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Fußball: Vom "Wiesen-Kick" zum "Massen-Fanomen"

Diplomarbeit 2006 126 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Die Einleitung:

Warum habe ich den Fußballwettkampfsport (ist die alte Bezeichnung des Fußballsports; ein Wettkampf zwischen zwei Mannschaften) als Hauptthema gewählt? Eigentlich hat mich der Fußballwettkampfsport mit seinen unzähligen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und geschichtlichen Zusammenhängen schon immer fasziniert. Das Interesse weckte sicher mein Vater Hubert Peter Marinitsch in mir. Er war es auch, der mich mit dem Fußballvirus infizierte. Der Fußballwettsport ist wohl das, was uns am meisten miteinander verbindet, abseits der klassischen Vater-Sohn Rollenbeziehung.

Ich wusste seit Beginn des Studiums, dass für mich Fußball (Sport) und Soziologie im engen Zusammenhang stehen. Deshalb besuchte ich Anfangs auch einige theoretische Vorlesungen, die mir einen Einblick in die komplexe Materie gaben. Die Rollentheorie und der Fußballsport passen sehr gut zusammen, da es im Fußballwettsport unzählige Rollen gibt.

Fußball ist die am besten erforschte Sportart der Welt und täglich kommen neue Erkenntnisse dazu. Tatsächlich kommt es mir so vor, dass sich der Fußballwettsport, so wie ich ihn kennen gelernt habe, schon so weit von meinen Vorstellungen entfernt hat, dass für mich der Reiz an dem Spiel zum Teil verloren ging. Deshalb besuche ich am liebsten Spiele von unbekannten Mannschaften, unterstütze gerne den Außenseiter und bin vielleicht gerade deshalb Anhänger vom Wiener Sportklub. Für mich ist Fußball eine soziale Gemeinschaft; man trifft auf Bekannte und Freunde, mit denen man eine schöne Zeit verbringt. Diese spezielle Art von Freundschaft und Gemeinschaft wird nur im Umfeld des Vereins (Fußballplatz) gepflegt, denn sonst hat man mit diesen Freunden und Bekannten eher weniger zu tun.

Die Diplomarbeit ist eine qualitative Inhaltsanalyse von Texten, Dokumenten und Statistiken, gepaart mit Beobachtungen, ero-epischen Gesprächen und gesammelten Erfahrungen.

Ich schlüpfte für meine Diplomarbeit in die verschiedensten Rollen: Fan (begeisterter Anhänger), Sänger, Beobachter, Wissenschaftler (Soziologe), Friedensstifter und Sanktionierer.

Ich möchte in dieser Diplomarbeit aufzeigen: „ Welche Faktoren wirken auf den Fußballwettsport ein! “, „ Wie hat sich der Sport von den Anfängen bis Heute entwickelt und verändert! “, „ Wer besucht ein Fußballspiel!“ und „Was macht den Fußballwettkampfsport so einzigartig! “.

Das erste Kapitel nenne ich absichtlich „ Das Vorspiel “. Ich beginne mit der Ur-Mutter und der Geburtsstätte des Fußballs, nämlich England. In England (Eton) wurde der erste Regelkatalog herausgebracht und der erste Verband, die FA (Football Association), gegründet. In Englang gab es die erste Profiliga (1888), das Spiel wurde von der Bevölkerung sehr schnell angenommen und Fußball entwickelte sich sehr schnell zum Arbeitersport und zum Exportschlager.

In Deutschland war Fußball der Sport der oberen und gebildeten Schicht; die ersten Vereine wurden von Gymnasiasten, Schülern und Lehrern gegründet. Fußball galt damals als Sport „ der feinen Leute “. In Deutschland herrschte zu dieser Zeit noch der Turnsport vor. Durch die Industrialisierung im Ruhrgebiet und die Einwanderung von Polen und Masuren[1], änderte sich das langsam. Die Arbeiter entdeckten den Sport für sich. Sie schlossen sich zu wilden Vereinen zusammen und mussten einen langen Weg der Integration gehen. Doch schließlich gelang es den Arbeitervereinen sich in der Gesellschaft zu etablieren (z.B. FC Gelsenkirchen-Schalke 04).

In Österreich wurde der Sport ebenfalls vom bürgerlichen Lager eingeführt. Es waren aber die Engländer, die in Wien lebten, die die ersten Vereine gründeten (1894 First Vienna Football Club und Vienna Cricket and Football Club). In Wien konnte sich dann der Sport schnell und gut entwickeln. Die Arbeiter entdeckten den Sport für sich. Der Fußball- und der Turnsport standen in keiner nennenswerten Konkurrenz zueinander. Die Fußballplätze wurden am damaligen Stadtrand gebaut (FC Simmering in Simmering, Rapid in Hütteldorf, Wiener Sportklub in Dornbach usw.). In Deutschland sollte Fußball ein Amateursport bleiben, aber in Österreich erkannte man schnell, dass man nur mit dem Profitum sich weiterentwickeln kann.

Das zweite Kapitel: Medialisierung des Fußballs: Welche Bedeutung haben Firmen, Ausrüster und Sponsoren. Fußball und Medien sind heute untrennbar miteinander verbunden. Fast jeden Tag ist Fußball im Fernsehen präsent, die Zeitungen berichten täglich und im Internet findet man aktuelle Informationen.

Das Fußballspiel wird uns heute von den TV-Anstalten „präsentiert“. Es wird aufwendig dargestellt (Statistiken, Grafiken), von Experten analysiert und durch die Werbung kommerzialisiert.

Die Entwicklung und Einführung einer Sport- bzw. Fußballsendung, so wie wir sie heute kennen, stammt aus England. Es waren folgende Sender daran beteiligt: BBC (Britisch Broadcasting Corporation), ITV (Independent Television) und der Satellitensender BSkyB (früher BSB und Sky). In Deutschland waren es die Sendungen „ Die Sportschau “ (ARD), „ Das aktuelle Sportstudio “ (ZDF) und „ ran “ (SAT.1). In Österreich war es der ORF mit der Sendung „ Bundesliga “ und seit der Saison 2004/05 sendet der Privatsender ATV die Sendung „ Volltreffer “.

Für die Vereine spielt Vermarktung der TV-Rechte zum Teil eine wichtigere Rolle, als die Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Bei der Zentralvermarktung übernimmt der Verband die Vermarktung der Rechte und teilt die Einnahmen nach einem bestimmten Schlüssel auf die Vereine auf. Bei der Einzelvermarktung kümmert sich der Verein selbst um die Vermarktung seiner TV-Rechte.

Neben der Medialisierung entwickelten sich auch die Kommerzialisierung und die Vermarktung des Fußballsports. Früher waren Gönner und Mäzen dafür verantwortlich, dass sich der Verein finanzieren konnte. Heute läuft alles unter der Rubrik Sponsoring (vertraglich festgelegte Leistungen und Gegenleistungen). Hier wird unterschieden zwischen einem Hauptsponsor, wenigen Co-Sponsoren und einem Sponsorenpool.

Bei der Vermarktung von Fanartikeln tauchen die Begriffe Merchandising und Licensing sehr oft auf. Beim Merchandising werden Produkte mit Vereinsemblem verkauft; hierbei ist der Brandname des Vereins sehr wichtig (Wert des Vereins und dessen Namen z.B. FC Bayern München). Beim Licensing wird eine Lizenz für die Herstellung und den Vertrieb der Fanartikel an Dritte verkauft.

Einige Vereine entwickelten sich zu Kapitalgesellschaften, aber nur die wenigsten mit Erfolg (Manchester United). Bei vielen Fußball-AG´s liegt der Kurswert weit unter dem Emissionswert (Borussia Dortmund).

Das Bosman-Urteil, welches am 15.12.1995 im europäischen Gerichtshof in Luxemburg gefällt wurde, stellte die europäische Fußballwelt auf den Kopf. Die alten Transferbestimmungen wie die Ausländerbegrenzung für EU-Ausländer und Ablösesummen nach Vertragsende wurden verboten. Dies führte zu einer Explosion der Ablösesummen bei bestehenden Verträgen, dem Anstieg von Spielergehältern und Spieler lassen sich nicht mehr so lange an einen Verein binden (höhere Fluktuation).

Im dritten Kapitel gehe ich auf die Typologie von Vereinsanhängern, Fans, Zuschauern und den Kunden im Stadion ein. Die Identifikation mit dem Verein oder auch die Vereinsliebe sind wesentliche Dimensionen für die Frage nach dem Gruppenzusammenhalt.

Laut Duden wird ein Fan als begeisterter Anhänger beschrieben. Ich gehe der Frage nach: „ Was macht Fan sein aus? “ In der Literatur fand ich unzählige Beschreibungen und Antworten auf diese Frage, die ich zum Teil in meiner Diplomarbeit widerspiegle. Für mich ist Fansein ganz einfach zu erklären: „ Ich liebe meinen Lieblingsverein so sehr, wie einen wichtigen Menschen in meinen Leben! “.

Fans bilden gegenüber den anderen Zuschauern eine räumliche und visuell unterscheidbare und zusammenhängende Subgruppe. Die spezifischen Ausprägungsformen von Subgruppen werden von einer bestimmten gesellschaftlichen à Gruppe, à Schicht oder à Klasse anerkannt und geteilt (Reinhold, 2000, S. 661). Diese Gruppe bindet sich relativ stark an den Verein und wiederholt diese Zusammensetzung von Spiel zu Spiel.

Eine klare Klassifizierung von Anhängern ist so gut wie unmöglich, deshalb muss die Analyse jeweils dem Untersuchungsziel genau angepasst werden. Erst wenn das Untersuchungsziel klar definiert ist, kann man Klassifizierungen vornehmen.

In meiner Diplomarbeit stelle ich die Fan- bzw. Zuschauertypen „der konsumorientierte (kritische) Fan“, „der fußballzentrierte Fan“ und „der erlebnisorientierte Fan“ kurz da. Auf den jugendlichen Fan und den Hooligan wird genauer eingegangen.

Bei jugendlichen Fans handelt es sich um Heranwachsende und Jungerwachsene (im Alter von ca. 14 bis 28), die sich in Peer Groups (Gruppe von Gleichaltrigen) vereinen.

Beim Hooliganismus steht das „ Eintreten “ im Vordergrund. Sie nehmen das Umfeld Fußball in „ Geiselhaft “, um sich bemerkbar zu machen. Die Hooliganbewegung entstand in den 60er und 70er Jahren in den Arbeitervierteln in London und Liverpool und verbreitete sich in die ganze Welt. Zumeist waren es Jugendliche unter 20 Jahren, mittlerweile ist der Altersdurchschnitt aber höher geworden. Hooligans sind zu meist sportlich und elegant gekleidet, um durch dieses Aussehen bei der Polizei nicht auf zu fallen. Die Hooliganszenen variieren von Land zu Land. In Deutschland und Österreich gibt es einen „ Ehrenkodex bzw. Wertekatalog “ (unaufgeschriebene Regeln, die von den Hools eingehalten werden). Die Polizei reagierte im Laufe der Zeit auf das Hooliganproblem und entwickelte viele unterschiedliche Vorgehensweisen um den Problem zu begegnen.

Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball müssen nicht unbedingt mit Hooliganismus zu tun haben, sondern eher mit dem Argument, dass im Stadion noch ein Grossteil der Fans und Zuschauer männlichen Geschlechtes sind.

Das vierte Kapitel handelt über Gesänge, Riten, Symbole, Mythos, Territorium und Krieg.

Durch den Gesang wird ein Lustgewinn erzeugt. Ziel ist es, mit dem Gesang seinen Verein zu unterstützen und/oder den Gegner zu verhöhnen. Gesänge sind ein guter Indikator für die Fanbefindlichkeit und die Stimmung im Stadion. Als Vorbilder/Vorlagen dienen oft bekannte Musikstücke aus Pop, Rock, Schlager und volkstümlicher Musik mit eigenem Text. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die „Einpeitscher“ und der Vorsänger (Chant-Leader). Der Vorsänger muss über ein großes Repertoire an Fangesängen verfügen und ein „Spiel lesen“ können.

Im Fußball herrschen zum Teil eigenen Normen und Werte. Natürlich werden zum größten Teil soziale Normen, wie Sitte, Recht und Gesetz befolgt, doch innerhalb einer Fankurve herrschen oft eigene ungeschriebene Normen. Traditionen werden aufrecht gehalten und Emotionen können ausgelebt und erlebt werden.

Fußball und Religion werden oft miteinander verglichen, denn Riten und Rituale sind feste Bestandteile, sowohl im Fußball als auch in der Religion. Sie haben immer mit Gemeinschafts - und Zusammengehörigkeitsgefühl zu tun. Zu solchen Ritualen gehören Gesten und Symbole. Sie zeigen den anderen Fans zu wem man gehört (z.B. Bemalung des Gesichts mit den Vereinsfarben); Symbole werden nur am Oberkörper und Kopf getragen und das Vereinsemblem am Trikot liegt meistens über dem Herzen. Das Sammeln von sakralen Gegenständen, wie Autogrammkarten, Briefen, Kleidungsstücken von Spielern usw. gehört ebenfalls dazu. Mit diesen Gegenständen werden oft „Heimaltare“ errichtet.

Der Wettkampfsport Fußball vermittelt die alten kriegerischen Werte (Tugenden) Fairness und Ritterlichkeit. Kriegerische Wörter kommen in der Fußballsprache sehr oft vor wie Angreifer, Verteidiger, Schlachtenbummler usw. Die Heimfans versuchen ihr Territorium, also das Heimstadion inklusive dem Umfeld vor feindlichen Fans zu schützen und zeigen oft eindeutig wer hier „ regiert “.

Für mich war das Schreiben dieser Diplomarbeit sehr lehrreich und informativ. Der Fußballwettkampfsport ist ein enormes interessantes Gebiet, das alle Facetten für einen Soziologen zu bieten hat. Ich würde mir jederzeit dieses Thema wieder für meine Diplomarbeit auswählen.

Für mich war das Schreiben dieser Diplomarbeit sehr lehrreich und informativ. Der Fußballwettkampfsport ist ein enormes interessantes Gebiet, das alle Facetten für einen Soziologen zu bieten hat. Ich würde mir jederzeit dieses Thema wieder für meine Diplomarbeit auswählen.

An Ende meiner Einleitung möchte ich kurz widerspiegeln, wie sich die Fans der Friedhofstribüne (FHT) des Wiener Sportklubs selbst beschreiben:

„D ie Freunde der Friedhofstribüne wurden im Herbst 1990 aus der Taufe gehoben. Da die Exekutivbeamten auf dem Sportclubplatz fast immer eine sehr ruhige, angenehme "Arbeit" hatten (außer die diversen Großklubs sind bzw. waren auf Besuch), wurde Ihnen anscheinend langweilig, und sie fingen an, kleinlich zu werden. So wollten sie uns eines Tages den Verkauf unseres Fanzines wegen des fehlenden Impressums verbieten. Da man zur damaligen Zeit sehr häufig "Ausländer raus" oder "Sieg Heil" von diversen Anhängern hörte, und das bei weitem neben bzw. unter unserer Anschauung von Fankultur lag, wollte keiner von uns Namen und Adresse im Fanzine veröffentlichen. Für diese Leute waren wir eh nur die "linken Schweine" und ein äußerst beliebtes Feindbild. Nach Rücksprache mit einem Rechtsberater wurde diese Namen-Adressen Angelegenheit so umgangen, indem wir das Komitee "Freunde der Friedhofstribüne" gründeten, welches bis heute für Qualität am Fußballplatz bürgt [2] “.

Diese beschriebene Qualität zeigt sich auch in der Realität am Fußballplatz. Die Wiener Sportklub Fans genau genommen die der Friedhofstribüne (FHT) schimpfen im Normalfall nicht über Gegner und Schiedsrichter (Ausnahmen gibt es aber immer). Sie feuern nur die eigene Mannschaft an und wollen mit den gegnerischen Fans, den Sicherheitskräften (der Polizei, den Ordnern oder den Securities) einfach keine gewalttätigen Auseinandersetzungen haben. Diese Fans singen viel, lachen, tanzen und trinken Alkohol. Deswegen verliebte ich mich in diesen Verein und bin noch heute ein glühender Verehrer.

1. Kapitel - Das Vorspiel:

Wenn man von Fußball spricht, denkt man oft an England, die Mutter und Geburtsstätte des Spiels. Es wurden in vielen Ländern Wettspiele veranstaltet, in dem ein Gegenstand herumgetragen, geworfen, getreten und um ihn gekämpft wurde. Doch den Engländern ist es zu verdanken, dass das Spiel zu Regeln kam und somit den Siegeszug als Sportart antreten konnte.

Im ersten Kapitel wird die Anfangszeit der Entwicklung des Fußballs vorgestellt. Eine kleine geschichtliche Einführung über das Zustandekommen der Regeln ist enthalten. Es werden weiters die Anfänge des Fußballs in England, in Deutschland und insbesondere im Ruhrgebiet vorgestellt. Als Vorzeigeverein entschied ich mich für den FC Gelsenkirchen-Schalke 04. Zum Abschluss des ersten Kapitels werde ich mich den Anfängen des österreichischen Fußballs (dem Wiener Fußball) widmen.

1.1. Englische Public Schools verbreiteten das Spiel und entwarfen die Regeln

1845 wurde erstmals ein schriftliches Regelwerk vorgelegt, „ The Law of Football as played in Rugby School “, das unter anderem zwischen legitimer und illegitimer Gewalt unterschied, dass die Public School (öffentliche Schule) von Eton kurze Zeit später (1849) einen eigenen Regelkatalog vorlegte, ist vor allem auf die Statusrivalitäten zwischen den einzelnen Schulen zurückzuführen. Diese Regeln, die unter anderem das Spielen des Balles mit der Hand untersagten und die Größe und Art des Tors veränderten, leiteten die Trennung zwischen den Fußballvarianten Soccer und Rugby ein. Eine Verfeinerung der Eton-Regeln brachten die „ Camebridge-Regeln “. Sie untersagten jeden gefährlichen Körperangriff wie Treten („ hacking “), Stoßen und Halten und führten zu einer weiteren Abgrenzung gegen das raue Rugby. (Aschenbeck, 1998, S. 11).

1846 verfassten Studenten der Universität Cambridge (Camebridge-Regeln) die ersten Fußballregeln. Danach bestand eine Mannschaft aus 15 bis 20 Spielern. Im Jahre 1857 gründeten Cricketspieler mit dem Sheffield F.C. den ersten offiziellen Fußballverein der Welt. England gilt vor allem heute als Mutterland des Fußballs, weil 1863 in London die Football Association (FA) (von ehemaligen Schülern und Studenten) gegründet wurde und vor allem das umfangreiche Regelwerk die Entwicklung des gesamten Fußballs förderte. 1866 wurde die Abseitsregel eingeführt: Ein Spieler war nur dann abseits, wenn er bei der Ballannahme weniger als drei Gegner vor sich hat. Im Sheffield Code wurden die Regeln um den Eckball und Freistoß erweitert.

Am 8.12.1863 wurde ein Regelwerk der FA (Football Association) verabschiedet, das „ handling “ (Spiel mit der Hand) mit der Ausnahme des Tormannes, das „ hacking “ (=Treten gegen die Beine) und das „ tripping “ (=Beinstellen) verboten (Huber, 2004, S. 10 zitiert aus Schulze-Marmeling 1992, S. 21). 1871 gründeten die Rugby-Clubs ihren eigenen Verband, Rugby Football Union (RFU).

Mit diesen Festlegungen und der Umsetzung gebührt den Engländern der Ruhm, das heutige Fußballspiel erfunden zu haben. 1872 wurde eine einheitliche Ballgröße von der englischen Association festgelegt und das erste offizielle Länderspiel in Glasgow zwischen Schottland und England ausgetragen (Endstand 0:0). Zwei Jahre später wurde der Fußballschiedsrichter erfunden, der von nun an das Spiel als Unparteiischer leiteten sollte[3].

Das älteste Matchticket der Welt. Schottland empfing die Engländer 1872 am bis heute kaum veränderten West Of Scotland Cricket Ground im Glasgower Stadteil Partick. Dank überlegener Taktik gewannen die Schotten neun der ersten 13 Spiele gegen die Engländer. [4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das erste Fußballstadion der Welt wurde in London errichtet, es war das Stadion von Crystal Palace (1894) (nicht zum verwechseln mit dem heutigen Crystal Palace F.C.). Beim ersten Cupfinale 1872 in England besuchten ca. 2000 Zuschauer das Match. Knapp dreißig Jahre später im Jahr 1901 waren es schon ca. 111.000 Zuschauer (siehe Foto S. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[5]

Beim Spiel zwischen West Ham und Bolton Wanderers kamen am 28.04.1923 ca. 200.000 (im Internet wurden Zuschauerzahlen von über 220.000 auch erwähnt) Zuschauer ins Stadion. Die damalige Kapazität dieses Stadion betrug 127.000 Zuschauer (es wurde gespielt obwohl sich Zuschauer auf dem Spielfeld befanden).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[6]

1.2. Das Proletariat gegen den Gentlemen: Die Professionalisierung in England musste kommen:

Der Amateurismus war ursprünglich eine Erfindung bzw. eine Idee der nachbürgerlichen Klassengemeinschaft, um sich „ den Proleten [7] vom Hals zu halten “. Jedoch durch heftige Gegenwehr der spielenden Bevölkerung wurde 1866 die Amateur-Klausel auch Gentleman-Klausel genannt ab geschaffen.

Auf Druck der damaligen Arbeitervereine wurde eine Profiliga in England installiert. Diese Profiliga startete 1888 mit den damals bekannten Mannschaften. Es wurde im einen Meisterschaftsmodus gespielt, in dem es eine Hin- und eine Rückrunde gab. 1892 wurde zusätzlich eine zweite Liga (ebenfalls Profiliga) eingeführt.

„Die Professionalisierung war untrennbar mit der Gründung der beiden Ligen verbunden, denn ohne die Gründung einer Liga hätte der Professionalismus nicht überleben können, dar Pokalspiele mit ihrem K.O.-System nicht kontinuierlich und ausreichend Geld abwarfen. Die League hingegen garantierte mit ihrem „ Jeder gegen Jeden System “ allen Beteiligten Einnahmen über die gesamte Saison“ (Aschenbeck, 1998, S. 15).

Um ärmere Clubs zu schützen, wurden zwischen 1893 und 1908 erste Transferbestimmungen eingeführt, somit wurde die Ablöse eines Spielers genau geregelt. Erst 1960 wurde in England die Gehaltsobergrenze für Profifußballspieler aufgelöst.

In England war ein kämpferischer Mannschaftssport, also eine leistungsorientierte Auseinandersetzung von der Bevölkerung schon immer erwünscht gewesen und in ihrer gesellschaftlichen Kultur fest eingegliedert. Die Engländer frönten dem Hobby Wetten; da Fußball ideal zu wetten war, wurde es dadurch sehr schnell populär. In Österreich und Deutschland war der spielerische Wettkampf nicht an der Tagesordnung. Dort regierten die Turnvereine, die Disziplin, sportliche Haltung und Gruppendynamik schätzten, somit an Konkurrenz und Leistungsvergleich nicht interessiert waren. Unter dem Motto Turnen hält fit.

Ganze Regionen wurden am Erfolg der Mannschaft gemessen, somit wurde der Verein zum Repräsentanten einer Gegend. „ 1914 existierten auf den Britischen Inseln nur weinige Städte mit mehr als 20.000 Einwohner, die nicht durch eine halb- oder professionelle Mannschaft repräsentiert gewesen wären “ (Huber, 2004, S. 12 zitiert aus Mason, 1997, S. 33).

2.1. Wie sich Fußball in Deutschland durchsetzen konnte!

Im 19 Jahrhundert war der Turnsport im deutschsprachigen Raum vorherrschend. Einer der Wegbereiter des Fußballs war der Turnlehrer Konrad Koch, der Fußball 1874 in Deutschland als Schulspiel einführte. Dieser Sport wurde von Schülern und Studenten schnell angenommen, weil Fußball aus England kam (was aus England kam war „ IN “) und zweitens, weil der Sport in der Öffentlichkeit mehr oder weniger verboten war.

Der erste deutsche Fußballclub wurde 1880 als Bremer Football Club gegründet, von Gymnasiasten, Schulabsolventen und Lehrern. Der älteste existierende Verein in Deutschland ist die Berliner Germania von 1888 (Hering, 2002, S. 21).

Im Endspiel des englischen FA-Cups (Football Association) 1903 wurden über 130.000 Zuschauer im Stadions gezählt, während dessen wurde in Deutschland gerade einmal vor 1.500 Besucher im Stadion gespielt, dafür durften sie den Schiedsrichter noch persönlich kennen lernen, denn dieser fungierte nebenbei noch als Kartenverkäufer (Lenhard, 2002, S. 47).

Böse Zungen behaupten: „ Fußball ist das einzig Brauchbare was je von der Insel exportiert wurde! “ und in Deutschland wurde das Spiel nicht in dem Maße proletarisch wie in England.

Die ersten Vereine bzw. Mannschaften in Deutschland waren:

- Schüler und Studentenmannschaften (HSV, Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart, Werder Bremen usw.)
- Wilde Vereine bzw. Mannschaften Spielcliquen von Jugendlichen (Schalke 04)
- Fußballabteilungen von Turnvereinen (TSV 1860 München)
- Klubs die aus christlichen (katholischen, protestantischen) Jünglingsvereinen entstanden (Borussia Dortmund).

2.2. Fußball im Ruhrgebiet, Fußballkultur zwischen Arbeit, Gemeinschaft und Ehrlichkeit

2.2.1. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg:

Wer vom deutschsprachigen Fußball redet, kommt zwangsläufig zum Thema Fußball im Ruhrgebiet. Die Fußballkultur und Sozialkultur ist in dieser Gegend von Arbeit, Tradition, Gemeinschaft und Ehrlichkeit geprägt. Nur ein Gebiet in Europa hat eine dichtere Struktur von Stadien, Zuschauern und Spielern, nämlich der Londoner Raum.

Fußball kämpft immer noch mit Klischees, Ruhrgebietsfußball ist Arbeiterfußball, dabei wird komplett außer Acht gelassen, dass es Jahrzehnte dauerte, bis die ersten Arbeiterclubs zugelassen wurden und sich etablierten. Den Anfang machte die Oberschicht, gebildete Personen, englanderfahrene Personen, Engländer, Schüler und Studenten. Erst später entdeckte die Mittelschicht den Sport für sich und am Schluss war es das „gemeine Volk“ (Unterschicht) selbst, das den Sport für sich entdeckte. Die österreichische Fußballgeschichte ähnelt der deutschen Ruhrgebiet-Geschichte sehr.

Fußball war im Ruhrgebiet am Anfang nicht so populär. Mit der Industrialisierung und der Bevölkerungsexplosion wurde Fußball langsam in die Bevölkerung eingeführt. Zwischen 1840 und 1870 verdoppelte sich die Bevölkerung im Ruhrgebiet, in Bochum vervierfachte sich die Einwohnerzahl. Kleine Orte wie Hamborn die noch im Jahre 1890 4.290 Einwohner zählten wuchsen, enorm und wurden Städte. Im Jahre 1911 hatte Hamborn 103.000 Einwohner.

Die ersten Fußballvereine kamen alle aus dem bürgerlichen Lager. Das Spiel war „ IN “, weil es aus England kam und es war damals schick etwas Neues zu betreiben und sich somit von der normalen Bevölkerung zu distanzieren.

In den Schulen herrschte starker Turndrill, doch der Fußballvirus griff ganz langsam um sich und zog immer mehr Personen in seinen Bann. Die Turnvereine erkannten zum Teil das Potential und gründeten oft eigene Ballspielsektionen, damit sie Mitglieder neu gewinnen bzw. nicht verlieren konnten. Doch diese Kooperationen waren meist nicht von langer Dauer. Die Fußballspieler gründeten dann ihre eigenen Vereine. Die ersten nachweisbaren Spiele in Ruhrgebiet gab es um 1883/84.

Die Angestellten waren es, die den Sport beliebt machten, durch Sport versuchten sie den Anschluss an das Bürgertum zu finden. Fußball war mit der Gesellschaft „ der feinen Leute “ verbunden. Das damalige Bürgertum setzte sich auch bei der Bekleidung durch und so wurden die „Stutzen“ eingeführt, damit die Wanden verdeckt werden.

Beim ersten Aufeinandertreffen (auch „ Wettspiel “ genannt) fanden sich die Mannschaften Dortmunder Sport-Club und Spiel-und-Sport Schalke 1896 im Dezember 1896 am Dortmunder Schützenhof ein. Die Dortmunder Lokalpresse berichtete am 6. Dezember 1896 folgendes:

Das Spiel gestaltete sich, wie auch zu erwarten war, zu einem äußerst interessanten…Von beiden Seiten wurde recht wacker, trotz des schlechten, unebenen Bodens, gespielt, und gelang es den Dortmundern vor der Pause nur einmal, den Ball durch das Heiligtum der Schalker zu treten. Nach der Pause gelang es ihnen, trotz heftiger Gegenwehr der Schalker, noch viermal durch das feindliche Tor zu treten, so dass am Schlusse des Spiels der DFC dank seiner guten Leistungen als Sieger mit 5:1 aus dem friedlichen Kampfe hervorgehen konnte. Es waren nicht viele Zuschauer erschienen, da das bisschen Kälte wohl die meisten abgehalten hatte, ihre wertvollen Nasen dem Winde auszusetzen und lieber hinter dem Ofen zu wären...“ (Hering, 2002, S. 12).

1910 wurden die ersten Trainer im Ruhrgebiet eingestellt. Sie kamen aus England und sollten den Vereinen FC München-Gladbach und Duisburger SV die Vorherrschaft im Revier sichern. Der Duisburger Trainer bekam für damals eine stolze Summe von 2.000 DM pro Jahr bezahlt (Hering, 2002, S. 44).

Im Vorrundenspiel der deutschen Meisterschaft trafen in Essen (Stadion des Essener Turnerbundes) am 3. Mai 1914 die Mannschaften Duisburger SV (Westmeister) gegen Altonaer Fußball-Club von 1893 (Nordmeister) aufeinander. Zu diesem Spiel sind Zuschauer aus dem ganzen Ruhrgebiet nach Essen gekommen. Es gab sogar Sonderzüge aus Duisburg. Die Zuseherzahl war für damals ein absoluter Rekord, es wurden 12.000 bis 15.000 Beobachter gezählt, eine solche Zahl wurde im Ruhrgebiet bis zum ersten Weltkrieg nicht mehr erreicht (Hering, 2002, S. 45).

2.2.2. Wie der Fußballvirus die Unterschicht infizierte

Die Arbeiter und die kleinen Angestellten wohnten oft in kleinen bis großen Siedlungen, die eigens für sie errichtet wurden. Diese Siedlungen (Arbeiterkolonien) lagen meist abgelegen oder am Rand einer Ortschaft. Diese Siedlungen waren wiederum wie kleine Orte angelegt. Diese Siedlungen wurden von Zechen bzw. großen Industriekonzernen (Krupp) angelegt. Die Menschen fanden dort alles Lebensnotwendige vor (vom Einkaufsladen bis zum Kindergarten). Diese Institutionen gehörten meist den Arbeitgebern. Da der Beruf des Bergarbeiters sehr auf dem gegenseitigen Vertrauen der Arbeitskollegen (Kumpel) beruht, wurde dieses Gemeinschaftsgefühl in den Siedlungen weitergelebt. So entstand dort in den Arbeiterkolonien mit der Zeit ein ganz besonderes Klima.

Solche Arbeiterkolonien „ Siedlungskern, bestehend aus der Dreiheit, Zeche, Bergarbeitersiedlung und Vorortzentrum, entstanden zwischen 1850 und 1914 im Ruhrgebiet zu Hunderten “ (Lenhard, 2002, S. 72).

Wieso war der Mannschaftssport im Ruhrgebiet so beliebt?

- Fußball ist eine Mannschaftssportart und dieser Sport benötigt erstens eine gewisse Anzahl von Spielern, also eine Gruppe vom Menschen, die gewillt ist, mit anderen Menschen ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Mannschaften gebildet. Es kann eine Mannschaft nur gut zusammenspielen, wenn sie als Mannschaft (Team) zusammenhält, so wie in ihrem Beruf.
- Diese Einbettung der Vereine in das sie umgebende physische Milieu der Wohn- und Arbeitszentren führt dazu, dass die Vororteklubs „zu den Siedlungen und Kolonien wie der Taubenzuchtverein, die Stammkneipe oder (…) das Vorortkino gehören “ (Lenhard, 2002, S. 73). Viele Bewohner der Vororte halfen mit bei der Entstehung von Spielstätten, das unterstreicht die Verbundenheit der Anwohnerschaft mit dem Verein.
- Fußball ist ein billiger Sport, man braucht dabei nur was Rundes, gegen das man Treten kann, es wurde von selbst gebastelten Stoffknäueln „ Fetzenlabal “ bis über Lederbälle ziemlich alles getreten. Tore wurden ebenfalls selbst gebaut (z. Bsp. zwei Holzpfosten mit einer Schnur verbunden). Um Verwechselungen der Mannschaften zu vermeiden, unterschieden sie sich oft so, dass schwarz gegen weiß spielte oder die Spieler einer Mannschaft mit einer Schleife gekennzeichnet wurden (freie Oberkörper, so wie in der heutigen Zeit üblich, waren damals verpönt).
- Fußball war eine perfekte Ablenkung vom harten Arbeitsalltag und den sozialen Problemen. Ebenfalls half dem Sport, dass die Arbeitszeit einheitlicher wurde und freie Arbeitstage eingeführt wurden (Sonntag). Somit konnte man sich mit anderen Gleichgesinnten zur einen bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Tag treffen.
Das normale Problem eines heutigen Hobbyfußballers ist es, einen geeigneten Platz zu finden, vor allem in der Stadt. Dieses Problem hatten die Menschen damals nicht, sie fanden genug Platz in ihren Siedlungen. Sie spielten in großen Höfen, nutzten Bebauungslücken und spielten auf diverse freie Flächen.

2.2.3. Fußball in der Zwischenkriegszeit im Ruhrgebiet:

Nach dem ersten Weltkrieg begann langsam der Aufstieg der Arbeitervereine. Die Unternehmen erkannten das Potenzial von Fußball und begannen, Werksvereine (Bayer Leverkusen, FC Schalke 04) zu gründen. Die Werkssportvereine gaben den Spielern eine leichtere Arbeit, damit sie sich mehr auf Fußball konzentrieren konnten und damit besser spielten. Solange es den Unternehmen gut erging, wurde großzügig gefördert. Es wurden eigene Fußballplätze gebaut und den Spielern wurde eine angemessene Ausrüstung zur Verfügung gestellt. Der Mannesmann Konzern und seine Bauabteilung planten die Schalker „ Kampfbahn Glückauf “. Es herrschte meist eine gute Stimmung zwischen Spielern und Zusehern, da alle aus derselben Region stammten und sich meist aus der Arbeit oder der Nachbarschaft kannten.

Dadurch entstand eine enge Bindung zwischen den drei Parteien (Unternehmen, Spieler und Zuschauer). Fußball stellte für alle drei Seiten ein glaubhaftes Identifikationsinstrument da (Hering, 2002, S.105ff).

Durch die Gründung von Werksmannschaften und Arbeitervereinen bekamen die bürgerlichen Fußballclubs mächtige Konkurrenz. Die bürgerlichen Vereine konnten sich im Allgemeinen noch einige Jahre an der Spitze halten, weil sie die Verbände im Rücken hatten. Doch diese Ära endet am 21. Feb. 1926 vor 25.000 Zuschauer auf der Essener Radrennbahn an der Hubertusburg, dort siegte der „ Arbeiterclub “ BV Altenessen gegen den „Lackschuhclub“ SC Schwarz-Weiß Essen mit 3:2 und wurde Ruhrgebietsmeister.

Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg führte zum ersten Fußballboom, Fußball wurde langsam als Freizeitvergnügen angenommen. Die Menschen suchten nach Ablenkung, Entspannung und Vergnügen. Sie fanden diese Bedürfnisse im Fußball wieder, außerdem veränderte sich das Freizeitverhalten (Kino, Musik, Mode usw.) allmählich. Selbst die Wirtschaftskrisen nach dem ersten Weltkrieg vermochten das Interesse an Fußball nicht zu stoppen. Die Vereine begannen schon früh, Eintritt zu verlangen und umzäunten das Fußballgelände. Die Zuseher kamen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Fußballvereine boten der Gesellschaft Rückhalt und gaben trotzdem allem etwas Vertrauten, außerdem versprachen Fußballvereine, mehr Beständigkeit und Glaubwürdigkeit zu besitzen als Einzelsportler (Hering, 2002, S. 110f).

Die Spitzenclubs wurden langsam zu kleinen und mittleren Wirtschaftsunternehmen, es wurde Eintritt eingehoben, Werbung gemacht, beliebte Spieler gekauft, neue Anlagen gebaut und versucht, sich positiv in den Medien darzustellen. Das erste Fußballspiel im Hörfunk (Radio) wurde im Ruhrgebiet am 14. März 1926 übertragen. Die Gegner waren VFL Osnabrück gegen SW Essen (Hering; 2002, S. 112).

In Deutschland gab es keine Profiliga im Gegensatz zu Österreich. Die deutschen Vereine zahlten ihren Spielern verbotenerweise heimlich Geld aus. Dies wurde „ Geld aus der schwarzen Kasse “ genannt. Schalke 04 wurde im Jahr 1930 für ein Jahr gesperrt und durfte erst wieder im Juni 1931 offiziell ein Match bestreiten. Ein Freundschaftsspiel gegen Fortuna Düsseldorf. Der Bochumer Anzeiger schreib folgendes:

„Es dürfte in der Geschichte des deutschen Fußballs bisher noch nicht vorgekommen sein, dass einer Mannschaft, die bereits ein Jahr vom Rasen unfreiwillig verschwunden war, eine derartige Kundgebung entgegengebracht worden ist. Kein deutscher Kampfplatz dürfte jene nach 40.000 zählende Menschenmenge je bei einem Gesellschaftsspiel zweier Vereine aufgenommen haben. (…) Ungeduldig hatten Schalkes Anhänger auf diesen Tag gewartet. Und als er endlich kam, machten sich schon frühzeitig die Massen auf den Weg. Bereits um 4 ½ Uhr war die Kampfbahn, Glückauf gefüllt, wenigstens das normale Fassungsvermögen der Zuschauerränge und Sitzplätze war da schon erschöpft. Aber um diese Zeit begann erst der Aufmarsch der Massen, die von Auswärts kamen. Unübersehbar war der Zug der Automobile, Motor- und Fahrräder, der sich vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof durch die Straßen nach Schalke zog. Diejenigen, die den Weg zu Fuß machten, kamen schneller fort als die Fahrzeugbesitzer.

Je näher die Schalker Kampfbahn heranrückte, umso stärker wurde verständlicherweise das Gedränge, besonders darum, weil Tausende, die noch Einlass begehrten, die Unmöglichkeit ihres Wunsches einsahen, umkehrten. Sicher wäre das lebensgefährliche Gedränge auf dem Sportplatz noch verschärft worden, wenn sich mit lautem Donner und hellem Blitz ein Gewitter angekündigt hätte, das alle diejenigen zur Umkehr mahnte, die keinen Einlass fanden, trotzdem Türen und Tore aufstanden. (…)

Berittene Polizei musste den Mannschaften durch die Zuschauerreihen einen Weg bahnen. Gute Worte und Einsicht halfen nichts, denn derjenige, der durch Geschick und Glück endlich in dem Hexenkessel Aufnahme gefunden hatte, war nicht mehr Herr über sich. Er wurde in der Arena zu einem willenlosen Objekt, das von den wellenförmig von oben nach unten und von unten nach oben drängenden Massen hin und her geworfen wurde. Die Sanitäter, die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich verletzten Spielern helfen sollen, mussten sich hier um die Zuschauer bekümmern, die Opfer der Ellenbogenfreiheit geworden waren (Hering; 2002, S. 122-123).

Exkurs: Gerade ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft das zu Hause gegen Österreich im September 1931 mit 0:6 verloren ging, gab den Impuls zu einer Profiliga mit gestaffelten Gehältern.

Der Arbeitersport gründete einen eigenen Sportbund. Der Arbeiter-Turn und Sportbund (AtsB) bestand aus freien Gewerkschaften und Konsumgenossenschaften. Ihr Ziel war es, eine Opposition zur Deutschen Turnerschaft und dem DFB (Deutscher Fußballbund) zu sein. Es wurden Arbeiterolympiaden veranstaltet und zwar 1925 Frankfurt/Main und 1931 in Wien (deshalb wurde auch das Praterstadion gebaut); Russenspiele 1926/1927 und eine Fußball Europameisterschaft 1932/1933 abgehalten. Arbeiterfußballvereine begannen und beendeten ihre Spiele mit dem Ruf „ Freiheit “.

2.2.4 Fußball nach dem zweiten Weltkrieg im Ruhrgebiet:

Nachdem zweiten Weltkrieg versuchten Funktionäre den Fußball neu zu organisieren, aus den gleichen Gründen wie damals nach dem I. Weltkrieg, jedoch unterbanden die Alliierten diese Versuche vorerst.

Diese Spielverbote wurden ganz unterschiedlich gehandhabt. In Bottrop erteilte der Fußball begeisterte Kommandant dem VFB Bottrop als einzigem Verein frühzeitig die Spielerlaubnis. Andere Vereine benützten Finten, Tricks und die Leidenschaft der englischen Soldaten, um eine solche Genehmigung zubekommen. So spielten einige Vereine „ schwarz “, also unter Decknamen Fußball. So gab es ein Spiel „ Suppengrün “ (Sportfreunde Kaltenberg) gegen „ Aschenkippe “ (Schalke 04). Am 15.09.1945 wurde Fußball wieder freigegeben und am 11.12.1945 durften die Vereine wieder ihre eigenen Namen benutzen (Hering, 2002, S. 215).

Der Zuschauerandrang war wie nach dem ersten Weltkrieg wieder enorm. Die Menschen brauchten wiederum Ablenkung und da war Fußball gerade recht. Die Spiele wurden durch Mund zu Mund Propaganda im Umlauf gebracht. Freundschaftsspiele bekannter Mannschaften erzielten bis zu 15.000 Zuschauer und bekamen dadurch einen beeindruckenden Charakter. Die Einnahmen kamen Hilfsbedürftigen zugute (karitative und soziale Zwecke, KZ-Häftlinge, Obdachlose, Kriegsgefangene…). Das eingenommene Geld hatte damals nicht den „tatsächlichen“ Wert, man konnte sich trotz des Geldes oft keine Lebensmittel kaufen.

So entstanden die ersten „ Kartoffelspiele “; gute Mannschaften zogen aufs Land, um dort zu spielen. Bezahlt wurden die Mannschaften mit Lebensmitteln oder mit Tauschware, die am Schwarzmarkt verkauft wurde. Aus den Kartoffelspielen entstanden dann später die D-Markspiele in der Sommerpause. Schalke 04 machte 1947 eine offizielle Kalorien-Tournee durch Süddeutschland. (Hering, 2002, S. 218).

Im Endspiel der Zonenmeisterschaft von 1947 Borussia Dortmund gegen Hamburger SV Endstand 0:1, spielten beide Mannschaften vor 50.000 Zuschauer im Düsseldorfer Rheinstadion.

Der Vertragsfußball wurde erst wieder 1948/49 in Oberliga Süd eingeführt. Vertragsspieler schlossen mit ihren Vereinen einen Arbeitsvertrag ab (Erstattung, Reisekosten und Verpflegung). 160 bis 320 DM/Monat plus eine Leistungsprämie vom 10 DM. Zum Vergleich: ein Industriefachmann verdiente 220 DM/Monat. Diese Summen waren für gute Spieler viel zu gering. Die Folge war die„ Schwarze Kassa “ wurde wieder eingeführt.

Auch in Deutschland wurde das Wetten auf Fußballspiele zusehends populären. In Deutschland wird seit 15. Mai 1948 nach dem Schwedenmodell getippt. Die Totogesellschaft ist ein gemeinnütziger Verein/Organisation. Die Steuern werden dem Staat abgeliefert und der Gewinn wird in sportliche, soziale und kulturelle Zwecke investiert.

28. Juli 1962 wurden am 15. DFB-Bundestag in Deutschland eine zentrale Spielklasse und die Einführung von Lizenzspieler beschlossen. Ein wichtiger Grund war hierfür, dass die besten Deutschen Spieler ins Ausland wechselten, und man wollte international konkurrenzfähig bleiben. Kriterien waren ein 35.000 Zuschauer fassendes Stadion, Flutlicht und gesunde wirtschaftliche Verhältnisse (Hering, 2002 S. 282f).

2.2.5. Die Gemeinde, der Fußball und die Zusammenarbeit

In den fünfziger Jahren übernahmen die Gemeinden die Funktionen von den lokalen Industriebetrieben, wenn die Betriebe sich den Luxus eines Teams nicht mehr leisten konnten und wollten. Manche Gemeinde verlangte dafür aber gewisse Gegenleistungen. Wie zum Beispiel im Jahre 1967, als der Meidricher SC in MSV Duisburg umbenannt wurde, oder 1965 verkaufte Schalke die Kampfbahn Glückauf an die Gemeinde Gelsenkirchen für 850.000 DM, dabei wurde nur die Sportanlage verkauft, aber das Grundstück blieb immer noch im Besitz des Mannesmann Konzerns.

Plötzlich waren Vereinsvorsitzende hohe Beamte der Gemeinde. 1972 stieg Borussia Dortmund in die Regionalliga ab, jedoch wurde Dortmund 1974 eine WM Stadt und dem Verein wurde ein neues Stadion gebaut. Mit dieser Hilfe konnte sich der Verein wirtschaftlich erholen und den Wideraufstieg schnell schaffen. Es blieben die kleinen Vereine auf der Strecke, sie bekamen so gut wie keine Förderung. Sie verloren an Potenz und an Zuschaueranziehungskraft. Viele von ihnen mussten den Weg nach unten antreten.

Die Einführung der deutschen Bundesliga 1963/64 veränderte das Zuschauerverhalten maßgeblich. Im ersten Jahr der Bundesliga strömten im durchschnitt 24.000 bis 26.000 Zuschauer, in die zum Teil neuen Stadien. Die Zuschauen kamen zum größten Teil aus der Arbeiter- und der kleinen Angestelltenschicht. Es wurden die Besucher fast jede Woche mit Spitzenfußball verwöhnt, dies machte es für neue Berufs- und Zuschauergruppen interessant. Fußball verlagerte sich in die großen Städte und das Fernsehen begann Bundesliga nach Hause zu bringen.

Die gewachsene Mobilität und das Fernsehen trugen das ihre dazu bei, dass sich selbst bei einem Teil der Stammklientel ein unverbindlicheres Verhältnis zu den Vereinen herauszubilden begann und der Stadionbesuch bald nicht mehr selbstverständlich war (Hering, 2002, S. 296).

Die Kommunen und die Vereine versuchten, sich und dem Fußballsport ein neues und positives Image zu geben. Mit dem Ziel, dass mehr Frauen und neue Besuchergruppen ins Stadion kommen. Das neue Publikum kam aus dem Kultur- und Dienstleistungssektor, es waren Angesellte und Selbstständige, die auf einmal ins Stadion strömten und sie hatten andere und neue Ansprüche. Für sie war es Freizeitgestaltung. Diese Fans hatten ursprünglich keine traditionelle Bindung zu den Vereinen. Die meisten Zuströme hatten die erstklassigen, erfolgreichen großstädtischen Repräsentationsvereine (Hering, 2002, S. 296f).

In ganz Deutschland ging es aufwärts mit der Wirtschaft, nur im Ruhrgebiet ging es abwärts, da der Kohleabbau und die Schwerindustrie nicht mehr sehr rentabel waren. Angst und Depression bestimmten das Alltagsgeschehen. Symbole wurden immer wichtiger, vor allem die Traditionsvereine aus dem Arbeitermilieu zogen das Publikum magisch an. Allen voran Schalke 04 knackte einen Rekord nach dem anderen. Nicht weil Schalke so erfolgreich spielte, sondern weil Schalke abzusteigen drohte. Die Inbrunst der Fans nahm kultische Züge an. Denn der Verein und sein Management machten einen Fehler nach dem anderen und trotzdem blieben die Fans dem Verein treu (Hering, 2002, S. 297). Die Kampfbahn Glückauf platzte aus allen Nähten, im Durchschnitt kamen 40.000 Menschen alle vierzehn Tage.

In den 70 und 80ziger Jahren brachen die Zuschauerquoten vollkommen ein, der Grund war einfach. In der Saison 1970/71 wurden in den letzten acht Spieltagen mindestens 18 Spiele nachweisbar manipuliert. Es waren Spieler, Trainer, Manager und Funktionäre betroffen. Es waren hauptsächlich die Partien gegen den Abstieg, die geschoben wurden. Die involvierten Vereine waren Kickers Offenbach, Arminia Bielefeld, Rot-Weiß Oberhausen, Schalke 04, 1. FC Köln, MSV Duisburg, VfB Stuttgart, Hertha Berlin, und Eintracht Braunschweig (Hering, 2002, S. 318f).

Der DFB zog die Konsequenzen und hob am 1. Mai 1972 die Begrenzung der Spielergehälter auf und am 8. Mai 1972 wurden auch alle übrigen finanziellen Beschränken aufgehoben. 1973 trat die zweite Deutsche Bundesliga auf den Plan. Sie wurde in Nord und Süd unterteilt und sollte die Kluft zwischen den Profis und den Amateuren schließen.

2.2.6. Nachdem Bundesligaskandal blieben die Zuschauer aus und die Stadien leer:

Die Zuschauer blieben nach dem Skandal dem Stadion fern, da sie sich vom Fußball betrogen fühlten. Sepp Herberger (sehr guter deutscher Fußballspieler und 1954 Trainer der deutschen Bundesauswahl, die in Bern Weltmeister wurde) wusste, warum die Menschen ins Stadion pilgern: „ Das wichtigste Motiv zum Besuch eines Fußballspiels ist, nicht zu wissen, wie es ausgeht. Allein daraus resultiert die unvergleichliche Spannung, gepaart mit der immer wieder neuen Hoffnung, dass in jedem Spiel alles möglich ist. Weil noch so schöne Kombinationen und raffinierte Kabinettstückchen kein Ersatz für diese Emotionen sind, ist der faire und ehrliche Kampf um den Sieg der Kern des Fußballspiels. Wer dieses ungeschriebenen Gesetz verletzt, raubt dem Fußball seine Seele – und den Vereinen die Zuschauer “ (Hering, 2002, S. 323).

In der Saison 1972/73 kamen nur noch durchschnittlich 16.000 Zuschauer zu einem Spiel. Die WM im Deutschland erhöhte die Zuschauerquote. Neuerlicher Rückgang in den Jahren 1978/79 und 1985/86. (Tabelle Zuschauerstatistik, deutsche Bundesliga).

Ab[8] der Saison 1973 spielte Schalke im Parkstadion. Die neuen Zuschauermassen waren ausgabenfreudiger als die alte Stammklientel, erlebnisorientiert und entschlossen, sich gut unterhalten zulassen. Die Zuneigung zu einem Verein ist meist erfolgsabhängig. Denn Events sind austauschbar, sollten die Erwartungen nicht erfüllt werden, geht man entweder zu einem anderen Verein, wechselt die Sportart (Tennis, Formel 1) oder besucht stattdessen ein Rockkonzert.

Exkurs:

Ein Spaziergang über die Parkplätze des Dortmunder Westfalenstadions während eines Heimspieles der Borussia zeigt anschaulich, wie heterogen das Publikum in sozialer und geografischer Hinsicht heute geworden ist. Das Fernsehen macht es möglich, Sympathisant eines Klubs zu sein, dessen Spiele man nur sporadisch besucht. Bei der Wahl des Lieblingsvereins entscheidet deshalb mehr denn je die mediale Ausstrahlungskraft eines Klubs, und die ist neben seinen aktuellen Erfolgen vor allem von seiner vergangenen Größe, also von Tradition, Historie oder Mythos abhängig. Und genau das sucht das neue Publikum. Anders, als die klassische Anhängerschaft besitzt es kein eigenes Selbstverständnis als Berufsgruppe oder gesellschaftliche Klasse mehr. Diese fehlende eigene Tradition lässt es sich von den Fußballvereinen verkaufen und landet auf seiner Suche nach der Verbindung von Erfolg und Flair fast unweigerlich bei den großen charismatischen Traditionsvereinen, im Ruhrgebiet also beim FC Schalke 04 und dem BVB, weit seltener dagegen bei Vereinen ohne Titel wie dem MSV Duisburg, dem VfL Bochum oder Wattenscheid 09 (Hering, 2002, S. 327).

Der erste Fanclub im Ruhrgebiet wurde in Bochum 1972 gegründet. Sie nannten sich „ Die Bochumer Jungen “. Auf den Stehplatzkurven Nordenglands vermischten sich ab der Mitte der 1950er Jahre Jugendkultur und Fußballbegeisterung zur heute so typischen Fußballatmosphäre. Popmusik, Fußballliebe und Halbstarkenhabitus verwandelten Anhänger in fanatische „ Supporters “ (Unterstützer).

Sie (ver-)kleiden sich in den Vereinsfarben und den Farben des Fanclubs, idealisieren die Rasenakteure, adoptierten Lieder/Songs aus der Pop-, Beat-, Schlager-, Volkslieder-, Punk-, und Rockszene für ihre eigenen Vereinslieder. Sie unternehmen Auswärtsfahrten mit dem Ziel, ihren Verein zu unterstützen, im dem feindlichen Territorium anwesend zu sein, eine neue Fanszene und Fanfreundschaft kennen zu lernen. Einerseits verschaffen diese Supporters die beliebte Stimmung und Atmosphäre, andererseits bringen sie auch radikale Fans, Terror und Gewalt mit ins Stadion.

Die Bewohner im Revier waren sehr auf ihren lokalen Horizont fixiert. Als Massenentlassungen in den 80er und 90er Jahren schon fast an der Tagesordnung standen, schlossen sich die Menschen zusammen. Mit Blockaden und Demonstrationen versuchten sie sich Gehör zu verschaffen. Sie benutzten nun das Fußballstadion, um die Medien und die Öffentlichkeit auf ihr Problem aufmerksam zu machen. Es war der Versuch, die symbolhaften Orte (Vereine und Arbeitswelt), die eine eigene Identität besaßen, mit der Region in Verbindung zu setzen, und eine gemeinsame Solidarität einzufordern.

Proteste im Parkstadion von Schalke und im Bochumer Stadion gegen Zechenschließungen, 1997. Die westdeutsche Allgemeine Zeitung schreibt: „ Um ihre Solidarität mit dem gebeutelten Bergbau zu bekunden, betraten beide Mannschaften zusammen mit rund 50 demonstrierenden Kumpel den Rasen. Die Männer mit ihren gelben Schutzhelmen führten eine Riesentransparent mit sich, auf dem 22.140 Zuschauer und Millionen vor dem Fernsehen lesen konnten: „Den Bergbau erhalten – Zukunft sichern““ (Hering, 2002, S. 364).

Aus jedem Stadion kamen von den Fans die Rufe „ Ruhrpott “, dies war das Zeichen für ein neues Regionalbewusstsein. Unter den „Ruhrpott-Rufern“ waren auch zahlreiche ausländische Jugendliche. Es waren die Kinder von Zuwanderer. Sie bekundeten damit ihre Bereitschaft, sich mit dem Verein und der Region gesellschaftlich zu identifizieren. Die Vereine- und Verbandsfunktionäre hatten ihre Zweifel, ob diese ausländischen Jugendlichen wirklich Fans waren, denn die meisten waren keine Vereinsmitglieder. Der übliche Weg der Immigranten war, dass sie ihre eigenen Vereine gründeten. Die Vereins- und Verbandsfunktionäre glaubten, dass Fußball der beste Weg zur Integration sei. Sie dachten, dies könnte konfliktfrei und problemlos verlaufen.

Die Aufnahme von Fußballmotiven in die von der Hamburger Agentur Springer & Jacoby entwickelte Kampagne „ Der Pott kocht “ war ein Beleg für die imagebildende Funktion und die neue identitätsstiftende Wirkung des Profifußballs im Ruhrgebiet. (Siehe Foto).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[9]

Der Spieler Joachim Hopp war der letzte seiner Art! Er kam als Vertragsamateur vom VfvB Ruhrort/Laar zum MSV Duisburg und erkämpfte sich dort einen Stammplatz! Eigentlich nichts außergewöhnliches, wenn er nicht von 06:00 bis 14:00 Uhr hauptberuflich in der Meidericher Thyssen-Stahlwerk als Hochofenarbeiter zur Frühschicht ging. Doch 1993 hängte er den Hut an den Nagel und wurde Profi. Er vergaß seine Kumpels nicht und demonstrierte gegen den Arbeitsplatzabbau im Wedaustadion mit. Er war der letzte seiner Art (Hering, 2002, S. 372).

Als Beispiel möchte ich nun den Vorzeigeverein FC Gelsenkirchen-Schalke 04 vorstellen.

3.1. FC Gelsenkirchen-Schalke 04

Der Fußballverein Schalke ist Bestandteil des öffentlichen Lebens so wie nirgends. Mitte des 19. Jahrhunderts war Gelsenkirchen eine kleine Siedlung mit 400 Einwohnern. Nach der Abteufung der Schachtanlange „Consolidation“ 1863 und „Graf Bismarck“ 1868 sowie die Ansiedelung „Grillo Funke“ erreichte die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts rund 30.000 Einwohner. Schalke wurde Industriezentrum. Der Arbeiterstadtteil Schalke wurde 1903 in Gelsenkirchen eingemeindet.

FC Schalke 04 wurde am 4. Mai 1904 gegründet (Westfalia Schalke, als Vereinsfarbe diente Rot-Gelb) von einer Clique von jungen Bergleuten und Fabrik-Lehrlingen aus dem Umkreis der Schalker Hauergasse, einer Arbeitersiedlung unweit der Zeche Consolidation I/VI und der Herdfabrik Küppersbusch, wahrscheinlich als Gegenpart zum bürgerlichen Verein „Spiel und Sport Schalke 96“. Am Anfang spielten sie als „ Wildemannschaft “ (Mannschaften, die in keinem Verband aufgenommen waren). Sie hatten aber das Ziel, dem WSV (Westdeutscher Spielverband) beizutreten. Erst 1909 bekamen sie eine Erlaubnis, gegen Klubs vom WSV unter strengen Auflagen freundschaftlich zu spielen. Da dies den Spielern zu wenig war, schlossen sie sich 1912 als Fußabteilung dem Schalkner Turnverein von 1877 an. Dieser Turnverein war Mitglied im WSV. Nun konnte sie am Wettspielverkehr teilnehmen.

Durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs kam der Spielbetrieb zum Erliegen. 1915 gründete Robert Schuermann die Westfalia Schalke neu und erreichte neuerlich eine Aufnahme in den WSV. Sie nutzten immer noch den Platz vom Schalkner Turnverein, der an der Grenzstraße lag. Ein Vereinslokal gab es in der Viktoriastrasse, wo der Schwiegervater von Robert Schuermann der Wirt war. Die Wirte erkannten schon damals, dass mit den Fußballerspielern und den Zuschauern ein gutes Geschäft zu machen ist. 1917 wurde der Betrieb neuerlich eingestellt, wegen dem fortlaufenden ersten Weltkrieg.

1919 fusionierte der Fußballverein mit dem Turnverein von Schalke zum Turn- und Sportverein Schalke 1877 (T SV Schalke 1877). Mit dieser Fusion entstand ein größerer und leistungsfähiger Verein. Durch seine Mitgliederstärke bekam der Verein mehr Macht innerhalb des WSV, da er nach der Fusionierung einer der größten Vereine im WSV war.

In der Saison 1923/24 trennten sich die Wege wieder und am 05.01.1924 wurde der FC Schalke 04 mit blau/weißer Vereinsfarbe endgültig gegründet. Der erste Trainer wurde 1925 engagiert und 1927 saß ein österreichischer Trainer auf der Bank. Das Stadion an der Grenzstraße war schnell zu klein und so entschied sich der Verein, ein neues und größeres Stadion zu bauen. Die Stadt hatte kein Geld und so finanzierte es sich der Verein die „ Kampfbahn Glückauf “ (40.000 Zuschauer) selbst. Dies führte zu einer starken wirtschaftlichen Konsolidierung des Vereins.

Eckdaten des Aufstieges:

- Aufstieg in die A-Klasse 1920.
- Aufstieg in die Emscherkreisliga 1921.
- Aufstieg in die Ruhrgebietsklasse (höchste Spielklasse des DFB) 1926.
- Ruhrgebietsmeister 1927 bis 1930 und 1932 bis 1933.
- WSV Meister 1929 bis 1930 und 1932 bis 1933.
- Westfalen Meister von 1934 bis 1944.
- Deutscher Meister 1934 bis 1935, 1937, 1939 bis 1940, 1942 und 1958.
- Pokalsieger 1937, 1972, 2001 bis 2002.
- UEFA-Pokalsieger 1997.

Exkurs: Der Schalker Kreisel

Hans Bornemann, Verteidiger der alten Schalker Mannschaft, über die Entstehung des Begriffs: „ Durch unermüdliches Training mit dem Ball erreichten alle Spieler … eine so vollendete Technik. Aus dieser Technik heraus entwickelte sich das Zusammenspiel, die Kombination. Wir wussten, dass wir den Ball laufen lassen mussten, um den Gegner zu verwirren. In direktem Flachpasspiel lief der Ball vom Mann zu Mann. Es stand nicht immer einer frei, sondern wir huldigten dem Grundsatz, dass, wenn Spieler im Ballbesitz war, sich mindestens drei Mann freilaufen müssten, damit der Ballführende auch Gelegenheit zum Abspiel hätte. Nicht der, der in Ballbesitz war, bestimmte das Spiel, sondern die, die freigelaufen waren, zwangen den Ballführenden zum Abspiel. (…)

Dieses Hin- und Herspiel, dieses Balllaufenlassen im Kreise wurde von einem Sportberichterstatter als „ kreiseln “ bezeichnet“ (Hering, 2002, S. 155).

Die Stadt Gelsenkirchen zog schon 1925 in Erwägung, Schalke zu fördern, jedoch wäre es dann zu Streitereien gekommen, weil es noch die Vereine Gelsenkirchen 07 und Union Gelsenkirchen gab, die eine ernsthafte Konkurrenz für Schalke darstellten, zudem hatte Schalke 1925 noch eine Aufstiegssperre von einem Jahr abzusitzen. Da sich Schalke als erstes der drei Teams durchsetzte und in Ruhrgauliga aufstieg und dort anschließend Meister wurde, begann die Stadt Gelsenkirchen, Schalke aktiv zu fördern. Schalke baute das Stadion zwar in Eigenregie, jedoch verschaffte die Stadt Gelsenkirchen Schalke eine wichtige Bürgschaft. Die Stadt Gelsenkirchen sah Schalke von nun an als einen öffentlichen Repräsentanten an. 1928 wurde der Vereinsnamen offiziell zu FC Gelsenkirchen-Schalke 04 geändert. Dies ist aber bis heute wenig bekannt.

Schalke löste im Ruhrgebiet ein „ Wir-Gefühl “ aus. Die Arbeiter waren stolz und eine gewisse Genugtuung machte sich in diesem sozialen Milieu breit. Denn zwischen 1880 und 1910 kamen ca. 250.000 Zuwanderer aus den preußischen Ostgebieten ins Ruhrgebiet. Sie nannten sich selbst „ Masuren “. Sie sprachen einen polnischen Dialekt und trugen polnisch klingende Namen. Sie verstanden sich als Deutsche und grenzten sich selbst von zugewanderten Polen ab. Von der Bevölkerung wurden sie trotzdem als „ Polaken “ bezeichnet. Speziell diese Bevölkerungsgruppe suchte nach gesellschaftlicher Anerkennung und die Anerkennung fanden sie im Fußball. Berühmte Spieler waren Ernst Kuzorra und Fritz Szepan.

Eine Volkszählung ergibt, dass 1890 in Gelsenkirchen 81,8 Prozent der Bevölkerung polnischer oder masurischer Herkunft waren. Diese Menschen arbeiteten in der Bergwerk- und in der Stahlindustrie.

Wenn man die Spielernamen von Schalke 04 in Jahren 1920 bis 1940 ansieht, so kann man feststellen, dass „ wohl bedeutendste kulturelle und soziale Beitrag zur Integration der polnischen und masurischen Arbeitsimmigranten ist “ (Lenhard, 2002, S. 72 zitiert aus Schulze-Marmeling, 1992, S. 82). Durch die doppelte Stigmatisierung (Arbeiter und Ausländer), entwickelte sich eine spezielle kollektive Identität.

Schalke versuchte immer, unpolitisch zu sein und passte sich meist geschickt diversen Gegebenheiten an, auch in der NS-Zeit. Was paradox klingt, genau in dieser Zeit konnte Schalke sein Potenzial voll ausschöpfen. Wiederum erkannten die Nazis auch, dass es wichtig ist, so einen beliebten Verein ja in Ruhe zu lassen und ihn geschickt für sich einzusetzen. Die Spieler wurden zu Volkshelden hoch stigmatisiert/stilisiert, wie: Bornemann, Szepan und Kuzorra, sie alle waren NSDAP-Mitglieder. Fritz Szepan übernahm damals zu einem äußert günstigen Preis ein jüdischen Textilunternehmen.

3.2. Die Legende

Schalke schaffte das, was andere Vereine aus dem Ruhrgebiet nicht erreichen konnten,

- große sportliche Erfolge,
- Leistungsfähigkeit auf höchstem Niveau,
- ausgezeichnete Spieler,
- kreierte eine eigene Spielweise den „ Schalker Kreisel “,
- Treue Anhänger (konnten die Anhänger an den Verein binden) à„Vereinsfamilie“,
- Hohe Popolarität bei den Medien (Schalke, Meister der Herzen).
- Die geschickte Vermarktung des Namens „ Knappen “, ein Bezug zum Bergbaumilieu ist immer vorhanden.
- Anhänger haben eine griffige und positive Identifikationsmöglichkeit.
- Rückschläge, Niederlagen, Fähigkeit sich gegen Widernisse, Verbote und Diskriminierung durchzusetzen.
- Eine Schwächeperiode zu überwinden und immer wieder zurück zu kehren.
- Aber auch Skandale, Abstiege und interne Querelen, machten den Verein weltbekannt.

Beispiel ist das Schalker Jahrhundertspiel gegen die Bayern. Am 2. Mai. 1984 spielte Schalke gegen Bayern 6:6, erst kurz vor Schluss gelang Olaf Thon der Ausgleich für Schalke.

Die Haltung des Nichtaufgebens verkörpert genau die Lebenserfahrung der Anhänger aus der Arbeiterschaft. Fans erwarten in erster Linie von ihren Spielern bedingungsloser Einsatz, egal wie das Spiel ausgeht.

Schalkes erste Platz war an der „ Grenzstrasse “, Fassungsvermögen 5.000 Zuschauer. Am 2. September 1928 wurde die „ Kampfbahn Glückauf“ (Fassungsvermögen ca. 40.000 Zuschauer) eingeweiht. Der Name Kampfbahn Glückauf galt als „Bekenntnis zu der bewährten Verbundenheit des Vereins zu der heimischen Industrie, vor allem dem Bergbau und der Industrie“. 1973 wurde das Parkstadion zur neuen Heimstätte. Anfangs wollte Schalke 100.000 Plätze haben, davon kam man ab und es wurde ein Stadion für 70.000 Zuschauer gebaut. Budgetiert waren 23 Mio. DM und schlussendlich kostete das Parkstadion 56 Mio. DM. Simon Inglis, englischer und weltweit gereister Stadion Experte, nannte den Ort „ überdimensioniert und unpersönlich, abseits des wirklichen Lebens und im Niemandsland “ (Hering, 2002, S. 390).

1998 wurde das Stadion Projekt „ Arena auf Schalke “ vorgestellt und am 13. August 2001 fertig gestellt. Die neue Spielstätte wurde zuschauerfreundlich konzipiert (die Fans wurden miteinbezogen). Erfreulich sind die 16.500 Stehplätze und die Atmosphäre ist phänomenal. Es wurden schon 115 Dezibel (db) gemessen. In der ersten Saison war Schalke 16- von 17-mal ausverkauft und ein Schnitt von 60.440 Zuschauern wurde erzielt. Der Umsatz betrug 61,7 Mio. Euro und der Gewinn machte 8,6 Mio. aus. Die Arena hat den Status einer Sehenswürdigkeit, ein Museum, eine Kapelle. Zahl der Taufen auf über 130.

Mittlerweile ist man drauf gekommen, dass die Arena auf Schalke (mittlerweile in Valetins Arena umbenannt) zu klein gebaut wurde. Mittlerweile wurden die Kartenpreise um einiges angehoben, ein Grossteil der Einnahmen eines Spieltages stammt aus dem Kartenverkauf der VIP- und Businesskarten.

Schalke war „der erste von Arbeitern gegründete und aus Arbeitersportlern bestehende Fußballverein, der sich innerhalb des bürgerlichen Sportbetriebes (…) durchsetzen und nationalen Ruhm erringen konnte“ (Lenhard, 2002, S. 78 zitiert aus Lindner/Breuer, 1982, S. S. 51).

[...]


[1] Einwanderer aus den ostpreußischen Gebieten, sprachen zwar einen polnischen Dialekt und trugen polnische Namen, jedoch verstanden sie sich als Deutsche.

[2] http://www.friedhofstribuene.at/info.html; Datum 27.11.2004

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball Zugriff am 22.11.2005

[4] http://derstandard.at/?url=/?id=1295338 Zugriff am 22.11.2005

[5] http://img214.imageshack.us/img214/4084/tottenhamsheffield19015br.jpg Zugriff am 05.11.2005

[6] http://img214.imageshack.us/img214/4258/westhambolton19238eu.jpg Zugriff am 05.11.2005

[7] Prolet veraltet steht für Proletarier; abwertend für ungebildeter, ungehobelter Mensch (Duden, 1996, S. 589)

[8] http://www.dfb.de/bliga/statistik/index.html (Stand vom 25.07.2005 14:30h) letzter Zugriff am 11.10.05

[9] http://homepage.ruhr-uni-bochum.de/mathias.messoll/geo/randok/RanDok/images/fans.jpg Zugriff am 24.01.2006

Details

Seiten
126
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638519762
ISBN (Buch)
9783640861897
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57530
Institution / Hochschule
Universität Wien – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Fußball Wiesen-Kick Massen-Fanomen

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Titel: Fußball: Vom "Wiesen-Kick" zum "Massen-Fanomen"