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Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Michael Walzers kommunitaristischer Ansatz

Hausarbeit 2000 19 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Konzept der „Sphären der Gerechtigkeit“
2.1 Die Kunst der Trennung als Ausgangspunkt
2.2 Soziale Güter und geteilte Überzeugungen einer Gemeinschaft
2.3 Komplexe Gleichheit

3 Walzers kommunitaristische Demokratievorstellung
3.1 Die politische Gemeinschaft und die Communities
3.1.1 Die Bedeutung der Communities
3.1.2 Mitgliedschaft in der politischen Gemeinschaft
3.2 Demokratischer Staat und Zivile Gesellschaft
3.2.1 Die Zivile Gesellschaft
3.2.2 Die Aufgaben des demokratischen Staates
3.2.3 Partizipation in der zivilen Gesellschaft

4 Kritische Betrachtung des Walzerschen Demokratieverständnis
4.1 Die Ungerechtigkeit der „Sphären der Gerechtigkeit“
4.2 Ein vormoderner Begriff politischer Gemeinschaft
4.3 Das Risiko in der walzerschen Gemeinschaftsbindung

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Spätestens seit Anfang der 90er Jahre erzwingen aktuelle politische und gesellschaftliche Um­brüche in Ost- und Westeuropa immer wieder ein Nachdenken über die Bedeutung von Gemein­schaften für stabile Demokratien. Wieviel Gemeinschaft brauchen Gesellschaften, wie ­viel Konsens benötigt eine Demokratie? Kann in heutigen pluralen Gesellschaften überhaupt noch von *einer* Gemeinschaft gesprochen werden? Die Beantwortung dieser Fragen fällt schwer, da vor allem mit Blick auf die deutsche Geschichte Gemeinschaftsdenken ideologie­verdächtig erscheint.

Aus einem anderen theoriegeschichtlichen Hintergrund[1] heraus beschäftigt sich bereits seit Anfang der 80er Jahre eine theoretische, politikphilosophische Bewegung mit genau diesen Fragen: der aus Nordamerika kommende Kommunitarismus. Die kommunitaristische Strö­mung umfaßt so unterschiedliche Autoren wie Michael Sandel, Amitai Etzioni, Charles Taylor, Richard Rorty und ist deshalb schwer in das übliche Links-Rechts-Schema einzu­ordnen. Gemeinsam ist den kommunitaristischen Autoren jedoch der „Versuch einer Wieder­belebung von Gemeinschaftsdenken unter den Bedingungen postmoderner Dienstleistungsge­sell­schaften“[2]. Der Kommunitarismus prägte nicht nur in den USA die Debatte um die Inte­grationsfähigkeit moderner Gesellschaften, thematisiert bis heute den Verlust politischer Inte­gration in hochindustrialisierten Gesellschaften und glaubt in der Stärkung der Gemein­schaften und ihrer Werte eine Lösung für die zunehmende Individualisierung und Politikver­drossen­heit zu erkennen.[3] Mit diesem Gemeinschaftsdenken bezieht der Kommunitarismus Position gegen den politischen Liberalismus, der zur Lösung gesellschaftlicher Probleme auf eine Stärkung individueller Rechte und Freiheiten setzt und diese über universalistische Norm- und Gerechtigkeitsprinzipien absichert.

Auch Michael Walzer, der kommunitaristisch geprägt das individualistische Menschenbild kritisiert und den Blick auf die sozialen Gemeinschaften richtet, wird zu den zentralen Akteu­ren der politisch-philosophischen Debatte zwischen Kommunitaristen und Liberalisten[4] gerechnet. Mit seinem Werk „Sphären der Gerechtigkeit“ distanziert er sich zu John Rawls liberaler, universalistischer „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ und wirbt für ein pluralistisches Gerechtigkeits- und Gleichheitskonzept: „Unterschiedliche Lebensformen bedingen unter­schied­liche Konzeptionen der Gerechtigkeit“[5]. Diese Gerechtigkeitskonzeption wird für Walzer zum Dreh- und Angelpunkt seiner Demokratievorstellung und seiner Auffassung einer zivilen Gesellschaft.

In nachfolgender Arbeit soll nun zunächst Michael Walzers Konzept der „Sphären der Ge­rech­tigkeit“ dargestellt werden. Dazu wird es notwendig sein, das zentrale Element seines politisch-philosophischen Entwurfs, nämlich die Trennung der Gesellschaft in Sphären und die daraus resultierende komplexe Gleichheit, vorzustellen. Um die politische Implikation seines Werkes zu verstehen ist es in einem zweiten Schritt erforderlich, die Rolle der pluralen Gemeinschaften innerhalb einer Gesellschaft zu beleuchten. Daraufhin gilt es, Walzers Vor­stellung eines demokratischen Staates als zivile Gesellschaft aufzuzeigen. In einem zweiten Hauptteil wird nachfolgend dieser kommunitaristische Gerechtigkeits- und Demokratieent­wurf kritisch beleuchtet, nicht zuletzt auch unter dem Blickwinkel des politischen Libera­lismus. Somit sollte es abschließend möglich werden, die eingangs gestellte Frage nach dem Nutzen eines Mehr an Gemeinschaft für moderne Demokratien zu beantworten.

2 Das Konzept der „Sphären der Gerechtigkeit“

2.1 Die Kunst der Trennung als Ausgangspunkt

Michael Walzer beschäftigt sich in seinem Werk „Sphären der Gerechtigkeit“ mit Fragen der distributiven Gerechtigkeit, also mit einer gerechten Verteilung von gesellschaftlichen Gütern. Er unternimmt den „Versuch, Pluralität und Gleichheit in einer Theorie distributiver Gerech­tigkeit zusammen zu denken“[6]. Walzers Politikverständnis nimmt seinen Ausgang in der Auffassung, daß Gerechtigkeit nicht mittels eines einzigen Prinzips gesichert werden kann. Dies ist deshalb nicht möglich, weil die Verteilung der verschiedenen Güter für jedes Gut gesondert erfolgen muß. Die unterschiedlichen Güter einer Gemeinschaft bilden „Sphären“, innerhalb derer sie verteilt werden und die unabhängig für sich beurteilt werden müssen: „Jedes Gut soll nach den Geltungskriterien seiner eigenen ‘Sphäre’ zugeteilt werden.“[7]

Somit trennt Michael Walzer zwischen verschiedenen Gütern menschlicher Existenz und faßt die Gesellschaft als eine in Sphären getrennte Welt auf. Die Sphären bilden geschützte Han­d­­lungsspielräume, indem sie von einander unabhängig sind und somit „eine faire, mani­pulationsfreie Verteilung der Handlungschancen von Bürgern und Gruppen“[8] gewährleisten. Seine liberale Grenzziehung, „the art of separation doesn’t make only for liberty but also for equality.“[9], weil Wertsphären mit eigenen Verteilungsregeln entstehen, die durch die relative Autonomie der einzelnen Sphären geschützt werden.

2.2 Soziale Güter und geteilte Überzeugungen einer Gemeinschaft

Wenn in Michael Walzers politischer Theorie von sozialen Gütern die Rede ist, so sind diese nicht mit der alltagssprachlichen Bedeutung des Wortes „Gut“ irrtümlich zu vertauschen. Es handelt sich keineswegs um materielle Wert- oder Gebrauchsgegenstände. In seiner distribu­tiven Gerechtigkeitstheorie geht es somit nicht um die Verteilung von Besitz, sondern um ganz andere Güter: Der Zugang zu politischer Macht, Ämtern und Arbeit, die Gewährleistung von Sicherheit und Wohlfahrt, öffentliche und private Anerkennung, die Ermöglichung von Religionsausübung, Erziehung und Bildung, die Annehmlichkeit von Liebe und Freizeit - dies alles sind nach Michael Walzer soziale Güter, welche die Gesellschaft in Sphären aufteilen und nach je eigenen Kriterien distribuiert werden müssen.[10] Es sind „Muster, in denen eine Gemeinschaft ihre eigene Identität und die ihrer Mitglieder herausbildet“[11]. Somit ist es nach Michael Walzer auch nicht möglich, ein einzigartiges Set von Grundgütern für alle morali­schen Welten zu benennen.

Der soziale Charakter der zu verteilenden Güter ergibt sich zum einen daraus, daß die Bedeu­tung von Gütern historisch gewachsen ist, zum anderen dadurch, daß jede Gesellschaft für sich aushandelt, was als distributives Gut gilt. Dies beinhaltet, daß die Bedeutung der Güter nicht im voraus endgültig festgelegt werden kann, sondern sie ist sozialen Prozessen, einer sozialen Dynamik unterworfen[12]. Sie wird bestimmt von den Mitgliedern der politischen Gemeinschaft, welche die Güter jeweils nach ihrer Beschaffenheit analysieren und bewerten. Walzer geht sogar soweit zu behaupten, „daß wir die Verteilung sozialer Güter weder verste­hen noch beurteilen und kritisieren können, bevor wir deren Bedeutung für (...) Männer und Frau­en begriffen haben, unter denen diese Güter verteilt werden sollen. Verteilungs­ge­rechtigkeit (...) steht in Relation zu sozialen Sinnbezügen.“[13].

2.3 Komplexe Gleichheit

Die Trennung der Gesellschaft in verschiedene autonome Sphären, konstituiert durch unter­schiedliche Güter mit jeweils anderen Verteilungsmodi, sind die Grundvoraussetzungen für Walzers Gerechtigkeitskonzeption, der komplexen Gleichheit. In seinen Augen ist eine Ge­sell­schaft, in der alle über die selben Rechte und Güter verfügen, eine Illusion, die nicht zu verwirklichen ist. Gleichheit, „die man (...) nicht beim Wort nehmen darf“[14][15] kann nicht über ein einziges, allgültiges Prinzip erzielt werden. Deshalb bedient sich Walzer des Begriffs der komplexen Gleichheit: Gerechtigkeit in einer Gemeinschaft herrscht dann vor, wenn zum ei­nen die Verteilung der Güter nach ihren sozialen Bedeutungen in den Sphären gesichert ist. Die Mitglieder der politischen Gemeinschaft legen also nicht nur die Bedeutung der einzelnen sozialen Güter fest, sondern sie bestimmen weiterhin, wie die Trennungslinien der Sphären zu ziehen sind und welche Art der Verteilung in dem jeweiligen Bereich als gerecht empfunden wird. Dies ist abhängig von den geteilten Überzeugungen der politischen Gemeinschaft, weil „die gemeinsamen Sensibilitäten und Intuitionen der Mitglieder einer historischen Gemein­schaft eine Lebenstatsache“[16] sind. Des weiteren bedingt komplexe Gerechtigkeit aber auch, daß Vorteile in einer Sphäre nicht zu Vorteilen in anderen Sphären führen. Gerechtigkeit erfordert also nicht die Anwendung strikt egalitärer Prinzipien, sondern die Anwendung sphärenspezifischer Verteilungskriterien. Somit geht es Walzer auch nicht darum, zwischen Menschen existierende materielle Unterschiede zu beseitigen: Monopole in einzelnen Sphä­ren, die bestimmte Menschen in dieser Sphäre begünstigen, sind solange legitim, wie diese Monopole nicht zu dominanten Gütern werden[17], also in anderen Sphären zu Privilegien füh­ren. In Michael Walzers Gerechtigkeitskonzeption haben daher nicht alle Menschen gleich viel in allen Bereichen, aber diese Ungleichheiten akzeptieren sie, weil die Autonomie der Sphä­ren gewährleistet, daß z.B. ein Erfolg in der Sphäre Wirtschaft, der Reichtum verursacht, nicht zu beispielsweise politischer Macht führen kann.

Gerechtigkeit im Sinne komplexer Gleichheit, wie Michael Walzer sie favorisiert, kann aber niemals nur allein institutionell produziert werden. „Vielmehr bedarf sie der Stabilisierung in individuellen Gerechtigkeitsüberzeugungen“[18]. Diese werden von Menschen erlernt durch gemeinsames und verantwortungsvolles Handeln in den verschiedenen Gemeinschaften, in denen Menschen eingebunden sind: den „communities“.

3 Walzers kommunitaristische Demokratievorstellung

3.1 Die politische Gemeinschaft und die Communities

3.1.1 Die Bedeutung der „Communities“

Bezieht sich Walzer in seinem Werk „Sphären der Gerechtigkeit“ noch primär auf die politi­sche Gemeinschaft, so trägt er spätestens seit seinem Buch „Zivile Gesellschaft und ameri­kanische Demokratie“ dem Charakter moderner, pluraler Gesellschaften Rechnung und be­rücksichtigt verstärkt die Vielzahl von Lebensformen, Gemeinschaften und Gruppen, in denen Menschen sich bewegen[19][20] und die eine politische Gemeinschaft ausmachen. Die Menschen sind verschieden und durch die unterschiedlichsten ethnischen, kulturellen, sozialen und poli­tischen Beziehungen und Bindungen geprägt. Die Gemeinschaften, die in Pluralität neben­einander existieren, sind für Walzer zunächst Zusammenhänge gemeinsamen Handelns, in der Formen wechselseitiger Verbundenheit und Verantwortung zur Sozialität führen. Für ihn scheint es deutlich zu sein, „daß wir zunächst in partikulare Gemeinschaften eingebunden sind und nur hier die normativen Maßstäbe unseres Handelns gewinnen können“[21]. Nur so werden Menschen nach Walzer fähig, die kontextgebundenen Regeln der distributiven Gerechtigkeit in den einzelnen Sphären auszuhandeln. Die Gemeinschaftsbindungen sind also konstitutiv für den Erwerb von Gerechtigkeitsmaßstäben und die Herausbildung „demokratischer Tugen­den“. Darüber hinaus sind die gemeinschaftlichen Bindungen natürlich auch ausschlaggebend für die Persönlichkeitsbildung, da die einzelne Person somit zu einem „self-in-relation“[22] wird, die durch die gemeinschaftlichen Verhaltensmuster, Wertvorstellung und Weltbilder geprägt ist. Jedoch bleibt bei den Vorstellungen Walzers auch zu berücksichtigen, daß Men­schen nicht auf Identitäten, die sie zum Beispiel qua Familie oder Religion ausbilden, fest­gelegt sind. Entscheidend ist bei Walzer die Bedingung der Freiheit menschlichen Zusam­menlebens, so daß es immer möglich ist, sich anderen Vereinigungen anzuschließen, selbst wenn man in Gruppen oder Gemeinschaften hinein geboren wurde[23].

Bei Walzer wird die politische Gemeinschaft aufgefächert in viele plurale Gemeinschaften, in ei­ne Vielzahl von Vereinigungen, in denen Menschen zusammenkommen, gemeinsame Inter­essen verteidigen und bestimmte Lebensweisen aufrecht halten. „Gemeinschaft“ ist damit der Grundbegriff seiner Konzeption, die so ausdrücklich als kommunitaristisch bezeichnet werden kann.. Denn kommunitaristische Autoren betrachten die verschiedenen Gruppen, Vereini­gungen und Lebensformen als kontextverbindliche Wert- und Verständnishorizonte für die darin lebenden Menschen: „...community describes not just what they have as fellow citizens but also what they are.“[24]

3.1.2 Mitgliedschaft in der politischen Gemeinschaft

Bevor nun Walzers Demokratievorstellungen zur Rolle des Staates und zur zivilen Gesell­schaft näher betrachtet werden können, ist es nötig zu definieren, wie sich die politische Ge­meinschaft konstituiert bzw. wie die Regelung zur Mitgliedschaft nach Ansicht Michael Wal­zers gehandhabt werden sollte. Die Untersuchung zur Mitgliedschaft in einer politischen Ge­mein­schaft ist zentral, weil für Michael Walzer diese Mitgliedschaft das wichtigste zu vertei­lende Gut darstellt, da allein dadurch der Zugang zu den anderen distributiven sozialen Gütern geschaffen wird. Somit steht Mitgliedschaft im Zusammenhang mit Verteilungsgerechtigkeit und Walzers Demokratieverständnis.

Walzer geht davon aus, daß die politische Vereinigung in der Form der Mitgliedschaft zwi­schen den Vereinen mit bestimmten Aufnahmekriterien und der weitgehend geschlossenen, weil privaten Familie steht.[25] Walzer argumentiert in der Bestimmung der Kriterien der Mit­gliedschaft jedoch ambivalent: einerseits ist er davon überzeugt, daß Mitglieder einer politi­schen Gemeinschaft ein kollektives Recht darauf haben zu bestimmen, wie ihre Bevölkerung aussehen soll. Andererseits glaubt er auch zu erkennen, daß dieses Selbstbestimmungsrecht kein absolutes Recht sein kann, weil komplexe Gleichheit seiner Meinung nach auch ein Recht auf Mitgliedschaft begründet. Der Widerspruch seiner Argumentation offenbart sich deutlich am Beispiel der Aufnahme von Flüchtlingen: Es besteht gegenüber Menschen, die auf der Flucht sind, eine Verpflichtung zur Aufnahme. Dieses Recht ist jedoch nur ein Recht von Einzelpersonen. Sollte sich die Zahl der Flüchtlinge aber so erhöhen, daß Kapazi­täts­gren­zen erreicht sind, besteht ein Recht zur Aufnahmeverweigerung. Es gibt nach Michael Walzer also sowohl das Recht auf Aufnahme in als auch das Recht der Begrenzung der jeweiligen poli­tischen Gemeinschaft. Jedoch kann Walzer selbst die Grenze der Verweigerung der Auf­nah­me nicht bestimmen[26]. Trotz dieser unentschlossenen Argumentation bleibt festzuhalten: „Zulas­sung und Ausschluß sind der Kern, das Herzstück von gemeinschaftlicher Eigen­stän­digkeit“[27], das letztlich auch zur Stabilität der politischen Gemeinschaft beiträgt.

3.2 Demokratischer Staat und Zivile Gesellschaft

3.2.1 Die Zivile Gesellschaft

Versuchte Michael Walzer mit seinem Werk „Sphären der Gerechtigkeit“ eine gerechte Ver­tei­lung sozialer Güter in modernen Gesellschaften zu skizzieren, so wird er mit der Idee der zivilen Gesellschaft der pluralen, aus verschiedensten Gemeinschaften und Vereinigungen bestehenden heutigen Gesellschaft gerecht. Walzer sieht in der zivilen Gesellschaft eine „Verbindung und Konfliktterrain vielfältiger, oft einander fremder communities unter den Rahmenbedingungen des liberaldemokratischen Staates“[28][29]. Er betont die kulturelle Pluralität und die Eigendynamik verschiedener Gruppen und daraus erwachsener Identitäten, hält aber gleichsam daran fest, daß eine zivile Gesellschaft den politischen Rahmen, vom Staat unter­stützt, benötigt, um als solche überleben zu können. Gesellschaftliches Leben kann sich nach Michael Walzers Vorstellung also nur entwickeln, solange Gemeinschaften und Vereini­gun­gen bestehen. Um dieses Fortbestehen zu sichern, ist es notwendig einen „Handlungsraum von Handlungsräumen“[30] zu schaffen, in dem somit jede Community ihr jeweils unterschiedliche Art des „guten Lebens“[31] führen kann. Nicht zuletzt fällt unter diese komplexen Handlungsräume natürlich auch eine in Sphären getrennte Welt, denn die Vereinigungen einer Gesellschaft agieren natürlich gerade in diesen.

Michael Walzer ist sich aber auch darüber bewußt, daß seine Konzeption der zivilen Gesell­schaft gerade auch das Problem der Koexistenz unterschiedlicher Gruppen beinhaltet. Zur Lösung dieses Problems nimmt Walzer sowohl die Vereinigungen selbst als auch die poli­tischen Institutionen in Pflicht: Zum einen sollten die Gemeinschaften dazu bereit sein, „Toleranz als ein Verfahren gegenseitiger Anerkennung“[32] zwischen den verschiedenen religiösen, kulturellen, ethnischen oder politischen Gruppierungen zu achten. Zum anderen sollten aber auch politische Institutionen den Gemeinschaften ermöglichen friedlich zu ko­existieren. Wie diese Aufgabe der Institutionen gestaltet wird, kann Walzer nicht angeben, da dies der Aushandlung der Mitglieder einer jeweiligen politischen Gemeinschaft obliegt.

Die zivile Gesellschaft umfaßt aber nicht nur die Gemeinschaften und Vereinigungen, in denen die Menschen eingebunden sind, sondern die Idee der zivilen Gesellschaft ist genuin politisch[33]. Denn die Gemeinschaften müssen sich, so die zentrale Ansicht Walzers, innerhalb der politischen Strukturen verwirklichen. Die Vereinigungen werden versuchen, in diesen Strukturen ihre Wert- und Zielvorstellungen umzusetzen, um so politischen Einfluß zu erlangen. Die politische Bedeutung der zivilen Gesellschaft liegt also darin, daß die Ge­meinschaften zur Grundlage der Politik gemacht werden, diese aber ohne politischen Rahmen nicht existieren können.

3.2.2 Die Aufgaben des demokratischen Staates

Der demokratische Staat ist für Michael Walzer unverzichtbar, denn nur ein demokratischer Staat kann auch ein zivile, demokratische Gesellschaft schaffen. Jedoch hat der Staat in sei­nem Politikverständnis eine besondere Rolle inne: zum einen ist der Staat der Rahmen, der die zivile Gesellschaft erst ermöglicht, zum anderen nimmt er als konstitutives Moment derselben einen Platz in ihr selbst ein. Walzer selbst bezeichnet dies als „Paradoxie des Arguments der zivilen Gesellschaft“[34][35], das die Gefahr in sich birgt, den Staat lediglich als eine Vereinigung neben den anderen pluralen Gemeinschaften zu betrachten. Dies wäre falsch, denn Zivil­gesellschaft und Staat bedingen sich gegenseitig. Die Zivilgesellschaft mit all ihren unterschiedlichen Vereinigungen und Netzwerken würde ohne die Rahmenbedingung eines demokratischen Staates „ihrer eigenen anarchischen Struktur zum Opfer fallen“[36]. Dies erscheint für Walzer realistisch, da die verschiedenen Gemeinschaften über unterschiedliches materielles und ideelles Potential verfügen, was bei einer ungehinderten Entfaltung durchaus zur Dominanz einzelner Vereinigungen über andere führen könnte. Somit kommt es also dem Staat als primäre Aufgabe zu, Machtungleichgewichte zu verhindern und bestehende Unterdrückung zu beseitigen. In einem ähnlichen Sinne obliegt es dem Staat, ein Minimum an Bürgerrechten für alle Mitglieder der Gesellschaft zu gewährleisten und gegebenenfalls diese Rechte auch gegenüber konfligierenden Gemeinschaftsinteressen durchzusetzen.

Jedoch hat der Staat gegenüber den pluralen Gemeinschaften, die eine zivile Gesellschaft aus­machen, nicht nur eine beschränkende oder kontrollierende Funktion. Gerade der demokra­ti­sche Staat gilt in Walzers Demokratieverständnis als der Garant, der nötig ist, um die neuen For­men der Freiheit und des Pluralismus in modernen Gesellschaften zu gewähren. Dazu unter­stützt der Staat aktiv die politischen und rechtlichen Strukturen, die das Zusammenleben der einzelnen Gemeinschaften ermöglichen. Jedoch sieht Walzer für das staatliche Agieren gegenüber den Vereinigungen nicht unbedingt das Gebot der Neutralität vor. Die staatlichen In­sti­tutionen müssen im Gegenteil dazu verwandt werden, gerade diejenigen Vereinigungen zu unterstützen, „die für die Aufrechterhaltung und Beförderung demokratischer Umgangs­formen von Bedeutung sind“[37]. Dennoch kann es in Michael Walzers Politikverständnis nicht Auf­gabe der staatlichen Institutionen sein, in ihrem Bestand gefährdete kulturelle, ethnische oder religiöse Gemeinschaften vor dem Zerfall zu retten – dies muß aus eigenen Kraft heraus geschehen.

Welche Aufgaben der Staat jedoch bei der Verteilung der sozialen Güter übernehmen wird, führt Michael Walzer eher spärlich aus. Der demokratische Staat soll zwar die Grenzziehung zwischen den einzelnen Sphären und die Verteilung der Güter überwachen, die politische Macht darf aber selbst nicht in die Sphären eingreifen oder gar die Verteilungskriterien bestim­men, da sie selbst eine der Sphären darstellt[38]. Der Staat ist aber „offenbar die letzte Vermittlungsinstanz in allen distributiven Fragen“[39].

[...]


[1] Zur Vorgeschichte und dem theoretischen Hintergrund der Kommunitarismus-Debatte: Joas, Hans: Gemeinschaft und Demokratie in den USA - die vergessene Vorgeschichte der Kommunitarismus-Diskussion, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1992, S. 859ff.

[2] Neumann, Franz (Hrsg.): Handbuch Politische Theorien und Ideologien, Bd. 1, Opladen, 1998, S. 238.

[3] Eine ausführliche Darstellung über Grundaussagen, Entstehungskontext und Zielsetzungen des Kommunitarismus findet sich in: Kersting, Wolfgang: Die Liberalismus-Kommunitarismus-Kontroverse in der amerikanischen politischen Philosophie, in: Politisches Denken Jahrbuch 1991.

[4] Einen guten Überblick zu der Debatte liefert: Wallach, John R.: Liberals, Communitarians and the Task of Political Theory, in: Political Theory, Volume 15, Number 4, 1987.

[5] Rieger, Günter: Wieviel Gemeinsinn braucht die Demokratie? Zur Diskussion um den Kommunitarismus, in: ZfP, H. 3/1993, S. 319.

[6] Ellrich, Lutz: Zulassung und Ausschluß - der Umgang mit Verschiedenheit, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, H. 6/1993, S. 1059.

[7] Walzer, Michael: Sphären der Gerechtigkeit, Frankfurt a. M. 1992, S. 12.

[8] Krause, Skadi / Malowitz, Karsten: Michael Walzer zur Einführung, Hamburg 1998, S. 65.

[9] Walzer, Michael: Liberalism and the Art of Separation, in: Nida-Rümelin, Julian/ Vossenkuhl, Willhelm (Hrsg.): Ethische und politische Freiheit, Berlin 1998, S. 270.

[10] Eine ausführliche Darstellung zur „Theorie der Güter“ liefert Walzer selbst in: Walzer, Michael (2), a.a.O., S. 30ff.

[11] Krause, Skadi/ Malowitz, Karsten, a.a.O., S. 67.

[12] Michael Walzer liefert in Walzer, Michael (2), a.a.O. sechs theoretisch Sätze zu sozialen Gütern: S. 32ff.

[13] Ebenda, S. 11.

[14] Ausführlich in: Krause, Skadi/ Malowitz, Karsten, a.a.O., S. 62ff. und Walzer, Michael (2), a.a.O., S. 26ff.

[15] Walzer, Michael (2), a.a.O., S. 17.

[16] Ebenda, S. 61.

[17] Zur Unterscheidung von Monopolen und dominanten Gütern siehe: Ebenda, S. 36ff.

[18] Buchstein, Hubertus / Schmalz-Bruns, Rainer: Gerechtigkeit als Demokratie - Zur politischen Philosophie von Michael Walzer, in: PVS, H. 3/1992, S. 387.

[19] Der Begriff Community wird im Amerikanischen generell sehr weit gefaßt und läßt sich nicht einzig mit Gemeinschaft übersetzen. Er bezieht sich auf territoriale Gemeinden ebenso wie auf utopische Kommunen, Netzwerke, Vereine oder Interessensgruppen im weitesten Sinne. Vgl. hierzu auch: Neumann Franz (Hrsg.), a.a.O., S. 241. Darüber hinaus hat der Begriff Community (anders als die deutsche Konnotation) eine überwiegend demokratische und partizipatorische Bedeutung. Ausführlicher in: Waschkuhn, Arno: Demokratietheorien, München 1998, S. 425.

[20] Vgl. hierzu: Walzer, Michael: Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie, Berlin 1992, S. 79ff.

[21] Volke, Joachim / Jansen, Peter-Erwin: Gespräch über Michael Walzer - Die Versöhnung von Freiheit und Gleichheit, in: Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte, 1992, S. 17. Axel Honneth stellt den kommunitaristischen Gemeinschaftsbezug in Verbindung zu Tocqueville, der bereits im 19. Jahrhundert für eine Stärkung der Freiwilligen Assoziationen in Amerika plädierte.

[22] Khatchadourian, Haig: Community and Communitarianism, New York 1999, S. 3.

[23] Vgl. hierzu auch: Krause, Skadi/ Malowitz, Karsten, a.a.O., S. 134.

[24] Khatchadourian, Haig, a.a.O. S. 5.

[25] Walzer verwendet zur Abgrenzung der Mitgliedschaft in politischen Gemeinschaften Analogien zu der Art, wie z.B. Familien, Vereine und Nachbarschaften Fremde aufnehmen. Siehe, Walzer, Michael (2), a.a.O., S. 70ff.

[26] Die unentschlossene Argumentation Walzers läßt sich nachlesen in: Ebenda, S. 92ff.

[27] Ebenda, S. 106.

[28] Die Idee der zivilen Gesellschaft ist keine originäre Idee Michael Walzers, wie es das Sphärenkonzept darstellt. Er übernahm den Begriff aus dem politischen Diskurs osteuropäischer Bürgerrechtler und Schriftsteller, die verstärkt soziale Netzwerke in den Vordergrund stellte. Vgl. hierzu auch: Krause, Skadi/ Malowitz, Karsten, a.a.O., S. 125.

[29] Walzer, Michael (4), a.a.O., S. 11.

[30] Ebenda, S. 79.

[31] Der Begriff des „guten Lebens“ ist ein zentraler kommunitaristischer Begriff und beinhaltet in etwa das Gros der Moral- und Wertvorstellungen, die eine Community als Zielsetzung formuliert.

[32] Krause, Skadi/ Malowitz, Karsten, a.a.O., S. 141.

[33] Zur politischen Bedeutung der zivilen Gesellschaft, siehe: Ebenda, S. 132ff.

[34] Walzer selbst leuchtet die Aufgabenpflicht des Staates nur sehr wenig aus. Eine gute Zusammenfassung darüber findet sich in: Ebenda, S. 145ff.

[35] Walzer, Michael (4), a.a.O., S. 79.

[36] Krause, Skadi/ Malowitz, Karsten, a.a.O., S. 145.

[37] Ebenda, S. 147.

[38] Vgl. hierzu: Walzer, Michael (2), a.a.O., S.

[39] http:/www.wiwi.uni-halle.de/wiwi/lui/vwl/internat/Webseiten/Lehre/Material/KommunitarismusReese Schäfer.htm. Leider geht weder aus Walzers „Sphären der Gerechtigkeit“ noch aus dieser Sekundärliteratur hervor, wie die Aufgabenstellung des Staates als letzte Vermittlungsinstanz genau gestaltet ist.

Details

Seiten
19
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638525664
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58340
Institution / Hochschule
Universität Trier – Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Gemeinschaft Demokratie Michael Walzers Ansatz Moderne Demokratietheorien

Autor

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