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Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert. Betrachtung in Bezug auf die Epoche der Romantik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.2 Entstehung

2. Das Problem der Gattungsbestimmung
2.1 Definition der Gattungen Märchen und Novelle
2.2 Auseinandersetzung der Forschung mit der Gattungsfrage

3. Figuren und Figurenkonstellation

4. Der blonde Eckbert – eine typische Erzählung der Romantik
4.1 Das Zusammenspiel von Einsamkeit und Natur
4.2 Die personifizierte Natur
4.3 Das Wunderbare

5. Abschluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Epoche der Romantik zeichnet sich durch die Suche nach Harmonie durch das Erlangen einer All-Einheit, sowohl der Gesellschaft, als auch des Einzelnen, aus. Diese All-Einheit wird durch die unendliche Natur regiert und entspricht dem Gefühl der liebevollen Einheit zwischen Mutter und Kind. Der Einzelne erlangt die All-Einheit durch Träume und Phantasien, die bis zur Sehnsucht, sich in der Unendlichkeit aufzulösen, führen können. Dadurch entsteht eine Doppelbewegung. Auf der einen Seite steht das sehnsüchtige Streben in die unendliche Natur, auf der anderen die Versenkung ins eigene Innere.

In der Literatur drückt sich dieses Gefühl in der Romantisierung der Wirklichkeit aus. Die Bereiche der Wirklichkeit sollen sich in „Bild und Zeichen des unendlichen Naturzusammenhangs und der inneren Erfahrung verwandeln.“[1]. Alle Künste sollen miteinander verschmelzen, sowie in der Literatur alle Gattungen.

Ludwig Tieck gilt als der „Organisator“ der romantischen Bewegung. Seine Tätigkeiten gingen über die des Schriftstellers hinaus, so arbeitete er auch als Übersetzter, Herausgeber und Sammler von Literatur. Er gehörte dem Kreis von Dichtern der Frühromantik in Jena an. Dieser Zeit, dem Beginn der Epoche, ist auch seine Märchennovelle Der blonde Eckbert zuzuordnen.

Der blonde Eckbert gilt als bekannteste Erzählung Tiecks. Grund dafür ist unter anderem die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gattungsfrage, welche auch in dieser Hausarbeit aufgegriffen wird. Die epochentypische Vermischung der Gattungen lässt sich am Beispiel des blonden Eckbert anschaulich darstellen.

Auch inhaltlich entspricht die Erzählung der romantischen Vorstellung. So verwendet Tieck das Motiv der Natur um Stimmungen darzustellen, er lässt die Natur regelrecht in seine Figuren eindringen und erlangt somit eine Einheit zwischen Natur und Figuren. Immer wieder empfinden die Figuren Einsamkeit, welche jedoch unterschiedlich wahrgenommen wird. Diese Wahrnehmung bildet eine Symbiose mit der Natur. Ein eigenes Kapitel erläutert das Zusammenspiel von Einsamkeit und Natur.

Die Behandlung der Wunder-Thematik bildet den Abschluss der Hausarbeit. Es wird der Versuch unternommen, den blonden Eckbert anhand der Form und des Inhalts in die Epoche der Romantik einzuordnen.

1.2 Entstehung

Der blonde Eckbert gilt als das erste Märchen Ludwig Tiecks. Es entstand 1796 und wird ein Jahr später bei C.A. Nicolai in Band 1 der Volksmährchen veröffentlicht. Tieck nimmt den blonden Eckbert später in der ersten Band des Phantasus auf. Die Geschichte bildet eine thematische Einheit mit Der getreue Eckart und der Tannhäuser und Der Runenberg. Die Texte im Phantasus sind in eine Rahmenhandlung eingebaut, sie werden von einer Gruppe von Freunden eingeführt, vorgetragen und diskutiert.

Viele Zeitgenossen Tiecks hielten es für unwahrscheinlich, dass Der blonde Eckbert eine freie Erfindung ist. Immer wieder wurde der Verdacht geäußert, Tieck habe das Märchen irgendwo gehört und übernommen. Zu den Quellen für die Erzählung zählen eine Geschichte, die Ludwig Tieck als Kind von seiner Mutter erzählt bekam und das Volksmärchen Ulrich mit dem Bühel von Johann Karl August Musäus. Trotz Parallelen zu einzelnen Stellen des Märchens, ist die Handlung des blonden Eckbert unabhängig von der anderer Erzählungen.

2. Das Problem der Gattungsbestimmung

Eines der wichtigsten literaturkritischen Probleme des blonden Eckbert ist die Betrachtung der Gattungsfrage. So steht die Definition zwischen Märchen und Novelle, teilweise wird die Erzählung auch in die Schauer- und Trivialliteratur eingeordnet. Die Gattung Märchen lässt sich wiederum in Kunst- und Volksmärchen unterteilen. Eine genaue Zuordnung des blonden Eckbert zu einer bestimmten Gattung erweist sich somit als schwierig. Hier soll sich mit der Gattungsvermischung auseinandergesetzt werden.

2.1 Definition der Gattungen Märchen und Novelle

Nach Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur definiert sich das Märchen als „kürzere volksläufig-unterhaltende Prosaerzählung von phantastisch-wunderbaren Begebenheiten und realitätsfernen Zuständen aus freier Erfindung ohne zeitlich-räumliche Festlegung.“[2]. Weitere typische Merkmale sind die Aufhebung der Naturgesetzte, Tiere die sprechen oder andere Gestalt annehmen, die Existenz von Zauberwesen wie Hexen, Drachen, Feen, Zwergen etc. und die strikte Einteilung der Welt und der Figuren in gut und böse. Seit der Romantik, die gerne auf überliefertes Märchenmaterial zurückgriff und es weiterentwickelte, unterteilt man in Volks- und Kunstmärchen. Während Volksmärchen meist viele Jahre mündlich überliefert wurden, bevor man sie schriftlich festhielt, und ihr Autor häufig unbekannt ist, sind Kunstmärchen konstruierte Geschichten, die bewusst in der Welt des Phantastischen spielen. Autoren von Kunstmärchen sind meist namentlich bekannt.

Die Novelle leitet sich namentlich von dem italienischen Wort „novella“ (Neuigkeit) ab, was darauf verweist, dass es sich um eine Erzählung handelt, die ein besonderes Ereignis beschreibt. In ihrer Definition unterscheidet sie sich klar vom Märchen. Sie wird als „kürzere Vers- oder meist Prosaerzählung e. neuen, unerhörten, doch im Gegensatz zum Märchen tatsächl. oder mögl. Einzelbegebenheit“[3] definiert. Im Mittelpunkt steht der einzelne, zentrale Konflikt, welcher einsträngig und gradlinig zum Ziel geführt wird. Charakteristisch für die Novelle ist der unerwartete Wendepunkt ebenso wie der „Falke“, das Leitmotiv der Erzählung.

Das Thema der Gattungsfrage war auch Tieck nicht fremd. Er hat sich mehrfach zu Märchen und Novelle als Gattungen geäußert, unter anderem in der Rahmenhandlung des Phantasus, wo er seine Theorie des „Natur-Märchens“ entwickelt. Er stellt seine Erzählungen in Zusammenhang mit dem Naturerleben. „[...] sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch unsre Phantasie jagen, dass wir ihr entfliehen [...] möchten“[4] Er vergleicht diese Empfindungen, die in Zusammenhang mit der Natur stehen, mit der Entstehung von Gedichten und Märchen. Die innere Leere des Menschen soll sich durch die Märchengestalten füllen. Tieck beschreibt eine Vermischung von Märchen und Wirklichkeit. Alle Vorgänge des Lebens beinhalten demnach märchen- und traumhafte Elemente. Das Märchen erschließt sich eine „Gegend des Gemüthes, in welche die übrige Kunst und Poesie nicht hineinreicht.“[5].

Tiecks Novellendefinition gehört neben denen von Goethe und Heyse zu den berühmtesten. Für ihn zeichnet sich die Novelle dadurch aus, dass sie einen „großen oder kleinen Vorfall in´s hellste Licht stelle, der, so leicht er sich ereignen kann, doch wunderbar, vielleicht einzig ist. . Dieser „Vorfall“ kann auch als Wendepunkt bezeichnet werden, welcher, laut Tieck, das kennzeichnende Merkmal einer Novelle ist. Er soll die Geschichte völlig umkehren und sich doch natürlich in deren Lauf einbetten. Das neu eingeführte, überraschende Ereignis ist demnach also der entscheidende Punkt für eine Novelle. Inhaltlich macht Tieck keine Vorgaben für die Novelle, die Grenzen des Wunderbaren und des Alltäglichen dürfen sich vermischen. So grenzt er Novelle und Märchen weniger durch ihre Inhalte als durch ihren Aufbau voneinander ab.

2.2 Auseinandersetzung der Forschung mit der Gattungsfrage

Es existieren verschiedene Theorien über die Zuordnung des blonden Eckbert zu einer bestimmten Gattung. Die Problematik der Zuordnung besteht unter anderem im Ineinandergreifen von Rahmen- und Märchenhandlung. Die Märchenhandlung, Berthas Kindheitsgeschichte, ist in die Rahmenhandlung eingebettet. Der Leser erwartet einen klaren Abschluss von Berthas Märchengeschichte, doch diese vermischt sich am Ende mit der Rahmenhandlung und ist deswegen auch nicht als Binnenhandlung zu bezeichnen. Der Aufbau entspricht eher einer Novelle, denn beim Märchen greifen die verschiedenen Handlungsstränge nicht ineinander, bzw. gibt es meist nur einen Handlungsstrang. Thematisch spielt der blonde Eckbert im Bereich des Wunderbaren und trägt an vielen Stellen stark märchenhafte Züge. Trotzdem ist die Erzählung vom Volksmärchen abzugrenzen. Marianne Thalmann sieht den Unterschied zwischen den Tieckschen Märchen und den Volksmärchen in der Charakterisierung der Personen. Anders als im Volksmärchen, wo nur die Handlung beschrieben wird und die Figuren zwar Namen und Funktion, aber kein individuelles Innenleben besitzen, stellen Tiecks Figuren „richtige“ Menschen dar. Thalmann beschreibt diesen Prozess als „Vorstoß zur Person“. Sie ordnet die Erzählungen aus dem Phantasus als „Märchen, die das gewisse „es war einmal“ mehr und mehr aufgeben und dem „es war“ der Novelle näher rücken“[6] ein.

Die Darstellung des Innenlebens der Figuren ist eines der Argumente, das am stärksten dagegen spricht, den blonden Eckbert der Gattung des Märchens zuzuordnen. Anders als die flächenhaften Figuren der Märchenwelt, sind die Figuren bei Tieck facettenreich. Sie sind nicht nur Projektionsflächen, sie reflektieren sich selbst und ihre Umgebung. Im Gegensatz zu anderen Märchenfiguren, die ihre Umgebung hinnehmen wie sie ist und sich selbst über die wunderlichsten Erscheinungen nicht wundern, erlebt Bertha die Märchenwelt sehr intensiv. Sie empfindet Angst, Neugier, Glück und Einsamkeit. Heinz Schlaffer schreibt dazu: „Diese Emotionen bestehen nicht unabhängig von der Märchengeschichte, sie sind der genaue Niederschlag der gattungsüblichen Begebenheiten, allerdings in einem Bereich, der im Märchen wohl vorausgesetzt, aber nicht dargestellt ist: in der Psyche.“[7]

[...]


[1] Wolf Wucherpfennig: Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 1996, S. 136

[2] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 2001, S. 494-496

[3] ebd. S. 566-567

[4] Hanne Castein (Hg.): Ludwig Tieck - Der blonde Eckbert, Der Runenberg, In: Erläuterungen und Dokumente, Stuttgart 1987, S. 21

[5] ebd. S. 22

[6] ebd. S. 25 u. 26 aus: Marianne Thalmann: Das Märchen und die Moderne. Zum Begriff der Surrealität im Märchen der Romantik. Stuttgart, 1961, S. 37

[7] Heinz Schlaffer: Roman und Märchen. Ein formtheoretischer Versuch über Tiecks >Blonden Eckbert< In: Gestaltungsgeschichte und Gesellschaftsgeschichte. In Zsarb. mit Käte Hamburger hrsg. von Helmut Kreuzer. Stuttgart, 1969, S. 224-241. In: Wege der Forschung. Ludwig Tieck, hrsg. von Wulf Segebrecht, Darmstadt, 1976, S.445

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638527545
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58607
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
2,0
Schlagworte
Ludwig Tieck Eckbert Betrachtung Bezug Epoche Romantik Hauptseminar Erzählungen

Autor

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