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Das hyperkinetische Syndrom. Theoretische Hintergründe und Interventionsmöglichkeiten in der sozialarbeiterischen Beratungspraxis

Hausarbeit 2001 19 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Theoretische Einführung
1.1. Diagnose
1.2. Vorkommen
1.3. Erklärungsansätze
1.4. Medizinische, verhaltenspsychologische und familiensystemische Maßnahmen

2. Falldarstellung

3. Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach C. Rogers
3.1. Die Haltung des Gesprächsführenden
3.1.1. Echtheit (Kongruenz)
3.1.2. Positive Wertschätzung
3.1.3. Einfühlendes Verstehen
3.2. Techniken der klientenzentrierten Gesprächsführung

4. Rollenspiel

5. Auswertung des Rollenspiels

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Theoretische Einführung

ADHS / Aufmerksamkeits- ,Hyperaktivitätsstörung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"ob der Philipp heute still

wohl bei Tische sitzen will?

Er gaukelt und schaukelt

Er trappelt und zappelt

auf dem Stuhle hin und her."

(Heinrich Hoffmann, "Der Struwwelpeter")

Das Portrait eines hyperaktiven Kindes zeichnete 1845 Dr. Heinrich Hoffmann in seinem berühmten „Struwwelpeter“ (einem, nach unseren heutigen Begriffen, eigentlich recht sadistisches Kinderbuch, in dem jedes unartige Verhalten grausam bestraft wird). Kinder, die wir als verhaltensgestört bezeichnen, gab es demnach auch früher schon.

1.1. Diagnose

„Hyperaktivität“ ist keine eindeutige Diagnose. Es gibt viel zu unterschiedliche Auffassungen, Definitionen, Diagnosekriterien und Ursachenhypothesen über Phänomene, die selbst von Experten nicht einheitlich beschrieben werden. Mit unterschiedlicher Gewichtung werden folgende Begriffe für ähnlich erscheinende Verhaltensauffälligkeiten verwendet:

- Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADS bzw. englisch ADD),
- hyperkinetische Störung,
- Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD),
- "minimal brain damage" (MBD),
- leichte frühkindliche Hirnschädigung,
- leichtes frühkindliches psychoorganisches Syndrom (POS),
- Teilleistungsschwäche bzw. -störung,
- neurogene Lernschwäche,
- unruhige Kinder.

Wie an diesen Begriffen unschwer zu erkennen, wird mit manchen Bezeichnungen mehr auf eine organische Ursache, mit anderen eher auf eine psychische Verursachung hingewiesen. Es werden in den unterschiedlichen Begrifflichkeiten auch verschiedene Symptombereiche fokussiert: Motorik, Konzentration, Lernen oder diszipliniertes und angepasstes Verhalten.

Für eine Erstellung einer Krankheitsdiagnose ist zunächst zu klären, ob das Verhalten eines Kindes tatsächlich aus dem Bereich der altersgemäßen Entwicklung herausfällt. Ob das Kind vielleicht nur auf eine Umwelt trifft, die sein an sich normales kindliches Verhalten nicht tolerieren kann.

In der 4. Auflage des Diagnostischen und Statistischen Manuals psychischer Störungen (DSM-IV) (Saß, Wittchen & Zaudig 1998), wird eine enge Verbindung zwischen hyperaktiven Verhaltensweisen und einer Aufmerksamkeitsstörung vermutet und deshalb die Diagnose "Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung" bei einem Kind oder Jugendlichen als angemessen betrachtet, wenn die in Kasten 1 dargestellten Kriterien erfüllt sind.

Kasten 1: DSM-IV Diagnosekriterien einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung:

Die Anzeichen der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung treten in unterschiedlichem Ausmaß in den meisten Lebensbereichen auf: zu Hause, in der Schule, bei Arbeiten, in sozialen Situationen. Sechs oder mehr der folgenden Symptome für Unaufmerksamkeit bzw. Hyperaktivität und Impulsivität müssen in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß vorliegen und in den letzten sechs Monaten beobachtbar gewesen sein.

- beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten,
- hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten,
- scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen,
- führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellen Verhaltens oder Verständnisschwierigkeiten),
- hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,
- vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die längerandauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben),
- verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben und Aktivitäten benötigt werden (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug),
- lässt sich oft durch äußere Reize oft ablenken,
- ist bei Alltagstätigkeiten vergesslich;
- zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum,
- steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzen bleiben erwartet wird, häufig auf,
- läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen und Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben),
- hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
- ist häufig auf „Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er/sie getrieben,
- redet häufig übermäßig viel;
- platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
- kann nur schwer warten, bis er an der Reihe ist,
- unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein).

1.2. Vorkommen

Nach übereinstimmender Meinung aller Experten beginnt die Störung mindestens vor dem 7. Lebensjahr. 2-3% der Mädchen und 8-9% der Jungen in der Grundschule sind als "hyperaktiv" zu diagnostizieren. 4-10% der Kinder von 2-15 Jahren sind "aufmerksamkeitsgestört".

Meist zeigen sich die Symptome während der gesamten Kindheit hindurch, etwa ein Drittel der Kinder zeigt auch später im Erwachsenenalter noch An­zeichen der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung. Als Nebenmerkmale treten auf: niedriges Selbstwertgefühl, übermäßige Stimmungsschwankungen, niedrige Frustrationstoleranz, Wutausbrüche.

1.3. Erklärungsansätze

Das Phänomen Hyperaktivität/Aufmerksamkeitsstörung ist ein Paradebeispiel für die unterschiedlichen und stark divergierenden Sichtweisen, welche die naturwissenschaftlich orientierte Medizin und die sozialwissenschaftlichen Fächer (Psychologie, Pädagogik, Soziale Arbeit) an Entwicklungsprobleme von Kindern herantragen. Während die Medizin entsprechend ihrem Verständnis von Verhaltensauffälligkeiten als Krankheiten nach inneren, organischen Ursachen sucht, richten Psychologie und Pädagogik ihr Augenmerk auf die äußeren Einflüssen in der Umwelt des Kindes, die es möglicherweise unruhig werden lassen.

Vermutlich ist Hyperaktivität bei Kindern weder alleine die Folge von Erziehungsfehlern bei Eltern und Lehrern, noch kann sie alleine auf angeborene, organische Ursachen reduziert werden.

Zu den Medizinisch naturwissenschaftlichen Erklärungsansätzen für hyperaktives Verhalten zählen:

- Genetische Defekte (erbliche Prädisposition)
- Erworbene Gehirnschädigungen (Minimale Cerebrale Dysfunktionen des Gehirns, prä-, peri-, oder postnatal erworben)
- Theorie der Untererregung (Wenn das Noradrenalinsystem im Hypothalamus zu schwach ist, dient das hyperaktive Verhalten zur Stimulation des trägen Nervensystems)
- Störung im Glucosestoffwechsel (mangelhafter Zuckerstoffwechsel)
- Allergietheorien (Allergie gegen Salicylate oder Phosphate lösen Stoffwechselstörungen aus, die Veränderungen des Gehirnstoffwechsels und damit des Verhaltens bewirken.)
- Verknüpfung von Allergie- und Erregungstheorie
Die gängigen Erklärungsansätze im Sozialwissenschaftlichen Bereich sind:
- Lerntheoretische Erklärungen (durch “falsche“ Erziehung erworbene Hyperaktivität)
- Diathese-Stress-Theorie (Kind mit organischer Prädisposition für Hyperaktivität trifft auf ungünstige Erziehungspraktiken wie ungeduldige, abweisende Eltern, wodurch Verhalten sich verschlimmert und verfestigt)
- Kognitive Verarbeitungsstörung (Störung in den Wahrnehmungsfunktionen, die dann zu weiteren kognitiven Verarbeitungsproblemen für das Kind führen)
- Hyperaktivität als Sekundärneurose (Konzentrationsstörungen und unkontrollierte Motorik führen zu Misserfolgen im Leistungs- und Sozialbereich. Die sich daraus ergebenden Unsicherheiten und sich entwickelnden Minderwertigkeitsgefühle werden durch auffälliges oder sogar antisoziales Verhalten überkompensiert, wird zur Gewohnheit, es entstehen sich selbst verstärkende negative Entwicklungen)
- Systemische / familiendynamische Erklärungsversuche (Kind als Symptomträger im sozialen Bezugssystem, Ursache der Unruhe liegt außerhalb des Kindes, und ist in den konflikthaften Beziehungen der Familienmitglieder untereinander begründet. Das hyperaktive Kind bringt diese Spannungen durch sein Verhalten zum Ausdruck.)

Gleich, ob organische oder psychosoziale Ursachen überwiegen, eine von Kindern gezeigte hyperaktive Symptomatik beeinträchtigt ihre Entwicklungsmöglichkeiten sehr stark. Zum einen können sie aufgrund ihres ruhelosen Verhaltens und ihrer Konzentrationsschwächen ihre intel­lektuellen Kapazitäten nicht ausreichend nutzen und weiterentwickeln. Sie geraten spätestens in der Schule ins Hintertreffen. Zum anderen geraten sie durch ihren ungebremsten Bewegungsdrang und die Unruhe und das Chaos, das sie um sich herum verursachen, sozial immer stärker unter Druck. Sie enttäuschen die Erwartungen ihrer Eltern, Erzieher- und LehrerInnen und erfahren daher immer mehr Ablehnung. Durch ihre Impulsivität und Unzuverlässigkeit finden sie kaum Freunde. Hyperaktives Verhalten provoziert stets soziale Ablehnung und Sanktionen.

1.4. Medizinische, verhaltenspsychologische und familiensystemische Maßnahmen

- Medikamente (für medizinische Erklärungsansätze; Einnahme des Medikamentes “Ritalin“, möglichst regelmäßig und in hoher Dosierung. Viele Kinder sprechen darauf an, aber: viele Nebenwirkungen!)
- Diäten (entsprechend der Allergietheorien, zum Beispiel: Salicylatarme, farbstofffreie Diät. Vorteil: keine Nebenwirkungen, aber nur wenige Kinder sprechen darauf an.)
- Frühförderung, Sonder-, Behinderten-, Heilpädagogik (Versuch, durch gezielte, der Störung des Kindes angemessene pädagogische Interventionen, Behinderungen aufzuheben oder zumindest zu kompensieren oder ihrer weiteren Verschlechterung entgegenzuwirken.)
- Psychotherapie mit den Kindern (verhaltenstherapeutische Prinzipien, Entspannungsübungen, autogenes Training, ...)
- Elterntherapie (Eltern fühlen sich schuldig an der Verhaltensstörung ihres Kindes)
- Systemische Interventionen (Elternarbeit, einbeziehen anderer Beteiligter (ErzieherInnen, Lehrer, Ärzte..), Vernetzung der verschiedenen Beteiligten (HPT, Familie, Schule, Ärzte, ...), Familienaufstellungen)

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Details

Seiten
19
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638137140
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6018
Institution / Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München – Sozialpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Syndrom Theoretische Hintergründe Interventionsmöglichkeiten Beratungspraxis Gesprächsführung Praxis Erarbeitung Handlungsschritten Beratungsgespräch Einzelnen Paaren Familien

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Titel: Das hyperkinetische Syndrom. Theoretische Hintergründe und Interventionsmöglichkeiten in der sozialarbeiterischen Beratungspraxis