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Dialekt in der Schule und Lösungsansätze der Dialektdidaktik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 31 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dialekt in der Schule
a) Abgrenzung von Dialekt und Hochsprache
b) Kommunikative Funktionen: Vorteile d. Dialektsprechen
c) Nachteile von Dialektsprechern
d) Lehrerbewusstsein und Rolle des Lehrers
e) Schulprobleme von Dialektsprechern

3. Lösungen der Dialektdidaktik
a) Dialekt in den Bildungsstandards
b) Lösungsansätze der Dialektdidaktik

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit dem Verhältnis von Schule und Dialekt, einem sehr spannungsgeladenen Thema mit unzähligen Meinungen und Ansätzen. Dieses ohnehin äußerst komplexe Thema wird dadurch erschwert, dass es keine festen Grenzen gibt und eigentlich erst einmal zwischen den in der Forschung vorkommenden Begriffen Dialekt, Umgangs- und Standardsprache ausführlich unterschieden werden müsste, was den Rahmen dieser Arbeit allerdings sprengen würde.

So wird diese Arbeit also der Frage nachgehen, welche Probleme dialektsprechenden Schülern in der Schule begegnen und welche Lösungen die Dialektdidaktik dafür bereitstellt. Nach einer kurzen Abgrenzung des Dialekts von der Hochsprache wird erläutert, inwieweit das Sprechen von Dialekt mit Vorteilen verbunden ist. Hierzu werden die kommunikativen Funktionen des Dialekts nach RAMGE (1978) vorgestellt. Leider verbindet sich mit dem Stichwort Dialekt nicht immer eine positive Konnotation, weshalb im Folgenden auch auf die (sozialen) Nachteile eingegangen werden muss, die sich aus dem Sprechen von Dialekt ergeben. Nachteile machen sich vor allem in den schulischen Leistungen bemerkbar, weshalb die Rolle des Lehrers und seine Einstellung zum Thema Dialekt in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden muss. Im Anschluss daran wird auf die Schulprobleme eingegangen, die die meisten Dialektsprecher haben. Diese sind schwerwiegend, aber nicht unlösbar, weshalb sich der nächste Punkt dieser Arbeit sich mit der Dialektdidaktik beschäftigt. Nach der Vorstellung des Themas Dialekt in den Bildungsstandards wird auf die Lösungen der Dialektdidaktik, vor allem der Heftreihe „ Dialekt/ Hochsprache kontrastiv. Sprachhefte für den Deutschunterricht“, eingegangen. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein Fazit, das den Versuch einer Beurteilung der dialektalen Probleme und deren didaktischen Lösungen unternimmt.

2. Dialekt in der Schule

a) Abgrenzung von Dialekt und Hochsprache

Bevor man das Thema Dialekt eingehend untersucht, ist es notwendig Dialekt und Hochsprache voneinander abzugrenzen. Nach Heinrich LÖFFLER (2003)[1] ist das Fremdwort ‚Dialekt’ „die heimische Bezeichnung für das [ist], was man unter ortsgebundener, einheimischer Sprache versteht, wofür man gewöhnlich aber die Ortsadjektiv-Bildung auf –isch verwendet […]“ (S. 2). Im weiteren Verlauf seiner Arbeit „Dialektologie – Eine Einführung“ teilt er die Abgrenzung des Dialekts gegen die Hochsprache in unterschiedliche Kriterien ein, welche im Folgenden kurz umrissen werden (S.3-8):

Unter linguistischem Kriterium wird Dialekt als die dürftige Besetzung aller grammatischen Ebenen verstanden. Neben ganzen Kategorien wie z. B. das Präteritum findet sich ein reduzierter Wortschatz, keine syntaktische Vielfalt und wenige Möglichkeiten der logischen Strukturierung. Die Hochsprache hingegen zeichnet sich unter linguistischem Kriterium durch die optimale Besetzung aller grammatischen Ebenen aus: neben einer syntaktischen Vielfalt findet sich das maximale Inventar aller grammatischen Kategorien.

Das nächste Kriterium ist das des Verwendungsbereichs: Dialekt wird gewöhnlich im familiärintimen Bereich gesprochen und auch oft am Arbeitsplatz. Seine Verwendung findet sich hauptsächlich im mündlichen Sprechen. Die Hochsprache hingegen findet sich im öffentlichen, überörtlichen Bereich und gleicht der Schriftsprache.

Das Kriterium des Sprachbenutzers ordnet den Dialekt der Unterschicht zu, die sich durch geringe Schulbildung auszeichnet, die Hochsprache wird der Mittel- und Oberschicht zugeordnet, die sich durch eine höhere Schulbildung auszeichnet.

Das Kriterium der sprachgeschichtlichen Entstehung sieht Dialekt als zeitliche Vorstufe „Antecedent“, also reine oder echt Mundart bzw. die zeitlich nachgeordnete Ableitungsstufe als „Descedent“, d.h. als gesunkene Kultursprache oder Jargon. Die Standardsprache hingegen wird als Vereinigungsform von zeitlich vorgelagerten Dialekten gesehen, die eine Ausgangsstufe für weitere „Descedenten“ bildet.

Wichtig für die Abgrenzung von Dialekt und Hochsprache und eng miteinander zusammenhängend sind das Kriterium der räumlichen Erstreckung und das Kriterium der kommunikativen Reichweite. Ersteres erklärt den Dialekt als orts- und raumgebunden, die Hochsprache als überörtlich und räumlich nicht begrenzt. Daraus ergibt sich das Kriterium der kommunikativen Reichweite: Während der Dialekt von begrenzter und kommunikativer Reichweite ist und somit den geringsten Verständigungsradius aufweist, zeichnet sich die Hochsprache durch eine unbegrenzte kommunikative Reichweite aus und hat somit einen größeren Verständigungsradius.

Aus diesen Unterschieden, die die Hochsprache über den Dialekt stellen, resultiert, dass vor allem am Ende der Grundschulzeit die Standardsprache zu selektiven Zwecken missbraucht wird. Dadurch wird eine Ungleichheit der Chancen bewirkt, denn es trifft bei der Selektion diejenigen, die vor Schuleintritt aufgrund ihrer Herkunft nicht die Möglichkeit hatten, die Einheitssprache zu erlernen (HAIN[2] 1980, S.43). Dabei darf nicht vergessen werden, dass vor allem in den ersten vier Schuljahren das Erlernen der Hochsprache keine Voraussetzung, sondern Lernziel ist. Mit diesen Problemen wird sich die Arbeit noch beschäftigen, zunächst aber sollen im folgenden Kapitel kommunikative Funktionen von Dialekten vorgestellt werden.

b)Kommunikative Funktionen:Vorteile von Dialektsprechern

Eindeutige Vorteile bringt eine Zweisprachigkeit des Lehrers mit sich, wodurch er in der Lage ist, mit bewusstem, systematischem Code-Switching gezielt bestimmte Unterrichtsabläufe zu steuern. Dies kann besonders bei Verständnisschwierigkeiten, zur Situationsdefinition (z.B. Unterrichtsbeginn oder –ende, Wechsel der Arbeitsform, etc.), zur Beziehungsarbeit (Lob, Tadel etc.) und ähnlichem methodisch eingesetzt werden. Außerdem kann als weiterer Vorteil angesehen werden, dass durch die ‚Zweisprachigkeit’ des Lehrers die Möglichkeit besteht, dialektspezifische Hilfestellungen, z.B. im Grammatikbereich, zu leisten.

LÖFFLER (1985)[3] spricht sogar von einer „atmosphärestiftende[n] Kraft des Dialekts als Nebensprache“ (S. 163). Dialekt wird mit Vitalität, Sinnlichkeit, Emotionalität, Konkretheit und Direktheit in Verbindung gebracht und kann dadurch auf der Beziehungsebene zwischen Lehrer und Schüler auch bewusst eingesetzt werden.

Des Weiteren vermittelt die Verwendung von Dialekten Vertrauen, Sympathie und Geborgenheit, wodurch eine enge Bindung zwischen den Kommunikationspartnern hergestellt und somit eine unmittelbare Teilnahme an den Emotionen und Eindrücken des Gesprächspartners erreicht werden kann. Ebenso können Dialekte die Distanz zwischen Schülern und Lehrern mindern und ein Gruppenzugehörigkeitsgefühl entstehen lassen. So gelten also nach Hans RAMGE (1978)[4] Solidarisierung und Emotionalisierung als die beiden Basisfunktionen. (S.201)

Thomas KROPF (1986)[5] beschäftigte sich sehr ausführlich mit den kommunikativen Funktionen von Dialekt im Unterricht. Er untersuchte die Einsetzbarkeit dialektalen Sprechens sowohl bei Lehrern als auch bei Schülern und bezieht sich in seinen Ausführungen zu diesem Thema vor allem auf die Arbeit von RAMGE (1978).

Als Grundmotivation für einen Wechsel von der Standardsprache zum Dialekt sieht KROPF auf Lehrerseite den Versuch einer Annäherung an den üblichen Sprachgebrauch des Schülers und damit einer Symmetrisierung der Interaktionsbeziehung (S.78). Bei Schülern kann von einem eher unbewussten Einsatz von dialektalem bzw. standardsprachlichen Sprechen ausgegangen werden, weshalb sich diese Arbeit im Folgenden auf die kommunikativen Funktionen des Dialekts bei Lehrern konzentriert.

Für das operationalisierte dialektale Sprechen des Lehrers stellt RAMGE (1978)[6] folgende Funktionen heraus:

1. Veranschaulichungsfunktion: Der Unterrichtsinhalt wirkt durch die Verwendung von Dialekten authentischer und eindringlicher. Durch den Rückgriff auf den gemeinsamen sprachlichen Erfahrungshintergrund wirkt die Verwendung des Dialekts solidarisierend und emotionalisierend.
2. Aktivierungsfunktion: Dialektale Äußerungen können die Aufforderung beinhalten, ohne Hemmungen zu sprechen. Des Weiteren können sie ein Appell sein sich am Unterrichtsgeschehen zu beteiligen und damit gemeinschaftlich-partnerschaftlich zu handeln. Auch kann hierdurch die Anerkennung einer Schülerantwort demonstriert und der Schüler zum Fortfahren aufgemuntert werden.
3. Bagatellisierungsfunktion: Durch den Varietätenwechsel werden innerhalb oder außerhalb des Unterrichtsplans verlaufstechnische Angelegenheiten organisiert. Kennzeichen ist, dass der Vollzug der geäußerten Handlung zwar für das Gelingen des Unterrichts wichtig, innerhalb des Unterrichtsplans allerdings belanglos ist.
4. Abschwächungsfunktion: Durch Verwendung des Dialekts kann Tadel gemildert und Enttäuschung vermieden werden, ungenügende Antworten erhalten eine Aufwertung, die Äußerung des Lehrers wirkt damit humorvoller.
5. Einverständnis- und Zuwendungsfunktion: Anerkennung und Lob erfahren durch Dialektgebrauch eine besondere Emphase. Verstehen und Einverständnis werden von Lehrerseite besonders hervorgehoben.
6. Diskriminierungsfunktion: Im richtigen Tonfall können Vorwürfe und Zurechtweisungen besonders an Schärfe gewinnen: Der Lehrer benutzt die Sprachebene des Schülers, um ihm damit zu zeigen: „Ich meine es jetzt wirklich ernst!“
7. Verständnissicherungsfunktion: Um zu gewährleisten, dass die Äußerung richtig verstanden wurde, kann es hilfreich sein, die Aussage des Schülers zu wiederholen. Des Weiteren kann über dialektale Äußerungen eine Konsenskontrolle oder –bestätigung durch andere Schüler erfragt werden, indem ein einheitlicher Kommunikationsraum zwischen Lehrer und Schüler geschaffen wird.

Die Code- Switchings können bei Lehrern und Schülern sowohl von bewusster als auch unbewusster Natur sein. Besonders Lehrer, bei denen eine gewisse Kenntnis der kommunikativen Funktion von Dialekt und Standardsprache vorausgesetzt werden kann, werden diese eben dargestellten Fähigkeiten bewusst einsetzen.

Vor allem in Regionen mit ausgeprägtem Dialekt spielt der Wohlfühlfaktor bei der Verwendung der im Unterricht angemessenen Sprache eine große Rolle.

Dies bringt vor allem dann Schwierigkeiten mit sich, wenn der Schüler nur eine Varietät – nämlich den Dialekt – beherrscht, was dann zu den vieldiskutierten Sprachbarrieren führt, deren Symptomatik und Auswirkungen im Hinblick auf schulische Leistungen im Folgenden untersucht werden.

c) Nachteile von Dialektsprechern

Der Aspekt der Sprachbarriere geht auf den englischen Soziologen Basil Bernstein zurück, der davon ausgeht, dass sich aus der unterschiedlichen Schichtzugehörigkeit eine entsprechende Differenzierung im Sprechverhalten einer Sprachgemeinschaft ergebe.

Auf dieser These basierend unterscheidet er zwei Kodes: den restringierten Kode, der dem Sprechverhalten der Unterschicht zugeordnet wird und den elaborierten Kode, der dem Sprechverhalten der Mittel- und Oberschicht entspricht.

Der restringierte Kode ist durch kurze, einfache, oft unvollständige Sätze, wenig Konjunktionen, wenig untergeordnete Sätze, wenig Präpositionen und einen begrenzten Wortschatz gekennzeichnet. Merkmale des elaborierten Kodes hingegen sind komplexere Satzkonstruktionen, mehr Konjunktionen, eine genaue syntaktische Ordnung, mehr Präpositionen und ein reicherer, differenzierterer Wortschatz. Wegen des restringierten Kodes besteht nach Bernstein für Kinder der Unterschicht keine Chancengleichheit, weshalb seine „Kode- Theorie“ heftige bildungspolitische Debatten ausgelöst hat.

[...]


[1] Löffler, Heinrich (2003). Dialektologie - eine Einführung. Tübingen: Narr.

[2] Hain, Ulrike/ Hein, Peter (1980). Dialekt und Hochsprache im Deutschunterricht. In: Linguistische Berichte 6. S. 37-50.

[3] Löffler, Heinrich (1985). Germanistische Soziolinguistik. Berlin: Erich Schmidt.

[4] Ramge, Hans (1978). Kommunikative Funktionen des Dialekts im Sprachgebrauch von Lehrern während des Unterrichts . In: Ammon, U./ Knoop, U./ Radtke, I. Grundlagen einer dialektorientierten Sprachdidaktik. Theoretische und empirische Beiträge zu einem vernachlässigten Schulproblem. Weinheim/ Basel: Beltz. S.197-228.

[5] Kropf, Thomas (1986). Kommunikative Funktionen des Dialekts im Unterricht. Theorie und Praxis in der deutschen Schweiz. Tübingen: Niemeyer.

[6] Ich beziehe mich hierbei hauptsächlich auf die Darstellung von RAMGE (1978, S. 213ff), da eine detaillierte Einbeziehung von KROPF (1986) den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Details

Seiten
31
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638522403
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57925
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar I
Note
1,3
Schlagworte
Dialekt Schule Lösungsansätze Dialektdidaktik

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