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Der Einsatz von Fragebögen im 19. Jahrhundert am Beispiel Wilhelm Mannhardts (Auswertung Weber-Kellermann)

Hausarbeit 2003 12 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Rahmenbedingungen zu Mannhardts Schaffenszeit

2. Wilhelm Mannhardt

3. Der Fragebogen aus dem Jahr 1865

4. Das Nachwirken Mannhardts

5. Literaturverzeichnis

Der Einsatz von Fragebögen im 19.Jahrhundert am Beispiel Wilhelm Mannhardts (Auswertung Weber-Kellermann)

1. Rahmenbedingungen zu Mannhardts Schaffenszeit

Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich einen gewissen Rahmen schaffen und auch einige Begriffe klären, damit man versteht, in welcher Zeit und unter welchen Umständen Wilhelm Mannhardt lebte und arbeitete.

Das 19. Jahrhundert brachte zunächst große Veränderungen in der Landwirtschaft:

So -um nur einige zu nennen- z.B. durch die Agrarreform, den Übergang von Natural- zur Geldlöhnung, einer allgemeinen Bevölkerungszunahme, die Technisierung und dem Übergang zur Fruchtwechselwirtschaft.[1]

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Landwirtschaft begann, sich kapita-

listisch zu orientieren und es zu einer Wandlung der ländlichen Sozialstruktur kam.[2]

Doch diese Neuentwicklung der ländlichen Bevölkerung wurde vor allem durch die Volkskunde vernachlässigt. So wurde ein romantisierendes Bild des Bauerntums gezeichnet, welches nicht der Realität entsprach. Vor allem durch Herder kam es zu einer Hinwendung zum eigenen Volkstum. Es wurde ein Idealbild des Bauern geschaffen, das -etwas überspitzt ausgedrückt- durch Arbeit, Tracht, Spiel und Gesang geprägt war.[3] Zudem kam es zu einer Aufwertung der frühgermanischen Glaubenswelt und die Altertumsforscher begaben sich zunehmend in mythische Tiefen.[4]

Auch die Gebrüder Grimm teilten diese romantische Sichtweise. Wilhelm Mannhardt war bekennender Grimm-Schüler und wollte dementsprechend ihr Werk fortsetzen.[5] Sein Ziel war es, einen „streng wissenschaftlichen Aufbau der Mythologie“[6] zu entwickeln.

Bei der Begriffsklärung möchte ich den ´Fragebogen` näher erläutern: Ein Fragebogen wird heute vor allem in der empirischen Sozialforschung zur Durchführung standardisierter Interviews verwendet. Er besteht aus einer genau festgelegten Abfolge von Erhebungs- und Testfragen. Besonders beliebt ist der Fragebogen heute auch in der Werbebranche, beispielsweise zur Erhebung von Verbraucherinteressen.[7] In der Volkskunde wurde diese Art der Befragung häufig angewandt, obwohl man sich der zu erwartenden Probleme bewusst war. So hatte man bei Fragebogenaktionen –wie auch bei Mannhardt geschehen- nur mit einer relativ geringen Rücklaufquote zu rechnen. Zudem waren die Angaben der oft sehr unter-schiedlichen Gewährspersonen nicht immer zuverlässig und nicht als allgemein gültig anzusehen.[8]

2. Wilhelm Mannhardt

Wilhelm Emmanuel Johann Mannhardt wurde am 26.März 1831 als Sohn einer Mennonitenpredigers in Friedrichsstadt an der Eider im Herzogtum Schleswig geboren. Mit 5 Jahren zog seine Familie nach Danzig, da der Vater dort eine Stelle als Prediger annahm und fortan einer eigenen Gemeinde vorstand. Für den jungen Wilhelm folgten nun Jahre des Privatunterrichts. Die Erzählungen der Urgroßmutter und der Mutter regen schon früh Mannhardts Interesse für volkstümliche Geschichte. Doch bereits an dieser Stelle kann man allerdings sagen, dass sein Leben zeitlebens von Verzicht und Enttäuschung gekennzeichnet war.[9] Grund dafür war vor allem seine schwere Krankheit. Wie er selbst schreibt, ist er von sehr schwacher Figur und nur 1, 50 m groß.[10] Wie sehr ihn diese Krankheit und seine asthmatischen Anfällen plagen, schreibt er selbst:

„Denn von Geburt an auffallend klein und schwach und oft durch Krankheit dem Rande des Todes nahe gebracht, wurde ich in meinem Wachstum seit dem siebenten Jahr noch mehr durch eine Rückgratsverkrümmung gehemmt, welche trotz aller dagegen angewandten Mittel mehr und im höchsten Grade zunahm und schließlich alle jene Übel erzeugte, welche die Folgen eines aus den Fugen geratenen Gliederbaues sind, Asthma, Nervenschwäche und eine große Langsamkeit der Bewegungen, welche sich in allen meinen Arbeiten mitteilte.“[11]

Allerdings ´nützt` Mannhardt diese Krankheit zur frühen Lektüre von Märchen, Volksliedern und Sagen. Er besucht ab 1842 das Danziger Gymnasium und zeigt Interesse an deutscher Sprache, Literatur und mythologischen Themen. 1848 lernt er Jakob Grimms „Deutsche Mythologie“ kennen: „So habe ich,(…), das schwer errungene Meisterwerk von Anfang bis Ende gelesen – und die Richtung meines Lebens war entschieden.“[12]

1848 befindet sich Mannhardt auf Erholungsurlaub auf der Halbinsel Hela und sammelt dort Sagen und heidnische Altertümer aus dem Volksmund.[13] Im Frühjahr 1851 legt der 20-jährige seine Abiturprüfung nieder und geht anschließend an die Uni Berlin (später auch Uni Tübingen). Dort studiert er Germanische Sprachen, Sanskrit und Geschichte. Außerdem lernt Mannhardt viele Gelehrte kennen: u.a. seinen späteren Freund Müllenhof, Johann Wilhelm Wolf, Hoffmann von Fallersleben und andere. 1854 promoviert er in Tübingen und übernimmt 1855 die Fortsetzung von Wolfs „Zeitschrift für deutsche Mythologie und Sittenkunde“.[14]

Er erkennt bereits die Vorzüge der vergleichenden Methode, weshalb er später auch in den Nachbarländern Deutschlands seinen Fragebogen verteilt. Ab 1855 ist er in Berlin und hat persönlichen Kontakt mit den Gebrüdern Grimm. Aus finanziellen Gründen wird er Hauslehrer in Berlin und Schlesien. 1857 habilitiert er sich an der Uni Berlin und liest im Wintersemester 59/60 über Mythologie. Zudem erscheinen einige Aufsätze in der Zeitschrift für Mythologie und 1858 sein erstes Buch „Germanische Mythen“ und „Götterwelt der deutschen und nordischen Völker“. 1858 geht die „Zeitschrift für Mythologie“ nach Erscheinen des vierten Bandes wegen Abonnentenmangel ein. Anfang der 60er Jahre bemüht sich Mannhardt vergeblich um eine Professur in Halle und Kiel. Darauf folgt ein erneuter gesundheitlicher Zusammenbruch, der ihn 1863 zum Umzug ins Elternhaus nach Danzig zwingt. Er nimmt daraufhin eine Bibliothekarsstelle in der Danziger Stadtbibliothek an, wo er bis 1873 angestellt bleibt.[15]

Mannhardt baute in dieser Zeit nach und nach die Grimmschen Vorstellungen der Welt der Mythen aus und kam letztendlich sogar zu neuen und wichtigen Ergebnissen, die zum Teil maßgeblich für die volkskundliche Wissenschaft wurden. Um eine breitere Basis für seine Forschungen zu schaffen, entschied er sich früh dazu, eine methodische Befragung durchzuführen. „Monumenta mythica Germanicae“[16], eine „Germanische Sittenkunde“ sollte entstehen, in der einzelne Volkstraditionen der Gegenwart und Vergangenheit flächendeckend dargestellt werden.[17] Diese Idee stellt Mannhardt bereits 1858 in einem Referat vor dem „Gesammtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine“ vor. Anschlie-ßend entwickelt er „in Verfolgung seines Zieles eine `Bitte´ von 25 Fragen, die er später auf 35 erweiterte und 1865 in 150 000 Exemplaren durch ganz Deutschland und die angrenzenden Länder verschickt.“[18] Durch eine Empfehlung Müllenhofs bekommt Mannhardt zudem Unterstützung der Berliner Akademie der Wissenschaften. Mannhardts Plan einer umfassenden Sammlung, den er seit 1854 entwickelte, schien aufzugehen. Schon damals hatte ihn die „Lückenhaftigkeit der Überlieferung(en)“[19] gestört:

„Es war nötig, die Hebel weit tiefer einzusetzen, um die bemoosten Steine von den Grabkammern der Vorzeit zu lösen. Nur wenn es gelang, alle Überlieferungen in allen ihren Formen und Varianten zu sammeln, die ethnographische Grenze ihrer Verbreitung genau festzustellen und zugleich überall die der Zeit nach frühestens erhaltenen Zeugnisse für dieselben aufzufinden, durfte man hoffen, zu festen und sicheren Ergebnissen über den Ursprung, die älteste Bedeutung, die ursprüngliche Gestalt, die allmählichen Veränderungen und Verzweigungen jedes einzelnen Gebrauches und jeder einzelnen Sage und Mythe zu gelangen und festzustellen, welcher Zeit und welchem Volke ihre Entstehung angehörte. – Damit wäre dann die Mythologie als eine positive exakte Wissenschaft begründet.“[20]

[...]


[1] Vgl. Weber-Kellermann 1965, S. 1

[2] Vgl. Weber-Kellermann 1965, S. 2

[3] Vgl. Weber-Kellermann 1965, S. 3

[4] Vgl. Weber-Kellermann 1969, S. 25

[5] Vgl. Brednich 2001, S. 365

[6] Weber-Kellermann 1969, S. 25

[7] Vgl. Brockhaus 1988, S. 495

[8] Vgl. Brednich 2001, S. 93

[9] Vgl. Weber-Kellermann 1965, S. 9

[10] Vgl. Weber-Kellermann 1965, S. 10

[11] Weber-Kellermann 1965, S. 9f

[12] Weber-Kellermann 1965, S. 10

[13] Vgl. Weber-Kellermann 1965, S. 10

[14] Vgl. http://www.bautz.de/bbkl/m/mannhardt.shtml <<05.01.2003>>

[15] Vgl. Weber-Kellermann 1965, S. 12

[16] Brednich 2001, S. 41

[17] Vgl. Weber-Kellermann 1965, S. 13

[18] Weber-Kellermann 1965, S. 14

[19] Weber-Kellermann 1965, S. 15

[20] Weber-Kellermann 1965, S. 15

Details

Seiten
12
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638535274
ISBN (Buch)
9783638884655
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59648
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Einsatz Fragebögen Jahrhundert Beispiel Wilhelm Mannhardts Weber-Kellermann) Interesse Land Leuten Beginn Volkskunde“

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