texas, der ihn aufforderte „sein“ Land zu verkaufen; „[...] jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jedes summende Insekt“.20 Dass sich viele Menschen nicht oder nicht mehr der christlich-jüdischen Tradition verbunden fühlen ist eine Sache, dass sie sich aber, selbst wenn sie sich selbst dazu bekennen, nicht mehr verpflichtet fühlen, die moralischen Lehren dieser Kirchen und ihrer Evangelien zum einzigen Maßstab ihres persönlichen Handelns machen - und damit zu Punkt 2 - ist eine andere.

Kirche und Individuum haben sich voneinander entfernt. Ein Wandel im Denken, eine Umorientierung vom Jenseits ins Diesseits und wachsendes Kritikbewusstsein ließen den Einfluss der Kirchen an sich schwinden. Eine Trennung von Kirche und Staat ging einher, sodass auch die Furcht vor dem organisierten Zwang, der früher von der Kirche ausging und der Jahrhunderte lang die lokale Bevölkerung gefügig machte, weggefallen ist. Die Kirche schaffte es immer weniger, ohne diesen Instrumenten der Macht, den Menschen ihre Werte zu vermitteln, zumal auch die bereits oben erwähnte Transparenz der Gesellschaft immer tiefere Einblicke in die „wahren“ Werte der Kirche gewährt. Es ist verständlich, dass immer weniger Menschen an die Institution Kirche glauben´, wenn sie erfahren, dass die Kirche nicht nur alle Tabus gebrochen hat, welche sie selbst gepriesen hat, sondern sich im Laufe ihres Bestehens als der größte Kriegsherr, der beste Spion oder der hartnäckigste Saboteur des Fortschritts in der Menschheitsgeschichte entpuppt hat21 - um nur die Tatsachen zu nennen, die nicht mit den Auswüchsen der Kirche in teilweise groteske Vereinigungen untergegangen sind.

Ein weiterer Kritikpunkt der „Säule der Gottesebenbildlichkeit“, der Hand in Hand mit dem Niedergang der Kirchen einhergeht, ist der Siegeszug der Naturwissenschaften. Der Mensch bekam durch sie völlig neue Perspektiven; die Biologie, die Physik, die Medizin, die Chemie und alle ihre neuzeitlichen Formen lieferten Antworten auf Fragen, die zuvor nur die Kirche zu geben vermochte. Die Menschen erkannten, dass es plausibler war zu glauben Kinder würden sterben, weil sich ihre Ärzte nicht wuschen und dadurch Krankheitskeime übertrugen, als dass die Kinder vom Teufel besessen seien oder weil Gott es einfach so gewollt hätte; noch dazu kam, dass sie die Erreger plötzlich mit Hilfe der modernen Technik auch sehen konnten. Kurz und gut, die modernen Naturwissenschaften tragen nicht länger das „mechanistische Weltbild“.22 Mensch und Natur sind eine Einheit. Nicht getrennt in Geist, Seele und Körper, Umwelt, Mensch und Tier und so weiter. Zum Schutz der Geisteswissenschaften und allen voran der Philosophie, die sich als Urheber dieses Weltbildes zu „outen“ hätte, welches zeitweise auch die Naturwissenschaften geprägt hat, ist zu sagen, dass es im Laufe der Geschichte immer wieder Denker gab, die in ihren Ansätzen betonten, dass der Mensch und die Natur eins seien, und er solle sich so verhalten „[...] wie es der Würde und Wesenheit der Natur gemäß sei.“23 Außer diesem hier zitierten Christian Friedrich Krause, sind unter anderem Schopenhauer, der die Menschen für die Teufel der Erde hielt und die Tiere für ihre geplagten Seelen, und damit zum großen Gegenspieler von Immanuel Kant in der Frage der Tierethik avancierte, Peter Kropotkin, der die gegenseitige Hilfe (implizit auch die Hilfe für die Natur) zum „Universalgesetz allen Lebens“ machte24 oder Voltaire als Kritiker von Descartes, zu erwähnen. Ich werde auf die Philosophie und ihre Wirkung auf die Axiologie später noch genauer eingehen. Obwohl es ein schwieriger Weg war, bis sich die Wissenschaft vom mechanistischem Weltbild abgewendet hat, war es doch nur eine Frage der Zeit. Sonst hätte man vielleicht irgendwann an der Aufgabe der Wissenschaft, stets nach der Wahrheit zu suchen, zweifeln müssen. Dem war nicht so. Anhand der Erkenntnisse von Physikern wie Einstein und Heisenberg wurde bewusst, dass der Mensch nur Teil des Ganzen ist. Sie führten den Beweis, dass Geist und Materie nicht zu trennen sind und raubten damit dem menschlichem „Krone-der-Schöpfung-Wahn“ die Grundlage.25 In jüngster Zeit mehren sich auch die Beweise von Seiten der Neurobiologie. Die chilenischen Neurobiologen Maturana und Varela belegten die Vermutung, Geist und Materie, Subjekt und Objekt wären untrennbar.26

Die Konklusio aus den vergangenen Jahrzehnten der Wissenschaft führt, wie auch alle anderen hier genannten Punkte in eine Richtung, bei der es immer schwerer fällt, an die Substanz von Säule I zu glauben. In Wirklichkeit verfügen wir, wie es scheint, nur deshalb über Bewusstsein und Intelligenz, weil die Möglichkeiten von Bewusstsein und Intelligenz in dieser Welt von Anfang an angelegt waren und nachweisbar sind. Auch die heilige Mutter Kirche scheint in ihrer grenzenlosen Weisheit und Allwissenheit mittlerweile davon Wind bekommen zu haben. In jüngster Zeit mehren sich - und damit zum letzten Punkt - die Stimmen von Theologen selbst gegen den Anthropozentrismus. Die Kirche scheint sich an kluge Brüder aus vergangenen Zeiten zu erinnern. „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt aller Kreaturen“, sprach Luther27 und blieb nicht allein. Trotzdem ließ die Vergangenheit Personen wie Luther oder dem heiligen Franziskus, die eine Versöhnung zwischen dem Evangelium und der Achtung von Tieren suchten, nicht viel Platz. So soll Franziskus etwa nur deshalb nicht vom römischen Establishment ausgelöscht worden sein, weil man sein revolutionäres Gedankengut für naiv und vor allem für potenziell nicht gefährlich hielt. In jüngster Zeit aber mehren sich Kritiker innerhalb der Kirche und finden zunehmend Gehör. Ein grundlegender Schritt war zum Beispiel der Versuch, Genesis 1,28 neu übersetzen zu lassen. Es stellte sich dabei heraus, dass eine der wichtigsten Passagen falsch übersetzt worden sein könnte. „[...] machet euch die Erde Untertan [...]“ enthält das hebräische Wort „ We ´ Chiwschua “ und gerade dieses könnte nach dem Theologen Alfons Auer auch „den Fuß auf etwas stellen“ heißen, obwohl es bisher häufiger mit „untertan machen“ übersetzt wurde. Mit ersterem meinten die Hebräer aber „Die Hand auf etwas legen“, also schützen. Danach wäre Genesis 1,28 mit der despotischen Herrschaft über die Erde unvereinbar.28 Diese und zahlreiche weitere Interpretationen29 zeigen: Das alte Testament ist nicht so tier- und ebenso wenig naturfeindlich, wie viele Kritiker annehmen. Als weitere Beispiele wären ” die Arche, bevölkert mit Tieren oder die Einbeziehung der Tiere in die Sabbattruhe, sowie die Verschonung der Stadt Ninive, ausdrücklich auch um der Tiere Willen zu nennen.30 Einer, der sich schon vor Neuerungen dieser Art nicht mit der Tatsache einer Kluft zwischen Tierschutz und christlichem Glauben abfinden wollte ist Dr. Stefan Schwarz, Pfarrer in Thun-Strättligen. Er hat sich eingehend mit verschiedensten Textstellen befasst hat und in einer Art systematisch-historisch-teleologischen Gesamtinterpretation zu folgendem Urteil gekommen ist: „[Es] können nicht einzelne Bibelstellen isoliert betrachtet werden. Und ebenso wenig darf von der Wirkungsgeschichte einzelner Bibelstellen auf ihre eigentliche Bedeutung geschlossen werden. Es ist eine Zusammenschau der einzelnen Aussage über das Verhältnis von Mensch und Tier notwendig, und die Bibelstellen müssen in ihrem Zusammenhang verstanden werden. Tatsächlich interessieren sich die Texte der Bibel zentral für den Menschen, genauer: für den Menschen vor Gott. Doch löst der biblische Anthropozentrismus den Menschen gerade nicht aus seinem Schöpfungszusammenhang heraus, sondern betrachtet ihn - wie alle anderen Kreaturen auch - primär als Geschöpf Gottes, siehe etwa: „Verlasset euch nicht auf Fürsten, nicht auf den Menschen, bei dem doch keine Hilfe ist. Fährt sein Odem aus, so kehrt er wieder zur Erde, und alsbald ist es aus mit seinen Plänen.“ (Ps. 146.3ff) „Wenn du dein Angesicht verbirgst, erschrecken sie; nimmst du ihren Odem hin, so verscheiden sie und werden wieder zu Staub. Sendest du deinen Odem aus, so werden sie geschaffen, und du erneust das Antlitz der Erde.“ (Psalm 104,29f) „Ich dachte bei mir selbst: Der Menschenkinder wegen, sie zu prüfen, hat Gott es so gefügt, damit sie sehen, dass sie nicht mehr sind als das Tier. Denn das Geschick der Menschenkinder ist gleich dem Geschick des Tiers; ein Geschick haben sie beide. Wie dieses stirbt, so sterben auch jene, und einen Odem haben sie alle. Der Mensch hat vor dem Tier keinen Vorzug. Denn alle gehen an einen Ort; alle sind sie aus Staub geworden, und alle werden sie wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschenkinder emporsteigt, der Odem des Tieres aber hinabfährt zur Erde?“ (Pred. 3,18 - 21) - Die Gemeinschaft aller Kreaturen als Geschöpfe Gottes ist daher die grundlegendste Aussage der Bibel, und von ihr aus müssen alle anderen Bibelstellen interpretiert werden. Damit denkt die Bibel - um einen modernen Begriff zu verwenden - zutiefst ökologisch! Nach dem Zeugnis der Hebräischen Bibel, dem sogenannten Alten Testament, nimmt der Mensch innerhalb der Schöpfungsgemeinschaft zwar eine Sonderstellung ein: Er ist mit "Gottesbildlichkeit" beschenkt. Hinter dem Begriff steht die altorientalische Vorstellung vom König als dem Stellvertreter Gottes auf Erden, allerdings mit der bedeutsamen israelitischen Modifikation, dass jeder Mensch vor Gott als sein Stellvertreter gemacht ist. Die Herrschaft des Menschen über die Tiere wird in 1. Mose 1,26 in Analogie zum Herrschen des israelitischen Königs gesehen, der in seinem Volk für das (Leben-)Recht aller zu sorgen hat. Diese Gottesbildlichkeit des Menschen ist aber nicht dadurch bestimmt, dass er von seinem Wesen her in einer Rangordnung der Geschöpfe "wertvoller" wäre als die übrigen Geschöpfe Gottes. Der Mensch hat seine Würde (Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; als Mann und Weib schuf er sie. 1. Mose 1,27), aber auch jedes andere Lebewesen hat seine eigene Art und Würde (Die Erde ließ sprossen junges Grün: Kraut, das Samen trägt nach seiner Art, und Bäume, die Früchte tragen, in denen ihr Same ist, je nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war / Gott schuf die großen Seetiere und alles, was da lebt und webt, wovon das Wasser wimmelt, und alle geflügelten Tiere, ein jegliches nach seiner Art. und Gott sah, dass es gut war / Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebende Wesen: Vieh, kriechende Tiere und Wild des Feldes, ein jegliches nach seiner Art! Und es geschah also. 1. Mose 1,12/21/24). Krone der Schöpfung ist nicht der Mensch als letztes Geschaffenes, sondern Gottes schöpferisches Zur-Ruhe-Kommen: der Sabbat (1 Mose 2.1 - 3; Also wurden vollendet der Himmel und die Erde mit ihrem ganzen Heer. Und Gott vollendete am siebenten Tage sein Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebenten Tage von all seinem Werke, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn; denn an ihm hat Gott geruht von all seinem Werke, das er geschaffen und vollbracht hat!). Deshalb hat der Mensch keinen Grund zur Überheblichkeit gegenüber seinen Mitgeschöpfen, sondern drückt eine Funktion aus: der Mensch ist in Auftrag genommen, durch den Dienst an seiner Mitschöpfung in seinem Dasein Gott auf der Erde erscheinen zu lassen, als dessen Stellvertreter (Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre. 1.Mose 2.15: Das hebräische Wort für "bebauen" bedeutet ebenfalls "dienen"!). Der biblische Realismus weiß, dass der Mensch der Aufgabe, die mit dieser Begabung verbunden ist, faktisch nicht nachkommt, seine Gottesbildlichkeit vielmehr pervertiert (er kann Gott nicht vertreten sondern ersetzt ihn, vgl. 1. Mose 3,5) und dadurch seiner Mitschöpfung zum Verderben wird: Wegen der "Sünde" des Menschen ist der Erdboden verflucht (1. Mose 3,17 - 19), entsteht Feindschaft zwischen Mensch und Tier (1. Mose 3.15) und müssen Tiere ihr Leben lassen für den Menschen (1. Mose 3.21). Der "Sündenfall" ist weder ein ethisches Programm (das soll der Mensch tun) noch ein historisches Datum (das hat der Mensch einmal getan), sondern mythologisch verdichtete Reflexion darüber, wie die Krisen der faktischen Welt zu allen Zeiten zustande kommen. Darum hofft die Hebräische Bibel auf den Neuen Menschen (z. B. Jeremias 31.33; Ez.36,26). Deshalb auch ist ihre Sicht eben anthropozentrisch! Zieht nämlich der Mensch mit seiner "Sünde" seine ganze Mitschöpfung in Mitleidenschaft, so begründet die von der Bibel erhoffte Neuwerdung des Menschen umgekehrt auch Segen für die ganze Schöpfung. Das Neue Testament ist das Zeugnis davon, dass dieser erhoffte neue Mensch in Jesus aus Nazareth erschienen ist. In seiner Person und in seinem Wirken ist er außerdem "Symbol" für Gottes Liebe zu seinen Geschöpfen überhaupt. So sagt etwa der bekannte Johannesprolog in mythologischer Sprache, dass der Grund der ganzen Schöpfung, nämlich die Liebe ihres Schöpfers zu ihr (der göttliche "Logos"), in Jesus Christus selber Geschöpf geworden ist (Johannes 1,1-18). Diese "Geschöpfwerdung Gottes" bringt zum Ausdruck, dass die Schöpfung theologisch nicht von ihrem Schöpfer getrennt werden darf, dass Gott zu der Schöpfung - gerade in ihrem Leiden! - vielmehr in engster Beziehung steht. Geschöpfsein heißt nach diesem Verständnis von Gott, durch Gott und in Gott sein. Dadurch erhält also auch jedes Tier, vom Regenwurm bis zum Menschenaffen, unbedingten Eigenwert, Lebensrecht und Würde! Der Johannesprolog ist eine andere, nämlich von Christus her denkende Fassung des alttestamentlichen Schöpfungsberichts. Wo nun wird diese sehr abstrakt anmutende Aussage erfahrbare Wirklichkeit? Im neuen Menschen! - zuerst in Jesus und dann in seinen Nachfolgern und Nachfolgerinnen: in seiner Gemeinde, welche ja sein Auferstehungsleib ist (vgl. z. B.. 1. Kor. 12,27): Jesus aus Nazareth hat auf Golgatha die Folgen der Verwerfung seiner Botschaft von der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung erlitten. Das Kreuz ist Symbol dafür. Aber seine Auferstehung an Ostern bedeutet nichts anderes, als dass der Mensch, der in der Kraft seines Geistes dazu bewegt wird, Gott in dieser Welt erscheinen lässt, so wie es eben seine ureigenste Aufgabe wäre (1. Mose 2,15). Dieser neue Mensch verhält sich ethisch, er dient dem Leben in all seinen Formen. So kann Albert Schweitzer schreiben: "Die Ehrfurcht vor dem Leben ist die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe. Sie ist die als denknotwendig erkannte Ethik Jesu." die jüdisch christliche Hoffnung auf eine Vollendung unserer Welt (z. B. die Vision des Propheten Jesaja in Jes. 11,1-10, welche die Wiederherstellung des Grabens zwischen Mensch und Tier in Aussicht stellt) ist daher aufs engste mit diesem neuen Mensch-Sein verknüpft (Röm. 8,19 - 23!)“31 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die neuere Theologie die Vergessenheit um das Tier zu beheben versucht. Auch wenn bis zum heutigen Tage die Kirche zum Großteil einen gemäßigten, aber doch soliden Anthropozentrismus vertritt, ist die Einsicht, dass „der Mensch eine von Gott gegebene Verantwortung gegenüber Tieren und Pflanzen“32 hat, eine für die Kirche radikale Neuinterpretation des Mensch-Natur-Gott-Verhältnisses. Auch in Deutschland verkündete das Kommissariat der deutschen Bischöfe: „Beim Wahrnehmen der Verantwortung,[...] darf sich der Mensch nicht allein an seine eigenen Interessen orientieren [...].“ So solle eine „anthropozentristische Engführung“33 vermieden werden. Auch die Kirche selbst also, in Erkenntnis ihres Jahrtausende langen Irrweges, nagt mittlerweile an der Säule, die sie selbst geprägt hat.34 Auch wenn Stallweihen in Oberbayern dieser Tage, angesichts der Tatsache, dass die Rinder, welche mitgesegnet werden, ob des Planes der EU zur Vernichtung von vier Millionen dieser Geschöpfe zur „Marktbereinigung“, bald zu effizientem Brennstoff (der Heizwert liegt nahe dem von Braunkohle, Anm. des Autors) verarbeitet werden, eine doch etwas zynische Geste der Kirche sind, um es vorsichtig zu formulieren - die Zeremonie der „letzten Ölung“ wäre wohl mehr angebracht.35

Der letzte Punkt dieses Abschnitts bildet gleichzeitig einen fließenden Übergang zum nächsten. Es soll darin gezeigt werden, dass, auch von der Seite der Tiere aus betrachtet, erhebliche Zweifel über die Substanz der „Säule der Gottesebenbildlichkeit“ geäußert werden müssen. Auch auf diesem Gebiet lieferte eine naturwissenschaftliche Theorie den Anstoß, die herrschende Axiologie grundlegend zu überdenken.

1.1.2 Die „ tierische “ Dekonstruktion von Säule I

Wenn die Geltung der Doktrin von der Gottesebenbildlichkeit schon infolge der oben genannten Gründe geschwächt erscheint, so verfällt sie weiter, wenn man sie mit den Erkenntnissen einer epochemachenden wissenschaftlichen Theorie konfrontiert. Diese erschütterte die Doktrin so sehr, dass man sich fragen muss, ob sie dieses Beben überstehen wird, ja kann. Dass diese Erschütterung von vielen Vertretern der traditionellen Axiologie bis heute kaum wahrgenommen wird, ändert nichts an der grundsätzlichen Herausforderung und der systematischen Sprengkraft. Diese, das traditionelle Wertegefüge radikal in Frage stellende Lehre, ist die von Charles Darwin formulierte Evolutionstheorie.36 Ihr Inhalt und ihre Wirkungsgeschichte werden kurz umrissen werden, um dann ihre systematische Bedeutung für Säule I zu erörtern.

Es ist ein Phänomen, dass die moralischen Implikationen auch einhundertfünfzig Jahre nach Entdeckung dieser fundamentalen Gesetzmäßigkeit in der Natur alles andere als einheitlich betrachtet werden. Die Palette der Meinungen reicht von der Ansicht, die Theorie habe keinerlei Relevanz für die Ethik bis hin zu der These, sie sei die Grundlegenste, alle Lebensbereiche neu deutende Theorie der Menschheitsgeschichte. Jean-Claude Wolf bemerkte zurecht, dass ihre Bedeutung entweder unter- oder überschätzt wird.37

Die Kernthesen der Evolutionstheorie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Neue Arten von Lebewesen entstehen durch das Zusammenspiel von zwei Wirkkräften, nämlich einerseits der Variation und andererseits der Selektion. Jede Art setzt in geometrisch ansteigender Form Nachkommen in die Welt, d.h. ihre Zahl übersteigt mit der Zeit zwangsläufig die Zahl der Mitglieder, die in einem gegebenen Umfeld genügend Ressourcen zum Überleben vorfinden. Da nun nicht alle Nachkommen überleben können, entscheiden kleine Variationen in den Körpermaßen, Sinnesleistungen oder kognitiven Fähigkeiten über Leben und Tod. Unter dem Druck des beschränkten Nahrungsangebotes, des begrenzten Raumes und anderer limitierter Ressourcen, überleben diejenigen, welche sich besser als andere Mitglieder an die vorgefundene Lebenswelt adaptieren. Die Nachkommen wetteifern - allerdings meist ohne sich dessen bewusst zu sein - um das Lebensnotwendigste, das ihnen ihre Umwelt bietet. Über die immensen Zeiträume, in denen aus der Nachkommenschaft immer diejenigen überleben, die bestimmte Vorzüge aufweisen, kommt es über die Generationen zu einer Akkumulierung von Eigenschaften, die für ein Überleben in einem bestimmten Raum vorteilhaft sind. Unter geeigneten Umständen - zum Beispiel der räumlichen Separation - findet eine Trennung statt und die beiden Gruppen setzen ihre Nachkommen fortan unabhängig voneinander in die Welt. So getrennt adaptieren sie sich an die jeweilige Umwelt und entwickeln sich mit der Zeit so unterschiedlich, dass sie keine gemeinsame Nachkommenschaft mehr zeugen können, die ihrerseits zeugungsfähig wäre.38 Die Natur übernimmt nach Darwins Lehre die gleiche Funktion wie ein Züchter, der die Ausbildung gewisser Eigenschaften durch die Vererbung und fortlaufende Eliminierung ungünstiger Abweichungen fördert. Der Unterschied liegt aber darin, dass die Natur ohne planende Voraussicht vorgeht. Welche Eigenschaft sich zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort durchsetzt, ist nicht abzusehen. Darwins „survival of the fittest“ darf, wie Flury richtigerweise bemerkt, nicht mit dem “Überleben des Stärkeren” gleichgesetzt werden.39 Es ist die beste ökologische Nische, die noch von keinem anderen Lebewesen genutzt wird, welche die beste Aussicht auf Überleben bietet.40

Die Radikalität der Theorie Darwins, wie sie soeben beschrieben wurde, ist furchteinflößend. Sie kommt ohne Mystik aus und ist mit der christlichen Schöpfungsgeschichte nicht zu vereinen. Nicht einmal dann, wenn man, wie es die Kirche im Laufe der Zeit immer wieder versucht hat, den Schöpfungs“bericht“ nur als sinnbildlich, lehrreiche und symbolträchtige Erzählung versteht. Das entscheidende Postulat einer Theologie besteht nämlich darin, dass sich ihre Metaphern zumindest teilweise auf echte, wahrhaftfähige Behauptungssätze vom Typus „Gott existiert“ oder „Gott ist der Schöpfer“ zurückführen lassen.41 Zur Gültigkeit der Evolutionstheorie bedarf es eines solchen „Legislateurs“ im Rousseau´schen Sinne nicht. Sie gibt anstelle des mythischen Schöpfungsberichts eine dramatische und ebenso grandiose Sicht der Geschichte des Lebens, die sich ganz ohne Bezugnahme auf einen Schöpfungsplan oder eine göttliche Vorsehung erklären lässt. Ein Ausspruch von Darwin lautet, der Begriff des Menschen sei „von Tieren erschaffen“, und dies widerspreche der anmaßenden Vorstellung, wir seien ein „großartiges Werk“.42

Darwins Theorie ist zumindest in der Richtung eindeutig. Sie widerlegt zweifelsfrei, dass es einen kategorischen Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt . Dieser ist aber wesentlich, rechtfertigen wir doch Unrecht an Tieren meist mit solch einer kategorischen Stufenordnung des Seins, die natürlich zugleich eine Werthierarchie ist. Der Aspekt der Subordination in der Schöpfungsgeschichte ist mithin der relevante Unterschied zwischen der Tötung von Tieren und Menschen. Gleiches gilt für ihre Misshandlung, der Beraubung ihrer Freiheit oder jeder Art der Geringschätzung, die von uns Menschen ausgeht. Obwohl den meisten Zeitgenossen dieser metaphysische Hintergrund nicht bekannt ist, bildet die kategoriale Unterscheidung zwischen Mensch- und Tiertötung gleichwohl einen Bestandteil des „common sense“ - sie ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Angesichts solcher Grundlagen muss man sich die Frage stellen, warum nicht längst schon die Ethik und die Moralphilosophie die Folgen dieser Theorie adaptiert haben und sie damit als Basis für unser Rechtsverständnis verwendbar gemacht haben. Warum ist uns nicht die Vorstellung, dass wir, betrachtet aus der Sicht eines Außerirdischen, nicht mehr sind als ein Zweig im Evolutionsbaum, mittlerweile genauso einleuchtend, wie es jene von der „Krone der Schöpfung“ ist? Oder kann, vielmehr soll man aus einer wissenschaftlichen Theorie keine Schlüsse für unser Moralverständnis ziehen? Wenn dem so ist, dann ist die Auswirkung auf Säule I nur von theoretischem Wert. Bevor ich die Gründe vorstelle, die hauptverantwortlich für das Schattendasein der Darwin´schen Theorie, welches sie noch immer fristet, sind, sollten wir auf die Meinung des Begründes selbst achten. Darwin hatte nämlich wohl geglaubt, dass man aus der wissenschaftlichen Erforschung des Ursprungs des Menschen auch etwas über die Moral lernen kann. Das dritte Kapitel seines bedeutenden Werkes „Die Abstammung des Menschen“ ist ein ausführlicher Aufsatz über die Moral. In diesem Kapitel äußert sich Darwin unter anderem über das Wesen der Moral, ihre biologische Grundlage, das Ausmaß unserer moralischen Pflichten und die Aussichten auf einen moralischen Fortschritt. Es ist die Arbeit eines moralischen Visionärs und eines Mannes der Wissenschaft. Besonders beeindruckend ist, was Darwin über den moralischen Fortschritt sagt. Demnach sind wir moralische Wesen, weil die Natur uns mit sozialen Instinkten ausgestattet hat, die uns veranlassen, uns um das Wohlbefinden anderer zu sorgen. Die sozialen Instinkte werden selbstverständlich durch die natürliche Selektion wie fast alle unsere Merkmale erzeugt. Zunächst reichen die Auswirkungen der sozialen Instinkte allerdings nicht sehr weit. Wir sorgen uns nur um unsere nahen Verwandten und um diejenigen, von denen wir erwarten dürfen, dass auch sie uns helfen werden. Zu einem moralischen Fortschritt kommt es im Laufe der Zeit, wenn diese sozialen Instinkte immer weiter ausgedehnt werden und wir beginnen, uns um das Wohlbefinden einer immer größeren Zahl unserer Mitgeschöpfe zu kümmern. Die höchste Stufe der Moralität ist erreicht, wenn die Rechte aller Geschöpfe ohne Ansehung ihrer Rasse, ihre Intelligenz oder sogar ihrer Spezies in gleicher Weise geachtet werden.43

„Endlich werden die sozialen Instinkte, welche ohne Zweifel von Menschen ebenso wie von den niederen Tieren zum Besten der ganzen Gemeinschaft erlangt worden sind, von Anfang an den Wunsch, seinen Genossen zu helfen, und ein gewisses Gefühl der Sympathie in ihm anregt, ihn aber auch dazu veranlasst haben, ihre Billigung und Missbilligung zu beachten. Derartige Antriebe werden ihm in einer sehr frühen Periode als eine rohe Regel für Recht und Unrecht gedient haben. Aber in dem Maße, wie der Mensch nach und nach an intellektueller Kraft zunahm und in den Stand gesetzt wurde, die weiter entfernt liegenden Folgen seiner Handlungen zu übersehen, wie er hinreichende Kenntnisse erlangt hatte, um verderbliche Gebräuche und Aberglauben zu verwerfen, wie er, je länger, desto mehr, nicht bloß die Wohlfahrt, sondern auch das Glück seiner Mitmenschen ins Auge fassen lernte, wie in Folge der Gewohnheit, dieser Folge wohltuender Erfahrung, wohltätigen Unterrichts und Beispiels, seine Sympathien zarter und weiter ausgedehnt wurden, sodass sie sich auf alle Menschen aller Rassen, auf die schwachen, gebrechlichen und anderen unnützen Glieder der Gesellschaft, endlich sogar auf die niederen Tiere erstreckten - in dem Maße wird auch der Maßstab seiner Moralität höher und höher gestiegen sein.“44 Charles Darwin selbst war ergo der festen Überzeugung, dass seine wissenschaftlichen Erkenntnisse gewichtige Konsequenzen für das Menschenbild auswiesen. Die an ihn oft gestellte Frage, ob dem Menschen in der Evolutionstheorie eine besondere Stellung zukäme, gab er stets eine verneinende Antwort. Weiters glaubte er fest daran, trotz des Dilemmas, welches sich ihm angesichts der Tatsache bot, dass seine Frau streng religiös war und ihn zeit seines Lebens zu „bekehren“ versuchte, dass die jüdisch-christliche Religion die Schmerzen und Leiden der Tiere nicht erklären kann. Die Leiden der stummen Kreaturen würden sich seiner Meinung nach nicht sinnvoll in die Konstruktion von Schöpfung und Sündenfall integrieren lassen. Darwin hob aber auch stets seine Theorie von einer Weltanschauung ab. Andere taten dies nicht und übertrugen die Selektions- oder Deszendenztheorie Darwins auf den Gesellschafts- und Sozialprozess. Sie zogen anders als Darwin selbst, der diese Entwicklung zu seinem Leidwesen teilweise noch verfolgen musste, aus der Naturwissenschaft direkte moralische Folgerungen. Diese Entwicklung, welche in der neueren deutschen Geschichte vor allem über rechtsradikale Ideologien wirksam geworden ist und somit die Katastrophe des 2. Weltkrieges mitsamt dem Holocaust mitverursacht hat, wird Sozialdarwinismus genannt. Sie ist Hauptgrund dafür, dass die Evolutionstheorie und Ethik ein oftmals gespanntes Verhältnis aufweisen.45 Den Beginn setzte die Billigung sozialer Härten, die als notwendiges Mittel zur Erreichung des angestrebten Zieles, der Durchsetzung des Tüchtigsten, erkannt wird. Dieses Selektionsprinzip, welches zum Beispiel von E. Haeckel noch sehr allgemein verstanden wurde, wird wenig später mit den sozialethischen Anliegen einer biologischen Prävention verbunden, welche das Ziel verfolgt, die Überlebenschancen künftiger Generationen zu steigern. Diese Art präventiver Sozial- bzw. Rassenhygiene, die sich programmatisch gegen die Sozialfürsorge Einzelner wendet, wurde unter anderem von W. Schallmayer und A. Ploetz vertreten. Bei ihnen umfasst der Begriff Rasse aber noch wie im englischen Ausdruck „human race“ das ganze Menschengeschlecht im Sinne einer über Generationen lebenden Gesamtheit von Menschen. Durch die Verbreitung der Rassenideologien des 19. Jahrhunderts, wie sie von J.A. Gobineau und H.St. Chamberlain vertreten wurden, kam es in Folge zu einer rassenanthropologischen Verengung des Sozialdarwinismus. Mittels fragwürdiger, inadäquater und willkürlicher Kriterien wurden Bevölkerungsgruppen als miteinander im Kampf liegende Rassen stilisiert. In diesem Kampf ums Dasein sollte der arischen Rasse die Zukunft gehören. Die Folgen waren, angesichts der Lage vieler Nationen in dieser Epoche, nicht mehr aufzuhalten und fanden leicht Einzug in das gesellschaftliche Leben der Menschen; meist in Form populärer Varianten. „Mein Kampf“ zeigte später, wie nahtlos die nationalsozialistische Rassenideologie an bestimmte Elemente des Sozialdarwinismus anknüpften und sie für ihre Ziele dienlich machen konnte.

Der Sozialdarwinismus zeichnet deshalb bis heute dafür verantwortlich, dass er, und im Hintergrund natürlich der Darwinismus selbst, als eine ihrem Wesen nach „rechte“ und nationalistisch-rassistische Ideologie eingestuft wird. Der Versuch Darwins Theorie und ihre Implikationen für die Ethik fruchtbar zu machen, steht fortan im Ruch, eine zutiefst inhumane Theorie wieder politisch umsetzen zu wollen.46 Der zweite Grund für die geringe Resonanz der Evolutionstheorie in der abendländischen Moralphilosophie liegt in einem grundsätzlichem Vorbehalt. Er wurde von dem englischen Philosophen G. E. Moore erstmals thematisiert. Moore studierte ab 1892 am Trinity College in Cambridge alte Sprachen und wechselte nach wenigen Jahren auf Anraten Russells zur Philosophie. Moore wurde 1898 aufgrund seiner Dissertation über Kants Ethik für 6 Jahre „Fellow“ am Trinity College. Seine wichtigsten Arbeiten entstanden in dieser Zeit. Er diskutierte intensiv mit Russell, gründete die „Aristotelian Society“, schrieb zahlreiche Artikel und Rezensionen, sowie seine Werke „Refutation of Idealism“ und „Principia Ethica“.47 Er beschäftigte sich häufig mit Aussagen anderer Philosophen, die ihm paradox erschienen. Anlass seiner Überlegungen waren daher nicht Probleme der Welt oder der Wissenschaften, sondern was andere über diese gesagt hatten. Maßstab seiner Kritik war der „common sense“, die Summe der Überzeugungen, die die Menschen schon immer im Alltagsleben als wahr angesehen haben. Seine Verteidigung des „common sense“ führt ihn zu Bedeutungsanalysen der im Alltagsleben wirksamen Meinungen der Philosophen, wodurch er ein Wegbereiter der sprachanalytischen Philosophie wurde. In „Principia Ethica“ von 1903 entwarf G. E. Moore einen ideellen Utilitarismus, in dem neben Lusterlebnissen auch Erkenntnis, Weisheit, Liebe und Selbstentwicklung zu positiven Werten erklärt werden. Moore behauptet, dass der Gegenstand der Ethik ein einfacher, nicht analysierbarer Begriff ist, der mit dem Wort gut bezeichnet wird. Wer meint, das Wort gut definieren zu können, begeht einen Fehler, der dem der Idealisten ähnlich ist. Diesen Fehler nennt Moore den „naturalistischen Fehlschluß“.48 Dass eine solchermaßen verstandene Definition des Guten tatsächlich nicht möglich ist, sucht Moore durch eine Reihe von Gründen zu erweisen; das prominenteste Argument stellt dasjenige der „offenen Frage“ dar: Würde die Definition, welche die Struktur „X hat a, b und c“ aufweist, das Wesen des Guten wirklich treffen, so müsste die Frage: „X hat a, b und c, aber ist X gut?“ tautologisch sein, weil sie nichts anderes bedeuten würde als „X ist gut, aber ist X gut?“. Gerade dies lässt sich aber nicht erreichen, weshalb alle Versuche das Gute zu definieren als eben „naturalistische Fehlschlüsse“ bezeichnet werden müssen, da sie illegitimerweise das moralisch Gute durch natürliche Eigenschaften definieren.49 Da das Gute für Moore einfach und unzusammengesetzt ist, beeinflusst keinerlei natürliche Evidenz ein Urteil über das intrinsisch Gute, und zwar weder im stützenden noch im vereinenden Sinn. Die Evolutionstheorie kann so gesehen keinen Aufschluss darüber geben, was moralisch richtig und falsch ist - sie ist nach Moore für die Bestimmung des Guten bedeutungslos.

All die hier diskutierten Einreden gegen die Evolutionstheorie können jedoch nicht in dem Maße überzeugen, dass sie den gänzlichen Ausschluss Darwins biologischer Erkenntnisse zu rechtfertigen vermögen. Was bleibt ist die Tatsache, dass die Axiologie bloß graduelle Unterschiede als ihre Basis verwenden darf. Tut sie das nicht, leugnet sie zumindest konkludent, dass Tatsachenaussagen keinerlei Einfluss auf normative Systeme aufweisen, weil sich aus ihnen alleine keine normativen Aussagen ableiten lassen. Dies stellt aber ebenfalls einen Fehlschluss dar. In unserem Fall besteht die Auswirkung der Evolutionstheorie sowie der anderen „tierischen“ Argumente, welche so weit vorgebracht wurden, dass sie der traditionellen Axiologie, die dem Menschen eine exklusive Stellung zuweist, gleichsam den Boden unter den Füßen wegziehen.

Die Evolutionstheorie bietet gleichfalls einen hervorragenden Übergang in den nächsten Abschnitt. Hier werde ich Säule II auf ihre Standfestigkeit prüfen und zeigen, dass auch sie, ausgehend von einer einzigartigen Vernunft der Menschheit, kaum haltbar ist. Darwins Theorie bietet deshalb einen so guten Übergang, weil sie für die Vernunfttheorie ebenso große Bedeutung aufweist, wie für die These der Gottesebenbildlichkeit. Ihre Infragestellung der kategorischen Unterschiede zwischen Mensch und Tier, gilt natürlich auch für die vermeidlich einzigartige Natur der menschlichen Vernunft. Bei der Argumentation um die „Säule der Vernunft“ werde ich verschiedentlich nochmals auf Implikationen und Folgerungen der Evolutionstheorie hinweisen, weiters aber keine genaueren Ausführungen zu diesem Thema tätigen. Die Evolutionstheorie und ihre Bedeutung sollte in Folge ein ständiger Begleiter durch die weitere Arbeit sein.

1.2 Die „ Säule der Vernunft “ (II)

Die zweite Stütze für die Doktrin von der Sonderstellung des Menschen ist säkularer Natur, wenngleich auch sie einen teilweise religiösen Ursprung aufweist. Sie besteht in der Behauptung, der Mensch sei das einzige Wesen, welches Vernunft besitzt. In der abendländischen Geistesgeschichte wurde sie zum ersten Mal von Alkmaion50

aufgestellt, der behauptete, dass “sich der Mensch von den übrigen Wesen dadurch unterscheide, dass er allein denkt, während die anderen Wesen zwar Sinneswahrnehmungen haben, aber nicht denken" .51 Seit diesem Zeitpunkt hielt sich der scharfe Dualismus zwischen Leib und Seele in der Diskussion um die Natur des Menschen. Letzterer ist im Wesentlichen und damit im Unterschied zu den Tieren, nicht Leib, sondern Seele. Durch Platon, der diese Idee übernimmt, wirkt sich diese Vorstellung auf nahezu alle Bereiche der abendländischen Geisteshaltung aus. Der Begriff des „vernunftbegabten Sinneswesens“ war damit begründet, und wurde zur klassischen Definition des Menschen, die bis in unsere Tage weiterwirkt, wenngleich dabei unter Vernunft nicht genau dasselbe Vermögen gemeint ist, wie noch die griechischen Denker es im Auge hatten. Platons Tradition führte sein Schüler

Aristoteles fort. Aristoteles´ Unterstützung der Sklaverei ist allgemein bekannt; er dachte, manche Menschen seien zu Sklaven geboren, und die Sklaverei sei für sie richtig und angemessen. Dies sei nicht gesagt, um Aristoteles in Misskredit zu bringen, sondern weil es für das Verständnis seiner Einstellung zum Tier wichtig ist. Er vertrat die Auffassung, Tiere seien dazu da, dem Zweck des Menschen zu dienen.52

Er fasste die ganze Natur im Wesentlichen als Hierarchie auf, in der die Wesen mit geringerer Vernunftbegabung um der Willen der Wesen mit größeren Vernunftbegabungen existieren.53 Ihm war dabei durchaus bewusst, dass es keine scharfe Trennung zwischen Tier und Mensch gibt, wie wir es in der Schöpfungsgeschichte kennen gelernt haben. Er bestritt nie, dass der Mensch ein Tier sei, nur sei die gemeinsame Natur nicht genug, um die gleiche Berücksichtigung zu rechtfertigen. Der Mensch sei eben ein „vernünftiges Tier“ und das unterscheide ihn laut Aristoteles. Seine Definition von „Sklave“ veranschaulicht sein Denken. Nach ihm ist jeder Sklave, „wer als Mensch ein Besitzstück ist“.54 Obwohl die Epochen der Menschheitsgeschichte und mit ihnen die Geisteshaltungen der führenden Denker verschiedentlich wechselten, ließ sich niemand an, diese frühen Erkenntnisse radikal anzuzweifeln. Nach der mittelalterlichen Scholastik folgte die Renaissance und mit ihr hielt der Humanismus Einzug in die Gesellschaft. Auch er brachte keine bedeutenden Umschwünge. Zu sehr war er eben nur Humanismus und nicht humanitär. So wurden im Gegenteil viele griechisch-antike Aussprüche zu neuem Leben erweckt, wie zum Beispiel: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“; oder weiters: „Der Mensch bildet den Mittelpunkt der Natur, die Mitte des Universums, das Band der Welt“.55 Die Menschen betonten mehr als je zuvor die Einzigartigkeit des Menschen, seinen freien Willen, sein Potenzial und seine Würde; und dies alles stellten sie der beschränkten Natur der „niederen Tiere“ gegenüber. Erwähnenswert ist der Humanismus aber auf Grund der Tatsache, dass sich erstmals wirkliches Andersdenken zumindest in Ansätzen zeigte. Als Beispiel ist Leonardo da Vinci zu nennen, der aus Besorgnis angesichts der Leiden von Tieren Vegetarier wurde und dafür bei seinen Freunden Hohn und Spott erntete. Dieses Schicksal hätte wohl Giordano Bruno gerne gegen das Seinige eingetauscht. Er, der von der neuen kopernikanischen Astronomie beeinflusst war, die die Existenz anderer, unter Umständen bewohnbarer Planeten eröffnete, wagte zu behaupten, der Mensch sei „nicht mehr als eine Ameise vor dem Unendlichen“.56 Diese Wahrheit kostete ihm im Jahre 1600 das Leben; er wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er sich weigerte seine angeblichen Irrlehren zu widerrufen.57 Der absolute Tiefpunkt stand jedoch noch bevor.

Das letzte, bizarrste und - für die Tiere - schmerzhafteste Kapitel der Menschheitsgeschichte findet sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, signifikant in der Philosophie von Rene Descartes. Der französische Philosoph und Mathematiker Rene Descartes (lat. Renatus Cartesius) wurde an der Jesuitenschule in La Flèche ausgebildet. Nachdem Descartes einige Jahre mit juristischen und medizinischen Studien verbracht hatte, ging er 1618 auf Reisen und beschäftigte sich mit den Arbeiten Galileis. 1618 trat er in den Militärdienst ein, der ihn auch nach Deutschland führte. Hier fasste er den Entschluss, eine einheitliche Naturwissenschaft auf mathematischer Basis zu errichten. Descartes gab 1621 den Kriegsdienst auf und reiste in den folgenden acht Jahren durch Europa, um Forschungen zu betreiben und mit den verschiedensten Gelehrten zu diskutieren.58 Er entwickelte seine Philosophie in Konfrontation mit der mittelalterlichen Philosophie. Er forderte die Gelehrten auf, sich von vorgefassten und überlieferten Ansichten, vom Glauben an die Autorität zu befreien. Leider brachten seine neuen Ansichten, wie sich später herausstellte, eine wesentliche Verschlechterung der Stellung der Tiere. Der Erkenntnisprozess muss nach Descartes mit dem Zweifel, mit der kritischen Prüfung des Erreichten beginnen, aber man darf nicht an der Tatsache des Zweifels selbst zweifeln. „Cogito, ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“, [Anm. des Autors]), sagte Descartes. Der Zweifel ist nach Descartes ein Verfahren zur Ermittlung von unbestreitbaren Wissenselementen. Für ihn gab es auf der Welt nur zwei Kategorien: den Geist und die Materie; der menschliche Körper, die Tiere und die Pflanzen. Steine, das Wasser - das sei Materie, die nach rein mechanischen Gesetzen funktioniere. Der freie Geist hingegen sei etwas spezifisch Menschliches; er sei nicht an die Materie gebunden, nichts verbinde ihn mit der Natur. Alles außer dem menschlichen Geist hielt Descartes für geistlos, unbeseelt und maschinengleich. Auch Pflanzen und Tiere, ja sogar den menschlichen Körper, die „animalische Maschine“. Die Funktionsweise der Tiere verglich er mit „einer Uhr, die aus Rädchen und Federn zusammengesetzt ist“. Die „Maschine Tier“ kann nicht leiden, formulierte er, „ihre Schmerzensschreie bedeuten nicht mehr als das Quietschen eines Rades“.59 Dieses Quietschen konnte man in Descartes´ Laboratorien in Folge zur Genüge vernehmen. Er experimentierte an lebenden Tieren ohne Betäubungsmittel. Seine Theorie erlaubte es ihm und anderen Experimentoren sämtliche Skrupel zu vernachlässigen. Die Lehre und das „Wirken“ dieses Mannes seien an dieser Stellen genug thematisiert.60 Sein Bekanntheitsgrad und die Wertschätzung seiner Lehre zeigt bis heute aber deutlich, wie sehr er die Geisteshaltung geprägt hat und macht uns verständlich warum die „Säule der Vernunft“ eine so bedeutende Rolle in der traditionellen Axiologie darstellt.

Ein weiterer Mann, dessen Ideen in der Philosophie elementar sind, prägte das Vernunftrechtsdenken von seiner Zeit an bis heute. Mit Immanuel Kant zog das mechanistisch-naturwissenschaftliche Weltbild endgültig in die Erkenntnistheorie ein. Kant geht davon aus, dass der Mensch nicht nur ein Naturwesen, sondern auch ein Vernunftwesen ist. Der Mensch kann als Vernunftwesen in seinem sittlichen Willen nicht durch materielle und empirische Beweggründe wie Interessen und sinnliche Triebe bestimmt werden, sondern nur durch ein allgemeines Vernunftgesetz. Ein solches Gesetz der praktischen Vernunft kann nur die Form einer allgemeinen Gesetzgebung haben.61 Für den Sattlersohn aus Königsberg bestand der Sinn der Aufklärung darin, den Menschen vom „Gängelband der Natur“ zu befreien. Moralische Pflichten gegenüber der Natur habe der Mensch nicht, erklärte Kant62 ; aus seiner anthropozentrischen Position konnte es eine solche nur gegenüber Menschen geben. Diese Auffassung erklärt sich nach Weber63 aus der Konstruktion seines kategorischen Imperativs: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“.64 Da Kant diesen Imperativ nur auf vernünftige Wesen anwendete und da er wie Descartes Tiere als vernunftlose Objekte ansah, blieb ihm nur eine Schlussfolgerung über: Der einzige Sinn der Existenz von Tieren besteht darin, dem Menschen als Mittel für irgendetwas zu dienen. Über die Problematik, dass seine Logik auch unter Menschen nicht uneingeschränkt anwendbar ist, äußerte er sich nicht. In seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ degradiert Kant Tiere zu Sachen; mit denen wiederum dürfe der Mensch nach seiner Willkür verfahren. Konsequenterweise wandte er sich nicht etwa gegen Tierquälerei, weil die Tiere darunter leiden, sondern weil er es als Verletzung der Pflicht des Menschen gegen sich selbst ansah; sie führe zur Abstumpfung, wodurch Moralität geschwächt bzw. zerstört wird - kurz gesagt, weil sie das Mitleid der Menschen untereinander abstumpfen ließe und sie dadurch zu verrohen drohen. Ergo dessen: Einen Hund zu quälen ist nur in der Öffentlichkeit verboten.65 Im Sog dieser beiden Vordenker der Aufklärung wurden viele Stimmen laut, die ihre Schatten in Bezug auf die Tierethik bis heute vorausgeworfen haben.66 Eine der eindrucksvollsten Schilderungen, wie die Umsetzung der Theorien Descartes und Kants in der Praxis aussahen, findet sich in einem Augenzeugenbericht über einige Experimentoren, die im späten 17. Jahrhundert am Jansenistischen Seminar von Port-Royal arbeiteten und als die führenden Physiologen ihrer Zeit galten: „Sie versetzten Hunden mit völliger Gleichgültigkeit Schläge und machten sich über diejenigen lustig, die diese Kreaturen bedauerten, als ob sie Schmerzen empfinden könnten.[...] [Ihr] ganzer Körper sei jedoch ohne Empfinden. Sie nagelten die armen Tiere an allen vier Pfoten auf Brettern fest, um sie bei lebendigen Leib aufzuschneiden und sich den Blutkreislauf anzusehen, der ein bedeutender Gesprächsgegenstand war.“67 Auch wenn 1780, im selben Jahr also als Immanuel Kant seine Ethikvorlesung hielt, ein englischer Philosoph mit Namen Jeremy Bentham68, in seinem Werk „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ die historisch bedeutende Frage stellte „Can they [die Tiere] suffer?“, muss ein strukturelles Umdenken im Bereich des Umgangs mit Tieren allgemein und in der Rechtsordnung im Speziellen bis heute verneint werden. Die Menschen konnten die große Revolution des Geistes, die totale Säkularisation nicht in humanere, oder sollte man sie eher „animalischere“ nennen, Bahnen lenken. Es war ein Erdrutschsieg, dessen Folgen für die Tierethik niemals gänzlich revidiert werden konnten. Trotz der nicht minder bedeutsamen „Gegenspieler“, die es immer in Personen wie Voltaire, Schopenhauer, Rousseau oder Bentham gab, wurde die „Gewissheit“, dass der Mensch wegen seines Verstandes weit über das Tier zu setzen ist, und ihre Implikation, nämlich, dass der Mensch deshalb ein Subjekt und das Tier eben ein Objekt sei, sorgsam behütet. Nicht zuletzt weil man es auch als Philosoph oder Politiker leichter hat Unterschiede zu finden, zu diskreditieren und damit die eigene Spezies zu glorifizieren, als der Wahrheit ins Auge zu blicken - Descartes selbst zum Beispiel meinte, dass seine Ethik auch viele praktische Vorteile habe.69

1.2.1 Die logische Dekonstruktion von Säule II

Die These, dass sich der Mensch durch seine Vernunft von allen anderen Wesen auszeichne, leidet primär an einer fatalen Schwäche: die universale Gültigkeit. Sie ist somit bei weitem nicht auf alle Menschen anzuwenden, sondern nur auf diejenigen, die über die geforderte(n) Eigenschaft(en) auch tatsächlich verfügen.70 Betrachten wir beispielsweise schwer senile Menschen, müssen wir konstatieren, dass sie nicht über die geforderte Vernunft verfügen und somit aus dem Kreis der moralischen Beachtsamkeit ausscheiden. Im Kontext der antiken Philosophie, die vor allem darauf aus war, das Wesen des Menschen als Idealtypus zu ergründen, blieb dieser Mangel meist unbemerkt; in unserer, durch unsere individualistische Sichtweise geprägten Zeit, fällt er ins Auge. Wir können heute vor allem auf die biologische Tatsache blicken, dass laut Evolutionstheorie unser Körper, inklusive dem Gehirn und seiner Fähigkeiten, durch die Gesetzmäßigkeiten der Evolution geformt wurde. Schon Darwin selbst wies nach, dass das Gehirn eines Orang-Utans denselben Aufbau bis hin zu den gleichen Faltungen aufweist wie dasjenige des Homo sapiens sapiens. Die Vernunft ist ergo eine natürliche Eigenschaft wie jede andere. Dagegen werden öfters die Einwände ins Feld geführt, dass Menschen die Vernunft grundsätzlich besitzen, sie gehe nur manchmal (weil krankhaft) verloren. Der Unterschied soll nun sein, dass sie beim Menschen prinzipiell vorhanden ist, beim Tier jedoch grundsätzlich nicht.

Ein Schritt, der fast unbemerkt blieb, muss an dieser Stelle weiters genannt werden. So unscheinbar er abzulaufen scheint, so gravierend ist seine Wirkung. Es ist für das Verständnis der Relation zwischen der „Säule der Vernunft“ und der Beurteilung des moralisch Wertvollen von immanenter Bedeutung, diesen Schritt als einen Fehltritt zu deklarieren. Im Kontext der Beschäftigung mit der Vernunft des Menschen wurde herausgearbeitet, dass er Kraft seiner Vernunft moralisch handeln kann. Vorbehaltlos kann man bis zu diesem Punkt zustimmen. Stillschweigend, wurde jedoch impliziert, dass mit den selben Fähigkeiten ein Wesen überhaupt einen moralischen Status erlangen kann. Dieser, im ersten Moment etwas diffizil anmutender Punkt, verdient genauer analysiert zu werden: Ziel ist es also, die ethischen Implikationen der Vernunftthese nachzuweisen. Dazu muss der Zusammenhang zwischen Vernunftbesitz und der Fähigkeit zur ethischen Reflexion und damit zu genuin moralischem Handeln festgestellt werden. Die Vernunft gilt es zu unterscheiden vom Verstand oder der Klugheit. Während letztere Ausdrücke die Fähigkeit bezeichnen, zu einem gegebenen Ziel die geeigneten Mittel ausfindig zu machen, benennt der erste das Vermögen, auch die Ziele kritisch zu prüfen. In der moralischen Dimension ermöglicht die Vernunft, den Standpunkt des Selbstinteresses zu verlassen und einen unpersönlichen idealen Standpunkt einzunehmen. Diese Fähigkeit bildet die unabdingbare Voraussetzung für das Vermögen der ethischen Reflexion und des moralischen Handelns. Wenn also nur der Mensch Vernunft in dem beschriebenen Sinn besitzt, so folgt, dass nur der Mensch zur ethischen Reflexion und moralischem Handeln im engeren Sinne des Wortes fähig ist. Ist der Mensch tatsächlich das einzige irdische Lebewesen, dem Vernunft zugesprochen werden kann, müsste er in der Tat als das einzige Wesen betrachtet werden, dass die Fähigkeit zu moralischem Handeln aufweist. Dies soll, wie bereits oben erwähnt, soweit klar und unwidersprochen sein. Allerdings wurde neben diesem ersten Gedankenschritt, der - zumindest in der hypothetischen Formulierung - in der Tat schwer angreifbar scheint, unbewusst ein zweiter vollzogen. Das Vermögen der Vernunft wurde nämlich gleichzeitig als conditio sine qua non für ein Wesen aufgefasst, dem gegenüber ein direktes moralisches Unrecht begangen werden kann. Zwar gesteht auch die rationale Tradition zu, dass gewisse Handlungsweisen gegenüber Wesen, die keine Vernunft besitzen, ein Unrecht darstellt. So ist es moralisch falsch, den Gartenzaun seiner Nachbarin mutwillig zu beschädigen. Allerdings wird dieses Unrecht als indirektes Unrecht verstanden, das nicht eigentlich dem Zaun sondern seinem Besitzer zugefügt worden ist. In diesem Sinne sind nur indirekte Pflichten gegenüber dem Zaun möglich, indirekt deshalb, weil die Pflicht nicht dem Zaun sondern der Nachbarin gegenüber besteht. Alle Wesen nun, gegenüber welchen direkte Pflichten möglich sind, werden als Mitglieder der „moralischen Gemeinschaft“ verstanden.71 Direkte Pflichten sind - dies die folgenreiche Gleichsetzung - nur gegenüber denjenigen Wesen denkbar, die selber zur ethischen Reflexion und zum moralischen Handeln fähig sind. Da Tiere der Vernunftthese zufolge über keine Vernunft verfügen, sind sie zum moralischen Handeln unfähig und es können ihnen gegenüber keine direkten Pflichten gelten.

[...]


1 Der Autor vertritt hier die Auffassung, dass „moralische Gesetzgebung“ der positiveren Gesetzgebung vorausgeht und sie beeinflusst. Vgl. auch Trennungs-Verbindungsthese bei: Zwischen Fazit, w.u.

2 Original Ausgabe: Peter Singer, „Practical Ethics“, Cambridge University Press, 1979

3 Original Ausgabe: Peter Singer, „Animal Liberation, Second Edition“, London, 1975/90

4 Original Ausgabe: Jean-Claude Wolf, „Tierethik. Neue Perspektiven für Menschen und Tiere“, Frankfurt am Main, 1992

5 „anthropozentrisch“ nennt man Ethiken, die in ihren Begründungen hauptsächlich oder ausschließlich auf den Menschen Bezug nehmen.

6 Der Begriff der Entität wird hier als ontologischer Platzhalter gebraucht, so wie sich seine Verwendung in der anglo - amerikanischen Debatte durchgesetzt hat.

7 Vgl. dazu z.B.: H. Jonas, 1984, Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt am Main

8 Die Verantwortung endet natürlich nicht beim Tier, sondern erstreckt sich auf unsere gesamte Biosphäre. Viele Rechtsphilosophen und -Theoretiker haben sich deshalb dem Problemkreis „ökologische Rechtstheorie“ zugewandt, da ein Sinn oft nur über die Einbeziehung der „Mitwelt“ (Begriff von Meyer-Abich entlehnt) definiert werden kann. Vgl. Ende Kapitel 3

9 In Anlehnung an R. Taylors „desangagierte Vernunft“ und Friedrich Nietzsches „Entmoralisierung aller Werte“. Letzterer Phrase hat sich in jüngster Vergangenheit, im rechtspolitischen Diskurs um den Kommunitarismus, auch häufig Alistaire Mac Intyre bedient.

10 Genesis 1,28, Übersetzung entnommen von Martin Buber, 1988, Die fünf Bücher der Weisheit, Darmstadt; Das Buch Genesis enthält zwei Schöpfungsberichte. Der erste - jüngere - ist der sogenannte priesterschriftliche Schöpfungsbericht; er findet sich in Genesis 1 - 2,4 a. Der zweite - ältere - ist der sogenannte jahwistische Schöpfungsbericht, der sich gleich an den ersten Schöpfungsbericht in Genesis 2,4 b - 25 anschließt.

11 Widersprüchlich dazu der Auftrag in Mk. 16.15 "Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur!"

12 EINU, S 79

13 EINU, S 79

14 Beispiel nach EINU, S 82

15 Der Autor findet es auch höchst bemerkenswert, mit wie viel Aufmerksamkeit, Werbewirksamkeit und Verständnis für die Moderne der Papst erst kürzlich einen Schutzheiligen für den Cyberspace auserkoren hat. Es drängt sich die Frage auf, ob der virtuelle Mensch in den Augen der Kirche auch noch würdiger erscheint als das Tier.

16 Keineswegs eindeutig auch die Ansprache von Papst Johannes Paul II. an die Teilnehmer einer Studienwoche der päpstlichen Akademie der Wissenschaften vom 23.10.1882: “Es muss hervorgehoben werden, dass neue Techniken wie die Züchtung von Zellen und Geweben eine beachtliche Entwicklung genommen haben, die einen sehr bedeutsamen Fortschritt in der biologischen Wissenschaft erlaubt; und diese Techniken ergänzen auch das Tierexperiment. Natürlich stehen Tiere im Dienst des Menschen und können daher Gegenstand von Experimenten sein. Dennoch müssen sie als Geschöpfe Gottes gehandelt werden, die dazu bestimmt sind, dem Wohl des Menschen zu dienen, aber nicht von ihm misshandelt zu werden. Darum entspricht die Verringerung der Tierversuche, die nach und nach immer entbehrlicher wurden, dem Plan und Wohl der ganzen Schöpfung.” Aufsatz von Martina Glabasnia „Das christliche Mensch-Tier- Verhältnis“; unter http://www.dieke.de/akut

17 Eine Art Rawl´scher Schleier des Nichtwissens, der im 3. Kapitel hinsichtlich seiner rechtlichen Relevanz näher erläutert werden wird. Vgl. auch Meyer-Abich, S 56 f

18 Jainismus ist eine Religion, die im 5. Jahrhundert vor Christus in Indien entstand und alles tierische und pflanzliche Leben für heilig erklärt.

19 Nature, Orig. Ausgabe, Oktober 1998, S 48

20 Nature, Orig. Ausgabe, Oktober 1998, S 49

21 Die Erinnerung gilt allen heiligen Kriegen, allen Bücherverbrennungen und Folterungen in der Geschichte.

22 Ausdruck von Fridjof Caspar, übernommen von Weber in EINU, S 72

23 EINU, S 72

24 MST, S 47 nach Peter Kropotkin, 1981, 164, Bedürfnisse nach Grundlagen der Sittlichkeit, in Günter Altner

25 EINU, S 73

26 Precht, S 72

27 Martin Luther wurde am 10.11.1483 in Eisleben geboren. Während eines schweren Gewitters im Juli 1505 tat er in Todesangst das Gelübde: “Hilf, heilige Anna, ich will ein Mönch werden”; schon zwei Wochen später trat er in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein. 1507 empfing er die Priesterweihe. In seiner 1536 erschienenen Schrift “Disputation über den Menschen” setzt sich Luther nach Ebeling mit der philosophischen Definition des Menschen als “animal rationale” auseinander, eine Definition, die auf Aristoteles zurück geht: Er würdigt die Vernunft, stellt jedoch eine etwa daraus erwachsende Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung des Menschen radikal in Frage. Luther charakterisiert den Menschen als sündiges Lebewesen vor Gott, der Mensch befindet sich zwischen Schöpfung und Vollendung, er unterscheide sich vom Tier nur durch die ihm eigene Gabe der Vernunft. Ein weiteres Beispiel der Einstellung Luthers zu den Tieren zeigt sein Werk “Klageschrift der Vögel gegen Wolfgang Sieberger”, in der er sich gegen den Vogelfang seines Dieners Wolfgang Sieberger wendet und dessen Tun vehement verurteilt. Hier Zitate aus anderen Schriften, die die Ansichten Luthers den Tieren gegenüber verdeutlichen: “Alle Tiere und Kreaturen sind geschaffen, daß wir an ihnen lernten Gott erkennen und fürchten.”8 “Ich glaube, dass auch die Belferlein, die Hündlein, in den Himmel kommen und jede Kreatur eine unsterbliche Seele habe.

28 EINU, S 84

29 Vgl. z.B. auch „Füllet die Erde ( ), macht untertan ( ) und herrschet!“ Diese Übersetzung der hebräischen Verben des biblischen Urtextes mit “Trampeln” und “Niedertreten” wird in neuerer Zeit als Fehlübersetzung gewertet. Koch stellt zum Beispiel zur Übersetzung dieser Bibelstelle klar: Das hebräische Verb „rdh” bezeichnet nicht brutales Niedertreten, sondern das “normale Walten des Hirten über seine Herde”. Abschließend lässt sich also sagen, dass Gott dem Menschen sicherlich das Tier zum Untertan machte, dies aber nicht im Sinne von “Unterdrückung”, sondern eher im Sinne von “Pflegen” verstand. Unter: http://www.dieke.de/akut

30 Gen 7,2f; Gen20,10; Jon 4,11

31 Gefunden unter http://www.dike.de/akut/

32 Andreas Laun, Weihbischof in Salzburg, aus der Kronen Zeitung vom 18.02.01

33 EINU, S 99

34 „1. Vater im Himmel, ich flehe zu dir: Hilf uns Meeresschildkröten in den Weiten der Ozeane. Sage unseren grausamen Schlächtern, sie mögen uns nicht mehr unseres Panzers und unseres Fleisches wegen bei lebendem Leib auseinanderschneiden! 2. Herr, lass uns Papageien in den Urwäldern deiner Erde bis zu unserem natürlichen Tod in Freiheit über den herrlichen Himmel flattern und lass uns niemals in die Netze gewinnträchtiger Vogelhändler flattern. Gib auch den Millionen Zugvögeln von Belgien bis Malta eine Chance, in Freiheit überleben zu können. 3. Jesus Christus, wir Rinder, Schweine und Lämmer ersehnen, bevor man uns zum menschlichen Genuss tötet, ein Leben auf grünen Weiden. Lass bitte nicht zu, dass man uns auf dem Weg in die Schlachthöfe prügelt und quält. 4. Großer Gott, bewahre uns Katzen, Hunde, Mäuse, Ratten und Kaninchen vor den Schrecken der Versuchslabors. 5. Allmächtiger Schöpfer, ich bin ein Nerz und man hat mich in einen engen Käfig gesperrt, zusammen mit meinem Leidensgenossen soll ich zu einem Mantel für feine Damen werden. Ich bin verzweifelt. 6. Mein Vater, du hast mir Stoßzähne zu meiner Verteidigung gegeben, aber gegen die Gewehre der Elfenbeinjäger habe ich keine Chance. Ich höre schön das Geknalle, das immer näher kommt, dabei möchte ich so gerne in meinem Familienverband die Weite Afrikas erkunden. 7. Lass uns alle in Freiheit und Unversehrtheit leben! Laß nicht mehr zu, dass wir so schändlich gejagt, gequält und schuldlos inhaftiert werden. Lass die Menschen endlich begreifen, dass auch wir leidensfähig sind. Schenke der Menschheit Sensibilität für unsere Bedürfnisse . “ Fürbitten in: Der Schrei nach Freiheit - ein Gottesdienst für Tiere!“; Sonntag, 25.10.1998, 9.30 Pfarrkirche St. Vinzenz (Wien)

35 Kronen Zeitung, 18.02.01, Beilage S 3 im Artikel „Gottes vergessene Kinder“

36 Darwin hat eine ganze Reihe von Evolutionisten zu Vorläufern. Dazu gehören u. a. Empedokles, Lamarck, Erasmus, Darwin, Goethe, Owen und Spencer.

37 Wolf, Tierethik, S 26

38 Mit dieser einfachen Erklärung ist bereits ein Argument ad absurdum geführt, welches sich

vehement im Diskurs um die Verwandtschaft zwischen Tier und Mensch behauptet und mir selbst im Laufe der Arbeit an diesem Projekt mehrmals untergekommen ist. Vielfach wird nämlich noch immer behauptet, dass man den Unterschied zwischen dem Mensch und beispielsweise dem Affen dadurch klar erkennen kann, dass bei einer Paarung zweier Affen nie ein Mensch „herauskommen“ würde. Ein sehr gutes Beispiel zeigt R. Dawkins (Dawkins in: Cavalier/Singer, [Hrsg.], MM, S 128). Er präsentiert ein Beispiel einer sogenannten „Ring-Spezies“: Die Silbermöwe und die Mantelmöwe. In Großbritannien sind dies zwei völlig verschieden gefärbte Spezies und jedermann würde den Unterschied leicht erkennen. Verfolgt man jedoch die Population der Silbermöwen nach Westen über den Nordpol nach Nordamerika und weiter über Alaska und Sibirien hinweg zurück nach Europa, stößt man auf eine erstaunliche Tatsache. DieSilbermöwen verlieren allmählich ihr Aussehen, und nähern sich dem der Mantelmöwen, bis es sich schließlich zeigt, dass unsere europäischen Mantelmöwen das andere Ende des Ringes sind, der mit der Silbermöwe begonnen hat. An jeder Stelle des Ringes sind die Vögel ihren Nachbarn so ähnlich, dass sie sich kreuzen können - und zwar bis das Ende dieses Kontinuums in Europa erreicht ist. An diesem Punkt kreuzen sich die Möwenarten nicht mehr, obwohl sie durch eine kontinuierliche Reihe sich kreuzender Kollegen verbunden sind, die um den ganzen Globus verläuft. Die einzige Unterscheidung zwischen Mensch und Möwe ist nun, dass bei Menschen diese Zwischenstufen nicht mehr existieren.

39 MST, S 34

40 MST, S 34

41 Wolf, S 33

42 zitiert nach Wolf, S 27

43 Anders Prof. Konrad Lorenz im „Spiegel“, Nr. 45 vom 07.10.88: „Der Mensch ist unfähig Wahrheiten zu erkennen, wo er gegenteilige Programmierung hat. Keine angeborene Programmierung sagt ihm, dass er irgendetwas schützen soll als höchstens den Menschen selber. Kein angeborenes Gefühl befielt ihm die Umwelt zu schonen; die darf er ausbeuten soviel er will. Die Triebausstattung des Menschen krankt daran, dass sie hier keine biologische Hemmschwelle enthält.“

44 Precht, S 122

45 Die nachfolgende Kurzdarstellung des Sozialdarwinismus folgt im wesentlichen: Günter Altner, 1981, Der Darwinismus, Darmstadt

46 Einen logischen Fehler müssen sich allerdings alle sozialdarwinistischen Theorien gefallen lassen, auch wenn sie nicht mit rassenideologischem Gedankengut vereinbar sind. Die Vertreter solcher Theorien begehen den Fehler, auf den zuerst David Hume aufmerksam gemacht hat. Sie versuchen von einem „Sein“ auf ein „Sollen“ zu schließen, Normen aus Tatsachen logisch abzuleiten.

47 http://www.philosophenlexikon.de/moore.htm

48 Die relativ ausführliche Erklärung soll dem grundlegenden Verständnis dienen, da der naturalistische Fehlschluss in weiterer Folge und vor allem in Kapitel 3 im rechtlichen Zusammenhang wiederholt thematisiert werden wird und für viele Kritiker der Eigenrechtskonzeptionen von immenser Bedeutung ist.

49 Beispiel nach MST, S 38

50 Alkmaion von Kroton (letztes Drittel des 6. Jh. v. u. Z.) - häufig zu den Pythagoreern gezählt - ist uns besser bekannt als Pythagoras selbst. Obwohl er häufig zu den Pythagoreern gezählt wird, unterscheidet Aristoteles seine Seelenauffassung von der der Pythagoreer. Den engen Bezug zu den Pythagoreern sieht Capelle dadurch gesichert, dass auch Alkmaion die Unsterblichkeit der Seele und die göttliche Natur der Gestirne annimmt [vgl. Capelle, W. 1958a, 104]. Seit Alkmaion verschwindet die Sinnesphysiologie nicht wieder aus der Problematik der griechischen Wissenschaft und wird ja auch von Aristoteles in der Seelenschrift relativ ausführlich diskutiert

[vgl. Capelle, W. 1958a, 105f.]. Er stellt den fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier fest, wobei - nach Capelle - zum ersten Mal Wahrnehmen und Denken grundsätzlich unterschieden wird [vgl. Capelle, W. 1958a, 106].

51 http://www.philosophenlexikon.de/alkmaion.htm

52 vgl. http://www.philosophenlexikon.de/arist.htm

53 AL, S 307

54 Zitat gefunden unter http://www.phillex.de

55 Ebenda

56 Zitat nach AL, S 319

57 AL, S 319

58 genauer: http://www.philosophenlexikon.de/descart.htm

59 Alle Zitate von R. Descartes sind: http://www.xipolis.net/suche/suche_treffer.php?such_modus=einfach&wo=1&s1=descartes entnommen

60 genauer: John Cottingham,1978, A Brute to the Brutes, Descartes Treatment of Animals, Philosophie 53 oder bei Rene Descartes, 1637, Discours de la methode pour bien conduire sa raison, et chercher la verite dans les sciences, Leiden

61 genauer: http://www.philosophenlexikon.de/kant.htm

62 Konträr dazu vgl. Tom Regan: “Welche ethische Theorie wir auch rational annehmen sollten, sie muss zumindest anerkennen, dass wir einige unmittelbare Pflichten gegenüber Tieren haben,genauso, wie wir einige unmittelbare Pflichten dem Mitmenschen gegenüber haben.”; Regan, Tom: Tiere haben Rechte in: Singer, Peter (Hrsg.), 1986, Verteidigt die Tiere. Wien, S. 29

63 Weber, EINU, S 49

64 Hier: http://www.hkbu.edu.hk/~ppp/K2texts.html und Kant, S 67; org. Kant, Immanuel,

1785, Kritik der praktischen Vernunft, unveränderter Nachdruck der 9. Al.; 1967; zit.: Kant Kritik u.a.: Bittner, R/ Cramer, K [Hrsg.], 1975, Materialien zu Kants „Kritik der praktischen Vernunft“, Frankfurt am Main, oder http://directory.google.com/Top/Society/Philosophy/Philosophers/Kant,_Immanuel/

65 Dies war tatsächlich Inhalt des ersten Tierschutzgesetzes in Deutschland. Kants

Argumentationen dienten dabei als Grundlage. Gemäß Reichsstrafgesetzbuch von 1887, § 360 Nr. 13, war Tierquälerei straffrei, solange sie nicht in der Öffentlichkeit geschah, oder zwar öffentlich geschehen war, aber nicht als Ärgernis empfunden wurde.

66 Bekannt dahingehend ist der „Freibrief“ für Tierquäler, verfasst von Baruch de Spinoza. In der Erkenntnistheorie war Spinoza Rationalist. Er identifizierte logische Zusammenhänge und kausale Zusammenhänge und meinte, dass das Wesen einer Sache aus ihrer Definition ableitbar ist. Aus seinen Erkenntnissen schloss er, dass es das Recht des Menschen ist, Tiere „nach Belieben zu gebrauchen und so zu behandeln, wie es uns am besten passt, da sie ja der Natur nach nicht mit uns übereinstimmen und ihre Affekte von den Menschlichen Affekten der Natur nach verschieden sind“ zitiert nach: http://www.spinoza.net/works.htm

67 gefunden bei Singer, AL, S 323, nach: Christine Townend , 1985, Pulling the Wool, Sydney

68 genaueres dazu im Kapitel über Peter Singer, AL, S 322

69 AL, S 322

70 Diese prinzipielle oder theoretische Schwäche des Arguments wurde als erstes von Porphyrios von Tyros erkannt. Porphyrios, eigentlich Malchos, ein Schüler und Biograph Plotins, trat vor allem als Kommentator Plotins hervor. Eine Zeit lang war Porphyrios Schüler des Longinos in Athen, dann war er Schüler des Plotin in Rom (ab 262). Porphyrios lebte mehrere Jahre in Sizilien. Er gilt als Vertreter der alexandrinischen Schule des Neuplatonismus und trug durch seine verständliche Darstellung zur Verbreitung der Gedanken Plotins bei. Porphyrios schrieb Kommentare zu Platon und eine Einführung (Isagoge) in die aristotelische Logik, die in der Übersetzung von Boëthius ein Standardwerk der mittelalterlichen Logik wurde. In dieser Schrift behandelt Porphyrios die fünf Grundbegriffe Gattung (genus), Art (species), artbildender Unterschied (differentia specifia), wesentliches Merkmal (proprium), unwesentliches bzw. zufälliges Merkmal (accidens), die nach Porphyrios den aristotelischen Kategorien zugrunde liegen. Genauer unter: http://www.philosophenlexikon.de/porphyr.htm

71 Zum Begriff „moralische Gemeinschaft“ siehe Teutsch, 1987, Lexikon der Tierschutzethik, Tübingen oder Becker, 1992, Encyclopedia of Ethics, New York

Details

Seiten
189
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638134996
Dateigröße
937 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5697
Institution / Hochschule
Universität Wien – Insitut für Rechtsphilosophie, -ethik und -theorie
Note
Ausgezeichnet
Schlagworte
Tierrechte Peter Singer Tierethik Rechtstheorie Anthropozentrismus Menschenrechte Ethik Jean-Claude Wolf pathozentrische Rechtstheorie

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Titel: Von Menschen und anderen (Rechts-) Subjekten