Lade Inhalt...

Geschlechtsspezifische Moral

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Moral
1.1. Kohlbergs Gerechtigkeitsmoral
1.1.1. Stufenmodell
1.1.2. Entwicklungsfaktoren

2. Gilligans Fürsorgemoral
2.1. Die These!
2.1.1. Die Kritik an Kohlberg
2.2. Konzept der geschlechtsspezifischen Moral
2.2.1. Die Fürsorgeperspektive
2.2.2. Die Gerechtigkeitsperspektive
2.3. Moralische Entwicklungstheorie nach Gilligan
2.3.1. Entwicklungsniveaus

3. Stimmen der Kritik
3.1. Gilligans empirische Studie
3.2. Geschlechtsspezifische Moralen? Eine Abgrenzung

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

Einführung

„Um wahre Tugenden zu erkennen, benötigt man nach Hume folglich beides, Verstand und Gefühl. Der Verstand entscheidet über die Nützlichkeit, das Gefühl und die Neigung des Menschen, Gutes zu tun, treffen die moralisch richtige Entscheidung.“[1]

Nichts deutet in dieser Aussage darauf hin, ob die oben stehende Auffassung, geschlechts­spezifisch zu verstehen ist und doch gibt es seit den Achtzigern eine Debatte darüber, ob zwei Moralen existieren, eine, die eher fürsorgend und die andere, die eher gerechtigkeitsori­entiert ist. Dabei geht da­bei auch um deren Geltungsanspruch und inwieweit diese beiden Perspektiven einem bestimmten Geschlecht zu­geordnet werden können.

Auf den nachfolgenden Seiten werde ich die verschiedenen Auffas­sungen darlegen und ihre jeweilige Argumentation beleuchten.

Viele hitzige Diskussionen drehen sich heute und in der Vergangenheit um den Fakt, ob eine weibliche Moral existiert oder nicht. Auslöser waren die Untersuchungen von Lawrence Kohlberg (1984), die er in Anlehnung an Piaget machte. Er entwickelte ein diffe­renziertes Stufenmodell zur Entwicklung des moralischen Urteils; dieses ist bis heute die be­deutsamste Theorie (1.2.).

Danach gehe ich kurz auf die dem zu Grunde liegen­den Ent­wicklungsfaktoren ein. Jedoch galt sein Interesse allein der Gerechtigkeitsper­spektive, wel­ches ihm Carol Gilligan, eine seiner schärfsten Kritikerinnen, später u.a. vorwarf.

Nachdem ich etwas genauer auf ihre These (2.1.) eingegangen bin, wende ich mich Ihrer Kritik an Kohlberg zu. Sie stellte in ihren Untersuchungen fest, dass Frauen in der Regel, Konflikte nach anderen Gesichtspunkten beurteilten und somit auch anders ar­gumentierten, als Männer (2.2.). Carol Gilligan unterscheidet, ihrer Meinung nach, zwei unvereinbare Mo­ralen, die der Fürsorgeperspektive und die der Gerechtigkeitsperspektive. Ein weiterer Kritik­punkt war, dass sich Kohlberg auf rein männliche Stichproben beruft, genau, wie es schon zuvor bei Piaget der Fall war. „Ebenso war es für Piaget selbstverständlich, dass „das Kind auto­matisch ein Knabe ist“[2].

Im Zuge ih­rer Theorie hat Carol Gilligan zudem eine eigene moralische Entwicklungstheorie aufgestellt (2.3.)

Im 3. Kapitel gehe ich näher auf die Kritiker der Zwei-Moralen-Theorie ein, wobei eine der entschiedensten Gegnerinnen Gertrud Nunner-Winkler ist.

Nach ihrer Ein­schätzung und bei ihren Untersuchungen stellte sie fest, „dass die Berücksich­tigung konkreter Si­tuationsumstände, nicht eine Frage der Ge­schlechtszugehörigkeit, son­dern eine Frage der Betroffenheit ist“[3].

Dementsprechend beschreibe ich noch den Versuch der Abgrenzung, der zwei Moralen (3.2.), die ich mit einigen empirischen Befun­den zu untermauern versuche.

1. Moral

So breit gefächert wie die Meinungen über Moral sind, so ist es auch die Definitionen. Man kann den Beg­riff be­schreiben als „ein System von Werten und Normen und deren Umset­zung im täglichen Leben.“[4] Nunner-Winkler versteht unter Moral „allgemeine Grundprinzi­pien, die in allen Kulturen und zu allen Zeiten gelten.“[5] Prinzipien, die wie Kant sagte, von denen man will, dass sie allge­meines Ge­setz würden.

Weiterhin wichtig sind die Kriterien der Universali­sierbarkeit und Un­parteilichkeit, denn ein Verhalten ist nur dann moralisch oder unmo­ralisch, durch das Vor­handensein oder Nicht-Vorhandensein von Kriterien, die moralische Kategorien bestimmen. Dazu muss das Indivi­duum eine mora­lische Entwicklung durchmachen, wobei soziale Normen und Re­geln inter­nalisiert werden.

Dies ist die Voraussetzung, damit Urteile über eigenes und fremdes Verhalten gefällt werden können. Ein solches Modell hat Kohlberg entwickelt, in dem er die einzelnen Schritte auf­zeigte, bei der die höchste moralische Stufe die ist, auf der universelle Gerechtigkeitsprinzi­pien basieren.

1.1. Kohlbergs Gerechtigkeitsmoral

Kohlberg begann seine Theorie der Entwicklung des moralischen Urteil im Rahmen sei­ner Dissertation 1958 und verfeinerte diese dreißig Jahre lang. In Anlehnung an Jean Piaget be­ruht sein Konzept auf Entwicklungsstufen, wobei diese eine unumstößliche uni­verselle Rei­henfolge innehaben und die Ordnung nicht umkehrbar ist (Invarianz der Ab­folge). Den Nachweis der Universalität belegen 45 empirische, interkulturelle Studien in 27 Ländern. Dabei versuchte er zu zeigen, dass die Entwicklungsabfolge situations-, sozial- und kultu­runabhängig ist,[6] wobei damit nicht be­hauptet werden soll, dass diese Faktoren nebensäch­lich wären.

Von ei­ner Stufe wird dann gesprochen, wenn sich qualitative Unterschiede in den Strukturen auf­zeigen. Jede Stufe besitzt eine be­stimmte Struktur, die bei Problemlösungen eingesetzt werden und diese wie­derum hat eine Genese. Folglich ist dabei vom strukturgenetischen An­satz die Rede. Jeder Schritt ergibt sich aus dem vorherigen und ist zumeist auch irreversibel, man spricht hierbei von Entwicklungslogik. Das wird als „Gesetz der hierarchischen In­tegration“ bezeichnet, wobei die vorangegangenen Stufen differenziert und integriert werden.

Auch wenn nicht alle, sämtliche Stu­fen durchlaufen, entscheidend bei diesen Modell ist, dass man nicht in Schubladen denkt. Es findet keinerlei Wertung statt. Stufe 4 ist nicht besser als Stufe 2, nur anders „Es ist anders, nicht defizitär.“[7], auch Kohlberg sagte dazu „Stu­fen sind nicht Schachteln zur Klassifizie­rung und Evaluation von Personen.“[8]

Nach kantischer Tradition, konzentrierte er sich jedoch nur auf die Perspektive der Gerechtig­keit, „dass Gerechtigkeit den Kern der Moral definiere“[9].

Um seine Theorie empirisch zu untermauern, entwickelte Kohlberg, die Untersuchungsme­thode „Moral Judgement Interview“, auf die ich hier aber nicht näher weitergehen werde.[10] Die Methode basiert auf hypothetischen Dilemmasituationen, mit denen die Interviewten konfrontiert werden. Aufgrund der Begründungen ihrer moralischen Urteile ordnet man sie einer bestimmt Stufe zu, die im Nachfolgenden näher erläutert werden.

1.1.1. Stufenmodell

Kohlbergs Modell unterteilt sich in drei Hauptniveaus[11] mit jeweils zwei Entwicklungsstu­fen:

1. Präkonventionelles Niveau

Der erste Schritt den Egozentrismus zu überwinden, wurde getan. Auch wenn das Kind schon begreift, dass es andere Sichtweisen gibt, orientiert es sich ausschließlich an den An­sichten der Autoritätspersonen, zumeist denen der Eltern. Es hat gelernt, dass richtiges Han­deln belohnt und falsches bestraft wird.

1.Stufe: Orientierung an Strafen und Gehorsam

Die direkten Konsequenzen entscheiden darüber, ob etwas gut oder schlecht ist. Das Kind ist sich deren Bedeutung noch unbewußt und handelt nur nach dem Strafver­meidungssystem.

2. Stufe: Individualismus, Zweck- und Austauschorientierung

Für Kinder auf dieser Stufe ist Handeln dann richtig, wenn ihre eigenen Bedürfnisse und gelegentlich die anderer, befriedigt werden.

Aber nur solange der eigenen Person da­durch keine Nachteile entstehen. Gegensei­tigkeit beruht auf der Tatsa­che „Wie du mir, so ich dir“ und hat nichts mit Loyalität oder Dankbarkeit zu tun.

2. Konventionelles Niveau

Die Haltung orientiert sich nun zunehmend an den Erwartungen anderer und ist gekenn­zeichnet von der Verteidigung und Aufrechterhaltung einer sozialen Ordnung. Das Indivi­duum fühlt sich als ein Mitglied einer Gemeinschaft.

3.Stufe: Orientierung an interpersonellen Erwartungen und Beziehungen

Gegenwärtig wird sich nach anderen, wie z.B. Peer Groups gerichtet und sich so verhalten, wie es denen ge­fällt, mit dem Ziel ein Lob und Anerkennung, zu erhalten. Die Meinung anderer wird zum Maß­stab und das Wohlergehen der Mitmenschen bekommt eine zunehmendere Be­deutung.

4.Stufe: Aufrechterhaltung des sozialen Systems

Die Gemeinschaft erweitert sich von den Nächsten zur Erhaltung der staatli­chen Ordnung. Es wird eingesehen, dass Regeln notwendig sind, um die soziale Ordnung aufrecht, zu erhalten. Auf dieser Stufe werden die Regeln und Rollener­wartungen je­doch noch nicht hinterfragt.

Das ändert sich auf dem nächsten Niveau.

3. Postkonventionelles Niveau

Das letzte und höchste Niveau wird bestimmt von individuellen Rechten. Normen, Regeln und Prinzi­pien werden nun unabhängig von Gruppen auf Gültigkeit überprüft.

5.Stufe: Am Sozialvertrag und individuellen Rechten orientiert

Normen werden geprüft und Regeln hinterfragt. Die soziale Perspektive steht derzeit im Vordergrund, zugleich existiert das Bedürfnis, sich mit anderen zu arrangieren.

6.Stufe: Ausrichtung auf universelle ethische Prinzipien

Die höchste Stufe folgt dem Prinzip der Gerechtigkeit, Kants Kategorischen Im­pera­tiv. Recht und Gewissen müssen nun in Einklang gebracht werden. Wobei sich ethi­sche Prinzipien durch ihre Allgemeingültigkeit definieren. Auf der ande­ren Seite gibt es keine feststehenden Regeln, sondern allgemeingültige Prinzipien, wie z.B. die Menschenrechte. Menschen auf dieser Stufe handeln und urteilen autonom.

Die Stufen werden hinsichtlich der kognitiven Leistung komplexer und das moralische Urteil umfassender. Um die einzelnen Stufen zu erreichen, muss zuvor eine bestimmte kogni­tive Stufe (Piaget) erreicht werden. Allerdings geht Kohlberg davon aus, dass kognitive Ent­wicklungsprozesse allein nicht ausreichen, um die Moralentwicklung voran zu treiben.

1.1.2. Entwicklungsfaktoren

Im Kon­struk­tivismus heißt es, dass Menschen die Entwicklung der Weltsicht aktiv mitgestalten und sie nicht einfach von den Erwachsenen übernehmen.

Das Denken entwickelt sich in einer wechselseitigen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Diese Wechselwirkung, durch Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt, nennt man Interaktionismus. Erst die Aneinanderreihung von Erfahrungen, deren Verarbeitung und die Schlussfolgerungen daraus, verhelfen dem Menschen zur Entwicklung auf die nächste Stufe, sowohl in kognitiver, als auch in moralischer Hinsicht. „Men­schen werden hier als aktiv ler­nende Persönlichkeiten betrachtet, nicht als nur von ihrer Umwelt geprägte oder von angebo­renen Reifungsprozessen gesteuerte.“[12]

[...]


[1] Siehe Wikipedia, die freie Enzyklopädie (24.06.2006),

Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Untersuchung_%C3%BCber_die_Prinzipien_der_Moral.

[2] Detlef Horster 1998, S.9.

[3] Nunner-Winkler 1986, S. 11.

[4] „Die Bildung der Zukunft“. Hrsg. Von Nelson Kilius, Jürgen Kluge und Linda Reisch. –

Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003, S.88.

[5] Nunner-Winkler 1995, S.147.

[6] vgl. Kohlberg zit. nach Oser/Althof 1992, S.75f.

[7] Oser/Althof 1992, S.49.

[8] Kohlberg/Lewine/Hewer zit. nach Ebd., S. 49.

[9] Ebd., 47.

[10] Vgl. Detlef Garz 1996, S.80 und Oser/Althof 1992, S.46.

[11] Ich verwende hier das Wort Niveau, weil Gilligan dieses in Ihrer Theorie auch gebraucht, zu

besseren Übersichtlichkeit.

[12] Oser/Althof 1992, S.42.

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638520973
ISBN (Buch)
9783638773553
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57746
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Erziehungswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Geschlechtsspezifische Moral Seminar Werteerziehung Urteil Handeln

Autor

Zurück

Titel: Geschlechtsspezifische Moral