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Moderner Olympismus und sein Ursprung im antiken Olympia - Anspruch und Wirklichkeit eines Ideals in der Anfangsphase der Olympischen Spiele der Neuzeit

Hausarbeit 2004 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pierre de Coubertins Olympismus am Beginn der modernen Olympischen Spiele
2.1 Olympismuskonzept und seine praktischen Grenzen
2.1.1 Menschenbild und sportliches Ideal
2.1.2 Grenzen des Olympismuskonzepts
2.1.3 Antike und Moderne
2.2 Internationalismus, Politik und Frieden
2.3 Coubertins Persönlichkeit und Einfluss

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

Quellen

Forschungsliteratur

1. Einleitung

Eineinhalb Jahrtausende nachdem Theodosius I. im Jahr 391 die antiken Olympischen Spiele verboten hatte[1], beschloss 1894 ein Kongress unter der Leitung von Pierre de Coubertin in Paris ihre Wiedereinführung. Alle vier Jahre sollte fortan die Jugend der Welt zusammenkommen und sich friedlich in sportlichen Wettkämpfen messen.

Doch wie sollte moderner Olympismus aussehen? Das olympische Ideal der Antike konnte aus historischen Quellen erschlossen werden; um ihn in der Moderne etablieren zu können, war eine radikale Änderung des Konzepts nötig. Die vorliegende Arbeit untersucht Pierre de Coubertins modernes Olympismuskonzept und fragt nach Potential und Grenzen dieser Idee. Parallelen und Unterschiede zum antiken Olympismus werden heraus gearbeitet und schließlich stehen die Anfangsjahre des modernen Olympismus im Mittelpunkt. Kann hier von einem Wiederaufleben der Antike die Rede sein?

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Untersuchung des modernen Olympismus. Das antike Olympismuskonzept und seine praktische Umsetzung in der griechischen Antike können nur allgemeiner gefasst und besprochen werden. Eine dezidierte Untersuchung des olympischen Ideals in der griechischen Antike würde den Rahmen der Arbeit sprengen; zu groß waren die Veränderungen in der über tausendjährigen Geschichte Olympias.

Quellengrundlage für die Arbeit bilden die beiden Schriften „Einundzwanzig Jahre Sportkampagne 1887-1908“ und „Olympische Erinnerungen“, die Coubertin selbst herausgegeben hat. Anhand seiner Aufzeichnungen über die ersten Olympiaden neuer Zeit und seiner Bewertung dieser Zeit sollen Anspruch und Realität kritisch erarbeitet werden.

Nach einem kurzen Überblick zum Olympismusbegriff stehen im ersten Teil der Arbeit drei Aspekte im Mittelpunkt. Zunächst wird nach dem olympischen Menschenbild der Moderne gefragt. Welchen Anspruch und welche Motivation sollte der Sportler haben und welche Position hat der Sport in der modernen Gesellschaft? Danach werden die Grenzen des Olympismuskonzepts aufgezeigt. Das problematische Verhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird durch eine Untersuchung seines Stellenwertes in den ersten Jahren der neuzeitlichen Spiele untersucht. Abschließend sollen antiker und moderner Olympismus verglichen werden. Inwieweit waren die Vorstellungen von der Antike realistisch und konnte die Moderne ihrem Traditionsanspruch gerecht werden?

Im zweiten Teil werden Frieden und Internationalismus als wesentliche Ziele des Olympismus gesondert untersucht. Friedensförderung und Völkerverständigung waren von Beginn an erklärte Ziele der olympischen Bewegung. Konnten sie bei den Olympischen Spielen 1896, 1900 und 1904 erreicht werden?

Der letzte Teil der vorliegenden Arbeit beschreibt Coubertins Verhältnis zum antiken Olympismus und nähert sich damit der Person Coubertin. Welche Außenwirkung hatte er, wie schätzte er sich selbst ein und wo lagen eventuelle Fehler in seinem Wirken?

Mit ihrem Sammelband „Auf der Suche nach der Olympischen Idee. Facetten der Forschung von Athen bis Atlanta“ haben Norbert Müller und Manfred Messing ein richtungweisendes Werk zur Olympismusforschung vorgelegt. Die zitierten Autoren betonen die Bedeutung des Olympismusbegriffs in der Anfangsphase der Olympischen Spiele, verweisen aber gleichwohl darauf, dass dieser sich von Anfang an mit dem Vorwurf der Inhaltsleere auseinanderzusetzen hatte.

Zum Problem des Olympischen Friedens meint Andreas Höfer, dass er in allen Epochen – der Antike wie der Moderne – stets mehr unerreichbares Ziel denn Realität war.

Dagegen betonen Marie-Thérèse Eyquem und Walter Umminger, dass Coubertin das Friedensideal zwar stets hochgehalten habe, seine Leistung im historischen Zusammenhang aber eher darin zu sehen ist, dass er als Visionär mit höchstem Einsatz für seine Idee kämpfte.

Schließlich betont Ommo Grupe, dass der Kern dieser Idee immer das pädagogische Konzept gewesen sei und daher besonders herausragend sei. Hierin sieht er einen wichtigen Unterschied zum antiken Olympismus, dem pädagogische Ziele fremd waren.

2. Pierre de Coubertins Olympismus am Beginn der modernen Olympischen Spiele

2.1 Olympismuskonzept und seine praktischen Grenzen

Auf der Suche nach Konzept und Zielsetzung des von Coubertin begründeten Olympismus wird schnell die weite Dimension des Begriffs deutlich. „Olympismus ist kein System, sondern eine geistige Haltung“[2], schrieb Coubertin. Er glaubte,

„der moderne Sport besitzt mehr und weniger als der Sport des Altertums. Das Mehr besteht in vollkommeneren Geräten, was ihm aber fehlt, ist die philosophische Grundlage, das gesteckte Ziel, dieser ganze patriotische und religiöse Apparat, mit dem die Festspiele der Jugend damals umgeben waren.“[3].

Darum musste seine Definition des Olympismus weiter gehen. Das theoretische Konstrukt, das ihn rechtfertigte und erhöhte, fehlte dem einfachen Sport und eine umfangreiche Erweiterung des Konzepts, hin zum Olympismus war geboten. Der Sport galt gewissermaßen als wichtige Vorstufe zum Olympismus. Er war ein geeignetes Mittel, um dessen Ziel nahe zu kommen, doch gleichwohl nicht seine einzige Basis. Coubertin schrieb zum Sport:

„Sport ist kein Luxusgegenstand, auch keine Tätigkeit für Müßiggänger, sondern ein körperlicher Ausgleich für geistige Arbeit. Er bedeutet für jeden Menschen eine Quelle möglicher innerer Vervollkommnung, die mit dem Beruf nichts zu tun hat. Er ist ein Geschenk, das allen mit auf den Lebensweg gegeben wird, wenn es fehlt, kann es nicht ersetzt werden.“[4].

Coubertin schaffte es, ein „ethisches Koordinatensystem“[5] zu definieren, um sich dem Olympismusbegriff zu nähern. Dieses System steckte nur sehr allgemeine Ziele ab und definierte sich eher über humanistische Grundwerte denn über konkrete Vorgaben. Coubertin unterstrich, dass Olympismus immer Erhabenheit und Größe des Menschen fördern müsse, um letztlich Gewinn bringend zu sein. Zugleich verlangte er ihm einen pädagogischen Hintergrund ab[6], denn nur so war Olympismus von niederer Körperertüchtigung und martialischen Wettkämpfen, wie beispielsweise dem römischen Gladiatorenkampf, zu unterscheiden. Die moderne Olympische Bewegung hatte neben ihrem sportlichen immer auch einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag[7] und Coubertin sah darin das eigentliche Ziel des Olympismus: Sport war für ihn ein geeignetes Mittel zur Umsetzung seines theoretischen Konzeptes einer nahezu vollkommenen Gesellschaft.

2.1.1 Menschenbild und sportliches Ideal

Konkreter fasste Coubertin seine Vorstellung vom idealen neuzeitlichen Olympioniken. Dieser müsse seine Leistung auf „Muskeln, Verstand, Charakter und Gewissen“[8] aufbauen, um dem olympischen Menschenbild gerecht werden zu können. Von fünf Eigenschaften wurde dieses Idealbild bestimmt: erstens mussten Leib und Seele des Menschen eine untrennbare Einheit bilden, zweitens sollte der Mensch durch Sport nach Vollendung und persönlicher Vervollkommnung streben, drittens musste seine Selbstdisziplin stärker sein als sein Gewinnstreben, viertens musste er sich freiwillig zu Fairness und Aufrichtigkeit verpflichten und fünftens diente der Sport als Zugang zu Völkerverständigung und gegenseitiger Achtung.[9] Der olympische Athlet sollte persönliche Bereicherung erfahren und damit über sich hinaus wachsen:

„Das erste und wesentliche Merkmal des alten wie des modernen Olympismus ist: eine Religion zu sein. Durch Leibesübungen formte der Wettkämpfer der Antike seinen Körper, wie der Bildhauer seine Statue und ehrte dadurch seine Götter. Der Wettkämpfer der Neuzeit, der gleiches tut, erhöht damit sein Vaterland, seine Rasse und seine Fahne.“[10].

Neben dem Olympischen Sport wollte Coubertin auch den Breitensport populärer machen, um die Bevölkerung zu mehr sportlicher Betätigung im Alltag zu bewegen. Früh erkannte er die Notwendigkeit der Popularisierung des Sports.[11] Jeder sollte in der Lage sein, durch Sport zu einem „Halbtrainierten“ zu werden:

„Unter einem Halbtrainierten ist die Person zu verstehen, die jederzeit ihre normale Tagesarbeit durch einen Tag schwerster Muskelarbeit unterbrechen kann, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen. Ohne dass also am Abend der Appetit oder Schlaf darunter leiden und dass lediglich eine gesunde Müdigkeit verspürt wird. Auf diese Weise soll der Mensch lernen, dass plötzliche körperliche Anstrengung, die über den Rahmen seiner täglichen Gewohnheiten hinausgeht, nichts Anormales ist, sondern durchaus seinen durchschnittlichen Fähigkeiten entspricht.“[12].

[...]


[1] Vgl. Höfer, Friede, S. 14.

[2] Coubertin, zitiert nach Umminger, Coubertin, S. 12, Umminger verzichtet in seinem Aufsatz auf eine exakte Quellenangabe der Zitate.

[3] Ebenda, S. 13.

[4] Coubertin, Olympische Erinnerungen, S. 212.

[5] Umminger, Coubertin, S. 13.

[6] Vgl. Grupe, Leitbild, S. 60.

[7] Vgl. Müller, Olympismus und Sport, S. 125.

[8] Coubertin, Textes choisis, Bd. 2, S. 384, zitiert nach Höfer, Friede, S. 36, original: „les muscles, l’entendement, le caractère, la conscience“

[9] Vgl. Grupe, Idee, S. 26-27.

[10] Coubertin, Olympische Erinnerungen, S. 218.

[11] Vgl. Müller, Olympismus und Sport, S. 127.

[12] Coubertin, Sportkampagne, S. 147.

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638526685
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58496
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Moderner Olympismus Ursprung Olympia Anspruch Wirklichkeit Ideals Anfangsphase Olympischen Spiele Neuzeit Proseminar Geschichte)

Autor

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