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Emily Dickinson's "I felt a Funeral, in my Brain" - Hearing a Plank in Reason Break

Seminararbeit 2002 14 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

I. Einleitung

Emily Elizabeth Dickinson wurde am 10. Dezember 1830 im puritanischen Amherst in Massa­chusetts geboren[1] und sollte dort größtenteils auch bis zu ihrem Tod am 15. Mai 1886 verweilen (Ferlazzo 23). "It is hard for me to give up the world"[2] rechtfertigte sich Dickinson bereits 1848 einer Freundin gegen­über, nachdem sie sich allen Konventionen zum Trotz geweigert hatte, ihr Leben bedingungs­los in Gottes Hände zu übergeben. Paradoxerweise liegt in dieser Abwendung von Gott auch der erste Schritt zur Abwendung von ihrer Umwelt begründet, welche spätestens mit dem Tod ihres Vaters besiegelt war (Ferlazzo 24) – Dickinson lebte lange Zeit ihres Lebens vollkommen zurück­gezogen in ihrer Kammer. "I felt a Funeral, in my Brain" entstand wahrscheinlich im Jahre 1861[3]. Dr. John Cody, der an Hand ihres Gesamtwerks postum ein Psycho­gramm von Dickinson erstellte, beschreibt die Jahre 1857-1864 als diejenigen, in denen sich Dickinsons Depres­sionen verschärften und 1862 als das Jahr, in dem ihr Selbstheilungs­prozess einen Höhepunkt erreichte (Ferlazzo 81 f.). Es ist also davon auszugehen, dass Dickinson selbst zumindest einmal einen Nerven­zusam­menbruch erlitt, wie sie ihn im vorliegenden Gedicht beschreibt, oder einem solchen zumindest sehr nahe kam. Ohne die persönliche Erfahrung kann ein Gefühl im Gegensatz zu einem Erlebnis nicht so treffend wie in diesem Fall geschildert werden (Cody 29 f.). Deshalb und weil "I felt a Funeral, in my Brain" wohl nie ein anderer Mensch zu Gesicht bekommen hat (Ferlazzo 25), gehe ich davon aus, dass das Nachempfinden des Nervenzusammenbruchs in der ersten Person Singular wörtlich zu nehmen ist.

Begräbnisse zogen sich wie ein roter Faden durch das Leben von Emily Dickinson. Generell war der Tod im 19. Jahrhundert noch präsenter, die Menschen starben in jüngerem Alter. So erlebte auch Dickinson bereits in jungen Jahren das Sterben einiger ihr wichtiger Menschen (Ferlazzo 41). Vor allem aber grenzte das Familienanwesen an einen Friedhof, so dass Dickinson in regelmäßigen Abständen Trauergemeinden an ihrem Fenster vorbeiziehen sah (Ferlazzo 42). Wenn Dickinson auch fast 600 Gedichte dem Thema Tod widmete (Ferlazzo 41), ist "I felt a Funeral, in my Brain" nicht primär als eine Auseinandersetzung mit dem Tod zu verstehen; das Begräbnis dient hier lediglich als Metapher für einen sich vollziehenden Nervenzusammenbruch (vgl. Ferlazzo 91). Lange Zeit wurde diese Lesart von Kritikern gescheut, da sie befürchteten, ein schlechtes Licht auf die Künstlerin zu werfen, wenn sie ihr keine vollkommene geistige Gesundheit ausstellen würden (Ferlazzo 77). Theodora Ward argumentierte sogar wissenschaftlich falsch, dass "the insane cannot explain themselves".[4]

Da sich die Spannung von Strophe zu Strophe intensiviert und schließlich im letzten Vierzeiler entlädt, ist es sinnvoll, dieses Werk chronologisch anzugehen. Besonderen Wert lege ich hierbei auf die Klanganalyse, die sich in Anbetracht der vielen akustischen Merkmale und Stilmittel geradezu aufdrängt.

II. Hauptteil

Emily Dickinson stellt den Inhalt und den Schauplatz dieses Gedichtes bereits in Vers 1 vor: Sie wird den Leser durch die Stationen eines Begräbnisses führen, das sich in ihrem Kopf abgespielt hat. Dabei schildert sie zunächst das fortwährende Auftreten (Z.3) der Trauergäste (Z.2), welches anhält bis es ihr so vorkommt (Z.3) als brächen die Sinne bzw. als trete Sinn hervor (Z.4). Die zweite Strophe lässt die Gemeinde Platz nehmen (Z.5) und das Trommeln (Z.7) des Gottesdienstes (Z.6) verlauten, das nahezu (Z.7) bis zur geistigen Lähmung führt (Z.8). Daraufhin wird eine Kiste angehoben (Z.9) und die Träger knarren (Z.10) mit Bleistiefeln (Z.11) über die Seele (Z.10) des Sprechers/ der Sprecherin. In die vierte Strophe hinein wird das Dröhnen des Raumes (Z.12) beschrieben, das seinen Höhepunkt in der Stille (Z.15) findet. Letztlich bricht eine Diele im Verstand (Z.17) und der Sprecher/ die Sprecherin fällt ins Bodenlose (Z.18), um im letzten Vers schließlich in ein Stadium des Nichtwissens überzugehen. Es ist geradezu unmöglich den Inhalt der betrachteten Zeilen knapp zu umreißen, da sich die beiden Ebenen des Gedichtes, das Begräbnis auf der einen, der Nervenzusammenbruch auf der anderen Seite, weder semantisch noch syntaktisch eindeutig trennen lassen.

Beim ersten Betrachten springt unweigerlich die klare Gliederung des Gedichtes in fünf Strophen zu je vier Versen ins Auge. Dabei sind die Verse 2 und 4 mit Ausnahme der fünften Strophe durch einen vollen Endreim verbunden, es ergibt sich das Reimschema abcb (Chevy-Chase-Strophe). Das Metrum wird bestimmt durch zwei Mal einen jambischen Vierheber, jeweils gefolgt von einem jambischen Dreiheber. Diese Form ist die Form des konventionellen Kirchenliedes – eine Form, die vor allem durch stilistische Monotonie und einhergehend damit durch einen sehr eingeschränkten, rein christlichen Wortschatz geprägt ist.[5] Dickinson hatte diese Form vollkommen verinnerlicht, seit sie in ihrer Kindheit etwa sonntags zweimal den Gottesdienst besucht hatte (Ferlazzo 22). Sie verwendet den Hymnus hier allerdings nur als Folie, auf der sie sich sowohl inhaltlich als auch rhythmisch und vor allem klanglich abheben kann. Durch harte Fügung in Form von zum Beispiel einschnei­dender Interpunktion, Großschreibung zur Betonung Sinn tragender Worte, Inversion und unge­wöhn­licher Wortwahl stellt sie sich dem gleichmäßigen Fluss des Hymnus entgegen. Nicht nur die Form ist jedoch konventionell. Auch das Ereignis Trauerfeier ist ein Ausbund an Konvention. Paradoxerweise verwendet sie gerade dieses als Metapher für einen Ausbund an Chaos, den hereinbrechenden Nervenzusammenbruch.[6] Diese Reibung hinterlässt einen aufrüttelnden Eindruck.

[...]


[1] Ferlazzo, Paul J. Emily Dickinson. Boston: Twayne Publishers, 1976. 21.

[2] Dickinson, Emily. The Letters of Emily Dickinson. Eds. Thomas H. Johnson and Theodora Ward. Vol.1. Cambridge, Massachusetts: The Belknap Press of Harvard University Press, 1958. 65-68. 3 vols.

[3] Cody, John. After Great Pain: The Inner Life of Emily Dickinson. Cambridge, Mass.: The Belknap Press of Harvard University Press, 1971. 292.

[4] Ward, Theodora. The Capsule of the Mind: Chapters in the Life of Emily Dickinson. Cambridge, Mass.: The Belknap Press of Harvard University Press, 1961. 55.

[5] Im klassischen Kirchenlied reimten sich zudem auch die Zeilen 1 und 3 einer Strophe, siehe z.B."When I can read my title clear" von Isaac Watts, besprochen in:

Olney, James. The Language(s) of Poetry: Walt Whitman, Emily Dickinson, Gerard Manley Hopkins. Athens, Georgia: The University of Georgia Press, 1993. 28.

[6] Griffith, Clark. The Long Shadow: Emily Dickinson's Tragic Poetry. Princeton, N.J.: Princeton University Press, 1964. 247.

Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638515658
ISBN (Buch)
9783640526086
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57018
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Schlagworte
Emily Dickinson Funeral Brain Hearing Plank Reason Break Amerikanische Lyrik

Autor

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Titel: Emily Dickinson's "I felt a Funeral, in my Brain" - Hearing a Plank in Reason Break