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Betriebliche Gesundheitsförderung - Sozial- und Verhaltenspädagogische Tätigkeitsfelder in gesundheitsfördernden Bereichen

Magisterarbeit 2004 130 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort

2. Gesundheit
2.1. Definition Gesundheit
2.2. Erklärungsansätze zum Gesundheitsverständnis
2.2.1. Das Biomedizinische Gesundheitsmodell
2.2.2. Das Gesundheitsmodell Umweltanforderungen
2.2.3. Gesundheit als Prozessgeschehen (WHO-Modell)
2.2.4. Resümee
2.3. Definition Krankheit
2.4. Themenkatalog „Gesundheit“

3. Was ist BGF

4. Gesundheitspolitische Konzeptionen
4.1. World Health Organization
4.2. Ottawa Charta 1986
4.3. BGF als gesundheitspolitische Konzeption
4.3.1. Gesundheitsreformgesetz (GRG)
4.3.2. Beitragsentlastungsgesetz

5. Gründe für BGF
5.1. Gesundheitsförderung aus Arbeitnehmersicht
5.1.1. Arbeit und Individuum
5.1.2. Arbeit und Gesundheit
5.1.3. Belastungs- und Krankheitspanorama
5.2. Gesundheitsförderung aus Arbeitgeber Sicht

6. Konzepte der Gesundheitsförderung
6.1. Salutogenese
6.2. Stress-Coping-Modell
6.3. Empowerment

7. Instrumente der Gesundheitsförderung
7.1. Datenerhebung und Analyse
7.1.1. Datenerhebung
7.1.2. Datenanalyse
7.2. Betriebliche Gesundheitsberichterstattung
7.3. Arbeitskreis Gesundheit und Gesundheitszirkel
7.3.1. Der Arbeitskreis Gesundheit
7.3.2. Der Gesundheitszirkel

8. Qualitätsmanagement

9. Soziale Tätigkeitsfelder in gesundheitsfördernden Bereichen

10. Die Allgemeine Ortskrankenkasse
10.1. Ziele des AOK-Service „Gesunde Unternehmen“
10.2. Datenanalyse der AOK – Gesundheitskasse
10.3. Strukturwandel
10.4. AOK-Service „Gesunde Unternehmen“
10.5. Die Kosten
10.6. Qualitätsmanagement und Erfolgskontrolle
10.7. Prozessverlauf

11. Abschließende Bemerkungen
11.1. Nachwort
11.2. Schlussbetrachtung

Anhang
I. WHO: Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung
II. Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen:
III. Kurzinformation zum Forschungsprojekt SALUTE
IV. SOC-Skala, Bestimmung des Kohärenzgefühls
V. Experteninterviews

Verzeichnisse
Abkürzungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
Eidesstattliche Versicherung Fehler! Textmarke nicht definiert.

1. Vorwort

„Gesundheit ist unser höchstes Gut!“ oder „Was nützt Dir all Dein Geld, wenn Du nicht gesund bist?“ sind Redewendungen, die uns allen wohl bekannt sind und sicherlich wird keiner diesen alten Binsenweisheiten widersprechen. Die Gesundheit ist das größte Kapital des Menschen, doch in vielen Fällen und Lebensbereichen hegt und pflegt er sie nicht dementsprechend! Warum? Mit ein Grund hierfür ist vielleicht, dass es einem Menschen in bestimmten Situationen schwer möglich ist, gesundheitsbelastende Umstände selbständig zu verändern, beispielsweise am Arbeitsplatz.

Arbeit und Gesundheit sind im Leben eines jeden Menschen nahezu untrennbar miteinander verwoben. Der Job kann unsere Gesundheit sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Wir ziehen positive Gewinne aus unserer Arbeit, wenn sie unseren Zielen, Bedürfnissen und unserem Leistungsvermögen angepasst ist und unnötige Gesundheitsgefahren vermieden werden. Allerdings kann auch das Gegenteil der Fall sein, sind die Arbeitsumstände und -bedingungen von gesundheitsschädigenden Einflüssen bestimmt, kann das unser Wohlbefinden stark beeinträchtigen bis hin zur Entstehung oder Verschlimmerung von Krankheiten.[1]

Hier zeigt sich also eine gewisse Ambivalenz der Arbeit. Einerseits kann sie potentiell gesundheitsfördernd sein, andererseits gesundheitsgefährdend. Da die Gesundheit eine Grundvoraussetzung für einen produktiven, motivierten und leistungsstarken Mitarbeiter darstellt, sollte es das vorrangige Ziel eines jeden Unternehmens sein, die Gesundheit seiner Mitarbeiter zu erhalten und zu fördern. In der Gesundheitsförderung gilt es nun, solche gesundheitserhaltenden bzw. gesundheitsfördernden Faktoren zu thematisieren und zu unterstützen.

Es ist für jeden ersichtlich, dass die Arbeitswelt einer der wesentlichen Lebensbereiche eines erwachsenen Menschen ist. Gesundheit am Arbeitsplatz ist für Millionen von Erwerbstätigen zumindest implizit ein alltägliches und äußerst wichtiges Thema. Neue Technologien und Organisationsformen von Produktions- und Dienstleistungsprozessen haben Konsequenzen für die Gestaltung der Arbeitssituation und damit auch für das Befinden und die Gesundheit der Beschäftigten. Mit den Veränderungen im Arbeitsbereich wandeln sich auch die Belastungsprofile:

Die Belastungen durch körperliche Schwerarbeit und umgebungsbedingte Faktoren wie Lärm oder Schadstoffe sind zwar in gewissen Branchen nach wie vor präsent, doch nicht mehr als alleiniger Auslöser für arbeitsbedingte Erkrankungen zu sehen. Hinzugekommen sind sehr viel schwerer fassbare Ursachen wie hohe mentale Anforderungen, durch die immer mehr Beschäftigte in Stresszustände versetzt werden. Aus diesem Grund stellt ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit die Auseinandersetzung mit den Ursachen von Gesundheit und Krankheit, deren Wirkungsweise auf den Betroffenen und schließlich die für die Bewältigung relevanten Konzepte dar.

Die betriebliche Gesundheitsförderung wird hierbei zum übergreifenden Konzept, welches klassische, gesundheitsbezogene Interventionen, wie z.B. die Maßnahmen des betrieblichen Arbeitsschutzes nicht ersetzt, sondern integriert und erweitert. Über die Prävention hinausgehend befähigt die betriebliche Gesundheitsförderung die Beschäftigten, ihre Gesundheitspotentiale selbst zu verwirklichen. Sie fordert eine ganzheitliche Erfassung des Lebensstils eines Individuums mit seinen Wechselwirkungen zwischen somatischen, seelischen und sozialen Prozessen. Im Mittelpunkt der Gesundheitsförderung steht nicht die Behandlung der Krankheit in Anlehnung an die traditionelle Risikofaktorentheorie, sondern die Erhaltung von Gesundheit und die Förderung von vorhandenen Ressourcen. Vor allem die Stressforschung und die salutogenetisch fundierte Forschung haben zu dieser neuen Denkweise beigetragen. Mit der „Ottawa-Charta“ erreichte diese Entwicklung einen ersten gesundheitspolitisch programmatischen Höhepunkt, sie forderte, „das völlige körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“ An diesem differenzierten und im positiven Sinne utopisch-aktivierenden Gesundheitsbegriff mit Aufforderungscharakter orientiert sich auch die auf die GF gerichtete Forschung und Praxis. Die Diskussion um den Gesundheits- und Krankheitsbegriff, sowie die verschiedenen Erklärungsansätze zu diesem Thema werden im zweiten Kapitel behandelt.

Gesundheitsförderung bedeutet, die Vermittlung von Kenntnissen und Maßnahmen im Zusammenhang mit einem zur Erhaltung der Gesundheit beitragenden Lebensstil. Im dritten Kapitel möchte ich erklären, was Gesundheitsförderung in all seinem Umfang bedeutet, welche Ziele sie verfolgt und welche Art von Maßnahmen zur GF eingesetzt werden. Zu den gesundheitsfördernden Maßnamen zählen alle Vorkehrungen, welche die leibliche und seelische Gesundheit des Einzelnen und der Gesamtheit fördern. Des weiteren werde ich auch kurz auf deren Umsetzung und Durchführung in der Praxis eingehen.

Die WHO formulierte in ihrem Programm „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ ein direkt auf die Arbeitswelt bezogenes Teilziel, worin es heißt: „Bis zum Jahr 2000 sollte sich in allen Mitgliedsstaaten durch Schaffung gesünderer Arbeitsbedingungen, Einschränkungen der arbeitsbedingten Krankheiten und Verletzungen sowie durch Förderung des Wohlbefindens der arbeitenden Bevölkerung der Gesundheitszustand der Arbeitnehmer verbessert haben.“[2]

Gesundheitsförderung auf betrieblicher Ebene etablierte sich erstmals in der Verabschiedung des Gesundheitsreformgesetzes von 1988, welches Gesundheits-förderungsmaßnahmen als eigenständige Leistung der gesetzlichen Krankenkassen beinhaltete. Somit war eine wichtige Basis für die Durchführung gesundheitsförderlicher Programme geschaffen. Im Zuge öffentlicher Debatten um Kürzungspläne der Bundesregierung wurden diese Leistungen mit dem Beitragsentlastungsgesetz im Jahre 1996 wieder beschnitten. Dabei stellen die gesundheitsförderlichen Aktivitäten eine wichtige Ergänzung zu den vorwiegend präventiven Aufgaben des Arbeitsschutzes dar. Die Ziele und die Grundlagen von Gesundheitsförderung in der Programmatik der WHO, sowie die rechtlichen Voraussetzungen für BGF werden ausführlich in Kapitel 4 dargestellt.

In Kapitel 5 werden die vielschichtigen Gründe für die Notwendigkeit von betrieblicher Gesundheitsförderung aufgezeigt. Hierbei gewinnen stressbedingte Erkrankungen wie die Herz-Kreislauf-Krankheit in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Aus diesem Grund sollen einige dafür verantwortliche Stressoren, die auf physischer, mentaler und sozialer Ebene wirken, exemplarisch dargestellt werden.

Schließlich werden in Kapitel 6 die für die betriebliche Gesundheitsförderung relevanten, zugrunde liegenden Konzepte erläutert. Das Salutogenese-Modell nach Antonovsky und das Streß-Coping-Modell nach Lazarus gelten als die wichtigsten Grundlagenkonzepte für die Veränderung von Arbeitsstrukturen. Des weiteren möchte ich kurz das Prinzip von Empowerment darstellen, worauf auch der Maßnahmenkatalog der AOK Bezug nimmt. Als gesundheitsförderndes Unternehmen legt die AOK besonderen Wert auf das Empowerment-Konzept, die Hilfe und Stärkung zur Selbsthilfe.

Die Realisierung und Umsetzung dieser Konzepte bedarf einiger Instrumente, welche die praktische Durchführung von GF erleichtern. In Kapitel sieben werden diese betrieblichen Methoden und Organe näher beschrieben. Um den gesundheitlichen Zustand und die Beschaffenheit des eventuellen Bedarfs zu ermitteln, ist eine Datenerhebung bzgl. des Krankenstandes und eine Bedarfsanalyse notwendig, die Gesundheitsberichterstattung. Sie analysiert den Gesundheitszustand der Arbeitnehmer, das Gesundheitsverhalten, die Verbreitung von Risikofaktoren, sowie die Inanspruchnahme von vorhandenen Leistungen und Ressourcen. Sie basiert auf vorhandenen Daten, die in den Berichten zusammengeführt und bewertet werden.

Die GBE stellt so eine datenbasierte Grundlage für politische Entscheidungen, dient der Erfolgskontrolle durchgeführter Maßnahmen und trägt zur Entwicklung und Evaluierung von Gesundheitszielen bei.

Der AK-Gesundheit fungiert auf einer höheren betrieblichen Ebene als planendes Organ und ist größtenteils an der Organisation und Umsetzung von gesundheitsfördernden Maßnahmen beteiligt, des weiteren sind seine Aufgabenbereiche die Evaluierung von Maßnahmen und die Bedarfsanalyse.

Der betriebliche Gesundheitszirkel hingegen wird in der Abteilungsebene eingesetzt. Er verfolgt den Grundgedanken, dass eine sinnvolle und effektive gesundheitsfördernde Arbeit im Betrieb nur dann gelingen kann, wenn die betroffenen Mitarbeiter zur Problembeschreibung und der Lösungserarbeitung beitragen.

In Kapitel 8 möchte ich eine weitere zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit behandeln:

- Besteht ein Zusammenhang zwischen sozialer Arbeit und Gesundheitsförderung?
- Bietet die betriebliche Gesundheitsförderung eventuell ein neues Tätigkeitsfeld für die Sozialarbeit?

Der Arbeitsbereich von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen ist sehr vielfältig und weit gefächert. Die Aufgaben und Ziele der sozialen Arbeit entwickeln sich immer weiter und müssen sich einem ständigen Wandel unterziehen, um den sich verändernden Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden. Ein solcher sich wandelnde Bereich mit neuen Aufgabendefinitionen ist die Gesundheitsförderung. Im achten Kapitel möchte ich die Zusammenhänge zwischen sozialer Arbeit und Gesundheitsförderung herausarbeiten und eventuelle Aufgabenfelder und Tätigkeitsbereiche für Sozialarbeiter und –pädagogen vorstellen.

In Kapitel 9 werden die theoretischen Ausführungen über die Inhalte und Ziele der betrieblichen Gesundheitsförderung anhand der praktischen Arbeit der AOK überprüft. Es soll gezeigt werden, inwiefern die Ideen der GF dort ihre Anwendung finden. Dieses Beispiel gilt als exemplarisch und spricht nicht für die gesamte Situation deutscher Betriebe.

Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, sei darauf hingewiesen, dass ich im Sinne der Einheitlichkeit und besseren Lesbarkeit mit Ausnahmen von Zitaten bei Personen- oder Berufsbezeichnungen jeweils die männliche Bezeichnungsform gewählt habe.

2. Gesundheit

2.1. Definition Gesundheit

Im allgemeinen Sprachgebrauch verstehen wir unter Gesundheit ein nicht krankhaftes Befinden, Aussehen und Verhalten oder einen der ärztlichen Norm entsprechenden Befund; ähnlich dem medizinischen Gesundheitsverständnis, das mit Gesundheit in der Regel die Abwesenheit von Krankheit gleichsetzt.

Doch die Idealvorstellungen von ’Gesunden‘ über Gesundheit gehen meist weit über das schulmedizinische Verständnis von Gesundheit hinaus, bis hin zu einem Idealbild der ‚Einheit von Körper und Geist‘.

Gesundheit liegt im Interesse jedes Einzelnen, doch wird sie aus für uns oft unverständlichen Gründen dem Einen mehr und dem Anderen weniger zuteil. Jeder von uns hat ein Idealbild von Gesundheit, das meist entstanden ist aus den eigenen Erfahrungen und Wertvorstellungen. Die Idee von Gesundheit ist relativ: Fühlen wir uns gut, erhöhen wir unsere Gesundheitsvorstellungen, oft auch ins Utopische. Leiden wir jedoch an einer Krankheit, geben wir uns mit der Gesundheit als allgemeine Normvorstellung zufrieden. In erster Linie verbinden wir mit Gesundheit ein gutes Lebensgefühl, wobei wir Krankheit oft mit Schwäche, Schmerz und Leiden assoziieren.

Es gibt viele Definitionen, Ansätze und Konzepte in bezug auf Gesundheit und Krankheit, die sich an unterschiedlichen Normen und Werten orientieren. In der Literatur eine exakte Definition zu finden ist nicht möglich, da es keine allgemeingültige Festlegung gibt. Die jeweiligen Determinationen von Gesundheit und Krankheit haben bedeutenden Einfluss auf die angemessenen und notwendigen Mittel zur Wiederherstellung, für den Erhalt und die Förderung von Gesundheit. Zudem entscheiden sie über den individuellen Einfluss und die Eigenverant-wortlichkeit der einzelnen Person hinsichtlich der Krankheitsentstehung und deren Heilung. Eine Übereinstimmung besteht jedoch darin, dass mit Gesundheit eine positive und wünschenswerte Bedeutung assoziiert wird.

Udris listet hierzu einige Kriterien auf, die in der Regel immer wieder zur Beschrei-bung von Gesundheit herangezogen werden:[3]

- Gesundheit als Abwesenheit von Symptomen
- Keine funktionelle Beeinträchtigung von Lebensqualitäten
- Positiv bewertete psychische Erfahrungen
- Adäquate Einschätzung der eigenen Handlungskompetenz
- Liebes- und Genussfähigkeit, aber auch die Fähigkeit zu trauern
- Resistenz gegenüber Belastungen
- Kapazität und Potential, selbständig Ziele zu setzen und diese zu verfolgen
- Fähigkeit, Umwelt- und soziale Anforderungen bzw. Belastungen und Krisen zu bewältigen
- Suchen und finden von ’Sinn’ in allen Lebensaktivitäten

Anhand dieser Zusammenstellung kann man deutlich erkennen, dass eine interdis-ziplinäre Sichtweise notwendig ist, um auf die Debatte der Gesundheitsdefinition näher eingehen zu können.

Erben, Franzkowiak und Wenzel nennen drei Erklärungsansätze für den Begriff Gesundheit an die ich mich in meinen folgenden Definitionsansätzen halten möchte:[4]

a) Gesundheit als objektiver, biomedizinisch überprüfbarer Status;
b) Gesundheit als Potential zur optimalen Anpassung an Umweltanforderungen
c) Gesundheit als Prozessgeschehen zur Selbstverwirklichung im Sinne aktiver, zielgerichteter Umweltveränderungen

2.2. Erklärungsansätze zum Gesundheitsverständnis

2.2.1. Das Biomedizinische Gesundheitsmodell

Das biomedizinische Gesundheitsmodell entwickelte sich unter dem Einfluss naturwissenschaftlichen Denkens. Krankheit wird als lokalisierbare messbare Abweichung von der Norm verstanden. Es betrachtet den menschlichen Organismus als eine Art Maschine, deren Funktionen oder auch Funktionsstörungen durchschaut werden können, indem man die physiologischen Prozesse genau analysiert. Krankheitssymptome werden durch organische Defekte erklärt. Es wird angenommen, dass es für die Entstehung von Defekten eine begrenzte Zahl von Ursachen gibt, die es zu beheben gilt, der Kranke als Subjekt und Handelnder wird nahezu ausgeklammert.[5]

Heute wissen wir durch belegte sozialwissenschaftliche, psychologische und psychosomatische Forschungsbefunde, dass psychische und soziale Faktoren bei der Entstehung und im Verlauf von Krankheiten von Bedeutung sind[6], woraus eine Erweiterung des biomedizinischen Modells um psychische Bedingungsfaktoren resultierte. So wurde das Modell auf körperliche als auch auf psychische Krankheiten angewendet, allerdings ist die Aussagekraft in vielerlei Hinsicht beschränkt.[7]

Denn relativ willkürlich wird ein Zustand als psychisch gestört betrachtet, wenn:

- Behandlungsbedürftigkeit vorliegt
- die Einhaltung bestimmter Normen nicht mehr gewährleistet ist
- die Arbeitsfähigkeit nicht mehr vorhanden ist

„Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können aber auch dann vorliegen, wenn die Arbeitsfähigkeit noch besteht. Insofern kann also die Erfassung von psychischen Störungen nur ein Kriterium sein, das überdies eine mögliche zeitliche Koinzidenz von Gesundheits- und Krankheitsmerkmalen bei einer Person unberücksichtigt lässt.“[8]

Die modernen Volkskrankheiten unserer Zeit sind durch die biomedizinische Pathogenese nicht beschreibbar. Doch obwohl gerade bei den zunehmend chronisch-degenerativen Erkrankungen die Bedeutung von psychosozialen und kulturellen Faktoren nachgewiesen ist, bestimmt nach wie vor das überholte biomedizinische Krankheitsmodell die heutige Schulmedizin und Prävention.

2.2.2. Das Gesundheitsmodell Umweltanforderungen

Sozialmedizinisch kann man Gesundheit auch als optimales Verhältnis zwischen einem Individuum und seiner Umwelt beschreiben. Gesundheit wird hier nicht als Zustand verstanden, sondern als Potential zur Bewältigung von gesundheitsbeein-trächtigenden Situationen und optimalen Anpassung an Umweltanforderungen.

„Gesundheit ist für mich eine Fähigkeit zur Problemlösung und Gefühlsregulierung durch die ein positives Selbstbild, ein positives seelisches und körperliches Befinden erhalten oder wiederhergestellt wird.“[9]

2.2.3. Gesundheit als Prozessgeschehen (WHO-Modell)

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1948 bedeutet Gesundheit das vollständige physische, geistig-seelische und soziale Wohlbefinden eines Menschen. Das Internationale Arbeitsamt fügte zu dieser Begriffsbestimmung auch das ’berufliche‘ Wohlbefinden hinzu. Gesundheit stellt in diesem Fall weniger einen Zustand als vielmehr einen Prozess dar.

Es gilt den Menschen aufzuzeigen, dass sie in starkem Ausmaß durch ihr Handeln, Denken und Fühlen an ihrer Gesundheit beteiligt sind. Das Verhalten im täglichen Leben, der Lebensstil und die persönliche Einstellung zum Leben sind Gegenstand der persönlichen Gesundheit und gestalten die persönliche Gesundheit mit.[10]

Solch ein positiver Gesundheitsbegriff erfordert auch ein positives Gesundheitsver-ständnis und ein Perspektivenwechsel in der Forschung. In diesem Zusammenhang möchte ich vorweg kurz den Begriff der Salutogenese erwähnen, der einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitsforschung einleitete. Die Salutogenese sucht nicht allein nach gesundheitsschädlichen Faktoren, sondern auch nach gesundheitsfördernden Ressourcen.

Diese Determination der WHO beschreibt eine Idealnorm, die sich den Vorwurf von Realitätsferne gefallen lassen muss, da absolute Zustände nicht erreichbar sind. Obwohl es auch Kritiker dieser Definition gibt, ist sie die wesentliche konzeption-elle Grundlage für die Theorie und Praxis der Gesundheitsförderung.

2.2.4. Resümee

Die Definitionen der WHO überschreiten eindeutig den medizinischen Rahmen des Gesundheitsverständnisses, dessen Gegenstand die Krankheit ist. Die WHO, wie auch die Sozialmedizin beschreiben Gesundheit nicht als Zustand, sondern als eine ständige aktive Leistung des Gesamtorganismus, vor allem auch der Psyche. Gesundheit und Krankheit werden hier als komplementäre Begriffe beschrieben, zwischen denen es keine scharfe Grenze gibt.[11]

Verschiedene Interpretationen und Interessen bestimmen unsere alltäglichen Sichtweisen von Gesundheit. Das Verständnis von Gesundheit und das entsprechende Verhalten ist Ausdruck unseres Lebensgefühls. Gesundheit bedeutet auch ein sinnvolles gesundheitsförderndes Verhalten zu beweisen, beispielsweise durch das Vermeiden von Risikofaktoren. Unser Handeln und Verhalten wird im Wesentlichen von Grundüberzeugungen, Gewohnheiten, Emotionen, Vorbildern, spontanen Einfällen und aktuellen Bedürfnissen bestimmt. Gesundheit ist deshalb wie auch Krankheit kein Begriff, der einer abschließenden natur- oder geisteswissenschaftlichen Definition zugänglich ist. Beide Begriffe orientieren sich in hohem Maße an subjektiven Empfindungen, bestimmt durch Zeitgeist und Kulturkreis und dem stetigen sozialen Wandel. Aus diesem Grund ist eine ständige Auseinandersetzung mit den Werten von Gesundheit und Krankheit sehr wichtig, auch um den öffentlichen Stellenwert in der Gesellschaft zu festigen.[12]

Wer sich genauer mit dem Thema ’persönliche Gesundheit’ auseinander setzt, muss früher oder später erkennen, das ‚Gesundheit‘ einen Idealzustand beschreibt, der eigentlich nicht zu erreichen ist. Eine einheitliche Definition von Gesundheit scheint unmöglich und selbst eine fachwissenschaftliche Bestimmung ist umstritten.

Laut des Gesundheitsberichts der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heißt es: „Gesundheit ist ein soziales Gut und jeder einzelne hat ein Recht, diese zu erreichen und zu schützen.“[13]

Damit sich jeder einzelne dieses Recht wahren kann, müssen dafür gesundheitspoli-tische Vorraussetzungen geschaffen werden. In verschiedenen Modellen macht man Versuche, die unterschiedlichen Gesundheitsperspektiven miteinander zu verbinden. Hierzu möchte ich als Beispiel das ökologische Mandala-Modell von Hancock vorstellen, welches die gesundheitsbeeinflussenden Faktoren näher erklären soll.

Hancock unterteilt das Modell in vier interagierende Ebenen:

a. Persönliches Verhalten:

z.B. Ernährung, Suchtverhalten (Nikotin, Alkohol), allgemeines Risikoverhalten

b. psychosoziale Umwelt:

z.B. soziale Risiko- und Unterstützungssysteme, Arbeit

c. Humanbiologie:

z.B. genetische Veranlagung, Qualität des Krankheitsversorgungssystem

d. Physikalische Umwelt:

z.B. Wohnungs-, Arbeits-, und Umweltbedingungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Gesundheit ist also kein eindeutig definierbares Konstrukt; sie ist schwer fassbar und nur schwer zu beschreiben. Heute besteht in den Sozialwissenschaften und der Medizin Einigkeit darüber, dass Gesundheit mehrdimensional betrachtet werden muss: Neben körperlichem Wohlbefinden und psychischem Wohlbefinden gehören auch Leistungsfähigkeit, Selbstverwirklichung und Sinnfindung dazu. Gesundheit hängt ab vom Vorhandensein, von der Wahrnehmung und dem Umgang mit Belastungen, von Risiken und Gefährdungen durch die soziale und ökologische Umwelt sowie vom Vorhandensein, von der Wahrnehmung, Erschließung und Inanspruchnahme von Ressourcen.“[14]

Ich möchte nun in meinen weiteren Ausführungen davon ausgehen, dass man Gesundheit nicht durch die Abwesenheit von Krankheit erklären kann und mich der abstrakten Arbeitsdefinition von Udris anschließen, welche Gesundheit als systemisch, prozesshaft und relational beschreibt.:

„Gesundheit ist ein transaktional bewirkter Zustand eines dynamischen Gleichgewichts (Balance) zwischen dem Individuum, seinem autonomen Potential zur Selbst-Organisation und Selbst-Erneuerung und seiner sozial-ökologischen Umwelt.“[15]

Die obige Terminologie von Gesundheit erklärt sich, durch die Einbeziehung von Wahrnehmungsprozessen und Bewältigungsstrategien eines Individuums und die Prägnanz der Austauschprozesse zwischen Individuum und Umwelt zur Regulierung eines individuellen Balancezustandes, als transaktionales Geschehen, dass die Selbstverantwortung eines jeden Menschen fordert, vorausgesetzt die äußeren Umstände ermöglichen ein verantwortungsbewusstes Gesundheits-verhalten.

2.3. Definition Krankheit

Krankheit bedeutet eine Störung oder Einschränkung der normalen Funktionen des Organismus oder der psychischen Leistungen. Eine negative Beeinträchtigung im Ablauf der Lebensvorgänge, die mit einer Herabsetzung der Leistungsfähigkeit einhergeht und meist mit wahrnehmbaren Veränderungen des Körpers verbunden ist. Krankheit bedeutet auch einen Zustand des körperlichen oder seelischen Unwohlseins bzw. Leidens. Die Krankheitsursachen sind entweder äußere Einflüsse, wie z.B. Kälte, Bakterien, mechanische oder chemische Schädigungen oder innere Einflüsse z.B. genetische Gegebenheiten oder eine im Laufe des Lebens erworbene Bereitschaft zu bestimmten Krankheiten.[16]

„Die Anwendung dieses Begriffes ist uneinheitlich. Streng naturwissenschaftlich gesehen, ist darunter ein nach Ursache, Entstehung, Erscheinungsbild und Verlauf definierter Zustand zu verstehen. Als Krankheiten werden aber auch offensichtliche Leistungsminderungen eines Menschen verbunden mit unspezifischen Körper-reaktionen bezeichnet, ohne dass die gemeinsamen, krankmachenden Faktoren oder Mechanismen genauer bekannt wären. Ursachen und Entstehungsmechanismen einer Krankheit sind vielschichtig und zum Teil noch weitgehend unbekannt. Neben angeborenen Missbildungen und erblichen Defekten, äußeren Noxen und Gewalteinwirkungen können auch soziale Gegebenheiten zu organisch-körperlichen Erkrankungen führen.“[17]

Die Definitionsmöglichkeiten für den Krankheitsbegriff lassen sich, ähnlich der Definitionsmöglichkeiten für Gesundheit in drei Ansätze zur Terminologie von Krankheit unterscheiden:

a) die physische Krankheitsdefinition
b) das Zusammenwirken physischer und psychischer Aspekte als Erklärungsansatz zur Definition von Krankheit.
c) Das Zusammenwirken der physischen, psychischen und sozialen Ebene als Erklärungsansatz zur Krankheitsentstehung.

2.4. Themenkatalog „Gesundheit“

In der Literatur ist eine Fülle von Begriffen zu finden, die mit dem Themenkatalog ’Gesundheit’ zusammenhängen: Gesundheitserziehung, Gesundheitsbildung, Gesundheitsmanagement, Gesundheitsberatung, gesundheitliche Aufklärung, Gesundheitsvorsorge, Prävention und schließlich der für die Magisterarbeit relevante Begriff der Gesundheitsförderung[18]. Diese Bezeichnungen werden häufig synonym und ohne klare Definition und Abgrenzung verwendet. Zum Verständnis der vorliegenden Arbeit ist es wichtig, die eben genannten Begriffe voneinander abzugrenzen, um so auf eine möglichst präzise und einheitliche Terminologie zurückgreifen zu können.[19]

- Gesundheitserziehung und Gesundheitsbildung bezeichnen die Aktivitäten, die vorzugsweise in Erziehungs- und Bildungsstätten und in Familien stattfinden, um über die Vermittlung von Wissen und über die pädagogische Kommunikation Kompetenzen nahe zubringen, die der Selbstentfaltung dienen und das gesundheitsverantwortliche Verhalten eines Menschen fördern.
- Gesundheitsaufklärung und Gesundheitsberatung beinhalten alle Aktivitäten in der Öffentlichkeit, die sich sowohl an Individuen als auch an Gruppen bzw. an ein breites Publikum wenden. Ziel solcher Bemühungen ist die Beeinflussung von Verhaltensweisen, welches durch Informations- und Wissensvermittlung erreicht werden soll.
- Der Begriff der Prävention findet seinen Ursprung im Lateinischen und bedeutet ’zuvorkommen’. Er beinhaltet eine Reihe von Maßnahmen, die zur Vorbeugung und Vermeidung von Krankheiten und gesundheitsschädlichen Bedingungen ergriffen werden. Man unterscheidet zwischen ’Verhaltens-prävention’, welche die individuell realisierbaren gesundheitsförderlichen Maßnahmen und deren Umsetzung betrifft und der ’Verhältnisprävention’ die sich auf Maßnahmen bezieht, die es dem Betroffenen ermöglichen gesundheitsvorsorglich zu handeln. Darüber hinaus wird der Präventionsbegriff vielfach auf den Teilaspekt der Präventionsmedizin eingeengt und so der Gesundheitsförderung gegenübergestellt.

Die Formulierung des Autors Posth bekräftigt die Definition von Laaser u.a.: „Die Verhinderung von gesundheitsschädlichem muss durch die Förderung des Gesundheits- und Persönlichkeitsdienlichen ergänzt werden. Prävention und Gesundheitsförderung stehen in einem komplementären Verhältnis.“[20]

- Gesundheitsmanagement ergibt sich aus der Gesamtheit systematisch aufeinander bezogener Maßnahmen, die dem Erhalt und der Förderung von Gesundheit physischer und psychischer Natur dienen. Auf diese Art und Weise sollte auch die Motivation und Produktivität der Mitarbeiter erhöht werden. Des weiteren umfasst der Begriff Gesundheitsmanagement‘ auch die finanzielle und zeitliche Ermöglichung und von gesundheitsförderlichen Interventions-möglichkeiten von Seiten des Betriebes, soweit es dessen wirtschaftliche Lage erlaubt.

„Gesundheitsmanagement im Unternehmen kann stets nur auf die Schaffung, Ausgestaltung und Steuerung gesundheitsrelevanter /-begünstigender Rahmenbedingungen und Faktoren abzielen. Mit anderen Worten: Individuelle Gesundheit entzieht sich einem direkten betrieblichen Gesundheitsmanagement; gestalt- und steuerbar sind allerdings vielfältige Einflüsse, die die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beeinflussen.“[21]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Die Aufgaben und Ziele von Gesundheitsförderung sind sehr vielfältig. Sie umfassen die vorbeugenden Zugänge zu allen Maßnahmen, welche die Lebens-qualität der Menschen beeinflussen, wobei medizinische, hygienische, psychische, psychiatrische, soziale, kulturelle und ökologische Aspekte eine Rolle spielen können. Des weiteren wird auch hier zwischen verhaltensbe-zogenen und den verhältnisbezogenen Maßnahmen unterschieden. Der Verhaltensprävention kommt eine wichtige Rolle zu, in Form von Beeinflussung des individuellen Gesundheitsverhaltens und Aufklärung. Aber der Verhältnisprävention sollte Vorrang gegeben werden, um eine Basis für Gesundheitsförderung zu schaffen, durch strukturelle Veränderungen der Umgebungsbedingungen und der Ermöglichung von gesundheitserhaltenden Maßnahmen.

Der Begriff der Gesundheitsförderung wird aber weitergehend verwendet: Er umfasst nicht nur den Schutz vor Krankheiten, sondern auch die Verbesserung und Steigerung von nie ganz vollkommener Gesundheit. In diesem Sinne greift die Gesundheitsförderung über den klassischen Begriff der Primärprävention hinaus.

„Gesundheitsförderung soll auf der Grundlage der biomedizinischen Forschungsergebnisse und der Handlungsprinzipien aus der Erziehungs-wissenschaft und Psychologie ein Mehr an persönlicher, sozialer und umwelt-gerechter Gesundheit beim Einzelnen möglich machen. Dazu bedarf die Gesundheitsförderung einer konkreten Unterstützung durch Politik, Gesetzgebung und Öffentlichkeit.“[22]

Die wesentlichen Grundgedanken der Gesundheitsförderung betreffen zum Einen die Erziehung zu selbstbestimmten und selbstverantwortlichem Handeln individuelle Ressourcen zu stärken und zum Anderen die Ermöglichung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen und Realisierung solcher Maßnahmen.

3.
Was ist BGF

„Gesundheitsförderung bedeutet die Gesamtheit der Einrichtungen und Maßnahmen zur Verhütung und Früherkennung von Krankheiten sowie die Verhinderung von Rückfällen. Als Basis des Gesundheitsverständnisses gilt generell die Ottawa-Charta von 1986, welche die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1948 differenziert hat.“[23]

Die Berufswelt nimmt den größten Teil unserer Zeit in Anspruch und aus diesem Grund sollte Gesundheit am Arbeitsplatz für alle Erwerbstätigen ein tägliches wichtiges Thema sein. Zahlreiche epidemiologischen und arbeitspsychologischen Untersuchungen haben einen gewichtigen Zusammenhang zwischen Arbeit und Gesundheit nachgewiesen (Leitner, Ducki 1993). Arbeitsbedingungen und ‑umstände haben einen immanenten Einfluss auf die Gesundheit des Arbeitenden.

In der Ottawa-Charta von 1986 formulierte die WHO auch einige Aussagen, speziell bezogen auf die Arbeitswelt und deren Bedingungen:

„Die sich verändernden Lebens-, Arbeits- und Freizeitbedingungen haben entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft die Arbeit, die Arbeitsbedingungen und die Freizeit organisiert, sollte eine Quelle der Gesundheit und nicht der Krankheit sein. Gesundheitsförderung schafft sichere, anregende, befriedigende und angenehme Arbeits- und Lebensbedingungen.“[24]

„[...] Gesundheitsförderung ist ein positives Gestaltungskonzept, das über Prävention hinausgeht. Betont wird, dass sich Gesundheit nicht ausschließlich auf physische Aspekte beschränkt, sondern auch psychische und soziale Dimensionen aufweist. Gesundheit wird hier als ein dauerhafter Entwicklungsprozess verstanden, der sich sowohl auf Aspekte der individuellen Handlungsfähigkeit als auch auf das subjektive Wohlbefinden bezieht.“[25]

Das übergeordnete Ziel der BGF ist die Schaffung menschenwürdiger und menschengerechter Arbeitsplätze, sowie die Verbesserung der gesundheitlichen Situation der Arbeitnehmer. Durch die Entwicklung persönlicher Kompetenzen, die Stärkung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen und die Herstellung einer gesundheitsförderlichen Umwelt sollen die Mitarbeiter befähigt werden, die Bewahrung und die Verantwortung für ihre Gesundheit zum Bestandteil ihrer Arbeit und ihres gesamten Lifestyle zu machen.

Indikatorbereiche der betrieblichen Gesundheitsförderung:

- Schaffung gesundheitsförderlicher Lebens-, Arbeits- und Freizeitbedingungen
- Verringerung belastender Arbeitsaspekte und arbeitsbedingter Beschwerden und Erkrankungen
- Allgemeine Verbesserung der gesundheitlichen Kompetenzen und der Befindlichkeit
- Steigerung der Produktivität und Schaffung einer optimalen Aktiviertheit und Motivation; erhöhte Arbeitszufriedenheit;
- Stärkung der individuellen Ressourcen im Umgang mit Belastungen und Beschwerden; Autonomietendenzen und internale Kontrollüberzeugungen fördern
- Gelegenheit zur Selbstverwirklichung und Entfaltung von Kompetenzen ermöglichen; ein hohes Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit begünstigen; Qualifizierung der Mitarbeiter
- Reduzierung von Fehlzeiten und der Arbeitsplatzfluktuation
- Verbesserung des Betriebsimage

„Unternehmen, die im Wettbewerb erfolgreich bestehen und sich auf den Weltmärkten behaupten wollen, brauchen physisch und psychisch leistungsfähige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens hängt entscheidend von der optimalen Nutzung und der nachhaltigen Pflege seines Humankapitals ab.“[26]

Krankenkassen, allem voran betriebliche, haben in den letzten Jahren eine gesundheitsfördernde und –erhaltende Rolle übernommen. Als modernes Dienst-leistungsunternehmen bieten sie innerbetriebliche Gesundheitsförderung an.

„Die wesentlichen Gründe hierfür liegen vor allem darin, dass Betriebskranken-kassen strukturell bedingt einen günstigen Betriebszugang haben und gerade im Betrieb besonders vorteilhafte Rahmenbedingungen für die Durchführung von Gesundheitsförderungsmaßnahmen vorfinden, die auf der Seite der Arbeitsbe-dingungen und am Verhalten der Versicherten ansetzen. Sie tragen das Thema Gesundheitsförderung in das Unternehmen, leisten fachliche Unterstützung und stellen erprobte Instrumente und ein breit gefächertes Dienstleistungsangebot zur Verfügung.“[27]

„Gesundheitsförderung ist ein langfristiger Prozess, der sich nicht nur auf Risikogruppen konzentriert, sondern grundsätzlich allen Personen offen steht. Daher sollten gesundheitsförderliche Einzelmaßnahmen in einem Gesamtprogramm aufeinander abgestimmt und langfristig angelegt sein.“[28]

Maßnahmen und Umsetzungsmöglichkeiten von betrieblicher Gesundheits-förderung betreffen insbesondere die Bereiche der Arbeitsgestaltung und Arbeitsorganisation. Gesundheitsförderliche Maßnahmen sollten sowohl am Menschen als auch an der Organisation orientiert sein. Das bedeutet, das neben verhaltensändernden Angeboten für die Arbeitnehmer auch verhältnisbezogene Maßnahmen umgesetzt werden sollten. Das macht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit aller an der Gesundheit im Betrieb beteiligten Abteilungen und insbesondere die Einbeziehung der Arbeitnehmer notwendig.

„Gesundheitsförderung betrifft alle Maßnahmen die zur Gesundheits- und Persönlichkeitsförderung der Mitarbeiter beitragen. Dies schließt z.B. Maßnahmen zur Erhöhung von Bewältigungskapazitäten und die Förderung sozialer Netzwerke ebenso ein wie die Förderung sozialer Handlungskompetenzen.“[29]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den vergangenen Jahren hat die betriebliche Gesundheitsförderung eine größere Popularität erfahren. Anfangs durch die Maßnahmen zu Problembereichen, wie Sucht, Ernährung, Bewegung, Entspannung und Stress. Nach dem heutigen Verständnis für Gesundheitsförderung in Anlehnung an die Ottawa-Charta der WHO sollte BGF in Personal- und Organisationsentwicklungsprozesse innerbetrieblich integriert sein. Gesundheitsgerechte Kriterien sollten bei der Gestaltung einer Arbeitstätigkeit, ihrem Arbeitsplatz, Arbeitsumgebung, Arbeits-organisation u.ä. berücksichtigt werden.

Aber in der Einschätzung hinsichtlich des Verbreitungsgrades von betrieblicher Gesundheitsförderung gibt es eine hohe Übereinstimmung der Fachleute dahingehend, dass der Begriff “betriebliche Gesundheitsförderung“ bei den meisten Beschäftigten zwar bekannt sei, jeder aber etwas anderes damit verbinde. Am häufigsten würden Maßnahmen wie Rückenschulung, Sportprogramme und aktive Bewegungspausen mit dem Begriff assoziiert. Die gesamte Bandbreite der Handlungsebenen von betrieblicher Gesundheitsförderung sei nach Einschätzung von Experten den wenigsten Beschäftigten bekannt. Hier ist deutlich zu erkennen, dass trotz allem immer noch ein großes Informationsdefizit bzgl. Gesundheits-förderung und deren Umsetzung besteht.

In der Praxis ist es der BGF nicht immer möglich, den vorgegebenen Leitlinien genauestens zu folgen, und nicht immer sind geeignete theoretische Konzepte zur Verfügung oder anwendbar. Oft wird auch spontanes und pragmatisches Handeln abverlangt. Deshalb sollte man die Leitlinien der BGF nicht als Standart betrachten, sondern als anzustrebende Prinzipien.

„Es ist schwierig, eine gesunde Organisation aufzubauen, wenn die Mitarbeiter ungesund sind; genauso ist es für die Arbeitnehmer schwierig, ihre Gesundheit zu erhalten, wenn ihre Organisation sich ungesund verhält.“[30]

4.
Gesundheitspolitische Konzeptionen

Die Idee der Gesundheitsförderung ist noch relativ jung und wurde vor allem durch das europäische Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in die gesundheitspolitische Diskussion gebracht. Das dominierende Konzept der GF beruht auf den gesundheitspolitischen Forderungen, die von der WHO seit den 70er Jahren entwickelt und konkretisiert wurden. Die ersten Konzepte und Definitionen der Gesundheitsförderung sind in den 80er Jahren entstanden. Im Jahr 1986 fand die erste Internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung statt, wo man erstmals die wichtigsten Ziele, Prinzipien, Vorgehensweisen und Handlungsbereiche als „Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung“ einheitlich zusammenfasste. Die Teilnehmer entstammten 35 verschiedenen Ländern, in der Hauptsache Vertreter der Industrieländer.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die WHO hat für den heutigen Stand von Gesundheitsprojekten, einschließlich betrieblicher Gesundheitsförderung, wertvolle Vorarbeit in Form von konzeptionellen Grundlagen geleistet. Die Diskussion um das Konzept des „primary health care“, welches im Jahre 1978 auf der WHO-Konferenz in Alma-Ata präsentiert wurde, bildet die Basis für die gesundheitspolitische Entwicklung des Gesundheitsförderungsgedanken.

Der Gedanke der Gesundheitsförderung ist ein Teilbereich der Gesundheits-sicherung. Diese wiederum umfasst alle Maßnahmen, die Gesundheit fördern, sie erhalten oder sie wiederherstellen. Man unterteilt die Gesundheitssicherung in mehrere Ebenen, wie in der Abbildung zu erkennen ist. Die Gesundheitsbildung und –förderung, als erste Ebene, setzt sich mit der Erziehung und Erhaltung einer gesunden Lebensführung auseinander.

4.1. World Health Organization

Als Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UNO) wurde die Weltgesundheitsorganisation, zu englisch World Health Organization (WHO) im Jahre 1948 gegründet. Die Organisation wird durch weltweit sechs Regionen in Form von Regionalbüros vertreten, ihr Hauptsitz ist in Genf; für Europa ist das Regionalbüro in Kopenhagen verantwortlich.

Zu den Haupttätigkeiten der WHO gehören die Unterstützung der Medizinalausbildung im besonderen in Entwicklungsländern und die Mitberatung bzw. Hilfe bei der Einrichtung von Gesundheitsdiensten. Des weiteren ist die WHO zuständig für die Bekämpfung weitverbreiteter Krankheiten und die weltweite Verbesserung hygienischer Verhältnisse. Ferner beschäftigt sie sich mit der Vermittlung eines internationalen Erfahrungsaustauschs in allen Gesundheitsfragen einschließlich politischer Art. Auch bei der Veröffentlichung fachbezogener Statistiken und bei der Finanzierung von Forschungsvorhaben hilft die WHO mit.

Gemeinsames Ziel aller Vertretungen der WHO ist die Realisierung des Programms „Gesundheit für alle im Jahre 2000“, welches in seinen Zielsetzungen auf die 30. Weltgesundheitsversammlung von Genf 1977 zurückgeht. Dieses Programm legt die Zusammenarbeit von Regierung und WHO in den kommenden Jahrzehnten fest, deren Ziel das Erreichen eines Gesundheitsgrades für alle Bürger der Welt bis zum Jahre 2000 sein soll, welcher ihnen erlaubt, ein sozial und ökonomisch produktives Leben zu führen.

„Bis zum Jahr 2000 sollte sich in allen Mitgliedsstaaten durch Schaffung gesün-derer Arbeitsbedingungen, Einschränkungen der arbeitsbedingten Krankheiten und Verletzungen sowie durch die Förderung des Wohlbefinden der arbeitenden Bevölkerung der Gesundheitszustand der Arbeitnehmer verbessert haben.“[31]

Das Programm beinhaltet drei Schwerpunkte, die „ Änderung der Lebensweisen, Umwelt und Arbeitsschutz und regionale und bedarfsorientierte ´primäre Gesund-heitsversorgung` sowie kurzfristige Maßnahmen, welche die Erreichung der übrigen Zielvorgaben unterstützen sollten.“[32]

Auf dem Hintergrund dieser Globalstrategie gründet das gesundheitspolitische Aktionsprogramm der Gesundheitsförderung.

Man bemerkte allerdings recht bald: eine Krankheitsbekämpfung ohne die Verbesserung der gesellschaftspolitischen und sozialen Rahmenbedingungen ist nicht möglich. Diese Erkenntnis veranlasste die WHO zu einer Umorientierung. „Public Health Care“, die Unterstützung der öffentlichen Gesundheitspflege soll nun in den Vordergrund rücken und das bisherige medizinisch-kurative und institutsbezogene Gesundheitswesen ablösen.

1984 entwarf das europäische Regionalbüro in Kopenhagen ein erstes Programm mit dem Titel „Gesundheitsförderung“, welches sich zu einem gesundheitspolitischen Aktionsprogramm entwickelte. Im Jahr 1986 wurde auf der ersten internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung das Programm zur Gesundheitsförderung in der Ottawa-Charta zusammengefasst und offiziell verabschiedet. Die Charta fasst die in der mehrjährigen Programmentwicklungs-phase erarbeiteten Ziele und Prinzipien des Handlungskonzeptes zusammen.[33]

In einem der ersten Grundsatzpapiere mit dem Titel „Diskussionsgrundlagen über Konzepte und Prinzipien der Gesundheitsförderung“ werden folgende Punkte angesprochen:

„1. Gesundheitsförderung umfasst die gesamte Bevölkerung in ihren alltäglichen Lebenszusammenhängen, und nicht ausschließlich spezifische Risikogruppen [...]
2. Gesundheitsförderung zielt darauf ab, die Bedingungen und Ursachen von Gesundheit zu beeinflussen [...]
3. Gesundheitsförderung verbindet unterschiedliche, aber einander ergänzende Maßnahmen oder Ansätze, einschließlich Information, Erziehung, Gesetzgebung, steuerliche Maßnahmen, organisatorische Regelungen, gemeindenahe Veränderungen sowie spontane Schritte gegen Gesundheitsgefährdungen [...]
4. Gesundheitsförderung bemüht sich besonders um eine konkrete und wirkungsvolle Beteiligung der Öffentlichkeit [...]
5. Gesundheitsförderung ist primär eine Aufgabe im Gesundheits- und Sozialbereich und keine medizinische Dienstleistung.“[34]

Um diese Zielsetzung erreichbar zu machen, rät die WHO folgende Maßnahmen in Betracht zu ziehen:

- Sicherung des Zugangs zur arbeitsmedizinischen Betreuung für alle Arbeitnehmer
- .Ermöglichung von Arbeitsverfahren, die der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Beschäftigten nützlich sind.
- Einschränkungen von Risikofaktoren wie Lärm, Chemikalien, Staub und Stress und die durch diese Faktoren bedingten Arbeitsausfälle.
- Förderung von gesunden Lebensweisen, wie ausreichend Bewegung, ausgewogene Ernährung und das Nichtrauchen.
- Gewährleistung der Zusammenarbeit von in Frage kommenden Interessengruppen und Sektoren wie Gewerkschaften, Industrie, Umwelt, Bildungs- und Gesundheitswesen, die internationale Arbeitsorganisation und andere einschlägige Organe, die bei der Umsetzung von Strategien die zur Gesundheitsförderung beitragen.[35]

„Ansatzpunkt der Gesundheitsförderung sind sowohl die gesundheitsrelevanten Handlungskompetenzen von Individuen bzw. und Gruppen als auch die gesundheitserhaltenden und –fördernden Ressourcen und Handlungsräume der Gesellschaft, wobei beide Dimensionen nicht getrennt voneinander, sondern in ihrer wechselseitigen Bezogenheit und Verschränkung erweitert werden sollen. [...] An dieser Funktionsbestimmung lassen sich auch die wesentlichen Unterschiede zwischen eher traditionellen Strategien der Gesundheitserziehung und an WHO-Kriterien orientierten Ansätzen der Gesundheitsförderung verdeutlichen.“[36]

Das Konzept der Gesundheitsförderung soll keine grundsätzliche Umorientierung der Gesundheitserziehung darstellen, sondern mehr eine Erweiterung des herkömmlichen Konzeptes. Nach Meinung von Hauß und Laußer sind die bisherigen gesundheitserzieherischen Maßnahmen keineswegs falsch, sondern sollten lediglich in eine umfassend konzipiertes Gesundheitsförderungsprogramm integriert werden.[37]

4.2. Ottawa Charta 1986

Die Ottawa-Charta knüpft an die WHO-Definition von Gesundheit an und betrachtet Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern bezieht auch das physische, psychische und soziale Wohlbefinden mit ein. Gesundheitsförderung im Sinne der Ottawa-Charta soll allen Menschen mehr Selbstbestimmung und Stärkung der eigenen Gesundheit möglich machen.

„Gesundheit wird hier als ein dauerhafter Entwicklungsprozess verstanden, der sich sowohl auf Aspekte der individuellen Handlungsfähigkeit als auch auf das subjektive Wohlbefinden bezieht.“[38]

Der Begriff der „Gesundheitsförderung“ wurde von der WHO aufgrund des Programms „Gesundheit 2000“ ins Leben gerufen und durch die Ottawa-Charta 1986 in 38 Punkten konkretisiert. Ich möchte nun einige wichtige Ansatzpunkte und Auszüge aus der Ottawa-Charta näher betrachten.

Zielsetzungen der Ottawa-Charta

Die Charta wird eingeleitet mit der Erläuterung ihrer Ziele:

„Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können.“[39]

Ein wichtiges Teilziel stellt die Dimension sozialer Unterstützung dar:

„Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor, sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesunder Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassenden Wohlbefinden.“[40]

Grundlegende Bedingungen für Gesundheitsförderung nach der Ottawa Charta:

- Frieden
- Angemessene Wohnbedingungen
- Bildung und Einkommen
- Ernährung
- Stabiles Ökosystem
- Soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit

Erst aufgrund der genannten Bedingungen ist eine Umsetzung der GF möglich.

Das individuelle Gesundheitspotential kann nur durch Einflussnahme auf die gesundheitsbeeinträchtigenden Faktoren optimiert werden.

„Daraus lässt sich ableiten, dass der `Verhaltensprävention´ durch Beeinflussung des individuellen Gesundheitsverhaltens, durch Aufklärung und Gesundheits-erziehung zwar eine wichtige Rolle zukommt, die `Verhältnisprävention´ durch strukturelle Veränderung der Umgebungsbedingungen und Schaffung von Möglichkeiten zur Gesundheitserhaltung aber Vorrang haben sollte.“[41]

Die drei grundlegenden Handlungsstrategien für Gesundheitsförderung nach der Ottawa-Charta:

Interessenvertretung, anwaltschaftliches Handeln

Interessen von politischen, sozialen, kulturellen und biologischen Umwelt- und Verhaltensfaktoren sollen vertreten werden.

„Ein guter Gesundheitszustand ist eine wesentliche Bedingung für soziale, ökonomische und persönliche Entwicklung und entscheidender Bestandteil für Lebensqualität. Politische, ökonomische, soziale, kulturelle, biologische sowie Umwelt und Verhaltensfaktoren können alle entweder der Gesundheit zuträglich sein oder sie auch schädigen. Gesundheitsförderndes Handeln zielt darauf ab, durch aktives anwaltschaftliches Eintreten diese Faktoren positiv zu beeinflussen und der Gesundheit zuträglich zu machen.“[42]

Befähigen und ermöglichen

Bestehende soziale Unterschiede des Gesundheitszustandes sollen verringert und optimale Voraussetzungen für das Ermöglichen von Gesundheit geschaffen werden.

„Gesundheitsförderung ist auf Chancengleichheit auf dem Gebiet der Gesundheit gerichtet. Gesundheitsförderndes Handeln bemüht sich darum, bestehende soziale Unterschiede des Gesundheitszustandes zu verringern sowie gleiche Möglichkeiten und Voraussetzungen zu schaffen, damit alle Menschen befähigt werden ihr größtmögliches Gesundheitspotential zu verwirklichen. Dies umfasst sowohl Geborgenheit und Verwurzeln in einer unterstützenden sozialen Umwelt, den Zugang zu allen wesentlichen Informationen und die Entfaltung von praktischen Fertigkeiten als auch die Möglichkeit, selber Entscheidungen in Bezug auf die persönliche Gesundheit treffen zu können.“[43]

Vermitteln und vernetzen

Vernetzung aller Bereiche (Regierung, Organisationen, Verbände,..), um Voraussetzungen für gute Gesundheit zu ermöglichen.

„Der Gesundheitssektor allein ist nicht in der Lage, die Voraussetzungen und guten Perspektiven für die Gesundheit zu garantieren. Gesundheitsförderung verlangt vielmehr ein koordiniertes Zusammenwirken unter Beteiligung der Verantwortlichen in Regierung, im Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssektor, in nichtstaatlichen und selbstorganisierten Verbänden und Initiativen sowie in lokalen Institutionen, in der Industrie und den Medien. Menschen in allen Lebensbereichen sind daran zu beteiligen als einzelne, als Familien und als Gemeinschaften.“[44]

Fünf prioritäre Handlungsfelder der Gesundheitsförderung nach der Ottawa-Charta

GF verlangt ein koordiniertes Zusammenwirken aller Verantwortlichen und Betroffenen.

Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik

„Nur koordiniertes, verbündetes Handeln kann zu einer größeren Chancengleichheit im Bereich der Gesundheits-, Einkommens- und Sozialpolitik führen. [...]Eine Politik der Gesundheitsförderung muss Hindernisse identifizieren, die einer gesundheitsgerechteren Gestaltung politischer Entscheidungen und Programmen entgegensteht. Sie muss Möglichkeiten einer Überwindung dieser Hemmnisse und Interessengegensätze bereitstellen. Ziel muss es ein, auch politischen Entscheidungsträgern die gesundheitsgerechtere Entscheidung zur leichteren Entscheidung zu machen.“[45]

Schaffung gesundheitsförderlicher Lebenswelten

GF soll gesundheitsunterstützende Bedingungen im Lebens-, Arbeits- und Freizeitbereich schaffen.

„Die enge Bindung zwischen Mensch und Umwelt bildet die Grundlage für einen sozial-ökologischen Weg zu Gesundheit. [...] Die sich verändernden Lebens-, Arbeits- und Freizeitbedingungen haben entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Die Art und Weise, wie die Gesellschaft die Arbeit, die Arbeitsbedingungen und die Freizeit organisiert, sollte eine Quelle der Gesundheit und nicht der Krankheit sein. Gesundheitsförderung schafft sichere, anregende, befriedigende und angenehme Arbeits- und Lebensbedingungen. [...] Jede Strategie zur Gesundheitsförderung muss den Schutz der natürlichen und der sozialen Umwelt sowie die Erhaltung der vorhandenen natürlichen Ressourcen mit zu ihrem Thema machen.“[46]

Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen

Die Bedeutung von GF sollte Interessen vertreten und Partei ergreifen umfassen.

„Gesundheitsförderung wird realisiert im Rahmen konkreter und wirksamer Aktivitäten von Bürgern in ihrer Gemeinde: in der Erarbeitung von Prioritäten, Herbeiführung von Entscheidungen sowie bei der Planung und Umsetzung von Strategien. Die Unterstützung von Nachbarschaften und Gemeinden im Sinne einer vermehrten Selbstbestimmung ist ein zentraler Angelpunkt der Gesundheitsförderung; ihre Autonomie und Kontrolle über die eigenen Gesundheitsbelange ist zu stärken.“[47]

Persönliche Kompetenzen entwickeln

Gesundheitsförderung will persönliche Kompetenzen fördern und es jedem Menschen möglich machen sein Gesundheitspotential zu verwirklichen.

„Gesundheitsförderung unterstützt die Entwicklung von Persönlichkeit und sozialen Fähigkeiten durch Information, gesundheitsbezogene Bildung sowie die Verbesserung sozialer Kompetenzen und lebenspraktischer Fertigkeiten. [...] Es gilt dabei, Menschen zu lebenslangem Lernen zu befähigen und ihnen zu helfen, mit den verschiedenen Phasen ihres Lebens sowie eventuellen chronischen Erkrankungen und Behinderungen umgehen zu können. Dieser Lernprozess muss sowohl in Schulen als auch zu Hause, am Arbeitsplatz und innerhalb der Gemeinde erleichtert werden.“[48]

Gesundheitsdienste neu orientieren

Gemeint ist hiermit ein Versorgungssystem, welches sich die Zielsetzungen und Handlungsstrategien der Gesundheitsförderung zu eigen machen und die medizinisch-kurativen Leistungen überschreiten sollte.

„Die Verantwortung für die Gesundheitsförderung wird in den Gesundheits-diensten von Einzelpersonen, Gruppen, den Ärzten und anderen Mitarbeitern des Gesundheitswesens, den Gesundheitseinrichtungen und dem Staat geteilt. Sie müssen gemeinsam darauf hin arbeiten, ein Versorgungssystem zu entwickeln, das auf die stärkere Förderung von Gesundheit ausgerichtet ist und weit über die medizinisch-kurativen Betreuungsleisten hinausgeht. [...] Eine solche Neuorientierung von Gesundheitsdiensten erfordert zugleich eine stärkere Aufmerksamkeit für gesundheitsbezogene Forschung wie auch für die notwendigen Veränderungen in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Ziel dieser Bemühungen soll ein Wandel der Einstellungen und Organisationsformen sein, die eine Orientierung auf die Bedürfnisse des Menschen als ganzheitliche Person ermöglicht.“[49]

„Die Charta der WHO definiert Gesundheitsförderung als einen (Lern)-Prozess, in dessen Verlauf und durch dessen aktive Mitgestaltung (Partizipation) allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung (Kontrolle) über die eigene Gesundheit ermöglicht werden soll und sie damit befähigt werden, zur Stärkung der eigenen Gesundheit aktiv beizutragen.“[50]

Mit der Ottawa-Charta sollen Denkanstöße zur Umorientierung unserer bisherigen gesundheitspolitischen Prioritäten vermittelt werden. Moderne Zeiten verlangen nach einer Überarbeitung alter Konzepte und Blickpunkte. Auch die WHO hat ständig an dem Begriff der Gesundheitsförderung gearbeitet, den auch die GF befindet sich in einer stetigen Weiterentwicklung. Die Charta war die Grundlage für die Modernisierung des geltenden Arbeitsschutzrechtes, welches an die gewandelten Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastungen angepasst werden sollte. Erst langsam aber dafür stetig mehr wurde/wird die Ottawa-Charta als Leitdokument von Regierungen und Organisationen akzeptiert.

Bei der Umsetzung dieser Strategie sind neben vielen neuen Chancen und Hoffnungen auch die Gefahren und Befürchtungen zu betrachten: Sozialökolo-gische Gesundheitspolitiker warnen vor der möglichen Unverbindlichkeit und Alibifunktion bzgl. der Gesundheitsförderung und befürchten Utopismus und Realitätsferne in deren Zielsetzungen.

4.3. BGF als gesundheitspolitische Konzeption

Der Leitgedanke der Gesundheitsförderung wurde Ende der 80er Jahre in das Krankenversicherungsrecht (SGB V) aufgenommen. Diesem Vorgehen ging eine große Diskussion voraus, welche - wie oben schon erwähnt - in der Ottawa-Charta der WHO als schriftlich festgehaltenes Übereinkommen endete.

„Die mit dem SGB V begründete Gemeinschaftsaufgabe Gesundheitsförderung und Krankheitsverhütung, die sich in erster Linie an die gesetzliche Kranken- und Unfallversicherung richtet, kann demnach nur ein, wenn auch zentrales, Element einer solchen Gesamtpolitik sein, das mit Teilpolitiken und Aktivitäten anderer Träger von Präventionsmaßnahmen vernetzt werden muss. Dies erfordert zweifellos ein hohes Maß an Koordination; dafür wäre eine Art „Gesamtverantwortlichkeit“ zu schaffen, „in deren Rahmen Ziele formuliert und Prioritäten gesetzt werden, die dem Handeln der vielfältigen Präventionsträger Orientierung geben.“[51]

Gesundheitsförderung ist demnach eine Querschnittsaufgabe mit dem Hauptziel einer „intersektoralen Politik“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gesundheitsförderungsmaßnahmen finden für ihre Durchführung einen breiten rechtlichen Konsens in Deutschland. Das Gesundheitsreformgesetz von 1988, die gesundheitspolitischen Empfehlungen und die Gesetze des Arbeits- und Gesundheitsschutzes seien hier als die wichtigsten Grundlagen genannt, durch sie legitimieren sich viele gesundheitsfördernde Maßnahmen in Betrieben.

Gesundheitsförderung im Krankenversicherungsrecht

Ich möchte nun die beiden wichtigsten Neuregelungen im Krankenversicherungs-recht vorstellen, um dem Leser Einblick zu verschaffen in die Funktionen der Krankenkassen als Handelnde im Bereich des Arbeits-, Gesundheitsschutzes und der Gesundheitsförderung.

4.3.1. Gesundheitsreformgesetz (GRG)

Das Gesundheitsreformgesetz wurde 1988 verabschiedet und in das Sozialgesetzbuch V eingefügt. Es galt als die fortschrittlichste Maßnahme in Bezug auf der Gesundheitsförderung, denn es ermöglichte den Krankenkassen, GF in Betrieben umzusetzen. Erstmals hatten die gesetzlich Versicherten einen Anspruch auf „Leistungen zur Förderung der Gesundheit“[52].[53]

Der zweite Absatz ermöglichte den Kassen eine aktive und umfassende Rolle im Arbeitsschutz sowie bei der Verhütung von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren und Erkrankungen.

[...]


[1] vgl. Posth, Prävention und Gesundheitsförderung im Betrieb S. 6

[2] WHO, Einzelziele für „Gesundheit 2000“

[3] Udris u.a., Warum sind gesunde Personen gesund?, S.7

[4] Franzkowiak, u.a., Dokumente der Gesundheitsförderung, S.64

[5] BzgA, Was erhält Menschen gesund, S.18

[6] vgl. Mussmann, Die Gesundheit gesunder Personen: eine qualitative Studie., S.14

[7] vgl. Greiner, Der Gesundheitsbegriff, S. 40

[8] Udris u.a., Warum sind gesunde Menschen gesund? Forschungsprojekt Salute, S. 5

[9] Badura, Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt, S. 24 f.

[10] Schneider, Gesundheitsförderung heute, S. 19 ff

[11] vgl. Bertelsmann Lexikon, Band 5, S. 384

[12] vgl. Brockhaus, Die Enzyklopädie, S.477

[13] BzgA, Leitbegriffe der Gesundheitsförderung, S.27

[14] BzgA, Was erhält Menschen gesund?, S.16

[15] Udris u.a., Was erhält gesunde Menschen gesund? Forschungsprojekt Salute, S. 8

[16] Neues großes Volkslexikon in zehn Bänden, Band 5, S.612

[17] Meyers grosses Tschenlexikon in 24 Bänden, Band 12, S.195

[18] vgl. Laaser u.a., Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitserziehung, S. 176 ff.

[19] Die folgenden Ausführungen orientieren sich größtenteils an den Definitionsvorschlägen von Schneider, Laaser, Hurrelmann, Wolters und Brandenburg.

[20] Posth, Prävention und Gesundheitsförderung im Betrieb, S. 7

[21] Brandenburg u.a., Gesundheitsmanagement im Unternehmen, S.15

[22] Schneider, Gesundheitsförderung heute, S.51

[23] Bertelsmann Lexikon, Band 5, S. 384

[24] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung

[25] Bamberg, Grundlagen der betrieblichen Gesundheitsförderung, S. 18

[26] Brandenburg, Gesundheitsmanagement im Unternehmen, S. 9

[27] Westerhoff, Betriebliche Gesundheitsförderung aus Sicht des BKK Bundesverbandes, S.19

[28] Bamberg, Grundlagen der betrieblichen Gesundheitsförderung, S. 19

[29] Posth, Prävention und Gesundheitsförderung im Betrieb, S. 7

[30] Weinstein, Lebensweisen, Streß und Arbeit. S. 21

[31] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung

[32] Schröder, Psychosoziale Prävention und Gesundheitsförderung, S. 43

[33] vgl. Brieskorn-Zinke u.a., Gesundheitsförderung in der sozialen Arbeit, S.50

[34] Franzkowiak u.a., Dokumente der Gesundheitsförderung, S.79ff.

[35] vgl. WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[36] Hauß & Laußer, Betriebliche Gesundheitsförderung, S. 152 f.

[37] vgl. Hauß & Laußer, Betriebliche Gesundheitsförderung, S. 153

[38] Bamberg, Handbuch betriebliche Gesundheitsförderung, S. 19

[39] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[40] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[41] Forschungsprojekt SALUTE, Warum sind „gesunde“ Personen“ gesund“?, S. 2

[42] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[43] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[44] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[45] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[46] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[47] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[48] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[49] WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, s. Anhang

[50] Pelikan, Gesundheitsförderung durch Organisationsentwicklung, S.79

[51] Priester, Betriebliche Gesundheitsförderung, S. 117

[52] Die Ausführungen im folgenden Kapitel beziehen sich auf die Rechtslage vor Inkrafttreten Gesetzes zur Entlastung der Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung (Beitragsentlastungsgesetz) vom 01.11.1996.

[53] vgl. § 11 Abs. 1 SGB V

Details

Seiten
130
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638529471
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58862
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Betriebliche Gesundheitsförderung Sozial- Verhaltenspädagogische Tätigkeitsfelder Bereichen

Autor

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Titel: Betriebliche Gesundheitsförderung - Sozial- und Verhaltenspädagogische Tätigkeitsfelder in gesundheitsfördernden Bereichen