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"Im Namen unbekannter Herren". Das entzogene Zentrum in Franz Kafkas Romanen 'Der Proceß' und 'Das Schloß'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
„Im Namen unbekannter Herren“ – Das entzogene Zentrum in Franz Kafkas Romanen Der Proceß und Das Schloß
1. Rechtfertigung, Anerkennung: Josef K., K. und Franz K
2. Charakteristika der entzogenen Zielinstanzen
3. Die Rolle der Helfer auf dem Weg zu den Zielinstanzen
4. Deutungsmöglichkeiten des Gerichts und des Schlosses: Die Gegenüberstellung von Lebensordnungen und die Frage nach einem übergreifenden Sinn und dessen Erkenntnis

Schluß

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Je länger er hinsah, desto weniger erkannte er“ (S 123)[1]. Diese Beobachtung, die der Landvermesser K. über das Schloß anstellt, ist symptomatisch für das Verhältnis des Helden zu einer Instanz, der sein ganzes Streben gilt. Gleiches trifft auf Josef K. aus dem Proceß -Roman zu, den selbst kurz vor seinem Tod die Frage nicht losläßt, wo das hohe Gericht zu finden sei, zu dem er zeit seines Lebens nicht vordringen konnte (P 241).

Franz Kafka entwirft in den 1914-1915 (Der Proceß) und 1922 (Das Schloß) entstandenen Romanen das Bild einer Welt, die im Wesentlichen von zwei Komponenten bestimmt wird: einem unscharf gezeichneten Zentrum, das die gesamte Lebenswirklichkeit durchdringt und beherrscht, sowie einem „peripheren Raum“, der „um dieses Zentrum herum radial abgestuft“ ist und die Dorfbewohner um K. bzw. die Menschen in Josef K.s nächster Umgebung umfaßt und in Kategorien einteilt – „je näher dem Zentrum, desto mächtiger, wissender, wertvoller“.[2] In dieses Geflecht einer strahlenden Mitte und ihrer Kreise gelangen nun die Protagonisten und versuchen, sich Zugang zum Kern zu verschaffen mit Hilfe von Menschen, die sich in einer günstigen Nähe zu diesem Kern befinden. Wenn die Hilfe von Frauen ausgeht, nimmt die Zielgerichtetheit der Protagonisten meist ab und das Augenmerk richtet sich auf erotische Belange, an die sich die Möglichkeit einer bürgerlichen Lebensweise im Familienkreis knüpft. Alle Hilfeversuche enden jedoch in der Hinsicht ohne Erfolg, daß sie den Protagonisten seinem Ziel nicht wirklich näher bringen. Im Zuge dieser Irrungen erahnen K. und besonders Josef K. die Verfehltheit ihrer bisherigen Lebens- und Handlungsweise. Ein explizites Geständnis jener Schuld, die der Erzähler ebenso vage hält wie die Instanz, die sie feststellt, gibt es jedoch nicht. Statt dessen ringen die Protagonisten unaufhörlich um Anerkennung ihrer Existenz, indem sie sich um Rechtfertigung vor der Instanz bemühen. Auffällig ist weiterhin, daß ihr Erreichen zwar durchweg das Ziel aller Bestrebungen bleibt, daß sie sich aber dennoch nicht davor scheuen, bestimmte Handlungsweisen der Instanz zu kritisieren.

Josef K.s Irrweg durch die Verästelungen des Gerichts endet mit seiner Ermordung im Steinbruch. Der Geschichte des Landvermessers K. bricht Kafka mitten im Satz ab, ohne daß K. bis zu diesem Punkt dem Schloß wesentlich näher gekommen wäre. In beiden Fällen scheitern die Protagonisten daran, eine Instanz zu erreichen, die Ziel ihres Strebens und Existenzbedrohung zugleich ist.

Ich beginne mit einer Analyse der Ziele, welche die Protagonisten und ihren Schöpfer Franz Kafka antreiben, und werde dann auf die Charakteristika der entzogenen Zielinstanzen, Gericht und Schloß, eingehen. Es folgt eine Untersuchung der Rolle der ‚Helfer’, besonders der Frauen, denen Josef K. und K. begegnen. Abschließend möchte ich einige Deutungsmöglichkeiten für das Gericht und das Schloß erörtern, wobei ich Gerhard Neumanns Interpretation hervorheben werde, der in den Texten Kafkas eine Kluft zwischen „Liebesordnung und [...] Amtsordnung“ erkennt, die der Protagonist durch ein verbindendes Drittes vergeblich zu überbrücken versucht.[3] Hierbei spielen Kafkas Erfahrungen mit Frauen einerseits und die innere Notwendigkeit des Schreibens andererseits eine wesentliche Rolle – ein Konflikt, der den Autor zeitlebens gleich einem inneren Prozeß begleitete. In diesem Zusammenhang gehe ich auch auf Detlef Kremers Proceß -Analyse ein, in der deutlich wird, wie stark in die Darstellung der Amtsordnung Metaphern der Schriftlichkeit einfließen und den Romanen so einen Subtext einschreiben, der vom Schreiben des Romans im Besonderen und von der (Un-) Möglichkeit hermeneutischen Verstehens andererseits, etwa durch die Schrift, handelt.[4] Kafka schickt seine Protagonisten auf die Suche nach einem „gemeinsamen allgemeinen Prinzip“, das sich hinter „der Vielfalt des Besonderen“ befinden könnte.[5] Josef K. und K. sehen dieses Prinzip in den hohen Herren des Gerichts und des Schlosses verkörpert. Da die Instanzen jedoch entzogen bleiben, stellt sich die Frage, ob es sich nicht um ein zielgerichtetes Gehen ohne Ziel handelt, um einen Irrweg also, für dessen Beschreitung eine unberechtigte, ja sogar sündige Hoffnung auf Erkenntnis verantwortlich gemacht werden muß.

„Im Namen unbekannter Herren“ – Das entzogene Zentrum in Franz Kafkas Romanen Der Proceß und Das Schloß

1. Rechtfertigung, Anerkennung: Josef K., K. und Franz K.

Über den Hintergrund der Protagonisten des Proceß - und des Schloß -Romans erfährt der Leser wenig. Während bei Josef K. noch der Vorname gegeben ist, reduziert sich die Identität des Schloß -Protagonisten auf ein schlichtes ‚K.’. Es gilt als gesichert, daß Josef K. Angestellter einer Bank ist und ein recht karges Sozialleben führt, unverheiratet und ohne Freunde außerhalb der Geschäftswelt (P 12, 26). K. sagt über sich selbst, er sei „so weit von Frau und Kind“, was aber entweder in Vergessenheit gerät oder nicht stimmt, denn später erklärt er im Beisein der Wirtin, er wolle Frieda heiraten (S 14, 61). Klar ist auch nicht, ob er tatsächlich Landvermesser ist. Er gibt sich zwar als solcher aus, aber als er später der Wirtin seinen Beruf erklärt, glaubt sie ihm nicht: „Du sagst nicht die Wahrheit“ (P 11, 378). K. antwortet darauf lapidar, die Wirtin sage sie ja auch nicht. Insgesamt entsteht der Eindruck, die Protagonisten kommen aus dem luftleeren Raum und müssen im Lauf der Romanhandlung erst zu sich selbst finden.[6] Dies geschieht in einem Raum, der ihnen als Fremde erscheint und den sie zu ihrer Heimat machen wollen: Josef K. muß sich in einer ehemals vertrauten Umgebung, die ihn anklagt, zurechtfinden, K. wiederum dringt in einen tatsächlich fremden Raum ein, den er sich „durch Vermessung anzueignen“ versucht.[7]

Die „Dialektik von Heimat und Ferne“ erinnert an den klassischen Bildungsroman.[8] Kafka verbindet mit dem Auszug in die Ferne jedoch die Gefahr, zu weit in die Fremde zu geraten[9] :

Ich bin zu weit, bin ausgewiesen, habe da ich doch Mensch bin und die Wurzeln Nahrung wollen, auch dort „unten“ (oder oben) meine Vertreter, klägliche ungenügende Komödianten, die mir nur deshalb genügen können [...] weil meine Hauptnahrung von anderen Wurzeln in anderer Luft kommt, auch diese Wurzeln kläglich, aber doch lebensfähiger. (T 895 f.)

Diese Hauptnahrung ist ihm das Schreiben, aber in seinem vorletzten Lebensjahr, als er das Schloß niederschrieb, hatte er längst das Gefühl, sich einem normalen Leben entfremdet zu haben.[10] Während der Proceß ihn aus der Lebenskrise befreien sollte, die durch die Trennung von Felice Bauer entstanden war, setzte Kafka im Falle des Schlosses keine Hoffnung mehr auf die vermeintlich befreiende Kraft der „Darstellung meines traumhaften inneren Leben“ (T 546). Der letzte Roman sollte das (Lebens-) Ende herbeiführen, wie Kafka auf einer Karte an Max Brod schrieb.[11]

Um so erstaunlicher mutet die Tatkraft an, mit der er seinen Schloß -Protagonisten ausstattet. Im Proceß verfolgt auf den ersten Blick die Macht den Menschen; im Schloß verfolgt der Mensch die Macht.[12] K. beabsichtigt, mit dem Schloß einen „Kampf“ aufzunehmen, der auf die „Anerkennung seiner Rechte auf Aufenthalt und eine Arbeit“ ausgerichtet ist.[13] Er kämpft als „Angreifer“ „für etwas lebendigst Nahes [...] für sich selbst“ (S 73). In einer verworfenen Version der Anfangsszene gesteht K. dem Zimmermädchen:

Ich habe eine schwere Aufgabe vor mir und habe ihr mein ganzes Leben gewidmet. Ich tue es fröhlich und verlange niemandes Mitleid. Aber weil es alles ist, was ich habe, diese Aufgabe nämlich, unterdrücke ich alles was mich bei ihrer Ausführung stören könnte, rücksichtslos. Du, ich kann in dieser Rücksichtslosigkeit wahnsinnig werden. (SA 115 f.)

Nicht gestrichen hat Kafka eine ähnliche Passage im Schloß , in der sich K. um Hans’ kranke Mutter bemühen will, durch die er sich Zugang zum Schloß verspricht: „Wenn er ihnen [den Hoffnungen] nachging, und er konnte nicht anders, so mußte er alle seine Kraft darauf sammeln, sich um nichts anderes sorgen“ (S 187). Zu genau diesem Entschluß kommt auch Josef K., wenn er sich sagt, er müsse sich „wenigstens für den Augenblick ganz und gar dem Gericht aussetzen“ (P 138). Ihm wird klar, daß eine „sorgfältige Verteidigung“ bedeutet, daß man „sich von allem andern möglichst abzuschließen“ hat (P 139). Solch rigorose Passagen weisen eine verblüffende Ähnlichkeit mit Kafkas eigenem Lebensgefühl auf. Am 15. August 1913 trägt er in sein Tagebuch folgende Zeilen ein: „Ich werde mich bis zur Besinnungslosigkeit von allen absperren. Mit allen mich verfeinden, mit niemandem reden“ (T 190). Mit der Methode hermetischer Selbstabriegelung hatte er immerhin 1912 den größten Teil des Verschollenen , Das Urteil sowie Die Verwandlung erfolgreich zu Papier gebracht, und zwar auf „selbstvergessene, halluzinatorische und doch konzentrierte und kontrollierte“ Art und Weise.[14]

[...]


[1] Folgende Abkürzungen liegen dem Text zugrunde:

B = Max Brod / Franz Kafka: Eine Freundschaft. Bd. 2: Briefwechsel. Hrsg. v. Malcolm Pasley, Frankfurt a. M. 1989.

Br = Franz Kafka: Briefe 1902-1924. Lizenzausgabe v. Schocken Books New York. Hrsg. v. Max Brod, Frankfurt a. M. 1958.

ChM = Franz Kafka: Beim Bau der chinesischen Mauer und andere Schriften aus dem Nachlaß. In der Fassung der Handschrift. 4. Aufl. Hrsg. v. Hans-Gerd Koch, Frankfurt a. M. 1994.

H = Franz Kafka: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande. Hrsg. v. Max Brod, Frankfurt a. M. 1953.

J = Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt a. M. 1968.

M = Franz Kafka: Briefe an Milena. Erweiterte und neu geordnete Ausgabe. Hrsg. v. J. Born und M. Müller, Frankfurt a. M. 1983.

P = Franz Kafka: Der Proceß. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Malcom Pasley, Frankfurt a. M. 1990.

S = Franz Kafka: Das Schloß. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Malcolm Pasley, Frankfurt a. M. 1981.

SA = Franz Kafka: Das Schloß. App.-Bd. Hrsg. v. Malcom Pasley, Frankfurt a. M. 1982.

SN1 = Max Brod: 1. Nachwort zu: Franz Kafka: Das Schloß. Hrsg. v. Max Brod, Frankfurt a. M. 1951.

T = Franz Kafka: Tagebücher. Hrsg. v. Hans-Gerd Koch et. al., Frankfurt a. M. 1990.

[2] Jiří Stromšik: Die Schuld der Schuldlosen. Das Volk im Schloßfragment. In: Das Schuldproblem bei Franz

Kafka, hrsg. von der Österreichischen Franz-Kafka-Gesellschaft, Wien 1995, 79-94; 83.

[3] Gerhard Neumann: Franz Kafkas Schloß -Roman. Das parasitäre Spiel der Zeichen. In: Franz Kafka:

Schriftverkehr, hrsg. von Wolf Kittler und Gerhard Neumann, Freiburg im Breisgau 1990, 199-221; 212-

214.

[4] Detlef Kremer: Franz Kafka, Der Proceß . In: Nach erneuter Lektüre: Franz Kafkas Der Proceß , hrsg. von Dieter Zimmermann, Würzburg 1992, 185-199; 188.

[5] Stromšik, 86.

[6] Neumann, 199.

[7] Neumann, 204.

[8] Ebd., 203.

[9] Michael Müller: Das Schloß . In: Interpretationen, Franz Kafka, Romane und Erzählungen, hrsg. v. Michael

Müller, Stuttgart 2003, 253-283; 275.

[10] Ebd., 276.

[11] Ebd., 276.

[12] František Kautman: Die Welt Franz Kafkas. Prag 1996, 208 f.

[13] Ebd., 210.

[14] Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen. Frankfurt a. M. 2002, 116.

Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638537544
ISBN (Buch)
9783638642859
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59969
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Deutsches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Namen Herren Zentrum Franz Kafkas Romanen Proceß Schloß Kafka Romane

Autor

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