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Geriatrie - Ein interdisziplinärer Ansatz in der Altenhilfe

Hausarbeit 2006 30 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Bild vom alten Menschen

3 Geriatrie als methodischer Ansatz in der Altenhilfe
3.1 Gerontologie
3.2 Grundzüge der Geriatrie
3.3 Geriatrisches Assessment
3.4 Rehabilitation

4 Bedeutung der einzelnen Berufsfelder in der Geriatrie
4.1 Sozialarbeit
4.2 Medizin
4.3 Kranken- und Altenpflege
4.4 Ergotherapie
4.5 Physiotherapie
4.6 Psychologie

5 Die interdisziplinäre Rolle des Geriaters

6 Schlussbetrachtung

Anhang

Fragebögen im geriatrischen Assessment

Bibliografie

1 Einleitung

Die Gesellschaft altert – wie oft hört man seit einigen Jahren diesen Satz? Sehr oft. Der demografische Wandel, der seit einiger Zeit in mehr oder weniger allen Industrienationen zu beobachten ist, und die damit einhergehende Zunahme des Anteils alter Menschen zwingen die Gesellschaft zum Umdenken. Bislang war die soziale Fürsorge des Staates sehr stark auf die Jugend ausgerichtet. Dies reicht jedoch nicht mehr aus, denn mit dem Alter einhergehende Behinderungen und Pflegebedürftigkeit können nicht länger übersehen werden. Beide Komponenten steigen in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich überproportional an. In den vergangenen Jahren hat daher ein Arbeitsgebiet zunehmend an Bedeutung gewonnen – die Geriatrie.

Doch was ist die Geriatrie genau? Worauf versucht sie konkret Antworten zu finden? Und welche Bedeutung nimmt sie in der Altenhilfe ein? Ziel dieser Arbeit ist es, die Geriatrie als interdisziplinären Ansatz zu beleuchten und ihre Bedeutung in der präventiven und rehabilitativen Arbeit mit alten Menschen herauszustellen.

Daher wird eingehend das Bild vom alten Menschen beschrieben, um einen ersten Überblick über Krankheit und Behinderung im Alter zu bekommen. Im Folgenden soll die Geri­atrie als methodischer Ansatz in der Altenhilfe vorgestellt werden. Hierbei wird auf wissenschaftliche Grundlagen, Anliegen, Aufgaben und Ziele der Geriatrie eingegangen. Im Folgenden ist die Bedeutung der verschiedenen geriatrischen Berufsfelder zu erörtern, um die Interdisziplinarität dieses Ansatzes zu unterstreichen. Abschließend ist es Anliegen dieser Arbeit, weiterführende Gedanken und mögliche Aufgaben des Geriaters als interdisziplinär Tätiger zu präsentieren.

Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, die Geriatrie vollständig darzustellen. Der gesamte Ansatz ist dafür schlicht zu umfassend. Stattdessen ist es Intention, (neue) Chancen für einen alternativen Umgang mit dem Phänomen „Alter“ aufzuzeigen.

2 Das Bild vom alten Menschen

Der alte Mensch stellt ein höchst komplexes Bild dar. Es ist schwierig, eine allgemein gültige Aussage über seinen Zustand zu treffen – zu individuell und damit unterschiedlich gestaltet sich der Lebensabend eines Menschen.

Und doch kann zumindest eines gesagt werden: Alter und Krankheit sind bzw. werden oft eng miteinander verknüpft. Zwar ist das viel verbreitete Bild von der Verschlechterung der Lebensqualität sehr allgemein und mit Recht kritisch zu sehen. Trotzdem sind es die Häufigkeit und die Vielzahl an Krankheiten, die typisch für das höhere Lebensalter sind. Multimorbidität bedeutet demnach das parallele Vorliegen mehrerer anhaltender Erkrankungen. Diese beeinflussen und verstärken sich oft gegenseitig maßgeblich, so dass deren einzelne Chronifizität noch erhöht wird.[1] Damit lässt sich auch die mit zunehmendem Alter erhöhte Pflegebedürftigkeit erklären.

Das besondere Bild des alten Menschen in der Geriatrie, im Folgenden der „geriatrische Patient“, ist nach Runge und Rehfeld dadurch gekennzeichnet, dass eine Heilung der Krankheiten in der Regel überhaupt nicht mehr möglich ist. Bleibende Schäden, Funktionseinschränkungen mit Auswirkungen auf das soziale Leben und weitere Folgeerkrankungen treten ein. Man spricht in diesem Fall von Behinderung. Daher lässt sich der geriatrische Patient auch als der behinderte oder pflegebedürftige oder von Behinderung oder Pflegebedürftigkeit bedrohte Patient definieren.[2]

Die nachfolgenden Abbildungen machen dies noch einmal deutlich. Behinderung und Pflegebedürftigkeit steigen demnach mit dem Alter überproportional an.

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle[3]

Abbildung 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle[4]

Und doch fehlen bei alten Menschen oft erkennbare Befunde und Beschwerden, die auf das erkrankte Organ hinweisen. Stattdessen ist eine allgemeine Leistungsminderung, oft als funktioneller Einbruch erlebt, erstes Warnzeichen und ein Vorbote des Alterns und der damit einhergehenden (schweren) Erkrankung. Hierzu gehören Zeichen wie erhöhte Instabilität, verminderte Anpassungsfähigkeit und die nur noch begrenzte Fähigkeit, vorliegende Schwächen zu kompensieren.[5]

Diese unterschiedlichen Ursachenherde für Krankheiten im Alter machen deutlich, wie verschieden die Krankheitsbilder und –erscheinungen aussehen. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass keine allgemein gültige Benennung von Krankheiten erfolgen kann. Wohl aber ist es möglich, Krankheiten ausfindig zu machen, die im höheren Lebensalter statistisch verstärkt vorkommen. Altsein geht nach Wojnar vor allem mit der Abnahme von Nervenleistungen, Muskelmasse und körperlicher Leistungsfähigkeit, Beeinträchtigung der Sehschärfe und der Farbwahrnehmung, verminderter Sauerstoffversorgung des Gehirns, Verlangsamung kognitiver Prozesse, Störung der Thermoregulation sowie Herzkreislauferkrankungen einher.[6] Diese zunächst sehr diagnostisch klingenden Zuschreibungen sind im Alltagsleben alter Menschen deutlich wieder zu erkennen: So sind Gangunsicherheiten bis hin zu völliger Gehbehinderung, Demenzen, Bluthochdruck oder grauer Star Erkrankungen, die vielfach in dieser Gruppe anzutreffen sind.

Körperliche Missstände rufen psychische Probleme hervor. Jeder Mensch leidet unter Krankheiten, alte Menschen ganz besonders, zumal es bei ihnen um den Verlust von Kompetenzen geht. Bonomo stellt in diesem Zusammenhang fest: „Je mehr Kompetenzen man abgeben muss, desto größer wird die Hilflosigkeit.“[7] Der psychische Leidensdruck kann folglich als sehr hoch angesehen werden.

Nicht zuletzt haben physische und psychische Kompetenzverluste Auswirkungen auf das soziale Wohlbefinden eines alten Menschen.[8] Auf diesen Zusammenhang wird noch einzugehen sein. Vorab sei aber bereits erwähnt, dass es eine zwangsläufige Begleiterscheinung von Alterskrankheiten und deren Folgen ist, wenn sich der alte Mensch in der sozialen Gemeinschaft ausgegrenzt fühlt. Ebenso muss, so Wahl und Heyl, natürlich berücksichtigt werden, dass psychosoziale Gegebenheiten auf das Erscheinungsbild des alten Menschen einwirken. Entsprechend nimmt das Wohlbefinden tendenziell ab.[9] Dies wird in nachfolgender Grafik deutlich.

Abbildung 3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle[10]

Noch einmal sei betont: Es geht nicht darum, der Gruppe der Senioren pauschal irgendwelche Krankheiten zuzuschreiben. Entscheidend für die Geriatrie ist das Wissen über das multifaktorielle Krankheitsbild des oftmals multimorbiden Menschen. Entsprechend müssen Gerontologie und Geriatrie hiervon ausgehend ihre Arbeitsweise gestalten und Maßnahmen zur Zusammenarbeit mit und Behandlung von alten Menschen erschließen.

3 Geriatrie als methodischer Ansatz in der Altenhilfe

3.1 Gerontologie

Der Begriff „Gerontologie“ setzt sich aus den griechischen Silben „Geront“ und „Logie“ zusammen. „Geront“ bedeutet „Alter Mensch“, „Logie“ meint die „Lehre“ bzw. „Wissenschaft“. Die Gerontologie ist demnach die Lehre bzw. Wissenschaft vom alten Menschen.

Baltes und Baltes nennen eine konkretere Definition:

„Gerontologie beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und des Alters, einschließlich der Analyse von alternsrelevanten und alternskonstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen.“[11]

Damit wird deutlich, dass Gerontologie sich mit den Merkmalen vom Bild des alten Menschen auseinandersetzt, wie sie bereits in Kapitel 2 beschrieben wurden.

Entsprechend ist die Gerontologie, so Wahl und Heyl, als eine multidisziplinäre Wissenschaft aufzufassen, die systematisch und intersubjektiv arbeitet. Die wesentliche Aufgabe ist die Sammlung und Erfassung von Daten. Diese gilt es auszuwerten und hinsichtlich ihrer Bedeutung zu interpretieren.[12]

Der Gerontologie als Wissenschaft liegen dabei drei Zugangsweisen zugrunde: Alter, Altern und alte Menschen. Alter spielt vorrangig auf die soziale Repräsentation an, also die Bedeutung, die der alte Mensch innerhalb der Gesellschaft hat. Es wird danach gefragt, welche sozialen Folgen das Alter mit sich bringt – mehr Aufmerksamkeit oder eher Diskriminierung durch die Gesellschaft. Altern hebt vor allem darauf ab, den Prozess des Altwerdens zu fokussieren. Gemeint ist die Veränderung der körperlichen und psychischen Situation des älter werdenden Menschen. Zuletzt bleibt der Begriff von alten Menschen. Dieser weist darauf hin, dass alte Menschen die Zielgruppe von Gerontologie und der damit verbundenen Alternsforschung sind. Die drei benannten Kategorien ergänzen sich gegenseitig.[13]

Erkennbar wird, dass die Gerontologie anhand dieser Vorgehensweise tatsächlich auf alle von Baltes und Baltes eingangs benannten Aspekte eingeht. Körperliche, psychische, soziale, historische und kulturelle Aspekte des Alterns und des Alters sind Komponenten, die in irgendeiner Form erfasst werden, um den geriatrischen Patienten umfassend zu verstehen.

Es ist aber darauf hinzuarbeiten, dass die Ergebnisse der gerontologischen Forschung nicht nur dem alten Menschen zugute kommen (dies natürlich vorrangig!), sondern auch in den gesellschaftspolitischen Raum vermittelt werden.[14]

Zusammenfassend lässt sich damit festhalten, dass die Gerontologie die (theoretische) Vorarbeit für die Geriatrie leistet. Hierauf soll im Folgenden näher eingegangen werden.

3.2 Grundzüge der Geriatrie

„Geriatrie gilt als die Lehre von den Besonderheiten der Symptomatik, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation von Krankheiten und Krankheitszuständen im höheren und hohen Lebensalter.“[15]

„Geriatrie ist die Altersheilkunde, die Lehre von den Krankheiten des alternden und alten Menschen, ihrer Vorbeugung und Behandlung.“[16]

Beide Definitionen kommen jener der Gerontologie recht nahe. In der Tat gehören Gerontologie und Geriatrie untrennbar zusammen und können auch nicht eindeutig voneinander unterschieden werden. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, dass die Gerontologie die theoretische Vorarbeit für die Geriatrie leistet. Nach Wojnar kann die Geriatrie daher als Teilgebiet der Gerontologie betrachtet werden.[17] Liegen die Schwerpunkte der Gerontologie in der Beobachtung, Beschreibung und Bewertung, so lässt sich anhand der o.g. Definitionen erkennen, dass die Schwerpunkte der Geriatrie in der Behandlung von und im Umgang mit alten Menschen liegen. Dieser beinhaltet vorrangig Prävention und Behandlung mit dem Ziel der Rehabilitation.

[...]


[1] vgl. Runge, Martin; Gisela Rehfeld: Geriatrische Rehabilitation im Therapeutischen Team. 2.Auflage. Stuttgart; New York. 2001. S.9f.

[2] vgl. Runge; Rehfeld 2001. S.10f.

[3] Runge; Rehfeld 2001. S.11.

[4] Runge; Rehfeld 2001. S.12.

[5] vgl. Runge; Rehfeld 2001. S.10ff.

[6] vgl. Wojnar, Jan: Geriatrie. S.387. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit. 5.Auflage. Frankfurt am Main 2002. S.386-387.

[7] Bonomo, Elisabeth: Physiotherapie in der Palliativen Geriatrie. S.184. In: Kojer, Marina (Hrsg.): Alt, krank und verwirrt. Einführung in die Praxis der Palliativen Geriatrie. 2.Auflage. Freiburg im Breisgau 2003. S.182-186.

[8] vgl. Jüttner, Eberhard: Altenpflege. S.20f. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.) 2002. S.20-22.

[9] vgl. Wahl, Hans-Werner; Vera Heyl: Gerontologie – Einführung und Geschichte. Stuttgart 2004. S.175f.

[10] Wahl; Heyl 2004. S.175.

[11] Baltes, P.B.; M.M. Baltes: Gerontologie: Begriff, Herausforderung und Brennpunkte S.8. In: Baltes, P.B.; J. Mittelstraß (Hrsg.): Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung. Berlin 1992. S.1-34. Nach: Wahl; Heyl 2004. S.35.

[12] vgl. Wahl; Heyl 2004. S.31ff.

[13] vgl. Wahl; Heyl 2004. S.14ff.

[14] vgl. Wahl; Heyl 2004. S.61.

[15] Zippel, Christian: Gerontologie, Geriatrie und Geriatrische Rehabilitation. S.44. In: Zippel, Christian; Sibylle Kraus (Hrsg.): Soziale Arbeit mit alten Menschen. Sozialarbeit in der Altenhilfe, Geriatrie und Gerontopsychiatrie. Ein Leitfaden für Sozialarbeiter und andere Berufsgruppen. Berlin 2003. S.43-63.

[16] Füsgen, Ingo; J.D. Summa: Geriatrie. Studienbuch für Krankenschwestern, Krankenpfleger, Altenpflegerinnen, Altenpfleger und medizinisch-technische Assistentinnen. 2.Auflage. Stuttgart; Berlin; Köln 1990. S.20.

[17] vgl. Wojnar 2002. S.386.

Details

Seiten
30
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638535519
ISBN (Buch)
9783638644594
Dateigröße
995 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59680
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Geriatrie Ansatz Altenhilfe Sonderpädagogik

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