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Der Institutionalismus - Konstruktivistischer und Rationalistischer Ansatz

Hausarbeit 2003 16 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Der Institutionalismus
2.1. Internationale Kooperation und Internationale Institutionen
2.2. Zwei Institutionalistische Ansätze
2.2.1. Rationalistischer Institutionalismus - Neoinstitutionalismus
2.2.1.1. Kennzeichen des Rationalen Institutionalismus
2.2.1.2. Ziele und Funktionen des Rationalen Institutionalismus
2.2.1.3. Probleme
2.2.1.4. Die Regeleinhaltung im rationalistischen Institutionalismus
2.2.2. Konstruktivistischer Institutionalismus – Soziologischer Institutionalismus
2.2.2.1. Kennzeichen des Konstruktivistischen Institutionalismus
2.2.2.2. Ziele und Funktion des Konstruktivistischen Institutionalismus
2.2.2.3. Die Regeleinhaltung im soziologischen Institutionalismus

4. Institutionalismus und die Europäische Außen- und Sicherheitspolitik

5. Fazit

6. Literatur

1. Vorwort

In der vorliegenden Arbeit soll das Wesen des Institutionalismus näher betrachtet werden. In einer sich immer mehr globalisierenden Welt werden Institutionen immer wichtiger. Es kommt darauf an, das Agieren unter den Staaten zu koordinieren, um nicht zuletzt Frieden auf der Welt zu erreichen. Der Institutionalismus entstand in den 70er und 80er Jahren als neuer Erklärungsansatz für Kooperationsmuster in den internationalen Beziehungen. Wichtigste Begründer und Vertreter sind Robert Keohane und Hedley Bull. In der Folge entwickelten sich drei Hauptansätze. Der Rationalistische, der Konstruktivistische und Historische Ansatz. In der vorliegenden Arbeit sollen sich die Betrachtungen nun vornehmlich auf den rationalistischen und den konstruktivistischen Institutionalismus beziehen.

Wegen der zunehmende Kooperation und Verflechtung der internationalen Systeme gewinnen die Institutionen mehr und mehr an Bedeutung für Akteure (z.B. Regierungen). Besonders nach dem Ende des Ost – West – Konfliktes gab es ein wachsendes Interesse an den Eigenheiten der politischen Institutionen, da fast alle ehemaligen Ostblockstaaten mit demokratischen Strukturen (neuen Institutionen) versehen wurden.

Im Folgenden möchte ich die Kennzeichen der beiden Ansätze näher betrachten. Mich interessieren die Funktionen und Ziele des rationalistischen bzw. konstruktivistischen Ansatzes. Dabei soll das Handeln der staatlichen und nicht staatlichen Akteure im internationalen System, die Entstehung von Institutionen (u.a. Regeln) und deren Aufrechterhaltung eine besondere Rolle spielen. Auch soll betrachtet werden, unter welchen Umständen internationale Institutionen zustande kommen, wie sie auf die internationale und die Innenpolitik der beteiligten Staaten wirken und wie sie konstruiert sein müssen, um Wirksamkeit zu entfalten. Des weiteren möchte ich auf Probleme der beiden Ansätze eingehen und mich jeweils etwas näher mit der Einhaltung institutionalisierter Regeln beschäftigen. Natürlich soll an verschiedenen Stellen auch ein Vergleich der beiden Ansätze gewagt werden. Dabei bin ich mir bewusst, dass sich einzelne Kennzeichen - die der Theorie entnommen sind - teilweise nur sehr schwer vergleichen lassen.

Um eine empirische Betrachtung in die Arbeit mit einfließen zulassen, soll kurz eine Betrachtung der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik stattfinden. Ziel ist es zu zeigen, wie institutionalisiertes Verhalten das gemeinsame Handeln beeinflusst.

Auch möchte ich herausarbeiten, inwieweit sich die staatlichen Akteure an die vereinbarten Regeln halten. Gerade bei der gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik sehe ich da Differenzen zwischen vereinbarter Regeln und praktischer Verwendung.

2 . Der Institutionalismus

2.1.Internationale Kooperation und Internationale Institutionen

Internationale Kooperation ist eng verknüpft mit dem Institutionalismus. Um im internationalen System zu kooperieren sind Handlungsträger nötig. Diese sind vor u.a. Staaten, Unternehmen, Internationale Organisationen und Transnationale Akteure. Das Verhalten der Akteure kann verschieden orientiert sein. Zum Beispiel an der Maximierung bzw. Erhaltung von Macht, an der strategischen Nutzenmaximierung oder der Befolgung von Normen. Dort, wo Akteure agieren, kommt es auch zu Konfliktsituationen. Die Ursachen dafür liegen u.a. im militärischen, wirtschaftlichen, ideologischen oder ethnischen Bereich. In der internationalen Kooperation spielen die Institutionen eine entscheidende Rolle - z.B. regulieren und konstituieren sie die internationalen Systeme.

Bei der theoretischen Betrachtung von Kooperation gibt es zwei entscheidende Handlungslogiken: Zum ersten die Rationalistische. Diese ist gekennzeichnet durch ihre relativ festen Interessen und das rationale Handeln der Akteure (strategisches Kosten-Nutzen Kalkül). Institutionen werden hierbei als Handlungshilfe gesehen. Man spricht somit von der Logik der individuellen Nutzensmaximierung. Die zweite Handlungslogik ist die konstruktivistische. Hier spielt das normgeleitete, gemeinwohlorientierte Handeln eine entscheidende Rolle. Die Institutionen konstituieren die Identitäten und Interessen der Akteure. Man spricht somit von der „Logik der Angemessenheit“[1].

Als Institution wird norm- und regelorientiertes Verhalten bezeichnet, welches hilft, die Verhaltenserwartungen der Akteure zu erkennen. „Durch Institutionen werden menschliche Bedürfnisse befriedigt und soziale Interaktionen strukturiert. Es werden damit zugleich Machtpositionen festgelegt, Handlungsmöglichkeiten ausgegrenzt, gesellschaftliche Freiheitschancen eröffnet und individuelle Freiheitschancen errichtet.“[2] Unter internationalen Institutionen kann man weiterhin ein Geflecht von regelmäßigen Handlungen (z.B. Meinungsbildung, Entscheidungsfindungen) verstehen.

In der internationalen Politik werden vier Typen von internationalen Institutionen unterschieden: Erstens: Internationale Organisationen (z.B. UNO, EU) diese haben Akteursqualitäten, d.h. in ihnen sind Normen und Regeln verankert, welche die Institutionen zum Handeln befähigen. Zweitens: Internationale Regime (z.B. Welthandels- und Abrüstungsregime). Diese enthalten u.a. inhaltliche Normen und Regeln, die das Verhalten der Akutere in einem bestimmten Problemfeld regulieren. Drittens: Internationale Netzwerke (z.B. Weltwirtschaftsgipfel). Diese enthalten lediglich prozentuale (keine inhaltlichen) Normen und Regeln für ein begrenztes Problemfeld. Schließlich viertens: Internationale Ordnungsprinzipien (z.B. Souveränität der Staaten). Diese beinhalten die grundlegenden Normen und Regeln, nach denen internationale Politik erfolgt. Die Normen und Regeln beziehen sich dabei nicht auf ein bestimmtes Politikfeld, sondern auf die IB im allgemeinen. Die Institutionen in der internationalen Politik lassen sich zudem in Internationale (zwischen Staaten) und Transnationale (zwischen Gesellschaften) Institutionen aufteilen.[3]

2.2. Zwei Institutionalistische Ansätze

2.2.1 Rationalistischer Institutionalismus - Neoinstitutionalismus

2.2.1.1. Kennzeichen des Rationalen Institutionalismus

Nach dem rationalistischen Ansatz werden Institutionen als formale rechtliche Gebilde und Prozesse definiert, welche mit mehr oder weniger stabilen Regeln, die Handlungsspielräume der Akteure beschränken. Daraus folgt, dass Institutionen die Beziehungen der Akteure strukturieren und deren Handeln maßgeblich beeinflussen. Die Akteure sind eigennützig und handeln in diesem institutionellen Rahmen nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung. Dabei sind die bevorzugten Ziele von außen festgelegt und eindeutig. Die Rationalisten versuchen ihre Erfolge zu maximieren, indem sie den zur Verfügung stehenden institutionellen Rahmen aber auch die Tätigkeiten der anderen Akteure nutzen.[4]

Der Neoinstitutionalismus, oder auch Rational - Choice - Institutionalismus basiert auf mehreren Grundannahmen. So finden sich im Rationalen Institutionalismus häufig Kennzeichen des Realismus. Wie im Realismus ist auch hier der Hauptakteur der Nationalstaat. Der Unterschied besteht aber darin, dass es weitere Akteure, wie global operierende Unternehmen (z.B. Microsoft), gesellschaftliche Gruppen und internationale Organisationen gibt. Diese erreichen aber trotzdem niemals den Einfluss, welchen der Staat besitzt.[5] Diese Gruppen beeinflussen die Interessenkonstellation innerhalb eines Staates, dessen Außenpolitik und gleichzeitig das Verhalten der Staaten im internationalen Raum. Aber die Interessen sind nicht nur durch den Einfluss gesellschaftlicher Gruppen bestimmt.

Ein weiteres Kennzeichen ist, dass die verschiedenen Theorien des Neoinstitutionalismus auf den Annahmen der Rational-Choice-Theorie beruhen. Diese sagt aus, dass die Akteure verschiedene Handlungsoptionen zur Durchsetzung ihrer Interessen rational bewerten. Es wird schließlich jene Handlung gewählt, die den Interessen der Akteure am meisten entspricht. Die bevorzugten Interessen (Präferenzen) der Akteure sind relativ stabil. Sie können sich ändern, wenn sich das Umfeld verändert, z.B. wenn sich die Kosten - und damit der Anreiz – erhöhen.

Ein nächstes Kennzeichen des Rationalen Institutionalismus ist die zunehmende wechselseitige Abhängigkeit (Interdependenz) zwischen den einzelnen Staaten und Gesellschaften in internationalen Systemen. Diese internationale Interdependenzen bewirken ein Interesse der Akteure an Kooperation. Für diese Kooperation wird es nun nötig internationale Institutionen zu begründen. Meist entwickeln Institutionen so etwas wie eine Eigendynamik, wodurch das Verhalten der Staaten teilweise sogar über die gesetzten Regeln hinaus beeinflusst wird. Die Kooperation ist nicht begründet auf Interessengleichheit, sondern auf dem rationalem Egoismus der Akteure. Eine Kooperation kommt nur durch Planung und Verhandlungen zustande. Im rationalistischen Ansatz geht man zudem davon aus, dass Akteure auch dann Kooperationsbeziehungen eingehen, wenn ihnen klar ist, dass sie weniger Gewinne erzielen als die Partner. Weil, die absoluten Gewinne der Akteure wichtiger als die relativen sind.[6] Das gemeinsame Interesse führt zur Entstehung von Institutionen und Organisationen. Dabei zeigt sich, dass die Schaffung der Institutionen meist schwieriger ist, als deren Fortbestand zu garantieren.

Aus diesen eben beschriebenen Kennzeichen lässt sich die zentrale Annahme des Neoinstitutionalismus erkennen. Nämlich, die internationale Politik wird durch die Regeln und Normen, die in internationalen Institutionen verankert sind geprägt.

Für den Fortbestand institutionalisierter Kooperation stehen vier Dinge. Erstens erhöhen Institutionen das Informationspotential unter den Akteuren, wodurch die Unsicherheiten und das Misstrauen unter den Akteuren abgebaut wird. Zweitens bieten Institutionen Mechanismen um die Regeleinhaltung aller Akteure zu bewirken (z.B. Finanzsanktionen). Drittens bieten Institutionen finanzielle Einsparmöglichkeiten, indem sie z.B. die Transaktionskosten des Außenhandels unter den Akteuren reduzieren. Und schließlich viertens, Institutionen beeinflussen die Interessenfindung der Akteure und beeinflussen die Interessen anderer.[7]

Einige Besonderheiten des Rationalen Institutionalismus zeigen sich sehr gut beim Vergleich mit dem Neorealismus. Zum einen sind beim Institutionalismus die Handlungszwänge der Akteure nicht so streng und auch die internationale Kooperation ist weniger schwierig herzustellen und zu unterhalten. Des weiteren geht es den Neoinstitutionalisten um absolute Kooperationsgewinne der Akteure und nicht um die relativen. (siehe oben). Die Neorealisten interessiert, welche Akteure mehr von der Kooperation profitieren wobei die Neoinstitutionalisten sich mit der Maximierung des Gesamtgewinns aller befassen. Denn Neoliberalen geht es zudem mehr um das Problem der internationalen politischen Ökonomie und sie betrachten eher die Absichten, Zielvorstellungen, Wahrnehmungen und Situationsdefinitionen der Akteure als deren Handlungsbefähigungen. Die Neoinstitutionalisten betonen zu dem immer wieder, dass Institutionen selbst unter Anarchie die Kooperation erleichtern.[8] Die Theorie beschreibt und die Praxis zeigt, dass unter den Akteuren der Institutionen internationale Arbeitsteilung und Vernetzung herrscht. Der Institutionalismus sieht Kooperation und Verflechtung als Friedenstrategie zur Überwindung der Anarchie.

2.2.1.2. Ziele und Funktionen des Rationalen Institutionalismus

Institutionen sind die Grundlage von Kooperation im internationalen System. Zudem sind Staaten im Institutionalismus rationale und einheitliche Akteure und interagieren in einem anarchisch - internationalem System. Regime und deren institutionalisiertes Verhalten werden benötigt um Kooperation unter den Staaten zu ermöglichen, sie fördern das Gesamtinteresse aller Beteiligten, fördern die Globalisierung und funktionieren am besten, wenn sie von einem wohlwollenden Hegemon (z.B. NATO à USA) gestützt und gefördert werden.[9] Der Neoliberale Institutionalismus hat das Ziel der Überwindung von Interessensgegensätzen durch die Schaffung, Erhaltung und den Ausbau von Kooperationsrahmen. Diese Rahmen erleichtern das kollektive Handeln. Je öfter Akteure in vergleichbaren Situationen miteinander kooperieren, desto mehr werden sich ihre Verhaltenserwartungen und – Strategien einander angleichen. Gleichzeitig werden Strukturen errichtet, welche den Informationsaustausch erleichtern, Verhandlungsgelegenheiten eröffnen und zur Überwachung abgeschlossener Vereinbarungen dienen. All dies geschieht in den Institutionen. Die Institutionen geben also den Handlungsrahmen der politischen Akteure vor und beeinflussen somit auch deren Verhalten. Dies geschieht z.B. durch die Festlegung von Verhaltensregeln, durch die Legitimierung politischer Rollen und durch das Setzen von Maßstäben für die gemeinsame Einschätzung und Bewertung der Realität.[10]

Beim Rationalen Institutionalismus sind die Staaten besonders auf ihr Wohlergehen bedacht und streben somit nach absoluten Gewinnen.[11] Der „homo oeconomicus“ steht im Mittelpunkt dieses Ansatzes. Er beschreibt u.a., dass es für die Akteure der internationalen Beziehungen (Nationalstaaten) wichtig ist, möglichst viel Nutzen aus den internationalen Vereinbarungen zu ziehen und dabei möglichst wenig Kosten zu haben. Um dieses Kosten-Nutzen-Prinzip zu erreichen, helfen die Institutionen. Sie bieten den nötigen organisatorischen Rahmen und helfen dabei, die Kosten für jene zu erhöhen, welche sich nicht an die Vereinbarungen halten. (z.B. durch Sanktionen).[12]

[...]


[1] Vgl. March, James G., Olsen, Johan P.: The Institutional Dynamics of International Political Orders, in: International Organization 52: Nr. 4 (1998), S. 944ff.

[2] Vgl. Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon der Politik, C.H. Beck Verlag, München 1989, S. 376.

[3] Zürn, Michael: Regieren jenseits des Nationalstaates, Frankfurt/ M. 1998, S. 176f.

[4] Vgl. http://homepage.ruhr-uni-bochum.de/Bernhard.K.Neumaerker/APOE2001/Taschowsky.pdf. (4.1.2003).

[5] Vgl. Keohane, Robert O.: International Institutions and State Power, in: International Relations Theory, Boulder, 1989, S.8.

[6] Vgl. Woyke, Wichard: Handwörterbuch der Internationalen Politik, 8. akt. Auflage, BzfpB (Hrsg.), Bonn 2000, S. 470.

[7] Vgl. Woyke, Wichard: a.a.O., S. 470.

[8] Vgl. ebd., S. 453f.

[9] Vgl. ebd., S. 473.

[10] Vgl. ebd. Woyke, Wichard: a.a.O., S. 453f. und March, James G., Olsen, Johan P.: Democratic Gouvernance, New Yourk 1995.

[11] Vgl. Keohane, Robert O.: After Hegemony: Cooperation and Discord in the World Political Economy, Princeton, 1984, S. 27.

[12] Vgl. ebd., S.89-94.

Details

Seiten
16
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638532686
ISBN (Buch)
9783638820103
Dateigröße
991 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59277
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Politikwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Institutionalismus Konstruktivistischer Rationalistischer Ansatz Theorien Internationalen Beziehungen

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