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"Zur Freiheit verurteilt". Eine Untersuchung von Sartres Freiheitsbegriff

Seminararbeit 2005 24 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellen

3. Der Ursprung der Freiheit
3.1. Die Nicht-Existenz Gottes
3.2. Die Existenz geht der Essenz voraus
3.3. Widerlegung des Determinismus

4. Was ist Freiheit?
4.1. Freiheit ist wesenlos
4.2. Freiheit als Erfahrung
4.3. Freiheit als Nichtung

5. Zur Freiheit verurteilt?
5.1. Angst und Verlassenheit
5.2. Verantwortlichkeit

6. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung

Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut. (EH 155)

In diesem berühmten Zitat aus dem Essay „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ fasst Jean-Paul Sartre den Kerngedanken seiner Philosophie zusammen: Der Mensch ist Freiheit. Ohne Halt, ohne vorgegebene Werte und ohne Entschuldigungen muss er vor sich selbst verantworten, was er ist und tut. Allen deterministischen Strömungen der Philosophie und Naturwissenschaften zum Trotz verwirft und widerlegt Sartre den Gedanken, dass der Mensch von seiner Umwelt, seiner Gesellschaft, seinem Charakter oder seinem natürlichen Wesen zu dem gemacht wird, was er ist. Die Fülle an Schriften, die er uns hinterlassen hat, ist seit ihrer Entstehung eine wahre Goldgrube für Philosophierende, die sich mit der Beschaffenheit der menschlichen Existenz auseinandersetzen.

Obwohl der Existentialismus Sartres, erstmals ausführlich dargelegt in seinem frühen philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“, in erster Linie die Strukturen des Seins behandelt, ist der Begriff der Freiheit das tragende Element eben dieser Strukturen und schimmert bei all seinen Auseinandersetzungen durch. In der folgenden Arbeit möchte ich den Freiheitsbegriff Sartres untersuchen und kritisch beleuchten. In einem ersten Teil werde ich der Frage nachgehen, wie Sartre die Freiheit des Menschen in ihrem Ursprung begründet, und mich dabei insbesondere mit seiner Widerlegung des Determinismus beschäftigen. Daraufhin werde ich seine Definition von Freiheit unter Berücksichtigung der drei Aspekte „Wesenlosigkeit“, „Erfahrung“ und „Nichtung“ untersuchen und mich anschliessend mit der Frage auseinandersetzen, warum der Mensch gemäss Sartre zur Freiheit „verurteilt“ ist. Dabei werde ich insbesondere die Begriffe der Angst, Verlassenheit und Verantwortlichkeit beleuchten und untersuchen, welche Rolle sie in seiner Argumentation spielen.

2. Quellen

Als Hauptquellen für meine Untersuchung werden mir der Essay „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ (EH) und der vierte Teil von Sartres frühem philosophischem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ (SN) dienen. „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ [L’existentialisme est un humanisme] ist die leicht veränderte Fassung eines Vortrags, den Sartre 1945 hielt. Der Text erregte grosses Aufsehen und trug wesentlich zur Verbreitung seines Denkens bei. Da er die Anliegen des Existentialismus jedoch stark vereinfacht, bereute Sartre später seine Drucklegung.[1]

„Das Sein und das Nichts“ [L’être et le néant] trägt den Untertitel „Versuch einer phänomenologischen Ontologie“ und liefert eine umfassende Untersuchung von den verschiedenen Seinsstrukturen, von der Beziehung des Menschen zu anderen, aber in erster Linie zu sich selbst. Das umfangreiche Werk, erstmals 1943 erschienen, besteht aus vier Teilen, von denen sich insbesondere der Letzte mit der Freiheit des menschlichen Handelns und der menschlichen Verantwortlichkeit auseinandersetzt.

3. Der Ursprung der Freiheit

Warum ist der Mensch frei? Sartre führt ein „inneres“ Argument für die Freiheit ins Feld, um anschliessend äussere Argumente daraus abzuleiten. Das „innere“ Argument möchte ich die „Bedingung zur Möglichkeit“ der Freiheit nennen; es handelt sich dabei um die Nicht-Existenz Gottes. Sartre kann diese zwar nicht beweisen, setzt sie aber als Fundament und Axiom seines Freiheitsgedankens voraus. Das erste äussere, konkrete Argument kann mit Sartres eigenen Worten „Die Existenz geht der Essenz voraus“ (EH 149) betitelt werden und versucht, auf kohärente Weise die Konsequenz aus der Nicht-Existenz Gottes zu ziehen. Das zweite Argument besteht in der Widerlegung des Determinismus.

3.1. Die Nicht-Existenz Gottes

Und wenn wir von Verlassenheit sprechen […], wollen wir nur sagen, dass Gott nicht existiert und dass man daraus bis zum Ende die Konsequenzen ziehen muss. (EH 154)

Für Sartre und seine Philosophie ist die Nicht-Existenz Gottes eine absolute Notwendigkeit. Insbesondere sein Freiheitsbegriff ist darauf aufgebaut und davon abhängig, doch da die Freiheit das tragende Element seines ganzen Gedankengebäudes ist, würde dieses unter einem Gottesbeweis vollständig zusammenbrechen. So wie Kant die Existenz Gottes notwendig postuliert, muss Sartre die Nicht-Existenz Gottes notwendig postulieren. Obwohl Sartre den Begriff „Gott“ hier nicht spezifiziert, geht aus dem Zusammenhang klar hervor, dass eine Instanz ausserhalb unserer selbst gemeint ist, die uns geschaffen und ein Wesen gegeben hat, die Werte festsetzt und vor der wir uns verantworten müssen. Sartre ist sich der Konsequenzen, die eine „Abschaffung“ Gottes mit sich bringt, durchaus bewusst:

Der Existentialist denkt […]: es ist sehr unangenehm, dass Gott nicht existiert, denn mit ihm verschwindet jede Möglichkeit, Werte in einem intelligiblen Himmel zu finden; es kann kein a priori Gutes mehr geben, da es kein unendliches und vollkommenes Bewusststein gibt, es zu denken. (EH 154)

Dostojewski schrieb: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.“ Das ist der Ausgangspunkt des Existentialismus. (EH 154f)

Wenn zum andern Gott nicht existiert, haben wir keine Werte oder Anweisungen vor uns, die unser Verhalten rechtfertigen könnten […]. (EH 155)

Sartre argumentiert im Namen der „Wahrheit“. Er hält es für einfach und angenehm, an Gott zu glauben und aus diesem Glauben Werte, Richtlinien und Grenzen zu beziehen. Er hält es auch für schwierig und beängstigend[2], anstelle von Gott die Rolle des Gesetzgebers zu übernehmen und Werte zu wählen. Dennoch glaubt er schlicht und einfach, dass Gott nicht existiert, und will sein Leben folglich in Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nach der für ihn bestehenden Wahrheit, und nicht nach einem Wunschbild, ausrichten. Auf den Vorwurf, selbstgerecht über Gut und Böse zu entscheiden, antwortet er:

Es ist mir sehr unangenehm, dass es so ist; aber da ich Gottvater beseitigt habe, braucht es ja wohl jemanden, die Werte zu erfinden. (EH 174)

Sartre möchte „den Menschen daran erinnern, dass es keinen anderen Gesetzgeber als ihn selbst gibt und dass er in der Verlassenheit über sich selbst entscheidet“ (EH176). Diese Erkenntnis, die sich durch die existentiellen Gefühle der Angst und Verzweiflung jedem Menschen aufdrängt[3], mag schmerzhaft sein, entspricht aber der Wahrheit. Sie zu verdrängen bedeutet, der menschlichen Realität auszuweichen und ein Leben in Unaufrichtigkeit zu führen.

Die Erkenntnis der Nicht-Existenz Gottes muss jedoch nicht nur Verzweiflung beinhalten. Angesichts der „Schlechtigkeit“ der Welt ist der Mensch vor eine neue Situation gestellt:

Denn in diesem Falle müsste man erfinden, verbessern, und der Mensch wäre wieder Herr seines Schicksals mit einer beängstigenden, unaufhörlichen Verantwortung. (BJ 127)

Die Bedingung zur Möglichkeit der Freiheit ist mit der Nicht-Existenz Gottes gegeben: Der Mensch ist nicht fremdbestimmt durch eine Instanz ausserhalb seiner selbst. Die wesentliche Konsequenz aus diesem Gedanken und damit weitergehende Begründung für die menschliche Freiheit zieht Sartre in der Aussage „Die Existenz geht der Essenz voraus“ (EH 149).

3.2. Die Existenz geht der Essenz voraus

Was ist darunter zu verstehen, dass die Existenz der Essenz oder dem Wesen vorausgeht? Sartre selbst bedient sich eines Beispiels, um seine Aussage zu verdeutlichen. Man stelle sich einen Handwerker vor, der einen Brieföffner herstellt. Er hat ein klares Bild vor Augen, wie dieser Brieföffner aussehen und was für einen Nutzen er haben soll. Mit dieser festen Vorstellung macht er sich an die Arbeit und bedient sich bestehender „Herstellungsverfahren“ (EH 148), um sicherzugehen, dass der Brieföffner dem von ihm vorherbestimmten Zweck dienlich sein wird. Aus diesem Beispiel geht klar ersichtlich hervor, dass bei Gegenständen dieser Art das Wesen der Existenz vorausgeht. Zuerst ist die „Idee“, d.h. die Gesamtheit aller Eigenschaften und Herstellungsverfahren, die den Begriff „Brieföffner“ definieren und als reine Vorstellung im leeren Raum steht. Dann erst greift der Handwerker zu seinem Werkzeug und bringt den Gegenstand zur Existenz. Das Wesen des Brieföffners erhält nun seinen materiellen „Körper“, seine Objekthaftigkeit.

Wenn es nun einen Schöpfer-Gott gibt, lässt sich dieser als eben so ein Handwerker denken. Er hat eine Vorstellung des Menschen, seiner Eigenschaften und Zwecke, und er kennt das Verfahren, ihn herzustellen. Das Wesen des Menschen ist schon in Gottes souveränem Plan enthalten, ehe er ihn in die Existenz ruft. Das Streben des Menschen gilt in diesem Falle der Suche nach seinem eigenen ursprünglichen Wesen, nach der Vorstellung, die Gott vor Anbeginn der Zeit von ihm hatte, und dessen Verwirklichung sein Ziel und seine Erfüllung darstellt. Auf dieses Wesen kann er sich berufen, sich daran festhalten, sich aber auch damit entschuldigen. Denn es ist ihm gegeben und war schon festgelegt, ehe er überhaupt materiell existierte.

Sartre wirft Philosophen des 18. Jahrhunderts wie Diderot und Voltaire vor, sich zwar von Gott abgewandt, die Idee von einer Wesenheit des Menschen aber dennoch nicht beseitigt zu haben. Er geht einen Schritt weiter:

Der atheistische Existentialismus, den ich vertrete, ist kohärenter. Er erklärt: wenn Gott nicht existiert, so gibt es zumindest ein Wesen, bei dem die Existenz der Essenz vorausgeht, ein Wesen, das existiert, bevor es durch irgendeinen Begriff definiert werden kann, und dieses Wesen ist der Mensch […]. (EH 149)

Was bedeutet hier, dass die Existenz der Essenz vorausgeht? Es bedeutet, dass der Mensch erst existiert, auf sich trifft, in die Welt eintritt, und sich erst dann definiert. (EH 149)

Da der Mensch nicht von einer Instanz ausserhalb seiner selbst definiert wird, muss er erst existieren, bevor er sich selbst gegenüberstehen und sein eigenes Wesen bestimmen kann. Gemäss Sartre gibt es „keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, sie zu ersinnen“ (EH 149). Definiert der Mensch aber sein eigenes Wesen, so definiert er auch seinen Charakter, seinen Wert und seinen Sinn. Er erschafft sich, in dem er sich von sich selbst loslöst und sich selbst transzendent gegenübertritt – dann erst kann er den „Entwurf“ von sich selbst gestalten, den der Handwerker schon vor der Existenz seines Produktes wählt. Der Mensch ist sein eigener Gott, er ist Transzendenz (vgl. EH 175). Diese Stellung, die der Mensch sich selbst gegenüber hat, birgt eine ungeheure Verantwortung, ist aber die Grundlage der Freiheit. Der Mensch ist frei, weil die Existenz der Essenz vorausgeht, und die Existenz geht der Essenz voraus, weil es keinen Gott gibt. Dies ist der Grundgedanke von „Das Sein und das Nichts“, und im Zusammenhang mit diesem Gedanken führt Sartre die in seiner Philosophie zentralen Begriffe „Für-sich-sein“ und „An-sich-sein“ ein. Das „Für-sich-sein“ ist das transzendente, durch das Bewusstsein bestimmte Sein, das von sich selbst Abstand nimmt und sich definiert. Das „An-sich-sein“ ist das vom Bewusstsein unabhängige, objekthafte Sein der Dinge. Wenn der Mensch seine eigene Freiheit nicht anerkennen will, wenn er sich weigert, die Verantwortung für sein Sein und Handeln zu übernehmen, so reduziert er sich auf das „An-sich-sein“ und macht sich selbst zu einem blossen Objekt.[4] Diese Haltung ist jedoch nichts weiter als ein Versuch der Selbsttäuschung. In Wahrheit, so Sartre, kann der Mensch der Realität nicht ausweichen, dass er sowohl „Für-sich“ als auch „An-sich“ ist, sowohl Subjekt als auch Objekt, und somit absolut frei über sich selbst entscheiden und verfügen kann.

[...]


[1] Vgl. Suhr, Martin: Jean-Paul Sartre zur Einführung, Hamburg: Junius 2001, S. 61

[2] Vgl. Kapitel 5.1.

[3] Vgl. Kapitel 5.1.

[4] Vgl. Suhr, S. 122

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638539517
ISBN (Buch)
9783638792684
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60216
Institution / Hochschule
Universität Basel – Philosophisches Seminar
Note
gut bis sehr gut
Schlagworte
Freiheit Eine Untersuchung Sartres Freiheitsbegriff Einführung Religionsphilosophie

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