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Ironie als ein Mittel der sprachlichen Indirektheit dargestellt an Oscar Wildes "The Importance of being Earnest"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 18 Seiten

Amerikanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einführung:
- Allgemeines zur Ironie
- Vorgehensweise in der Arbeit
- Wilde als Autor mit gesellschaftskritischen/ ironischen Zügen
- Eignung von The Importance of Being Earnest, um Ironie zu analysieren
- Kurze Inhaltsangabe des Stücks

2.) Untersuchungen zur Ironie:
2.1) Allgemeine Begriffserläuterungen
a) Definitionsversuche
b) Begriffsabgrenzung
c) Gelingensbedingungen
2.2) Ironiemodelle
a) Grice: Ironie als konversationelle Implikatur
b) Leechs „Irony Principle“ (IP)
2.3) Analyse einiger ironischer Textstellen aus The Importance of Being Earnest
- Hintergrund des jeweiligen Textabschnittes
- Äußerung der Ironie
- eigentlich beabsichtigter Sprechakt dabei
- Wirkung und Reaktion auf die daran beteiligten Personen

3.) Ausblick
- Zusammenfassung
- eigene Einschätzung

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Ironie als eine Form der sprachlichen Indirektheit stellt ein linguistisches Phänomen dar, das heutzutage aus dem Alltag beinahe nicht mehr wegzudenken ist, ganz gleich, von welchen gesellschaftlichen Gruppen oder unterschiedlichen Altersstufen man nun ausgehen mag. Sie ist heute in der gesprochenen Alltags- wie auch in der Schriftsprache und oftmals auch in der Literatur ein allgegenwärtiges rhetorisches Stilmittel, um etwas oder jemanden auf subtile Art und Weise unter dem auffälligen Schein der eigenen Billigung der Lächerlichkeit preiszugeben.

In dieser Arbeit soll nun zunächst der Begriff der Ironie definiert und analysiert, anschließend die beiden Ironiemodelle nach Grice und Leech erläutert und schließlich einige ironische Textstellen in Oscar Wildes Gesellschaftskomödie The Importance of Being Earnest -hauptsächlich nach Grice- näher untersucht werden, da gerade dieses 1895 entstandene Werk ein hohes Maß an Ironie und Farce verspricht.

Der exzentrische Wilde, der von 1854-1900, also während der Regierungszeit Königin Viktorias (1837-1901) lebte, war ein führender Vertreter der ästhetischen Bewegung des L’art pour l’art, die eine Ästhetisierung sämtlicher Lebensbereiche zum Ziel hatte, und führte das ausschwei-fende Leben eines Dandys, der sich bewusst über die Normen der viktorianischen Ära hinweg-zusetzen suchte. 1895, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wurde er wegen homosexueller Praktiken zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt, was seinen finanziellen und gesellschaftlichen Ruin sowie letztlich seinen psychischen Zusammenbruch zur Folge hatte. Nach seiner Entlassung emigrierte Wilde nach Paris, wo er am 30.11.1900 starb.

In seinen geistreichen Satiren, zu denen auch The Importance of Being Earnest zählt, kritisierte er immer wieder die Prüderie, Engstirnigkeit sowie die übertriebene moralische Ernsthaftigkeit der englischen Gesellschaft in dieser Zeit, und versuchte so, die viktorianische Moralvorstellung auszuhöhlen. Das Stück wird im Allgemeinen als Wildes bestes Werk angese-hen, in dem er voller Dialogwitz und Ironie v.a. die aristokratische Oberschicht der englischen Gesellschaft auf die Schippe nimmt. Hier zunächst eine kurze Inhaltsangabe:

Um Familienpflichten zu umgehen, hat Algernon (Algy) Moncrieff, ein aristokra-tischer Londoner Lebemann, Bunbury, einen angeblich kranken Verwandten erfunden, der ihn häufig aus der Stadt wegruft, da er ständig auf seine Hilfe angewiesen sei. Algernons Freund Jack Worthing, der auf dem Land außerhalb Londons wohnt, steht ihm da in nichts nach, denn auch er hat einen lasterhaften Bruder, den er Ernest nennt, ins Leben gerufen, um unter diesem Namen in London den Bonvivant zu spielen. Unter seinem Pseudonym macht er Algys Cousine Gwendolen Fairfax den Hof und ist, da das junge Mädchen eine Schwäche für den Vornamen Ernest hat, sogar bereit, sich für sie umtaufen zu lassen. Als Algernon dann allerdings eines Tages auf Jacks Landsitz auftaucht und sich ebenfalls als dessen Bruder Ernest ausgibt, um Cecily Cardew, Jacks Mündel, kennen zu lernen (in die er sich sogleich verliebt und um ihre Hand anhält), greift Verwirrung um sich. Schließlich muss erst eine schwarze alte Handtasche entdeckt werden, in der Jacks damalige kurzsichtige Kinderfrau Miss Prism (die jetzige Gouvernante Cecilys) diesen als Säugling versehentlich auf einem Londoner Bahnhof depo-nierte, ehe die beiden Freunde die Wahrheit hinter all den Täuschungen aufdecken können und Jacks bis dahin unbekannte Identität zu Tage tritt: Er stellt sich in Wirklichkeit als Algernons älterer Bruder heraus, der obendrein tatsächlich Ernest heißt- was ihm das Umgetauft werden erspart. Abschließend finden Jack und Gwendolen sowie Algernon und Cecily nach anfäng-lichen Schwierigkeiten als Paare zusammen.

2. Untersuchungen zur Ironie

2.1 Allgemeine Begriffserläuterungen

a) Definitionsversuche:

Der Terminus „Ironie“ leitet sich etymologisch vom altgriechischen Wort eirwneia (eironeia) ab und bedeutet eigentlich „Verstellung“, „Ausflucht“, insbesondere „Mangel an Ernst“ und übertragen auf die rhetorische Figur dann die auch heute geläufige „Äußerung des Gegenteils von dem, was man meint“. Heute kommt allerdings über diese Bedeutung hinaus noch das Element des Spottes bzw. des Sich lustig Machens hinzu. So will z.B. ein Sprecher mit der Äußerung „Du bist mir ja ein Held“, wenn sein Gegenüber aus Angst vor etwas völlig Harm-losem das Weite sucht, natürlich keineswegs das wörtlich Gesagte ausdrücken, sondern meint hier spöttisch auf indirekte Weise gerade das Gegenteil davon, dass dieser also beim besten Willen kein Held ist. Der beabsichtigte Sprechakt ist hier sicherlich eher „Mit dir ist überhaupt nichts anzufangen!“ oder „Du bist ja ein totaler Angsthase!“

Mit der Einordnung ironischer Äußerungen in Formen nichtwörtlichen, also indirekten, Spre-chens eröffnet sich jedoch gleichzeitig das Problem, dass der Aspekt der gegensätzlichen Bedeutung kein ausreichendes Kriterium für eine Definition der Ironie darstellt, da der ironische Sprecher keineswegs immer das genaue semantisch-lexikalische Gegenteil der verwendeten Ausdrücke, sondern manchmal schlicht und einfach nur etwas anderes meint.[1]

b) Begriffsabgrenzung:

Wenn wir nun von der eben erwähnten Begriffsbestimmung ausgehen, läge eigentlich die Ver-mutung nahe, dass eine ironische Äußerung durchaus zu einer Lüge abdriften kann, da der Sprecher ja etwas anderes oder sogar das Gegenteil dessen verstanden wissen will, als was er tatsächlich ausgesagt hat. Während jedoch bei der Lüge Aufrichtigkeit simuliert wird, stellt die Ironie keine echte, sondern eine lediglich simulierte Lüge dar, denn sie ist eine offene, eine transparente Simulation der Unaufrichtigkeit auf der Ebene sprachlicher Handlungen. Der ironische Sprecher gibt also nur vor, zu lügen, ist dabei aber unaufrichtig, weil er seine Äußerung nicht so meint, wie er sie sagt. Der zweite wesentliche Unterschied besteht in der Täuschungsabsicht, die für die Lüge konstitutiv, von der Ironie hingegen gerade nicht bezweckt wird (nach Lapp 145f.).

Ebenso wenig darf Ironie mit Spott oder Hohn gleichgesetzt werden, denn wohingegen der Spott den anderen Menschen direkt treffen will, kleidet ihn die Ironie in die Form seines Gegenteils und bedient sich –wie eben erwähnt- einer Art der Verstellung (nach Lapp 12).

Ironisch zu sein, heißt also nach Lapp (141/148), „Einstellungen oder Gefühle auszudrücken, die man nicht hat, und gleichzeitig zu verstehen zu geben, dass man sie nicht hat. Jemand, der ironisch fragt, spielt also jemanden, der unehrlich fragt, jemand der ironisch dankt, simuliert jemanden, der Dank heuchelt“.

c) Gelingensbedingungen:

Zum Verständnis der Ironie müssen allerdings gewisse Gelingensbedingungen erfüllt sein, um Missverständnisse ausschließen zu können. So muss der Hörer einer ironischen Äußerung erst einmal verstehen, dass der Sprecher das Gegenteil und nicht das wörtlich Gesagte meint, damit die Ironie überhaupt gelingen kann. Daneben muss er erkennen, dass es sich dabei erstens um eine Simulation der Lüge und zweitens um eine Simulation der Lüge handelt.

Der ironische Sprecher wiederum muss voraussetzen können, dass der Hörer tatsächlich in der Lage ist, seine wahre propositionale Einstellung zu erkennen oder zumindest seinen kognitiven Fähigkeiten gemäß optimal zu erschließen (nach Lapp 146f.). Hierzu ist es beispielsweise stets von Vorteil, den Charakter oder die typische Redeweise des jeweiligen Sprechers – also ob einem jemand normalerweise ehrlich und aufrichtig begegnet oder doch eher zu Zynismus oder gar Sarkasmus neigt - zu kennen (was allerdings zugegebenermaßen oft eher unrealistisch ist), um eine eventuell ironisch gemeinte Äußerung nicht fehl zu deuten. Man ist daher meistens dann ironisch, wenn es offensichtlich ist, dass die Simulation, diese transparente Unaufrichtig-keit, von seinem Gegenüber erkannt wird (nach Lapp 141).

Darüber hinaus sollte man sich auch typischer Signale, die Ironie konstituieren, bewusst sein. Dies sind „mimische, gestische und intonatorische Modulationen, wie Augenzwinkern, Räus-pern, eine emphatische Stimme oder die Häufung bombastischer Ausdrücke, gewagte Meta-phern, überlange Sätze, Wortwiederholungen oder (in gedruckten Texten) Kursivdruck und Anführungszeichen“(s. Lapp 29). Äußert sich ein ironischer Sprecher z.B. im nachhinein über eine todlangweilige Party salopp mit den Worten: „Da war ja voll die Bombenstimmung!“, indem er dabei bedächtig mit dem Kopf nickt und seine Mundwinkel nach unten verzieht, wird wohl jedem Hörer die Ironie und somit auch der tatsächlich gemeinte Inhalt der Aussage sofort klar, dass dort nämlich absolut nichts los war, die Stimmung mies war oder Ähnliches.

Am ehesten ist die Ironie erfolgreich, „wenn sie evident gegen die von den Gesprächspartnern geteilte Hintergrundinformation verstößt, wenn es offensichtlich ist, dass die Äußerung augrund des Kontextes unakzeptabel ist“ (s. Lapp 147).

2.2 Ironiemodelle

a) Grice: Ironie als konversationelle Implikatur:

Nun soll zunächst das meines Erachtens bedeutendere Ironiemodell nach H. Paul Grice darge-stellt werden, bevor ich zur Analyse von Leechs Interpretation zum Thema übergehen will.

Grice geht davon aus, dass jedem Redewechsel ein allgemeines, die Gesprächsführung steuerndes, Kooperationsprinzip (KP) zugrunde liegt, das von allen Gesprächspartnern mit dem Ziel des Gelingens einer sinnvollen Konversation befolgt wird. Es lautet: „Gestalte deinen Beitrag zur Konversation so, dass sie dem anerkannten Zweck und der akzeptierten Ausrichtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, dient“ (s. Lapp 64).

Dieses allgemeine Kooperationsprinzip wird durch ein System von vier spezielleren Gesprächs-maximen konkretisiert, die selbst wiederum verschiedene Untermaximen enthalten:

1) Maximen der Quantität:

Mache deinen Beitrag (i) so informativ wie erforderlich, aber (ii) nicht informativer als nötig.

2) Maximen der Qualität:

Sage nichts, (i) was du für falsch hältst und (ii) wofür dir angemessene Gründe fehlen.

3) Maxime der Relation: Sage nur Relevantes.

4) Maximen der Modalität:

Vermeide (i) Unklarheit, (ii) Mehrdeutigkeit, (iii) Weitschweifigkeit und (iv) Ungeordnetheit.

Natürlich gibt es im alltäglichen Sprachgebrauch immer wieder Situationen, in denen sich der Sprecher aus unterschiedlichen Gründen nicht an das KP hält, indem er einzelne Maxime offen-kundig verletzt. So kann er seine Hörer bewusst irreführen oder täuschen wollen, oder aber er will etwas nahe legen, ohne es auszusprechen (nach Lapp 64f.). Somit ist es „sehr wohl möglich, dass ein Sprecher mit einer Äußerung etwas meint, das aus der Äußerung selbst nicht hervor-geht, das aber von den Gesprächspartnern erschlossen werden kann. […] Selbst wenn jemand sehr drastisch gegen die Gesprächsmaximen verstößt, werden seine Äußerungen, wenn irgend möglich, auf einer anderen Ebene als grundsätzlich kooperativ aufgefasst. Diese Art der Infe-renz nennt Grice eine konversationelle Implikatur “ (s. Lapp 65).

Während es sich bei konventionellen Implikaturen nach Grice grob gesagt um spezielle Fälle dessen handelt, dass der Sprecher mit seiner Äußerung etwas anderes zu kommunizieren versucht, als er explizit sagt,[2] bezeichnet er mit dem Terminus konversationelle Implikatur sowohl die Handlung des Folgerns oder Erschließens (den Prozess), als auch die Folgerung selbst (das Ergebnis). Sie wird gezogen, wenn ein offensichtliches Befolgen des Kooperations-prinzips bei gleichzeitigem gezielten Missachten (im Fall der Ironie durch flouting, d.h. durch gezielte und offenkundige Verletzung einer Maxime) einer Gesprächsmaxime erkennbar ist, um das nicht ausgedrückte Gemeinte hinter dem ausgedrückten Gesagten zu verstehen.[3]

Verstöße gegen die Qualitätsmaxime liegen dabei dann vor, wenn der Sprecher Infor-mationen gibt, die er nicht für wahr hält (was z.B. sowohl auf die Ironie, als auch auf die Lüge zutrifft), oder für deren Wahrheit er sich nicht verbürgen kann (nach Bublitz 183).

Grice versteht nun Ironie als eine solche konversationelle Implikatur, da der ironische Sprecher, indem er offensichtlich gegen eine Gesprächsmaxime verstößt, mit seiner Äußerung etwas nicht ausdrücklich Gesagtes impliziert, das der Hörer sich folglich erschließen muss.

Systematisch dargestellt gehört Ironie –gemeinsam mit Metapher, Litotes und Hyperbel- für ihn in die Kategorie der Verstöße (die er als „Ausbeutung“ einer Maxime bezeichnet) gegen die erste Maxime der Qualität. Er gibt folgendes Beispiel:

„X, mit dem A bislang sehr eng stand, hat ein Geheimnis As an einen Geschäftsrivalen weiterverraten. Dies ist A und seinem Zuhörer bekannt. A sagt ‚X ist ein feiner Freund.’

(Anmerkung: Es ist A und seinem Zuhörer vollkommen klar, dass A nicht glaubt, was er damit –vorgeblich- gesagt hat; und der Zuhörer weiß, dass A weiß, dass dies dem Zuhörer vollkommen klar ist. Demnach muss A –damit seine Äußerung nicht vollkommen witzlos ist- irgendeine andere Proposition zu übermitteln versucht haben als die, die er anscheinend ausgedrückt hat. Es muss sich dabei um eine offensichtlich damit in Zusammenhang stehende Proposition handeln; die am offensichtlichsten damit im Zusammenhang stehende Proposition ist das Gegenteil dessen, was er vorgeblich ausgedrückt hat.)“ (s. Meggle 258).

Dieser Zusammenhang ermöglicht dem Hörer, zu implikatieren, dass X kein feiner Freund ist. Möglicherweise meint A aber auch, dass X bislang tatsächlich ein feiner Freund zu ihm war, und fragt sich daher nun verwundert, warum er ihm das jetzt angetan hat.[4]

[...]


[1] Nach Lapp, Edgar. Linguistik der Ironie. Tübingen 1992. 13. Im Folgenden: Lapp

[2] nach Meggle, Georg (Hg.). Handlung, Kommunikation, Bedeutung. Frankfurt/ Main 1993. 505. Im Folgenden: Meggle

³ nach Bublitz, Wolfram. Englische Pragmatik : Eine Einführung. Berlin 2001. 178f. Im Folgenden: Bublitz

[4] nach Grice, Paul H. “Further Notes on Logic and Conversation.“ In: P. Cole, ed., Syntax and Semantics 9: Pragmatics. New York 1978: 113-127. 124.

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638135764
ISBN (Buch)
9783638939713
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5837
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Anglistik und Amerikanistik
Note
2
Schlagworte
Ironie Mittel Indirektheit Oscar Wildes Importance Earnest Englischen

Autor

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