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Kannibalismus in Hans Stadens Reisebericht "Wahrhaftige Historia"

Seminararbeit 2006 18 Seiten

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Kannibalismus in Hans Stadens Reisebericht „Wahrhaftige Historia“
1. Geschichtlicher Rahmen
2. Die „Wahrhaftige Historia“ und ihre Entstehung
(a) Hans Staden und seine Reisen
(b) Der wandernde Kannibalenmythos
(c) Die Verbreitung und der Zugang Hans Stadens
3. Kritische Bemerkungen zur „Wahrhaftigen Historia“
(a)Verbreitung
(b) Übernahmen aus anderen Reiseberichten
(c) Die Rolle von Dryander
4. Kannibalismus anhand der „Wahrhaftigen Historia“

III. Schluss

IV. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In der folgenden Arbeit wird über Kannibalen gesprochen. Ein Thema, dass den heutigen Mitteleuropäer wohl kaum persönlich betreffen dürfte. Dennoch übt die Vorstellung, dass Menschen ihre eigenen Artgenossen als Speise benutzen, offenbar eine große Faszination aus, denn das Thema zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte. Man mag bei den homerischen Kyklopen beginnen, die den völligen Mangel an Zivilisation verkörpern, indem sie Menschen verzehren. Derselbe Vorwurf traf frühe römische Christen ebenso wie vermeintliche Hexen und Werwölfe im Mittelalter. Auch der Glaube an Vampire stellt eine Form der Anthropophagie dar, und seit Beginn der 1990er lehrt uns der intellektuelle Menschenfresser Hannibal Lecter aus Thomas Harris Roman „The Silence of the Lambs“ mit seinen berühmten Worten „I’m having an old friend for dinner“ das Fürchten.

Der Vorwurf des Menschenessens kann für eine Person oder eine Gruppe schlimme Konsequenzen haben, wie man an verleumdeten und gepeinigten Hexen im Mittelalter sieht. Das macht den Vorwurf dann auch zu einem Instrument gegen unliebsame Elemente, denn wer erst einmal mit einem solchen Vorwurf belastet ist, der wird sich mit seiner Verteidigung schwer tun. Auch ist es beispielsweise nicht angenehm für heutige Völker, sich anhören zu müssen, ihre Vorfahren seien Kannibalen gewesen.

Eben dieser Vorwurf wurde auch zu Beginn der Entdeckung des amerikanischen Kontinents, von vielen Reiseberichterstattern an die dortigen Ureinwohner gerichtet. In den Schriften, die nach und nach in Europa publiziert wurden, tauchen die Menschenfresser immer wieder auf. Zu diesen Schriften zählt auch die „Wahrhaftige Historia“, die der hessische Reisende Hans Staden 1557 veröffentlichte.

Thema dieser Arbeit wird sein, diesen Text kritisch zu behandeln, und durch eine Sichtung der Bücher seiner Vorgänger zu zeigen, dass mit Hans Stadens Bericht ein konstruiertes Werk vorliegt. Durch eine Beurteilung der Rolle seines Korrektors Dr. Dryander und die reformatorischen Einflüsse auf den Hessen, soll gezeigt werden, dass die „Wahrhaftige Historia“ nicht als Beweis für den Kannibalismus brasilianischer Eingeborener herangezogen werden kann.

Die wichtigste Literatur für diese Arbeit stammt von Annerose Menninger, die ebenso wie Urs Bitterli und William Arens zu den Vertretern der Wissenschaft gehört, die den Kannibalismus nicht als bewiesen ansehen. Menningers Arbeit, „Die Macht der Augenzeugen“, stellt das zentrale Werk in dieser Arbeit dar. Im Gegensatz dazu hat Astrid Wendt, die eine umfassende Analyse der Reiseberichte aus der damaligen Zeit geliefert hat, keine Zweifel am Kannibalismus in Brasilien. Darüber hinaus boten die Aufsätze von Neuber und Obermeier interessante Einblicke. Für den geschichtlichen Rahmen wurde Wolfgang Reinhards Werk über die Geschichte der europäischen Expansion zu Rate gezogen.

Ein originaler Faksimiledruck von Stadens Reisebericht steht durch Günter Bezzenberger zur Verfügung, innerhalb der Arbeit wird aber auf eine moderne Übersetzung zurückgegriffen, um die Lesbarkeit zu erleichtern. Für das Bordbuch von Christoph Kolumbus wurde die Ausgabe von E.G. Jacob benutzt, Homers Odyssee in der Übersetzung von J.H. Voß rundet das Quellenmaterial ab.

Nachdem in dieser Arbeit zunächst der geschichtliche Rahmen gezogen wurde, wird zunächst die Entstehung der „Wahrhaftigen Historia“ betrachtet, und anschließend wird sie kritisch analysiert.

II. Kannibalismus in Hans Stadens Reisebericht „Wahrhaftige Historia“

1. Geschichtlicher Rahmen

Die ersten Europäer, die sich auf amerikanischem Boden niederließen, waren wohl die Skandinavier. Der Sage nach war es Erik der Rote, „wegen Totschlags aus Island verbannt“, der im Westen nach einer neuen Bleibe suchte und auf Grönland die ersten Siedlungen der Europäer in Nordamerika gründete.[1] Wie viel Land weiter westlich, und vor allem weiter südlich noch zu finden gewesen wäre, konnte den Wikingern selbstverständlich nicht klar sein. Aufgrund klimatischer Änderungen und wegen politischer Schwierigkeiten in den Mutterländern wurde diese europäische Expansion, obwohl man wahrscheinlich auch schon nordamerikanisches Festland erreicht hatte, zu Beginn des 15. Jahrhunderts wieder eingestellt.[2] Deshalb wird die Reise des Genueser Seefahrers Christoph Kolumbus, der sich 1492 auf der Suche nach einer westlichen Handelsroute nach Indien aufmachte, und im Oktober 1492 auf die Insel Guanahani traf, die er selbst San Salvador nannte,[3] als eigentliche Entdeckung Amerikas betrachtet.

Damit war der Grundstein für die Entdeckung der neuen Welt, so der Name, der sich einbürgerte, gelegt. Kolumbus ließ zwei weitere Expeditionen folgen, eine von 1493 bis 1496,[4] und die dritte von 1498 bis 1500.[5] Dabei sollte man nicht vergessen, dass Kolumbus selbst niemals klar wurde, dass er nicht Südostasien, sondern einen bisher unbekannten Kontinent entdeckt hatte. Nun folgten, da man jetzt wusste, dass man bei einer Fahrt nach Westen auf Land stoßen würde, zahlreiche weitere Entdeckungsfahrten, wobei die Reisen des Amerigo Vespucci nach Brasilien, die wohl prominentesten nach denen des Kolumbus sein dürften.

Einen Meilenstein in der Geschichte der Entdeckungen stellt der 1494 geschlossene Vertrag von Tordesillas dar, der spanischen und die portugiesischen Gebiete der Welt an einer Demarkationslinie trennte, um Konflikte zwischen den beiden Handelsimperien zu vermeiden.[6] Im Laufe der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts etablierten sich neben den Spaniern und Portugiesen auch die Franzosen in der neuen Welt, wobei die Aufmerksamkeit neben der Karibik, vor allem weiter südlich auf dem südamerikanischen Festland lag. Dabei lässt sich „die Goldgier der Eroberer (conquistadores) als augenfälligste Triebkraft der Eroberung Amerikas (conquista)“[7] identifizieren. Aus „kurzfristiger Gewinnmaximierung durch Ausweitung des Handelsraums wurde langfristige Gewinnmaximierung durch Ausweitung des Herrschaftsraums.“[8] Daher entstanden in der neuen Welt diverse Handelsniederlassungen, die sich auf die Suche nach Gold, dem Export von Färbhölzern und auch auf die Produktion von Zucker spezialisierten.[9]

Vespucci stellt somit auch den zweiten bis heute prominenten Berichterstatter dar. Durch die wirtschaftliche Nutzung dieser Gebiete, die ja Sklaven für die Zuckerproduktion und den Holzexport, sowie Allianzen mit einheimischen Indianerstämmen als wesentliche Elemente benötigten, entstand dann ein Konkurrenzverhältnis zu den Franzosen, die ja kein Teil eines Aufteilungsvertrages waren.[10] Dies waren die Verhältnisse die der Deutsche Hans Staden auf seinen Reisen unter spanischer und portugiesischer Flagge vorfinden sollte, und auf die sein Reisebericht natürlich auch reagiert.

2. Die Wahrhaftige Historia und ihre Entstehung

(a) Hans Staden und seine Reisen

Bevor auf den Kannibalismusvorwurf im Reisebericht als solchen eingegangen wird, sollen einige Worte zur Person des Hans Staden verloren werden. Dabei wird zuerst ein Blick auf die historisch fassbare Figur, und anschließend auf den Verlauf seiner Reisen eingegangen, über die man natürlich durch seinen Bericht weit besser informiert ist.

Über den Menschen Hans Staden sind nur wenige biografische Daten bisher erschlossen worden. Annerose Menninger schreibt zu diesem Sachverhalt, zwischen „der Popularität seines Augenzeugenberichts und den spärlichen bekannten Daten zu seiner Person klafft eine große Lücke.“[11]

[...]


[1] Reinhard, Wolfgang: Geschichte der europäischen Expansion. Bd. 2. Stuttgart u.a. 1985. S.32.

[2] Ebenda, S. 38.

[3] Ebenda, S. 40f.

[4] Ebenda, S. 41.

[5] Ebenda, S. 43.

[6] Ebenda, S. 44.

[7] Ebenda, S. 48.

[8] Ebenda, S. 48.

[9] Menninger, Annerose: Die Macht der Augenzeugen. Neue Welt und Kannibalen-Mythos, 1492-1600. Stuttgart 1995. S. 70.

[10] Ebenda

[11] Ebenda, S. 68.

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638528054
DOI
10.3239/9783638528054
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Historisches Seminar, Abteilung Frühe Neuzeit
Erscheinungsdatum
2006 (Juli)
Note
2,6
Schlagworte
Kannibalismus Hans Stadens Reisebericht Wahrhaftige Historia Atlantik Handels- Kommunikationsraum Neuzeit

Autor

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