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Das liberale Bürgertum und sein Umgang mit der Revolution 1918

Essay 2005 16 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der ‚Vornovember‘
1.1 Der Erste Weltkrieg und die Vorboten des Untergangs
1.2 Wirkungslosigkeit der Oktoberreformen

2. Die Revolutionstage
2.2 Ausbruch der Revolution – Stillstand im liberalen Bürgertum
2.3 Glimpflicher Verlauf und Erleichterung

3. Liberales Bürgertum und die Republik
3.1 Die neue Ordnung
3.3 Liberalismus danach: Rettung oder Neuanfang?
3.4 Die Rückkehr des Selbstbewusstseins und der Fall des Liberalismus

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Gegenstand dieses Essays ist die Erörterung der Frage, wie das liberale Bürgertum mit der Revolution von 1918 umging. Die Kriegsniederlage, der Zusammenbruch des Kaiserreiches und die Bildung einer sozialdemokratischen Regierung ließen das Weltbild des Liberalismus zusammenbrechen. Dennoch waren es überwiegend liberale Kräfte, die unmittelbar nach der Revolution begannen, das Bürgertum zu sammeln und politisch neu zu formieren. Der Liberalismus erlebte für kurze Zeit eine Renaissance, bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1919 kamen beide liberale Parteien zusammen auf 22,9 Prozent. Nie wieder in der deutschen Geschichte war das liberale Lager so stark.

Welche Rolle spielte das liberale Bürgertum in der Endphase des Kaiserreichs? Wie erlebte es die Revolutionstage? Wie fand es sich in der Republik zurecht und welche Konsequenzen zog es aus dem Umsturz?

Um diese Fragen zu beantworten wird zunächst auf die Verwobenheit des liberalen Bürgertums mit dem Kaiserreich und dem Ersten Weltkrieg eingegangen. Daraufhin geht es um die Rolle der Oktoberreformen und die Situation vor Revolutionsausbruch. Die Revolutionstage selbst zeigen, wie das liberale Lager zwischen Ohnmacht und Erleichterung verharrte. Die Wochen nach der Revolution beleuchten das Spannungsverhältnis zwischen einem politischen Neuanfang und der Rettung des Alten. Abschließend geht es um die Skizzierung des Verfalls liberaler Ideen mit dem wieder erstarkenden Selbstbewusstsein im Bürgertum.

Die Darstellung der Ereignisse erfolgt überwiegend chronologisch, um die verschiedenen, sich gegenseitig bedingenden Handlungsstränge entlang der großen historischen Ereignisse aufzeigen zu können.

Hauptaugenmerk liegt dabei auf den liberalen Persönlichkeiten des Bürgertums, die sich vor, während und nach der Revolution politisch aktiv betätigten. Die Geschehnisse in der Reichshauptstadt Berlin stehen hier im Mittelpunkt.

Auf eine nähere Bestimmung des ‚liberalen Bürgertums‘ unter historischen, kulturellen und ökonomischen Gesichtspunkten muss leider ebenso verzichtet werden, wie auf die Darstellung der unzähligen lokalen Ereignisse oder des Stinnes-Legien-Abkommens.

1. Der ‚Vornovember‘

1.1 Der Erste Weltkrieg und die Vorboten des Untergangs

Eine enorme Kriegsbegeisterung erfasste 1914 auch das liberale Bürgertum. In ihrem Nationalismus standen die meisten Liberalen, darunter auch Friedrich Naumann[1], Thomas Mann, Gustav Stresemann[2] und Walther Rathenau[3] bedingungslos an der Seite des Kaiserreichs[4], bestärkt durch den Glauben, dass Deutschland völlig unschuldig in den Krieg hineingeraten sei[5].

Die Einheitlichkeit der Kriegsbegeisterung wich jedoch schnell der bitteren Kriegsrealität. Tod, Zerstörung, Inflation und Kriegszieldiskussion[6] sorgten auf Dauer auch im Bürgertum für eine immer kriegskritischere Stimmung.

Gleichzeitig hatte sich das Feindbild des Bürgertums – die Sozialdemokratie – durch den Krieg grundlegend gewandelt. Die Liberalen erkannten, dass politische Reformen durch den Krieg nicht verhindert, sondern gerade heraufbeschworen wurden. In den Augen vieler Linksliberaler waren sie durchaus legitim, doch auch Nationalliberale wie Gustav Stresemann hielten sie teilweise für nötig[7]. Denn mit der Bewilligung der Kriegskredite hatte sich die SPD auf die Seite des Kaiserreichs geschlagen. Sie war zu einem verlässlichen Teil des Staats- und Kriegsapparates geworden. Zudem kämpften und starben die Arbeiter an der Front im Namen des Vaterlandes. Diese Loyalität konnte auf Dauer nicht unbelohnt bleiben[8]. Der Druck für innere Reformen wuchs unaufhaltsam. Während des Krieges aber, so hofften viele Nationalliberale und Konservative, könne man diese aufschieben[9].

Doch mit den zunehmenden militärischen Schwierigkeiten an der Front[10] bahnte sich die Katastrophe einer Niederlage des Krieges an, den fast alle Liberale mitgetragen hatten. Und mit ihr drohte, unter dem Druck der nach Wandel dürstenden Massen, auch gleich der Staat zusammenzubrechen, der jahrzehntelang die Heimstätte des liberalen Bürgertums gewesen war. Auch wenn es niemand wahrhaben wollte, so war der Krieg im Sommer 1918 bereits verloren[11].

Der Liberalismus war somit als politische Bewegung in einer ebenso schwierigen Lage wie die gesamte Nation. Die vergangenen Kriegsjahre hatten praktisch jede Liberalität zunichte gemacht. Längst wurde das Land von reaktionären Militärs gelenkt[12]. Die ganze Gesellschaft war auf den Krieg ausgerichtet, Raum für individuelle Freiheit gab es immer weniger, sowohl im materiellen als auch im ideellen Sinne[13].

1.2 Wirkungslosigkeit der Oktoberreformen

Doch Handlungsoptionen gab es für die liberalen Politiker und Parteien in dieser Zeit durchaus noch. Den meisten war klar, dass es mit Kaiser Wilhelm II. keinen günstigen Friedensvertrag geben konnte. Eine Parlamentarisierung der Reichsverfassung und eine Abdankung des Monarchen zugunsten eines Nachfolgers waren die Grundvoraussetzungen für Friedensverhandlungen mit den Alliierten[14], aber auch für eine innere Befriedung und die Rettung der bürgerlichen Gesellschaft. Doch die Liberalen im Reichstag waren entweder dem alten System zu eng verbunden oder zu wenig an eigene Initiativen gewohnt, um ernsthaft politisches Engagement zu zeigen. Es war ausgerechnet die konservative Oberste Heeresleitung, die am 29. September 1918 den sofortigen Waffenstillstand und die Parlamentarisierung des Reichsverfassung forderte[15].

Sie wollte sich der Verantwortung für die militärische Niederlage entziehen und verlangte daher eine demokratische Regierung zu bilden, der sie den bankrotten Staatsapparat abtreten konnte[16]. Der Kaiser stimmte zu, mit dem Fortschrittler Max von Baden einem Liberalen das Amt des Reichskanzlers zu überlassen. Mit Unterstützung der Mehrheitsfraktionen im Reichstag – FVP, SPD und Zentrum – machte sich dieser daran, das Deutsche Reich zu einer parlamentarischen Monarchie umzubauen. Bis Ende Oktober waren die Reformen abgeschlossen. Für einen kurzen Augenblick schien sich ein urliberales Ziel, nämlich das einer echten parlamentarischen Monarchie, wie von selbst zu verwirklichen[17]. Doch es sollte keinen Bestand haben.

Das Zeitfenster für Reformen hatte sich bereits wieder geschlossen. Mit dem Eingestehen der militärischen Niederlage hatte das alte System jede Autorität verloren[18]. Die Veränderungen waren nun nicht mehr ausreichend, um eine revolutionäre Bewegung aufzuhalten[19]. Die Bevölkerung nahm die eigentliche Tragweite der Reformen überwiegend gar nicht wahr[20]. Ende Oktober erwartete man bereits die Revolution. Hinzu kam, dass auch die Alliierten die Reformen nur noch als taktisches Mittel Deutschlands wahrnahmen, mit dem ein möglichst milder Friedensvertrag erzielt werden sollte. Es zeichnete sich nun ab, dass dies trotz Reformen nicht eintreten werde. Die lange beschworene Demokratisierung hatte man zu einem Zeitpunkt eingeleitet, als das Todesurteil über sie bereits gefällt war[21].

[...]


[1] Vgl. Sell, Friedrich C.: Die Tragödie des deutschen Liberalismus, Stuttgart: 1953, S. 355.

[2] Vgl. Epkenhans, Michael: Das Bürgertum und die Revolution 1918/19,

Heidelberg: 1994, S. 10.

[3] Vgl. Epkenhans, Michael: Das Bürgertum und die Revolution 1918/19,

Heidelberg: 1994, S. 12.

[4] Vgl. Langewische, Dieter: Liberalismus in Deutschland, Frankfurt a.M.: 1988, S. 228.

[5] Vgl. Sell, Friedrich C.: Die Tragödie des deutschen Liberalismus, Stuttgart: 1953, S. 354, 355.

[6] Vgl. Langewische, Dieter: Liberalismus in Deutschland, Frankfurt a.M.: 1988, S. 228, 229.

[7] Vgl. Kolb, Eberhard: Gustav Stresemann, München: 2003, S. 52-54.

[8] Vgl. Sell, Friedrich C.: Die Tragödie des deutschen Liberalismus, Stuttgart: 1953, S. 358, 359.

[9] Vgl. Bieber, Hans-Joachim: Bürgertum in der Revolution, Hamburg: 1992, S. 40.

[10] Vgl. Stephan, Werner: Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus 1918-1933,

Göttingen: 1973, S. 20.

[11] Vgl. Sell, Friedrich C.: Die Tragödie des deutschen Liberalismus, Stuttgart: 1953, S. 379.

[12] Vgl. Haffner, Sebastian: Die Deutsche Revolution 1918/19, Reinbek: 2004, S. 20.

[13] Vgl. Sell, Friedrich C.: Die Tragödie des deutschen Liberalismus, Stuttgart: 1953, S. 359, 360.

[14] Vgl. Sell, Friedrich C.: Die Tragödie des deutschen Liberalismus, Stuttgart: 1953, S. 376.

[15] Vgl. Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik. 6. Aufl., München: 2002, S. 314.

[16] Vgl. Langewische, Dieter: Liberalismus in Deutschland, Frankfurt a.M.: 1988, S. 321.

[17] Vgl. Sell, Friedrich C.: Die Tragödie des deutschen Liberalismus, Stuttgart: 1953, S. 380.

[18] Vgl. Bieber, Hans-Joachim: Bürgertum in der Revolution, Hamburg: 1992, S. 43.

[19] Vgl. Langewische, Dieter: Liberalismus in Deutschland, Frankfurt a.M.: 1988, S. 231.

[20] Vgl. Bieber, Hans-Joachim: Bürgertum in der Revolution, Hamburg: 1992, S. 44.

[21] Vgl. Stephan, Werner: Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus 1918-1933,

Göttingen: 1973, S. 21.

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638537902
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60021
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
2,3
Schlagworte
Bürgertum Umgang Revolution Proseminar Liberalismus Wandel

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