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Epidemiologie der spezifischen Phobien

Seminararbeit 2004 25 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Einleitung

Die Epidemiologie lässt sich klassischerweise als die „Untersuchung der Verteilung und der Determinanten von gesundheitsbezogenen Zuständen oder Ereignissen in umschriebenen Bevölkerungsgruppen sowie die Anwendung dieser Ergebnisse zur Steuerung von Gesundheitsproblemen“ definieren (Last, 1995). Die zwei wesentlichen Komponenten der modernen Epidemiologie umfassen somit die Untersuchung von Verbreitung und Ursache einer Krankheit und stellt ein Bindeglied zwischen Ursachenforschung und öffentlichem Gesundheitswesen dar (Last, 1988). Neuere Definitionen unterscheiden zwischen der deskriptiven und der analytischen Epidemiologie (Wittchen und Perkonigg, 1996).

Die deskriptive Epidemiologie umfasst hierbei speziell die Untersuchung der Häufigkeit und des Verlaufs von Krankheiten in vorab definierten Populationen. Die analytische Epidemiologie versucht hingegen diejenigen Faktoren zu eruieren, die ursächlich an der Entstehung einer Krankheit beteiligt sind und/oder zur Ausformung spezifischer Krankheitsverläufe beitragen. In dem hier vorliegenden Artikel wird sich auf die deskriptive Epidemiologie beschränkt.

Das Forschungsfeld der Epidemiologie psychischer Störungen befasst sich speziell mit der Beantwortung epidemiologischer Fragestellungen auf dem Gebiet der psychischen Störungen (Lieb et al. 2003). Grundlegen für eine reliable und valide epidemiologische Untersuchung psychischer Störungen sind Falldefinition und Fallidentifikation. In der Falldefinition werden die diagnostisch erfassbaren Störungsmerkmale festgelegt, welche eine Person aufweisen muss, um auch als pathologischer „Fall“ identifiziert zu werden. Hierzu sind explizite Kriterien nötig, mit denen vorgegeben wird, welche Merkmale vorhanden sein müssen, um einen Fall als positiv zu identifizieren. Die probatesten Klassifizierungsinstrumente im Bereich der psychischen Störungen sind das DSM-III, DSM-III-R und DSM-IV – Diagnostic and Statistical Manual of Mental Deseases (American Psychiatric Association, 1980, 1987, 1994) oder das ICD-10 – International Classification of Deseases (Word Health Organisation, 1993). Die Fallidentifikation behandelt die Frage, wie die Entscheidung getroffen werden kann, ob eine Person die diagnostischen Kriterien der Falldefinition erfüllt, oder nicht. Es stellt sich hier die Frage nach den entsprechenden Erhebungsinstrumenten, welche die testtheoretischen Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität für die jeweilige Falldefinition erfüllen müssen.

Die nun vorliegende Arbeit soll einen Überblick über den aktuellen Wissensstand speziell zur Epidemiologie von Spezifischen Phobien liefern. Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Häufigkeit des Auftauchens einer Spezifischen Phobie in einer definierten Population, sowie Erklärungsansätze, weshalb unterschiedliche Studien zu verschiedenen Ergebnissen kommen.

Weitere, ebenfalls zentrale Aspekte der epidemiologischen Forschung von Spezifischen Phobien wie beispielsweise Inzidenzen, Risikofaktoren, Krankheitsverläufe, sowie auf Aspekte der Versorgung dieses Störungsbilds durch das Gesundheitssystems können aus Platzgründen nicht gebührend und erschöpfend behandelt werden.

Häufigkeiten von Spezifischen Phobien

Die Verbreitung von Krankheiten wird allgemein in Prävalenzzahlen angegeben. Die Prävalenz beschreibt den Anteil erkrankter Personen im Verhältnis zur gesunden Risikopopulation. Als Risikopopulation kommen alle diejenigen Personen in Frage, die für die untersuchte Krankheit generell anfällig sind. Entscheidend bei der Manifestation einer Prävalenzzahl ist der Zeitraum auf den sich die Angaben beziehen. Die Punktprävalenz gibt den Anteil an Erkrankten zu einem bestimmten, fixen Zeitpunkt an. Hingegen bewertet die Periodenprävalenz (meist ausgedrückt in der Lebenszeitprävalenz oder der 12-Monate-Prävalenz) den Anteil an erkrankten Personen innerhalb des definierten Zeitabschnitts.

Tabelle 1 vermittelt eine Übersicht über die bekanntesten, gross angelegten epidemiologischen Studien zur Häufigkeit von psychischen Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Diese Studien wurden nach den Falldefinitionen des DSM-III, DSM-III-R und DSM-IV durchgeführt. Für die Fallidentifikation wurden die gängigen Diagnoseinstrumente DIS, SPIKE, FPI, CIDI, M-CIDI und F-DIPS verwendet. Es ist auffällig, dass die Varianz in den dargestellten Untersuchungen betreffend der Lebenszeitprävalenz von 0,6% (Faravelli et al.; 1989) bis 14,4% (Kringlen et al. 2001) reicht. Die Varianz bei der 12-Monats-Prävalenz geht von 1,2% in der Studie von Angst et al. (1993) bis 11,1% in der Studie von Kringlen et al. (2001). Ebenso drastisch sind die Unterschiede in den Angaben der Punktprävalenzen (dem Anteil der Bevölkerung, der zum Zeitpunkt der Untersuchung die Kriterien für eine Spezifische Phobie nach den jeweiligen Fallkriterien erfüllte). Hier reichen die Angaben von 0,5% in der Studie von Canino et al. (1987) in Puerto Rico bis zu einem Wert von 9,8% in der Dresdener Studie von Becker et al. (2000). 12-Monats-, und Punktschätzungsraten zeigen jeweils den Anteil der Bevölkerung auf, der in einem 12 monatigen Zeitintervall vor der Untersuchung oder noch zum Zeitpunkt der Untersuchung von einer Spezifischen Phobie betroffen ist. Diese, auf kurze Zeitintervalle bezogenen niedrigeren Schätzungen können als Hinweis darauf deuten, dass es sich bei den Spezifischen Phobien, wie auch bei den Angststörungen insgesamt (Lieb et al., 2003) nicht durchgängig um chronische Erkrankungen handelt, sondern durchaus auch remittierende Verläufe auftreten können.

Für die breite Streuung dieser Ergebnisse können unter anderem folgende Erklärungsversuche angebracht werden:

(a) Es liegen unterschiedliche Falldefinitionen und Fallidentifikationen zugrunde
(b) Es werden verschiedene Studiendesigns verwendet (retrospektiv / prospektiv)
(c) Die untersuchten Populationen unterscheiden sich in soziodemographischer und kultureller Zusammensetzung.
(d) Die Geschlechtsverteilungen sind unterschiedlich ausgeprägt
(e) Spezifische Phobien stellen einen Oberbegriff eines Störungsbildes dar, welches diverse, heterogene Subtypen beinhaltet.
(f) Die Auswahl der Stichprobe im Hinblick auf das Erstmanifestationsalter .

Tabelle 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Prävalenzraten von Spezifischen Phobien in der Allgemeinbevölkerung nach DSM-III, DSM-III-R, DSM-IV.

Falldefinition und Fallidentifikation

Um den Einfluss von Falldefinition und Fallidentifikation auf die Häufigkeitsverteilungen genauer zu eruieren, wurden die in Tabelle 2 aufgelisteten Studien auf Unterschiede hinsichtlich der Lebenszeitprävalenzen miteinander verglichen.

Tabelle 2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Ausgewählte Studien zur Untersuchung der Falldefinition und Fallidentifikation.

Falldefinition. Wie eingangs bereits erwähnt, werden mit der Falldefinition die diagnostisch erfassbaren Störungsmerkmale festgelegt, welche eine Person aufweisen muss, um auch als „Fall“ identifiziert zu werden. Hierzu sind explizite Kriterien nötig, mit denen vorgegeben wird, welche Merkmale vorhanden sein müssen, um einen Fall als positiv zu identifizieren.

Das aktuell gültige DSM-IV (APA, 1994) definiert eine spezifische Phobie wie folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(APA, 1994)

Im DSM-IV sind bei den spezifischen Phobien mehrere Veränderungen bezüglich der diagnostischen Kriterien gegenüber dem DSM-III-R vorgenommen worden (APA, 1997):

- Es wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass die Angst sowohl durch die Anwesenheit als auch durch die Erwartung eines spezifischen, angstauslösenden Reizes ausgelöst werden kann.
- Das Kriterium B besagt, dass die Konfrontation mit dem phobischen Objekt fast immer eine Angstreaktion auslöst. Dies ersetzte den weniger eindeutigen Ausdruck des DSM-III-R: während einer Phase der Phobie (APA, 1997).
- Die Differentialdiagnose wird nur noch nach Kriterium F vorgenommen und findet sich nicht mehr in den Kriterien A und F.
- Der wichtigste Punkt: Aufgrund neuerer Erkenntnisse (Öst, 1999) wurde eine Unterscheidung in vier Subtypen der spezifischen Phobie vorgenommen.

Diese Änderungen wurden vorgenommen, um die Reliabilität der Diagnose mit dieser Fallidentifikation weiter zu erhöhen.

Um nun zu Ergründen, ob die drastische Streuung der Lebenszeitprävalenzen auf unterschiedliche Falldefinitionen zurück zu führen ist, werden nun die Unterschiede in Abhängigkeit der Falldefinitionen untersucht. Um dies zu vereinheitlichen, werden alle Studien aufgenommen, welche nach den Kriterien des Diagnostic and statistical manual of mental disorders der American Psychiatric Association (APA, 1980; 1987; 1994) durchgeführt wurden. Unabhängig von sonstigen Parametern, wie beispielsweise Erhebungsinstrument, Stichprobengrösse, Alter der Stichprobe, Erhebungsland, etc. wurde mittels T-Test für unabhängige Stichproben (2-tailed) auf Unterschiede geprüft. Die Ergebnisse sind in den Tabellen 3 und 4 dargestellt:

Tabelle 3:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Deskriptive Auswertung der Falldefinitionen.

Tabelle 3 zeigt die Gesamtzahl der Studienteilnehmer, sowie die Mittelwertsunterschiede und deren Streuungen in Abhängigkeit der Falldefinition.

[...]


[1] ECA-Studie: Epidemiologic Catchment Area Programm. Soweit nicht anders vermerkt, beziehen sich die Daten auf 5 Bezirke in den USA.

[2] FPI: Florence Psychitric Interview

[3] M-CIDI: Munich-Composite International Diagnostic Interview

[4] F-DIPS: Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen - Forschungsversion

[5] WMH-CIDI: World Mental Health Version des CIDI

[6] Chinese K-SADS-E: Chinesische Version der Schedule for Affective Disorders and Schizophrenia for School Age Children – Epidemiologic Version

[7] FPI: Florence Psychitric Interview

[8] M-CIDI: Munich-Composite International Diagnostic Interview

[9] F-DIPS: Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen - Forschungsversion

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638530422
ISBN (Buch)
9783640474837
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58996
Institution / Hochschule
Universität Basel – Institut für Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
Epidemiologie Phobien Störungen

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