Lade Inhalt...

Kinder in Scheidung - Ursachen für das Ehescheitern und welche Maßnahmen getroffen werden können, um Schaden vom Kind abzuwenden

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Statistische Daten zur Scheidung

3. Scheidungsursachen
3.1 Makroebene - Scheidungsursachen gesellschaftlich
3.2 Mikroebene - Scheidungsursachen für den Einzelnen

4. Risiko- und Schutzfaktoren für Kinder bei Scheidung
4.1 Verlusterlebnisse
4.2 Kommunikationsverhalten der Eltern
4.3 Erziehungsverhalten der Eltern
4.4 Erziehungsmodelle der Eltern nach der Scheidung
4.5 Personen mit Einfluss auf das Kind

5. Spezialfall des Versorgerkindes

6. Juristische Aspekte der Scheidung

7. Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

Scheidung ist ein schwerwiegendes Problem der modernen Gesellschaft geworden. Nahezu in allen Ländern Europas, aber auch in den USA, beobachtet man einen Anstieg der Scheidungs­zahlen. Es wird heutzutage niemanden mehr geben, der nicht die Scheidung eines Bekannten, Verwandten oder sogar selbst miterleben mußte. Scheidung ist ein Thema das jeden, der die Absicht hat zu heiraten oder schon verheiratet ist treffen kann. Da die Ehe bis heute eine der favorisierten Lebensformen, selbst bei Jugendlichen ist, ist das Thema sowohl heute als auch in Zukunft relevant. Ein besonderes Augenmerk möchte ich in dieser Arbeit auf die Kinder richten, die von einer Scheidung betroffen sind. In Deutschland ist bei ca. jeder zweiten Scheidung ein Kind unter 18 Jahren beteiligt. Dass Kinder bei einer Scheidung Schaden nehmen, wird vielfältig in der Gesellschaft thematisiert. Doch welche Maßnahmen sich tref­fen lassen, um diesen Schaden zu minimieren, ist häufig nicht bekannt. Sicherlich ist es zu­nächst der beste Weg sich gar nicht scheiden zu lassen. Deshalb möchte ich nach einem ersten Einstieg, bei dem ich die statistischen Daten aus Deutschland, Europa und den USA vorstelle (1), Erklärungssansätze der Ursachen von Scheidung thematisieren (2). Zunächst aus der Vogel­perspektive, der Makroebene ( 3.1) und danach aus der Sicht der Einzelnen, der Mikro­­ebene (3.2). Dieser Bereich ist in sofern interessant, da sowohl positive und negative Ein­flüsse auf die Ehe vorgestellt werden und sich Ratschläge für die Praxis ableiten lassen.

Anschließend werde ich auf die Scheidungskinder zu sprechen kommen (4). Hier werden zwei Studien aus den USA einfließen, die zu teilweise unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Die eine stammt von der Psychologin Judith Wallerstein, die seit 25 Jahren die Langzeit­fol­gen der Scheidung untersucht. Die andere stammt von Mavis Hetherington, die fast 1400 Familien und 2500 Kinder über einen längeren Zeitraum beobachtet hat.

In dieser Arbeit möchte ich vor allem Faktoren ansprechen, die Kinder bei einer Scheidung in ihrer Entwicklung schützen oder schaden. Gleichzeitig dient dieses Kapitel als Ratgeber für Eltern, die nicht wissen, wie sie mit einer Scheidungssituation umzugehen haben. In den Stu­di­­en stellten sich die Faktoren der Kapitel (4.1) bis (4.5) als bedeutsam heraus. Dies sind die Anzahl der Verlusterlebnisse (4.1), das Kommunikationsverhalten der Eltern (4.2), das Er­ziehungs­verhalten der Eltern (4.3) und die Erziehungsmodelle der Eltern nach der Scheidung (4.4). Auf Personen, die neben den Eltern noch Einfluss auf das Kind ausüben, komme ich in Kapitel (4.5) zu sprechen.

Im Anschluss werde ich noch den Spezialfall des Versorgerkindes vorstellen (5) und schließ­lich mit den juristischen Aspekten der Scheidung (6) meine Arbeit abschließen.

2. Statistische Daten zur Scheidung

„Ab Mitte der 60er Jahre erfuhren die meisten europäischen Länder – ähnlich, wenn auch weniger rasch als die USA – eine markante Zunahme der Scheidungshäufigkeit. Bis Mitte der 80er Jahre stieg die Scheidungshäufigkeit massiv an, vor allem in Nord- und Mitteleuropa“ (Höpflinger 1997, 117). Der Trend zum Anstieg der Scheidungszahlen ist bereits seit der Jahr­hun­dertwende zu erkennen. In Europa sind es vor allem die skandinavischen Länder, bei denen sich die Scheidungsquoten auf hohem Niveau seit den 80er Jahren etabliert haben. Spitzenreiter ist Schweden mit einer Scheidungsquote von 48% im Jahr 1992. In Großbri­tannien werden 44 von 100 Ehen geschieden. Portugal, Griechenland und Italien sind die wenigen Länder Europas, bei denen sich die Scheidungsquote 1992 noch um die 10% beweg­te (vgl. Höpflinger 1997, 11). West- und Ostdeutschland ist im europäischen Vergleich im Mittelfeld angesiedelt. Auch hier sind die Scheidungszahlen stark angestiegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Quelle Statistisches Bundesamt Stand: 11 / 2004

Von 15,1% in West- Deutschland bzw. 20,7% in Ostdeutschland im Jahre 1970, stieg die Zahl der Scheidungen auf 43,6% bzw. 37,1% (s. Abb.1). Während der Trend in Westdeutschland seit 1970 ungebrochen ist, ist in Ostdeutschland zwischen 1980 und 2000 ein Rückgang der Scheidungsquoten zu erkennen. Dies ist wohl in der politischen Unsicherheit der Wieder­vereinigung begründet, da sich der Trend nach 2000 fortgesetzt hat. Bodemann (1999) ver­weist in diesem Zusammenhang auf die Stabilität von Ehen in Krisenzeiten.

In Deutschland wird die Scheidung vor allem von den Frauen eingereicht. 2004 wurden 56,4% der Scheidungsanträge in Deutschland von Frauen und 36,5% von Männern beantragt.

Es ist nicht verwunderlich, dass bei steigenden Scheidungszahlen auch zunehmend Kinder betroffen sind. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren von den im Jahr 2004 geschiedenen Ehepaaren die Hälfte deren Kinder unter 18 Jahren. Die Anzahl der alleiner­ziehenden Frauen steigt parallel zu den Scheidungszahlen an. Im Westen wuchsen im Jahr 2000 13,5 % aller Kinder und im Osten 26,7% aller Kinder bei der Mutter auf. Von 100 Kindern unter 18 Jahren lebten im Jahr 2000 in Westdeutschland noch etwa 84 bei verhei­rateten Eltern, im Jahr 1991 waren es noch ca. 88 Kinder. In Ostdeutschland ist der Trend noch drastischer. Hier lebten im Jahr 2000 nur noch 69 von 100 Kindern bei unge­schiedenen Eltern. Die Zahl der Kinder die bei ihrem Vater aufwuchsen stieg sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland an; jedoch stellt diese Gruppe mit 2,6% (West) und 4,2% (Ost) eine Minderheit dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Quelle Statistisches Bundesamt Stand: 11 / 2004

Die Statistik zeigt, dass immer mehr Kinder nicht von beiden Eltern zugleich aufgezogen werden. Die Probleme die hierbei für Kinder entstehen können, werden im weiteren Verlauf der Arbeit thematisiert.

Nicht unerheblich ist das Armutsrisiko von alleinerziehenden Frauen bzw. Männern. Während in Deutschland jeder achte Haushalt als arm gelten kann[1], so sind die Alleinerziehenden zu 40,7% als arm zu bezeichnen. Mit zunehmender Kinderzahl steigt das Armutsrisiko rapide an. Von den Alleinerziehenden mit zwei und mehr Kindern leben 58,8% in Deutschland in Armut.

Trotz des drastischen Anstiegs der Scheidungszahlen, ist die Lebensform, in der zwei Partner ver­heiratet zusammenleben mit ca. 60% dominierend. Unverheiratet zusammenlebende stel­len mit ca. 7% eine Minderheit dar. 20% der Bevölkerung über 18 Jahre, lebt allein.

Dennoch sind folgende Trends zu beobachten. Der Anteil der verheirateten Eltern mit Kin­dern geht zurück und der Anteil anderer Lebensformen mit Kindern nimmt zu. Dies sind die Alleinerziehenden und unverheirateten Paare. Immer mehr Paare verzichten ganz auf ein Kind.

Wenn geheiratet wird, dann geschieht dies deutlich später und auch die Geburt des ersten Kindes hat sich in den letzten Jahrzehnten in all diesen Ländern nach hinten verschoben. Gleich­zeitig ist die Zahl der Kinder angestiegen, die in nichtehelichen Lebensgemeinschaften zur Welt kommen.

„Trotz dieser Entwicklungen wird die Ehe von der Mehrheit junger Erwachsener – vor allem außerhalb Skandinaviens- nach wie vor als zeitgemäße Lebensform erachtet, und die Ersthei­raten sind Mitte der 80er Jahre(n) in einigen Ländern erneut angestiegen“ (Höpflinger 1997, 107) es wäre als falsch von einem allgemeinen Bedeutungsverlust der Ehe zu sprechen.

Trotz des nach wie vor hohen Bedeutungsgehalts der Ehe kam es zu einem enormen Anstieg der Scheidungszahlen. Auf die Ursachen komme ich im folgenden Kapitel zu sprechen.

3. Scheidungsursachen

3.1 Makroebene - Scheidungsursachen gesellschaftlich

Der Anstieg der Scheidungszahlen scheint ein Problem der modernen Gesellschaften im Allgemeinen zu sein. Nicht nur in Deutschland, sondern in nahezu allen europäischen Ländern sowie den USA ist wie in Kapitel eins gezeigt wurde, seit vielen Jahren ein Anstieg der Scheidungszahlen zu verzeichnen.

Als Ursache wird meist die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gesehen. Darunter fallen nach Bodenmann veränderte Schicht- und Statuseinflüsse auf den einzelnen, andere Meinungen, Normen und Erwartungen bezüglich der Institution Ehe und deren Schei­dung, Wiederverheiratung und außerehelicher Sexualität. Andere Faktoren die eine Rolle spielen sind, höhere Mobilität der Menschen, alternative Partner in fast allen Alters­kohorten, gesellschaftliche Akzeptanz der Scheidung und geringer werdender Druck von Verwandt­schaft und anderen beeinflussenden Gruppen.

„Soziologisch ist v.a. bedeutsam, dass Ehen seit der Mitte der 60er Jahre durch Begriffe wie Emanzipation, Liebesheirat, Unabhängigkeit, sexuelle Freiheit etc. individuell wie gesamtge­sellschaftlich einen neuen Bedeutungsgehalt erhalten haben“ (Bodenmann 1999, 2). Partner­schaftliche Verhältnisse haben sich u.a. durch technische Perfektionierung der Empfäng­nis­verhütung soweit verändert, dass Sexualität und Fortpflanzung heutzutage problemlos getrennt werden können.

Als weitere Ursache der gestiegenen Scheidungszahlen wird häufig zunehmende Frauen bzw. Müttererwerbstätigkeit genannt. Die Erwerbstätigkeit einer Frau ist nach Barabas und Erler (2002) eher Ursache einer scheiternden Ehe, als der Grund für ein Zerbrechen einer Partner­schaft. Barabas und Erler (2002) sehen dies darin begründet, dass sich die Frau ökonomisch absichern muss, um nach einer Scheidung möglichst finanziell unabhängig zu sein. „Jedoch können auch bei Ehen mit erwerbstätigen Frauen bestimmte Faktoren ausgeprägte Belastungen darstellen und zwar dann, wenn die innerfamiliale Arbeitsteilung ausgeprägt traditionelle Rollenmuster aufweist“ (Barabas Erler 2002, 104). Bodenmann ist der Ansicht, dass die finanzielle Unabhängigkeit der Frau, durch verbesserte Bildung und Berufsaus­sich­ten, ihr verbesserte Möglichkeiten bietet eine Beziehung aufzulösen, als zu Zeiten der klas­sischen Versorgerehe. Seine These sieht er durch die Tatsache, dass die meisten Schei­dungen von Frauen eingereicht werden, bekräftigt.

Alternative Lebensformen wie die nichteheliche Lebensgemeinschaft oder Singles, die eine Option zur Ehe darstellen, sind vielfältig und gesellschaftlich akzeptiert. Sexualität und Fort­pflanzung sind, wie bereits angesprochen, durch zuverlässige Verhütungsmethoden getrennt worden. Gerade bei jungen Menschen haben sich alternative Lebensformen immer mehr durch­­­gesetzt. Sie sind von allgemeiner freien Wahl und genereller Kündbarkeit gekenn­zeichnet.

„Für diese Annahme sprechen die Wiederkehr der Ehelosigkeit, die Entwicklung der Ehe­schei­dungen und die Wiederverheiratungen mit ihren Folgen, wie sukzessive Ehe und Patch­workfamilien “(Barabas 2002, 101).

Familien werden in der Regel später gegründet. Wenn sie gegründet werden, dann ist eine Ehe aufgrund der gesellschaftlichen Option zur nichtehelichen Lebensgemeinschaft nicht zwingend notwendig. In der Folge „kam es zu einer verstärkten Verbreitung nichtehelicher Lebensgemeinschaften bzw. Lebenszeitgemeinschaften“ (Höpflinger 1997, 105). Zwar sind nichteheliche Lebensgemeinschaften häufig eheähnlich organisiert, jedoch sind sie deutlich instabiler als Ehen.

Durch eine andere Rechtsprechung hat sich der Gesetzgeber einerseits auf die gesell­schaftlichen Veränderungen eingestellt, gleichzeitig aber durch eine Vereinfachung der Schei­dung die Zahlen weiter nach oben getrieben. Auf die besonderen juristischen Aspekte der Scheidung komme ich in Kapitel 6 zu sprechen.

3.2 Mikroebene - Scheidungsursachen für den Einzelnen

Für den Einzelnen ist niemals ein einziger Grund für die Scheidung maßgebend. „Vielmehr sind es stets eine Reihe von Gründen, die zur Trennung der Ehepartner führen“ (Barabas, Erler 2002, 102). Dabei sind finanzielle Probleme und Auseinandersetzungen in Fragen der Kindererziehung immer seltener der Grund für eine Scheidung. Diese so genannten instru­mentellen Gründe der Scheidung sind durch Gründe, die auf kommunikativer Ebene ange­sie­delt sind, abgelöst worden (vgl. Barabas, Erler 2002, 103). Heutzutage sind es weniger diese instrumentellen Faktoren, die zu einer Scheidung führen, sondern unerfüllte Erwar­tungen und empfundenes unangepaßtes Verhalten des Partners. Nach Bodenmann spielen die instru­­men­tellen Gründe bei kürzeren Ehen heute immer noch eine Rolle, während mit zuneh­men­der Ehe­dauer Probleme auf kommunikativer Ebene zunehmen.

Interessanterweise scheinen die Erwartungen des Einzelnen an eine glückliche Ehe zu steigen. Es kann also gerade nicht von einem Bedeutungsverlust der Ehe gesprochen werden. „Der An­stieg der Ehescheidungen ist nicht die Folge eines Bedeutungsverlustes der Ehe bzw. Part­ner­schaft, sondern vielmehr die Folge ihrer gestiegenen affektiven und psychischen Bedeu­tung und Wichtigkeit für die Beziehungspartner sowie deren gesunkene Bereitschaft, nicht erfüllte Erwartungen zu tolerieren“(Barabas, Erler 104).

In diesem Zusammenhang scheint es sich als günstig zu erweisen, wenn die Partner bezüglich wichtiger Einstellungen, Normen und Wünschen Ähnlichkeiten aufweisen. Mehrere Studien konnten zeigen, dass dies positiv mit der Partnerschaftszufriedenheit korrelierte (vgl. Boden­mann 1999, 6). Des Weiteren konnten in der Kommunikation der Partner mehrere negative Faktoren identifiziert werden: Destruktive Kritik, verächtliche Kommunikation, Defensivität und Rückzug erhöhen das Scheidungsrisiko. Positives Problemlösungsverhalten und Kommu­ni­kation, die die eben genannten Faktoren ausschließt, scheinen dagegen stabilisierend auf eine Ehe zu wirken.

[...]


[1] Arm ist, wer monatlich weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat. Die Armutsgrenze in Deutschland nach Maßstäben der Europäischen Union liegt bei 938 Euro für das Jahr 2003 das entspricht weniger als 60% des mittleren Einkommens der Bevölkerung.

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638516181
ISBN (Buch)
9783638665100
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57085
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Abt. Soziologie der Familie und der privaten Lebensführung
Note
1,7
Schlagworte
Kinder Scheidung Ursachen Ehescheitern Maßnahmen Schaden Kind Familie Recht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kinder in Scheidung - Ursachen für das Ehescheitern und welche Maßnahmen getroffen werden können, um Schaden vom Kind abzuwenden