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Die politische Karikatur

Eine Auseinandersetzung mit dem Werk "Die politische Karikatur - Eine journalistische Darstellungsform und deren Produzenten" von Thomas Knieper

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 47 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der Karikatur
2.1 Begriffsentwicklung
2.2 Die Geschichte der politischen Karikatur

3. Mittel der Karikatur
3.1 Witztechniken in Karikaturen
3.1.1 Assoziation / association
3.1.2 Vertauschung, Transposition / transposition
3.1.3 Veränderung, Transformation / transformation
3.1.4 Kontradiktion, Umkehrung / contradiction
3.1.5 Übertreibung / exaggeration
3.1.6 Parodie / parody
3.1.7 Wort- und Bildspiele / punning
3.1.8 Verkleidung / disguise
3.1.9 Satire / satire
3.1.10 Erzählung / narration
3.1.11 Aneignung / appropration
3.2 Stereotype und Feindbilder in Karikaturen

4. Die politische Karikatur im Journalismus
4.1 Verortung der politischen Karikatur
4.2 Definition von politischer Karikatur
4.3 Modell der politischen Karikatur

5. Fazit

6. Abbildungen

7. Quellennachweise
7.1 Bildnachweise
7.2 Literatur

8. Erklärung

1. Einleitung

Politische Karikaturen, auf unmittelbare Wirkung bedacht, sind politische Kommentare; sind zeitaktuell, parteilich, provokant, zielgruppenbewusst – im besten Sinne journalistisch.

Politische Karikaturen, mit Stift, Feder, Pinsel, Kreide gezeichnet, sind ästhetische Produkte; sind zeitanalogen bildkünstlerischen Möglichkeiten wie vertrauter Bildrezeption verpflichtet, sind originell und original, zeigen eine individuelle Handschrift – sind Kunstwerke.

Dietrich Grünewald[1]

Politische Karikaturen sind Forschungsgegenstand zahlreicher Disziplinen. Kunsthistoriker und Kunstwissenschaftler analysieren die Karikatur insbesondere unter ästhetischen Gesichtspunkten, Historiker als Zeitdokument, das die politische Diskussion in einer Gesellschaft widerspiegelt. Karikaturen sind darüber hinaus per se ein Stück Kultur- und Zeitgeschichte und damit auch Gegenstand der Kulturwissenschaften. Semiotiker, Sprach- und Literaturwissenschaftler analysieren Textelemente und Zeichenvorräte in Karikaturen. Psychologen und Psychoanalytiker erforschen, wann und warum eine Karikatur von ihren Rezipienten als unterhaltend oder humorvoll betrachtet wird. Pädagogen interessieren sich besonders dafür, wie politische Karikaturen im Unterricht eingesetzt werden können, um Erinnern und Verstehen des Lernstoffs zu verbessern. Innerhalb der Rechtswissenschaft wird der Frage nachgegangen, ob Karikaturen das Strafrecht verletzen, vor allem, wann eine Karikatur eine Ehrverletzung darstellt. Politologen erhalten durch Karikaturen Auskunft über politische Vorgänge, über Meinungs- und Willensbildungsprozesse und vieles mehr. Und nicht zuletzt hat sich die politische Karikatur zu einer Stilform des Journalismus entwickelt. Damit ist sie namentlich für die Journalistik bzw. Publizistik von besonderem Interesse.

Vielleicht liegt gerade in dem interdisziplinären Charakter der politischen Karikatur begründet, dass sich keine dieser Disziplinen für sie hundertprozentig wissenschaftlich zuständig fühlt und die Forschung sich aufgrund der zu weit gefächerten Kompetenz insgesamt wenig mit ihr auseinander setzt. Zwar gibt es unzählige Forschungsarbeiten aus den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, die auch belegen, dass sie politische Karikaturen trotz deren interdisziplinären Charakters sehr wohl mit geeigneten, sach- und fachkundigen Instrumenten untersuchen können. Allerdings mangelt es den meisten dieser Arbeiten augenscheinlich an der doch gerade gebotenen fachübergreifenden Perspektive. Am häufigsten finden sich Werke, die ein bestimmtes Thema oder Ereignis im Spiegel der Karikatur vorstellen und analysieren.

Vergleichsweise selten beschäftigt sich auch die Kommunikationswissenschaft[2] mit der politischen Karikatur. Dieses geringe Interesse ist erstaunlich, da es ich bei der politischen Karikatur doch um ein originäres Sujet der Zeitungswissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Publizistik und Journalistik handelt.

Denn Karikaturisten sind aufmerksame Beobachter des politischen Alltags. Sie kommentieren mit visuellen Mitteln Problemzonen der Gesellschaft, insbesondere der Politik. Sie sind Publizisten, deren Arbeiten durch Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Fernsehen und Internet massenmedial verbreitet werden. Kaum eine Zeitung, die nicht regelmäßig Karikaturen abdruckt. Zugleich liegt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit politischen Karikaturen aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive bis dato nur von Thomas Knieper[3] aus dem Jahr 2002 vor.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich ebenfalls aus kommunikationswissenschaftlichem Blickwinkel mit der politischen Karikatur als journalistische Darstellungsform und arbeitet die bisherige Forschung zum Thema auf. Ziel ist die Darstellung einer für den Journalismus relevanten Definition von politischer Karikatur und die Vorstellung des Modells der politischen Karikatur von Thomas Knieper. Dazu werden im folgenden Kapitel zunächst die Begriffsentwicklung und die Geschichte der politischen Karikatur erörtert. Da die politische Karikatur doch einige Besonderheiten im Gegensatz zu ihren textbasierten Verwandten im Pressekanon aufweist, wird auf diese im dritten Kapitel eingegangen. Darauf aufbauend beschäftigt sich das vierte Kapitel mit der Einordnung der politischen Karikatur in die Vielfalt der journalistischen Darstellungsformen. Abschießend werden als Zusammenfassung der erarbeiteten Ergebnisse die Definition und das Modell der politischen Karikatur von Thomas Knieper vorgestellt.

2. Geschichte der Karikatur

2.1 Begriffsentwicklung

Die Entwicklung des Phänomens „Karikatur“ läuft nahe zu parallel zur Entwicklung des Begriffs.[4] Diesem Prozess widmete sich ausführlich vor allem die kunstwissenschaftliche Forschung.[5] Auf sie können wir uns beziehen, wenn wir der Frage nachgehen, in welchen Zusammenhängen sich der Terminus „Karikatur“ entwickelt hat und wie der Karikaturbegriff heute besetzt ist.

Das Wort „Karikatur“ leitet sich vom lateinischen „carrus“ (Karren) und vom italienischen „caricare“ ab, was soviel bedeutet wie „laden“, „überladen“, „beladen“, „übertreiben“, „stark auftragen“, substantiviert: „caricatura“. Zur Benennung von zeichnerischen Produkten taucht der Begriff erstmals 1646 auf, in einem Vorwort des päpstlichen Haushofmeister Giovanni Antonio Massani in einer Mappe mit Radierungen, die nach Zeichnungen des bolognesischen Künstlers Annibale Carracci (1560-1609) angefertigt waren. Von diesem habe er auch die Begriffe „ritattini carichi“ („übertriebene Bildnisse“) und „caricatura“ für die skizzenhaften, satirisch-übertriebenen Porträtzeichnungen übernommen, schreibt Massani.[6] Carraccis Zeichnungen zeigen den „Menschen auf der Straße“ – Handwerker, Bäcker, Gaukler, Händler, Bettler, gewöhnliches Volk –, deren Gestalten und Physiognomien der Künstler teilweise ins Hässliche überstilisierte (vgl. Abb. 1 und 2). Carraccis Grundgedanke war, dass die Natur weder absolute Schönheit, noch absolute Hässlichkeit produziert. Vollkommenheit könne nur die Kunst schaffen. Wirkliche Hässlichkeit sei nur dann in Augenschein zu nehmen, wenn sie aus den vorhandenen Formen durch Übertreibung hervorgebracht worden sei.[7]

Gianlorenzo Bernini (1598-1680) entwickelte die Kunst der „caricatura“ weiter, indem er in seine Zeichnungen neben dem äußeren Erscheinungsbild des Karikierten auch dessen inneres Wesen einfließen ließ. Seine Zeichnungen sind also weniger Porträts als Charakterstudien, die in neuartiger Weise den Abgebildeten nicht nur in seiner Hässlichkeit darstellen, sondern ihn überdies der Lächerlichkeit preisgaben (Abb. 3). Bis Mitte des 17. Jahrhunderts war die Karikatur ausschließlich eine italienische Kunstform. Während seiner Tätigkeit am Hofe Ludwig XIV. im Jahre 1665 führte Bernini den Begriff „caricature“ in Frankreich ein, wo es für die Kunst der Karikatur bis dahin keine begriffliche Entsprechung gab. Zunächst wurde diese in Frankreich mit „portrait chargé“ bezeichnet, ab Mitte des 18. Jahrhunderts fand der Begriff „caricature“ aber endgültig seinen Weg in die französische Sprache.[8]

In England taucht der Begriff der „caricature“ erstmals 1686 in der „Bibliotheca abscondita“ von Sir Thomas Browne auf. Allerdings versteht er unter diesem Begriff die Verzerrung menschlicher Züge ins Tierische. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts entsteht ein Disput darüber, ob Karikaturen den Qualitätsansprüchen einer künstlerischen Darstellung genügen. Vor allem der englische Zeichner William Hogarth sieht in der Karikatur ausschließlich Gekritzel. Von künstlerischem Wert ist für ihn nur die detailgetreue Darstellung von Charakterköpfen, bzw. grotesken Gesichtern (vgl. Abb. 4). Diese Kunstform bezeichnet er 1743 als „characters“ und grenzt sie damit gegen die „caricatures“ ab, unter die für ihn alles fällt, was disproportioniert erscheint – von Kinderzeichnungen über Bilderrätsel und willkürliche Formverzerrungen und -kombinationen bis hin zu grotesken Erscheinungen.[9] Es muss schmerzlich für ihn gewesen sein, dass einige seiner eigenen Arbeiten von vielen Betrachtern als meisterhafte Karikaturen gelobt wurden.

Die Einführung des offenen Karikaturbegriffs durch Hogarth zeigte weitreichende Folgen. 1813 veröffentlichte J. P. Malcom in London eine erste Zusammenstellung zur Gattung der Karikatur unter dem Titel „An Historical Sketch of the Art of Caricaturing“. Spätestens damit hatte sich „Karikatur“ als ein offener Sammelbegriff für alle Formen der Kunst etabliert, die in irgendeiner Weise mit Effekten der Deformation arbeiten. Später, während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im Gefolge der zunehmenden sozialen Spannungen im Zuge der „industrial revolutuion“, nahm der Begriff „caricature“ die politische und sozialkritische Komponente verstärkt auf und umfasste nun „political, curious, emblematical und comic prints“. Für die dezidiert politische Karikatur wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Begriff „cartoon“, bzw. später „political cartoon“ geläufig.

In die deutsche Sprache bürgerte sich der Begriff „Karikatur“ im 18. Jahrhundert über das Französische ein. Bis dato kannte man zwar nicht den Begriff der Karikatur, wohl aber Entsprechungen für diese Kunstform, wie „Aftergestalt“, „Missgestalt“, „Missbild“ oder „Fratzenbild“. Nun etablierte sich auch im Deutschen die Karikatur schnell als Sammelbegriff, der von verzerrten Gesichtsdarstellungen über deformierte Erscheinungen bis hin zur Bildsatire ein weites Feld abdeckte.[10]

Zusammenfassend festhalten, dass der Begriff der Karikatur eine eher verworrene als gradlinige Entwicklung durchlaufen hat. Entsprechend kommt Unverfehrt zu dem Resümee:

Vielfach gebrochen, vereint er Gegensätzliches in sich: Karikatur im Sinne Annibale Carraccis meint die gelungene Zeichnung individueller Portraiteigenheiten; Karikatur im Sinne Hogarth’ meint die misslungene Wiedergabe grotesker Erfindungen; Karikatur im Sinne beider meint die Darstellung isolierter Figuren oder Köpfe; Karikatur im heute landläufigen deutschen Sprachgebrauch meint die aus vielfältigen Elementen, darunter Karikaturen im Sinne Carraccis sowie Hogarth’, komponierte satirisch-politische Pressezeichnung, aber auch manches andere. Zusätzlich kompliziert wird die Situation dadurch, daß der heutige Sprachgebrauch von Land zu Land wechselt. So unterscheiden die Niederländer zwischen Karikatuur und Spotprent (Spottbild), die Franzosen zwischen Portrait chargé und Caricature, die Engländer zwischen Caricature und Cartoon, wobei der jeweils zuerst genannte Begriff im Sinne Annibale Carraccis, manchmal auch Hogarth’, und der zweitgenannte die komponierte Bildsatire meint – außer in Deutschland, wo alles Karikatur heißt, es sei denn, es hieße gut angelsächsisch Cartoon, was hierzulande nicht etwa wie dort die Bildsatire benennt, sondern den gezeichneten Witz.[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schema 1: „Karikatur“ im deutschsprachigen Raum: ein Sammelbegriff.

Aus: Knieper 2002. S. 49.

Problematisch ist also, dass der Begriff „Karikatur“ im deutschsprachigen Raum in (mindestens) drei verschiedenen Bedeutungen gebraucht wird (vgl. Schema 1). In der Wissenschaft dient er erstens als Sammelbegriff für politische und sozialkritische Zeichnungen (Fall I) und zweitens als Bezeichnung für Karikaturen im ursprünglichen Sinn (das Verfremden von individuellen Merkmalen) (Fall II). In der Umgangssprache wird er als Sammelbegriff für jede Form humoristischer Handgraphik verwendet (Fall III). Im anglophonen Sprachraum herrscht eine solche Begriffsverwirrung nicht. Politische und sozialkritische Zeichnungen (Fall I) werden hier als „editorial cartoon“ bezeichnet, eine Karikatur im ursprünglichen Sinne Carraccis nennt man „caricature“ und der Sammelbegriff für alle Arten humoristischer Grafiken ist „cartoon“.[12]

2.2 Die Geschichte der politischen Karikatur

Zeichnerische Darstellungen als Mittel sozialer und politischer Auseinandersetzungen finden sich in allen Kulturkreisen.[13] Jedoch gab erst die Erfindung der Druckerpresse durch Gutenberg im 15. Jahrhundert der allegorischen Darstellung des Mittelalters neuen Auftrieb und den Publizisten die Möglichkeit, ihre Werke in größeren Stückzahlen unters Volk zu bringen. Die frühesten politischen „Karikaturen“ folgten der Erfindung Gutenbergs auf dem Fuße. So befasst sich ein satirischer Holzschnitt von 1499, „Le revers du Jeu de Suysses“ (Abb. 5), mit den politischen Ambitionen Frankreichs in Italien. Dazu benötigte Frankreich die Hilfe von Schweizer Söldnern, die damals zu den besten Soldaten Europas gehörten. Der Papst, der Kaiser und die Könige von Frankreich und Italien werden beim Kartenspiel gezeigt, während ihnen unter dem Tisch ein kleiner Schweizer Söldner die Karten wegnimmt.[14]

Zur Zeit der Reformation fand in Europa durch die Druckkunst erstmals eine weite Verbreitung ideologisch geprägter Zeichnungen statt, die oft ebenso grob wie wirksam waren. So ist Erhard Schöns „Der Teufel benutzt Luther als Dudelsack“ (Abb. 6) von 1521 zweifellos ein brillanter Einsatz der Metamorphose.[15]

Die weitere Entwicklung der Karikatur bis ins 19. Jahrhundert wurde im vorherigen Abschnitt (2.1) schon in groben Zügen dargestellt. In England brachte 1720, zur Zeit von William Hogarth, der Finanzskandal um ein Südsee-Schwindelgeschäft frischen Wind in die Entwicklung der Karikatur. Von 1730 an beanspruchte eine ununterbrochene Flut von satirischen Bildern die Aufmerksamkeit des Publikums, die wurden fast so wichtig wie Zeitungen und Druckschriften, die sich mit öffentlichen Themen beschäftigten. Allerdings gab es noch keine Verbindung zwischen Journalismus und Karikatur. Diese wurde noch ausschließlich als Einzeldrucke in den Druckereien publiziert, nicht aber in der Presse.[16]

Nachdem 1797 Alois Senefelder das Verfahren der Lithographie entwickelt hatte, erlebte die politische Karikatur im 19. Jahrhundert eine „üppige Blüte“[17] und fand endlich Eingang in die Presse. Die Karikaturen erschienen nun nicht mehr als singuläre Drucke, sondern bereicherten mehr und mehr in Zeitungen und Zeitschriften. So konnten sie nun schnell, vorbildgetreu und in hohen Auflagen unters Volk gebracht werden. Der geniale Zeichner Honoré Daumier machte sich mit seiner Meisterschaft in der Verwendung der Lithographie für seine Karikaturen zum bedeutendsten Karikaturisten der Jahrhundertmitte (Abb. 7).[18] Daumiers Verleger Charles Philipon war ebenfalls Karikaturist und Erfinder jener berühmten Bildserie, in der das Haupt von König Luis-Philippe in eine Birne mutiert – wobei „poire“ (Birne) in der französischen Umgangssprache auch „Dummkopf“ bedeutet (Abb. 8).

Philipon brachte mit seiner satirischen Wochenzeitschrift „La Caricature“, die erschien, das erste politisch-satirische Journal in Frankreich heraus, das über einen längeren Zeitraum erschien (vom 4. November 1830 bis 28. August 1835) und in dem die Bildbeilage – in der Regel zwei Lithographien pro Woche – eine herausragende Stellung einnahmen.[19] Als direkte Reaktion auf die Existenz der „La Caricature“ und im bewussten Gegensatz zu ihr gründete Belloir im Oktober 1832 die Zeitschrift „La Charge“, ebenfalls als Zeitschrift der polischen Satire. Sie erschien bis Februar 1834.[20]

Die Karikaturenszene in England des 19. Jahrhunderts beherrschte die 1841 erstmals herausgekommene „Punch“, die vielleicht berühmteste, aber sicher langlebigste Satire-Zeitschrift der Welt. Berühmt wurde die 1890 in „Punch“ veröffentlichte Bismarck-Karikatur „Dropping the Pilot“ (Abb. 0/Titelblatt), in Deutschland auch bekannt unter dem Titel „Der Lotse geht von Bord“, von John Tenniel.[21]

In Deutschland trat 1848 die Karikaturenzeitschrift „Kladderadatsch“ an die Öffentlichkeit, 1896 der unter anderem von Thomas Theodor Heine herausgegebene „Simplicissimus“. Dieser entwickelte sich in vielerlei Hinsicht zum besten aller im wilhelminischen Deutschland kursierenden satirischen Magazine, mit durchgehend höchster zeichnerischer Qualität und gewann eine führende Position in Europa. Im Ersten Weltkrieg machte sich der „Simplicissimus“ zur Speerspitze der deutschen Propaganda gegen die französischen und englischen Kriegsgegner.[22]

Im Ersten Weltkrieg fand die Karikatur erstmals systematische Verwendung zur Feindbildpropaganda, diente in bisher nicht gekanntem Ausmaß als Instrument der psychologischen Kriegsführung und bot den gegnerischen Parteien und Medien einen „kriegerischen Nebenschauplatz“[23]. Mit folgenden Sätzen wurde beispielsweise ein Artikel in der „Kreuzzeitung“ vom 28.07.1918 eingeleitet, der die Rolle der Karikatur im Ersten Weltkrieg thematisiert:

Die Karikatur ist wegen ihrer Suggestionskraft und mithin ihres Einflusses auf die Menge, die ja in der Mehrzahl aus schwachen Köpfen besteht, eins der Hauptmittel unserer Gegner, die Stimmung der eigenen Völker zu heben und die Neutralen zu gewinnen.[24]

Die Karikatur von Emilio Küpfer „The Monster advances – The Advance of the Monster must be stopped“ (Abb. 9) aus „The Bystander” vom 19. Mai 1915 zeigt Deutschland als Ungeheuer, das alles niederbrennt und alles verwüstet, Frauen schändet, Kinder abschlachtet und lähmendes Entsetzen verbreitet.[25]

Die starke Verbitterung, die der Versailler Vertrag in Deutschland grade wegen des großen Widerspruchs von ideeller Programmatik und realem Vertragsinhalt auslöste, bringt eine Karikatur von Thomas Theodor Heine auf den Begriff (Abb. 10), die am 3. Juni 1919 im Simplicissimus erschien. Deutschland, entblößt und gefesselt, vor eine Guillotine gestellt, wird von den drei alliierten Staatsmännern Wilson, Clemenceau und Lloyd George vor die Wahl gestellt: „Auch Sie haben noch ein Selbstbestimmungsrecht. Wünschen Sie, dass Ihnen die Taschen vor oder nach Ihrem Tod ausgeleert werden?“ Der Autor war kein nationalistischer Extremist; er war Angehöriger des liberalen Lagers und musste 1939 Deutschland verlassen.[26]

Die Nationalsozialisten nutzten die Karikatur als Instrument direkter Agitation, das sie besser als manche andere ästhetische oder visuelle Ausdrucksformen ihren politischen Interessen und Strategien dienstbar machen konnten (vgl. Abb. 11, 12, 13).[27] Zwischen 1931 bis 1938 erschien im Eher-Verlag das Wochenblatt „Die Brennessel“ als NSDAP-Karikaturenzeitschrift, in der „dem Gegner mit der Waffe des Hohns tiefe Wunden“[28] geschlagen werden sollten.

Die Gleichschaltung der Karikatur erfolgte ab 1939 vollständig und lief über das „Interpress Politisches Karikaturenbüro“, eine Agentur zur Vermittlung von Karikaturen an die Presse. Ab 1943 übernahm die „DPZ“ („Die Politische Zeichnung“-GmbH) diese Aufgabe. Ziel dieser Stellen war es, die politische Karikatur „ihrer propagandistischen Bedeutung entsprechend zu aktivieren“[29]. Auch die Alliierten bedienten sich ausgiebig der Karikatur als Mittel der Propaganda (vgl. Abb. 15, 16).

In der Erforschung der Karikatur und der Pressezeichnung des Dritten Reiches bestehen nach wie vor Defizite. Die Instrumentalisierung der Karikatur im Kontext der Propaganda der Nationalsozialisten erscheint nur zu offensichtlich und eine wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr schien daher obsolet.[30] Eine fragwürdige wissenschaftliche Haltung, wenn man bedenkt, welch große Wirkung die NS-Karikaturen augenscheinlich für die Meinungsbildung und das Verhalten von Millionen Lesern hatten.[31] Trotzdem werden die als Propaganda erkannten Karikaturen aus dem Dritten Reich in vielen Studien als ästhetisch minderwertig eingestuft und somit aus der kunsthistorischen Untersuchung ausgeklammert. Dabei werden in den Zeichnungen die in dem Genre gebräuchlichen karikaturistischen Mittel genutzt. Zwischen einer NS-Karikatur und einer „demokratischen“ besteht jedenfalls kein Unterschied im Hinblick auf die verwendeten Zeichencodes. Auch die künstlerische Qualität bleibt vergleichbar. Zudem blieben die Zeichner nationalsozialistischer Karikaturen zumeist die, die sich schon vor der Machtergreifung als rechtsradikale Karikaturisten einen Namen gemacht hatten. Viele von ihnen gingen nach dem Zweiten Weltkrieg ihrer Arbeit weiter nach und wurden eifrig publiziert.[32]

3. Mittel der Karikatur

3.1 Witztechniken in Karikaturen

Der Humor ist eine Macht, vor der sich die Großen dieser Welt beugen müssen.

Emile Zola[33]

In kunst- und medienanalytischen Arbeiten über das Genre Karikatur findet sich immer wieder der Verweis, die Werke regten den Betrachter zum Lachen an, bzw. gäben den karikierten Gegenstand der Lächerlichkeit preis. Lachen ist aber eine individuelle Reaktion des Rezipienten und kann somit zunächst keinen Wesenszug der Karikatur darstellen. Angebrachter erscheint es, bei der Frage nach der Verwendung von Humor in Karikaturen nicht von den Rezeptionsprozessen (dem Lachen des Betrachters), sondern von immanenten, bzw. manifesten Merkmalen der Zeichnung, genauer den zahlreichen verwendeten Witztechniken, auszugehen. Eine Karikatur verfügt demnach über Witz bzw. Humor, wenn mindestens eine dieser Witztechniken in ihr zur Anwendung kommt. Deren Wirkungsmechanismen gehen die Humortheorien – wie beispielsweise die Überlegenheitstheorie, die Erregungstheorie, die psychoanalytische Theorie oder die Inkongruenztheorie – auf den Grund.[34] So basiert die Inkongruenztheorie auf der Idee der nicht eingehaltenen Erwartung. Demnach gewinnt eine Zeichnung vor allem dann einen Wirtzeffekt, wenn sie die Erwartungshaltung des Rezipienten – z. B. durch Nichtbefriedigung des Ästhetikempfindens, Normver­letzun­gen oder überraschende Wendungen – durchbricht. Die Überraschung und die mit ihr provozierte Verarbeitung des Widerspruchs zwischen der eigenen Erwartung und dem dargestellten Inhalt werden dann als Witz bzw. Humor wahrgenommen. Die Inkongruenztheorie, bietet auch den Rahmen für die Verortung der weiteren genannten Theorieansätze.[35] Auf ihr basieren auch die nachfolgenden Ausführungen.

In der Regel werden Witztechniken nicht einzeln, sondern in Kombination verwen­det. Die bislang wohl differenzierteste Unterteilung hat Arthur Asa Berger vorge­nommen, der zwischen 45 verschiedenen Varianten unterscheidet, systematisiert nach vier Gruppen (Sprache, Logik, Identität und Aktion).[36] Für den Bereich der Karikatur erlauben die spezifischen Charakteristika jedoch eine weit gröbere Einteilung, wie sie etwa der kanadische Künstler und Kunstwissenschaftler Nicholas Roukes für den Bereich Kunst als Bestandteil der Populärkultur entwickelt hat und die unmittelbar auch auf das Genre Karikatur übertragbar ist. Er identifiziert insgesamt elf, sich teilweise miteinander kombinierende Techniken, im Einzelnen: Assoziation, Vertauschung, Veränderung, Widerspruch, Übertreibung, Parodie, Wortspiel, Verkleidung, Satire, Erzählung und Aneignung.[37] Diese Verfahren sollen im Folgenden erläutert und teilweise anhand ausgewählter Beispiele veranschaulicht werden.

[...]


[1] Grünewald 2002a. S. 5.

[2] Der Begriff Kommunikationswissenschaft wird hier als Sammelbegriff für verschiedene Disziplinen wie etwa Zeitungswissenschaft, Medienwissenschaft, Journalistik und Publizistik verwendet.

[3] Knieper 2002.

[4] Vgl. Plum 1998. S. 27.

[5] Zur Klärung der Begriffsgeschichte hat vor allem Unverfehrt (1984) viel beigetragen.

[6] Vgl. Plum 1998. S. 29; Knieper 2002. S. 15; Unverfehrt 1984. S. 345.

[7] Angeblich soll Annibale Carracci dieses Credo auch umgesetzt haben. Seine Zeichnungen waren offenbar für die Betonung der Hässlichkeit und den geringen zeichnerischen Aufwand bekannt, während sein übriges Werk einem ausgesprochenen Schönheitsideal verpflichtet war. Vgl. Knieper 2002. S. 16; Unverfehrt 1984. S. 346f; Plum 1998. S. 29.

[8] Vgl. Knieper 2002. S. 16; Plum 1998. S. 30. Unverfehrt 1984. S. 348. Heinisch 1988. S. 27.

[9] Vgl. ebd. Plum 1998. S. 31; Knieper 2002. S. 17.

[10] Vgl. Unverfehrt 1984. S 315f. Knieper 2002. S. 18.

[11] Unverfehrt 1984. S 353f.

[12] Vgl. Knieper 2002. S. 49.

[13] Vgl. Achterberg 1998. S. 13.

[14] Vgl. Lucie-Smith 1981. S. 33-35.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Lucie-Smith 1981. S. 51.

[17] Schneider 1988. S. 14.

[18] Vgl. Achterberg 1998. S. 15; Lucie-Smith 1981. S. 77.

[19] Vgl. Bosch-Abele 2002. S. 69.

[20] Vgl. ebd. S. 76.

[21] Vgl. Lucie-Smith 1981. S. 92.

[22] Vgl. ebd.

[23] Langemeyer 1984. S. 10.

[24] Ohne Verfasserangabe: Die Karikatur im Kriege. In: Kreuzzeitung, Nr. 380, 28.07.1918. o.S. Zitiert in: Plum 1998. S. 123.

[25] Vgl. Marienfeld 2002. S. 35.

[26] Vgl. Marienfeld 2002. S. 36.

[27] Vgl. Plum 1998. S. 135.

[28] Bennessel, Nr. 51, 1938. Zitiert nach Pohl 1998. S. 138.

[29] Villinger, Carl J.H.: Die Vermittlung von Karikaturen an die Presse. In: Handbuch der Zeitungswissenschaft, Band II. Leipzig 1941-1943, Sp. 2257-2260. Zitiert nach: Plum 1998. S. 138.

[30] Vgl. Plum 1998. S. 133.

[31] Vgl. Grünewald 1975. S. 85.

[32] Vgl. Plum 1998. S. 133f.

[33] Gefunden in: Precht 1996.

[34] Vgl. Knieper 2002. S. 72; Berger 1987. S. 7-10.

[35] Vgl. Knieper 2002. S. 74.

[36] Vgl. Berger 1998. S. 18.

[37] Vgl. Roukes 1997. S. 12-16; Knieper 2002. S. 75.

Details

Seiten
47
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638532112
ISBN (Buch)
9783638666473
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59213
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
1,3
Schlagworte
Karikatur Eine Darstellungsform Oberseminar Nonverbale Kommunikation

Autor

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Titel: Die politische Karikatur