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Geisteswissenschaftliche Pädagogik

Hausarbeit 2002 25 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geisteswissenschaftliche Pädagogik (GP)
2.1 Was heißt Geisteswissenschaftliche Pädagogik?
2.2 Geschichte der GP

3. Gemeinsamkeiten der geisteswissenschaftlichen Pädagogik
3.1 Hermeneutik
3.2 Geschichtlichkeit
3.3 Primat der Praxis
3.4 Pädagogischer Bezug
3.5 Autonomie der Pädagogik
3.6 Theorie – Praxis – Verhältnis

4. Auffassung verschiedener Theoretiker (Differenzen)
4.1 F. D. E. Schleiermacher
4.2 W. Dilthey
4.3 H. Nohl
4.4 E. Weniger
4.5 W. Flitner

5. Diskussion über die Berechtigung der Bezeichnung

6. Literaturangabe

1. Einleitung

In dem Seminar „Probleme pädagogischer Wissenschaftstheorie“ behandelten wir verschiedene wissenschaftstheoretische Probleme in der Pädagogik.

Zuerst wurde das Seminar in 3 große Bereiche gegliedert, die wie folgt lauten: Wissenschaftsphilosophie, Sprache und Logik und die Methodenlehre.

Im ersten großen Bereich, in der Wissenschaftsphilosophie, erörterten wir die Definition von Wissenschaft, wobei festgestellt wurde, dass die Wissenschaft Antworten auf Probleme sucht, und dabei wieder neue Probleme findet. Wissenschaft ist eine geistige Tätigkeit, die einem Kulturbereich zugehörig und durch den Zentralwert „Wahrheit“[1] bestimmt ist. Die Arbeit eines Wissenschaftlers liegt darin, diesen Zentralwert zu realisieren. Wissenschaft handelt von nachprüfbaren Erfahrungen von Wahrheit, d.h. das Wissen um diese Wahrheit kann nur durch Erfahrungen gemacht werden. Erfahrung in diesem Sinn, definierten wir: sich von etwas bekanntem „wegzubewegen“, etwas als „fremd“ wahrzunehmen. In dem Seminar haben wir zwei verschiedene Erfahrungen voneinander abgegrenzt. Zum einen die alltäglichen Erfahrungen und zum anderen die wissenschaftlichen Erfahrungen. Alltägliche Erfahrungen drehen sich nur um das ICH. Sie sind unsystematisch, gewohnheitsgemäß und unreflektiert. Die wissenschaftlichen Erfahrungen hingegen sind nicht situationsbedingt, sie sind durch andere Erfahrungen nachprüfbar und die Möglichkeiten der Erlebnisforschung werden reduziert. Sie bezieht sich auf methodisch gewonnene Erfahrungen und grenzt sich von anderen Erfahrungen ab, was ihr die Eigenschaft verleiht, sich definierbar zu machen, somit eine distanzierte Erfahrung zu sein.

Sprache und Logik, der zweite große Bereich, beschäftigt sich mit dem Induktions- und Deduktionsproblem, mit verschiedenen Arten von Sprache, wie z.B. Alltags- bzw. Umgangssprache, Bildungs-sprache, Kalkülsprache, Fachsprache und Wissenschaftssprache.

Sprache soll Informationen und Sinn von der Welt und allem was dazu gehört vermitteln. Sie hat drei Bedeutungen: Die menschliche Sprache ist als ganz konkretes Gebilde zu sehen, sie ist Gegenstand der Sprachwissenschaften. Sprache ist ebenfalls als Gegenstand der logischen Sprachanalyse zu sehen, somit ist sie ein System von Zeichen, bzw. hat einen Zeichencharakter.

Dieser Zeichencharakter hat ebenfalls wieder eine dreiseitige Bedeutung: Als Syntax der Sprache, was die Beziehung der Zeichen untereinander darstellt, als Semantik, was die Beziehung zwischen Zeichen und Dingen, Handlungen und Eigenschaften charakterisiert (die Relation der Zeichen zum Bezeichneten). Und die Pragmatik, die die Beziehung zwischen den Zeichen und denen, die sie verwenden, darstellt. Durch die Sprache können die unterschiedlichsten Dinge voneinander getrennt werden, so wie auch die verschiedenen Richtungen, die im Seminar angesprochen wurden. Es handelt sich hierbei um die Hermeneutik, den kritischen Rationalismus, die empirische Pädagogik und um die Geisteswissenschaftliche Pädagogik, auf die wir später noch genauer eingehen werden.

Die Sprache ist bei der Hermeneutik ein sehr wichtiger Faktor, da durch die Sprache die Lebenswirklichkeit übermittelt werden kann. Ebenso kann das Verstehen zwischen zwei Kommunizierenden durch die Sprache ermöglicht werden. Hermeneutik kommt aus dem griechischen Hermeneuein und bedeutet so viel wie deuten, interpretieren. In ihr wird die Lebenswirklichkeit in der Zeit (Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft) interpretiert oder ausgelegt, wobei die Erfahrungen der Lebenswirklichkeit über den Ausdruck, das Verstehen und das Erleben vermittelt werden, daher wird sie als Lehre des Verstehens bezeichnet.

Der kritische Rationalismus ist eine wissenschaftstheoretische Position. Er geht davon aus, dass die Vernunft fehlbar sein kann und die Wahrheit nicht mit 100%iger Sicherheit erkannt und festgelegt werden kann. Weiterhin kritisiert er bestehende Theorien, problematisiert sie und will somit den Fortschritt der Erkenntnis erreichen. Für den kritischen Rationalismus sind Theorien nur dann wissenschaftliche Theorien, wenn sie durch Tatsachen widerlegbar sind. Er fordert die Wissenschaftler auf, dass sie ihren Theorien gegenüber ebenfalls so kritisch eingestellt sein sollten und nach widerlegenden Tatsachen suchen müssten.

Um die Erziehungswirklichkeit zu beschreiben, zu erforschen und um Kenntnisse für die Praxis herzuleiten, verwendet die empirische Pädagogik empirische Methoden, wie Experiment und Beobachten. In den Forschungen wird untersucht, ob gesellschaftliche Prozesse das pädagogische Denken beeinflussen, wie verschiedene Menschen Aufeinander wirken und wie sich dann die Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung gestalten.

Die Geisteswissenschaftliche Pädagogik befasst sich mit dem menschlichen Geist. Sie ist darauf bedacht das Besondere im Einzel-ergebnis herzustellen. Begründet wurde sie durch Wilhelm Dilthey, dem es in der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik um die verständnisfördernde „Auslegung“ menschlicher Geistestätigkeit ging.

Wie oben angesprochen beinhaltet der zweite große Bereich auch noch das Induktions- und Deduktionsproblem.

Beim Induktionsproblem geht es darum, dass schon Aristoteles die Induktion als eine Methode darstellte, die es ermöglicht von Einzelfällen zu allgemein gültigen Gesetzen aufzusteigen. Dabei gibt es verschiedene Formen der Induktion, wie die Mathematische Induktion, Vollständige Induktion und Unvollständige Induktion. Man kann sie auf alle Bereiche des Lebens anwenden, doch ist es bewiesen, dass sie nicht immer zutrifft, denn es gibt einige Ausnahmefälle, die diese Methode nicht bestätigen.

Zum anderen gibt es noch die Deduktion, die sich aus der Induktion ableitet. Hier geht es um das Besondere, was aus dem Allgemeinen abgeleitet wird. Im Gegensatz zu der Induktion, ist die Deduktion als wissenschaftliche Methode im vollen Umfang sicher. Es gibt bei der Deduktion verschiedene Methoden, wie die Deduktion oder die „vollständige Induktion“. Ebenso gibt es bestimmte Regeln, wann sie gültig ist, und wann sie nicht gültig ist bzw. keine Anwendung findet.

Der Dritte große Bereich, der im Seminar durchgesprochen wurde handelt von der Methodenlehre. Hier wurden die drei Begriffe Erklären, Verstehen und Beobachten genauer definiert.

Der Begriff „Erklären“ kann verschiedenes aussagen, z.B. etwas verständlich machen, Deklaration oder ähnliches. „Erklären“ kann man in zwei Gebiete unterteilen. Zum einen in die Alltäglichen Erklärungen, die sehr ungenau und nicht aussagekräftig sind, und zum anderen in die wissenschaftlichen Erklärungen, die hingegen sehr präzise und aussagekräftig sind. Wissenschaftliche Erklärungen werden in zwei Bestandteile eingeteilt. Zum einen in das Explanandum (das zu Erklärende) und zum anderen in das Explanans (das Erklärende), was wiederum aus zwei Teilen besteht. Die generelle Gesetzesaussage, die mit zwei Randbedingungen belegt werden muss. Die Erklärung erfolgt nach dem H-O-Schema, wobei das Explanans aus den generellen Gesetzesaussagen und aus den singulären Randbedingungen besteht und das Explanandum aus den singulären Aussagen. Zusammenfassend kann man sagen, dass beim Erklären mit Hilfe des Syllogismus eine Aussage getroffen werden muss.

Das „Verstehen“ ist eine Methodik der Hermeneutik und gilt als methodischer Grundbegriff der GP. Verstehen bedeutet, Wissen um Sitten, Regeln und Konventionen von Individuen zu haben, wobei Ziel des Verstehens ist, das herausarbeiten, was beim Verstehen Sinn und Bedeutung hat. Ebenfalls soll man das verstehen, was über Regeln einem bestimmten Verhalten zugesprochen wurde. Auch hier wird zwischen alltäglichen und wissenschaftlichen Verstehen unterschieden, jedoch beginnt das wissenschaftliche Verstehen bereits im Alltag, und zwar dann, wenn etwas nicht mehr selbstverständlich ist. Der Prozess des Verstehens ist jedoch unendlich, und nur, wenn man sich darüber im Klaren ist, kann man versuchen das Verstehen zu verstehen.

Die Beobachtung ist eine gezielte Wahrnehmung, die in der Methodenlehre differenziert werden kann. In teilnehmende Beobachtung und in nichtteilnehmende Beobachtung. Es werden verschiedene Formen unterschieden: die naive, systematische und wissenschaftliche Beobachtung. Bei der naiven Beobachtung wird der Fehler gemacht, dass die Beobachtung des Einzelnen nicht als Mitglied einer Gruppe erfolgt, sondern es wird sich auf die einzelne Person konzentriert. Dabei werden sichtbare Ereignisse nicht nur beobachtet, sondern auch interpretiert. Bei der systematischen Beobachtung erfolgt eine Beobachtung über eine längere Zeit, wobei auch vorkommende Ereignisse nicht gleich interpretiert werden. Hier werden mehrere Personen gleichzeitig beobachtet, um dann Unterschiede herauszuarbeiten. Die Interpretation der Ereignisse erfolgt hinterher. Bei der wissenschaftlichen Beobachtung ist dann die beobachtete Person als Individuum nicht mehr interessant, sondern hier zählen nur noch die Interpretationsergebnisse. Hier wird das allgemeine, reguläre Geschehen beobachtet. Es erfolgen jedoch keine Beobachtungen ohne theoretische Vorannahmen.

Wie oben schon angesprochen behandelten wir in dem Seminar verschiedene Richtungen der Wissenschaftstheorie. Im Folgenden werden wir uns genauer mit der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik beschäftigen. Wir haben uns für das Hausarbeitsthema: „Erläutern sie die Gemeinsamkeiten und Differenzen einer >Geisteswissenschaftlichen Pädagogik<, indem Sie hervorheben, wie diese Pädagogik als eine zusammenhängende Richtung dargestellt wird, sowie deren Unterschiede gekennzeichnet werden, und diskutieren sie die Berechtigung der Bezeichnung.“ Entschieden, und werden zum Anfang einen kurzen geschichtlichen Überblick über diese Richtung geben. Im 3. Punkt befassen wir uns dann mit den Grundgedanken der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik und arbeiten die Gemeinsamkeiten dieser Richtung heraus. Als 4. Punkt entschieden wir uns für die Bearbeitung der Differenzen der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik anhand verschiedener Theoretiker, da diese Differenzen dann deutlicher zu unterscheiden sind. Im nächsten Punkt werden wir versuchen die Berechtigung dieser Bezeichnung zu diskutieren. Als letztes fügen wir eine Literaturangabe an.

2. Geisteswissenschaftliche Pädagogik

2.1 Was heißt Geisteswissenschaftliche Pädagogik?

Helmut Danner ist der Meinung, dass folgende Wissenschaften als Geisteswissenschaftlich bezeichnet werden: Theologie, Geschichte, Sprachwissenschaften, Kunstwissenschaften, Rechtswissenschaften, Philosophie, Pädagogik, Psychologie und Soziologie.[2] Doch was ist Geisteswissenschaftliche Pädagogik wirklich?

Geisteswissenschaftliche Pädagogik ist nach Diltheys Auffassung keine Naturwissenschaft und keine normative Wissenschaft[3]. Sie wird durch verschiedene Richtungen der Philosophie, hauptsächlich der Lebensphilosophie, beeinflusst und geprägt.[4] Und nicht nur das, sie basiert auch auf der Lebensphilosophie Diltheys.[5] Dilthey ist der Meinung, dass die Erziehungswirklichkeit, der Sinn einer Handlung, verstanden werden muss.[6] Zuerst muss man den Sinn und die Bedeutung des menschlichen Handelns „verstehen“[7], denn jede menschliche Handlung hat für die jeweilige Person eine Bedeutung. Die Person hat sich Gedanken über die Situation gemacht, verfolgt mit ihr bestimmte Ziele und Absichten und hat ihr gegenüber gewisse Einstellungen und Empfindungen. Nun kann man den Sinn auch erfassen. Zu diesem Sinn existiert eine Erziehungswirklichkeit, die nun über die Methode des Sinnverstehens erfasst werden kann. Es geht im Allgemeinen darum, kulturelle Tätigkeiten, wie Kunst, Politik, Recht usw. zu verstehen. Da Bildung und Erziehung ebenfalls zu den kulturellen Tätigkeiten gehören[8], versucht die Geisteswissenschaftliche Pädagogik z.B. beides auf geistig-kultureller Ebene zu erfassen. Sie ist eine Wissenschaft, die sich mit dem Menschen beschäftigt, doch nicht mit der menschlichen Anatomie, sondern auf der geistigen Ebene. Sie befasst sich mit dem Menschlichen, mit dem Sinn des Menschen, mit dem, was einen Menschen zum Menschen macht.[9]

Die GP begründet sich auf die von Schleiermacher und Dilthey entwickelte „theoretische Linie der deutschen Pädagogik“[10] des frühen 20. Jh. und enthält verschiedene Auffassungen und Ansätze je nach Vertreter variierend. Bedeutende Vertreter sind zum Beispiel: W. Dilthey (der von Schleiermacher und Kant beeinflusst wurde), E. Weniger, H. Nohl, W. Flitner, E. Spranger, T. Litt u.a. Alle Vertreter sind sich in einem Punkt einig: der Schwerpunkt der GP liegt auf der Hermeneutik und dem Verstehen (genaue Erklärung siehe weiter unten), sowie auf dem Selbstverständnis als Bildungs- und Kulturwissenschaft. Als eine wesentliche Grundlage erkennt die GP den Pädagogischen Bezug (genaue Erklärung siehe weiter unten). Weitere charakteristische Merkmale sind die Geschichtlichkeit, der Primat der Praxis und der Theorie - Praxis – Bezug.

[...]


[1] Wahrheit bedeutet: Denken und Realität stimmen überein

[2] Vgl. DANNER, H. 1989, S. 28

[3] vgl. GUDJONS 2001, S. 31

[4] vgl. TSCHAMLER 1996, S. 121

[5] vgl. TSCHAMLER 1996, S. 125

[6] vgl. KRÜGER 1997, S. 24; vgl. TSCHAMLER 1996, S. 123; vgl. HOFFMANN 1980, S. 95; vgl. GUDJONS 1993; S. 30; vgl. LENZEN 1999, S. 127; vgl. KÖNIG / ZEDLER 1998, S. 95

[7] vgl. LENZEN 1999, S. 127

[8] vgl. KÖNIG / ZEDLER 1998, S. 97

[9] vgl. DANNER 1989, S. 21

[10] Zitat nach STIMMER 2000, S. 254

Details

Seiten
25
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638537773
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60002
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – 14
Note
gut
Schlagworte
Geisteswissenschaftliche Pädagogik Probleme Wissenschaftstheorie

Autor

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