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Kulturelle Leitbilder, Wertvorstellungen und berufliches Selbstverständnis westdeutscher Lehrer in den 50er Jahren

Seminararbeit 2004 18 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kulturelle Leitbilder, Wertvorstellungen und berufliches Selbstverständnis
2.1 Bildungsbürgerliches Selbstverständnis und bedrohte Kultur des Abendlandes
2.2 Film und Fernsehen als kulturelle Gefahr
2.3 Gesellschaftliches Ansehen des Lehrerberufs und Bezahlung

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

Quellen

Forschungsliteratur

1. Einleitung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges litten die Deutschen nicht nur unter den materiellen Folgen des Krieges und der ungewissen Zukunft, auch die gesellschaftliche Ordnung war erheblich gestört worden und konnte sich erst allmählich neu formieren.

Obwohl die bürgerliche Oberschicht gerade einmal 5% der westdeutschen Bevölkerung ausmachte, hatte sie offenbar maßgeblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung im Wiederaufbauprozess. Im Rahmen dieser Arbeit soll am Beispiel der Hamburger Lehrer untersucht werden, von welchen Wertvorstellungen die Akademiker geprägt waren und welches berufliche Selbstverständnis sie hatten.

Dazu wurden die zwischen 1950 und 1960 erschienenen Ausgaben der Hamburger Lehrerzeitung (HLZ) untersucht. Die HLZ erschien als offizielle Verbandszeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg seit 1949 mit 18 Ausgaben jährlich.

Die vorliegende Arbeit geht zunächst der Frage nach, von welchen Wertvorstellungen die westdeutschen Lehrer nach Kriegsende getragen waren und welche kulturellen Leitbilder sie daraus in den 50er Jahren entwickelten.

Im zweiten Teil werden Film und Fernsehen eingehender behandelt: wie beurteilten die Pädagogen den Einfluss der Massenmedien, und wie begegneten sie der zunehmenden Ausbreitung von Film und Fernsehen?

Zuletzt steht die Frage nach dem beruflichen Selbstverständnis der Lehrer im Mittelpunkt. Es wird untersucht, wie sie ihre eigene Arbeit bewerteten, wie diese Arbeit ihrer Ansicht nach gesellschaftlich honoriert wurde und welche konkreten Forderungen zur Bezahlung sie daraus ableiteten.

Gerwin Schefer veröffentlichte 1969 seine Dissertation „Das Gesellschaftsbild des Gymnasiallehrers“[1]. Er wertet darin Befragungen von 384 Gymnasiallehrern zu ihrem beruflichen Selbstverständnis und ihren Einstellungen zu Bildung, Schule, Kultur und Gesellschaft aus. Schefer stellt fest, dass das Gesellschaftsbild des Gymnasiallehrers Ende der 60er Jahre noch immer sehr statisch und von konservativen Vorstellungen geprägt ist. Er folgert, dass die Gymnasiallehrer nicht als Träger von Modernität gelten können, sondern vielmehr ein Hindernis für progressive Reformen darstellen. Schefers Studie kann auch für den Untersuchungszeitraum der 50er Jahre als sehr aufschlussreich gelten, da sich die Wertvorstellungen und Ansichten der Lehrer über einen langen Zeitraum herausgebildet hatten und die Ergebnisse seiner Studie somit auch auf die 50er Jahre übertragbar sind.

Hannes Siegrist charakterisiert in seinen beiden 1994[2] und 1995[3] erschienenen Aufsätzen die Situation der Akademiker zwischen 1945 und 1965. Er beschreibt ihr Selbstverständnis als geistige Elite und ihren sich daraus ergebenden Führungsanspruch. Durch den Einfluss der akademischen Berufsverbände war es ihnen möglich, gemeinsame Forderungen und ihre bildungsbürgerliche Ideologie in der Gesellschaft durchzusetzen. Siegrist kommt zu dem Schluss, das Bildungsbürgertum sei insgesamt eine wichtige Trägergruppe im Wiederaufbauprozess gewesen und habe sich schnell in Politik und Öffentlichkeit etablieren können.

Georg Bollenbeck untersucht 1994 in „Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters“[4] die Entwicklung des Kulturbegriffs und des Bildungsideals über die Jahrhunderte. Er stellt fest, dass es in den 50er Jahren zu einer starken und teilweise übertriebenen Aufwertung des Kulturbegriffs kam. Es sei vielmehr nur der Begriff hoch gehalten worden, die abendländische Kultur aber kaum wirklich gepflegt worden.

In seinem 2000 erschienenen Aufsatz „Bürgerliche Gesellschaft und kleinbürgerliche Geborgenheit“[5] erklärt Axel Schildt, dass sich bürgerliche Moral- und Wertvorstellungen in den 50er Jahren in größeren Teilen der Gesellschaft durchsetzen und festigen konnten. Die Grenzen zwischen bürgerlicher Oberschicht und der Masse der Bevölkerung seien in diesem Zeitraum zunehmend verschwommen, der Begriff „bürgerlich“ verlor seine negative Konnotation und ein bürgerlicher Lebensstil sei für viele erstrebenswert gewesen.

2. Kulturelle Leitbilder, Wertvorstellungen und berufliches Selbstverständnis

2.1 Bildungsbürgerliches Selbstverständnis und bedrohte Kultur des Abendlandes

Der Zusammenbruch des Dritten Reiches und die wirren Zustände der Nachkriegszeit stellten für viele Akademiker einen tief greifenden Einschnitt dar. Von Verlustängsten und Verunsicherung geprägt, empfanden sie die gesellschaftliche Unordnung der Nachkriegsjahre als Belastung.[6] Auf der Suche nach neuen Identifikationsmustern und Wertmaßstäben wurden sie jedoch schnell fündig. Während das Dritte Reich als Zeitalter der Massen und der „Fremdbestimmung“[7] aus der Erinnerung verdrängt wurde, wurden fortan „Bildung“ und „Kultur“ und eine sich daraus entwickelnde individuelle Persönlichkeit zu den Leitbegriffen bildungsbürgerlicher Kreise. Die deutsche Klassik, allen voran Goethe und Schiller, schienen das einzige Kulturgut, auf das man sich nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus noch unbefangen berufen konnte.[8] Das neue Bildungsideal ermöglichte, die eigene Mitverantwortung am Nationalsozialismus[9] zu übergehen und dem Streben nach Stabilität und festen Bezugspunkten eine Projektionsmöglichkeit zu geben, wobei die Goethe-Verehrung teilweise kultartige Züge annahm[10].

Neues Leitbild war das zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Wilhelm von Humboldt formulierte Konzept einer humanistischen Bildung[11]. Ein humanistisch gebildeter Mensch sollte nicht nur sprachlich-literarisch, philosophisch und historisch bewandert sein, sondern auch die Fähigkeit haben, neues Wissen selbstständig zu erlangen und kritisch zu beurteilen.

[...]


[1] Schefer, Gerwin, Das Gesellschaftsbild des Gymnasiallehrers, Gießen 1969.

[2] Siegrist, Hannes, „Der Wandel als Krise und Chance. Die westdeutschen Akademiker 1945-1965“, in: Tenfelde, Klaus / Wehler, Hans-Ulrich (Hrsg.), Wege zur Geschichte des Bürgertums, Göttingen 1994, S. 289-314.

[3] Siegrist, Hannes, „Der Akademiker als Bürger. Die westdeutschen gebildeten Mittelklassen 1945-1965 in historischer Perspektive“, in: Fischer-Rosenthal, Wolfram / Alheit, Peter (Hrsg.), Biographien in Deutschland. Soziologische Rekonstruktionen gelebter Gesellschaftsgeschichte, Opladen 1995, S. 118-136.

[4] Bollenbeck, Georg, Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters, Frankfurt/Main 1994.

[5] Schildt, Axel, „Bürgerliche Gesellschaft und kleinbürgerliche Geborgenheit“, in: Althaus, Thomas (Hrsg.): Kleinbürger. Zur Kulturgeschichte des begrenzten Bewusstseins, Tübingen 2001, S. 295-312.

[6] Vgl. Siegrist, Wandel, S. 293.

[7] Bollenbeck, Bildung, S. 303.

[8] Vgl. Mandelkow, Karl Robert, „Der „restaurierte“ Goethe; Klassikerrezeption in Westdeutschland nach 1945 und ihre Vorgeschichte seit 1870“, in: Schildt, Axel / Sywottek, Arnold (Hrsg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993, S. 544.

[9] Vgl. Schildt, Gesellschaft, S. 297.

[10] Vgl. Mandelkow, Goethe, S. 545.

[11] Vgl. Lundgren, Peter, „Bildung und Bürgertum“, in: ders. (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte des Bürgertums, Göttingen 2000, S. 175.

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638526548
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58470
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Kulturelle Leitbilder Wertvorstellungen Selbstverständnis Lehrer Jahren Proseminar Bundesrepublik Jahren“

Autor

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Titel: Kulturelle Leitbilder, Wertvorstellungen und berufliches Selbstverständnis westdeutscher Lehrer in den 50er Jahren