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Bewegungsprogramme für Ältere: Eine vergleichende Analyse der Angebote in nordbadischen Kleinstädten

Magisterarbeit 2004 111 Seiten

Gesundheit - Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

THEORETISCHER TEIL
1 Einleitung
2 Über das Alter und Altern
2.1 Begriffsklärung
2.2 Demographische Alterung
2.3 Älter werden in unserer Gesellschaft
2.3.1 Die Entwicklung des dritten Lebensalters
2.3.2 Theorien des Alterns
2.4 Altersdiskurse
2.4.1 Blickpunkte aus biologischer und psychosozialer Perspektive
2.4.2 Wer sind ‚die Älteren’?
2.4.3 Was bedeutet ‚erfolgreiches Altern’?
3 Alter und Bewegung
3.1 Mehrdimensionale Bedeutung von Bewegung im Alter
3.1.1 Physischer Bereich
3.1.2 Psychosozialer Bereich
2.0.2 Edukativer Bereich
3.2 Kritische Anmerkung zum Ansatz des traditionellen Alterssports
4 Bewegungsprogramme für Ältere
4.1 Begriff und Zielgruppenbestimmung
4.2 Strukturelle Merkmale von Bewegungsangeboten
4.2.1 Organisatorische Strukturen
4.2.2 Angebotsstrukturen und Bewegungsformen
4.2.3 Teilnehmerstrukturen
4.3 Entwicklungsdesiderata des Alterssports

EMPIRISCHER TEIL
5 Konzeption und Zielsetzung der Untersuchung
5.1 Gegenstand und Ziel der Untersuchung
5.2 Methodik der Untersuchung
4.1.0 Stichprobenauswahl
4.1.0 Erhebungsmethode
5.2.3 Rücklauf und Probleme der Datenerhebung
5.2.4 Statistische Verarbeitung und Darstellung
6 ‚Mehr Bewegung für mehr Ältere’
5.0 Die Gemeinde Walldorf
6.2 Vorstellung des Projekts ‚Mehr Bewegung für mehr Ältere’
6.2.1 Idee und Zielsetzung des Projekts
6.2.2 Organisation und Aktivitäten
6.3 Fazit
7 Darstellung und Interpretation der Untersuchung
7.1 Beschreibung der Stichproben und deren Untersuchungs- ergebnisse: acht nordbadische Kleinstädte
7.2 Vergleich und Interpretation der Ergebnisse
7.2.1 Vergleich der Städte untereinander und Interpretation der Ergebnisse
7.2.2 Gegenüberstellung der acht Kleinstädte mit Walldorf
7.3 Zusammenfassung der Ergebnisse
8 Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andere, neue Bindungen zu geben. Um jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

(Hesse, 1990, S. 87)

Auch ich bin bereit Abschied von meiner Studienzeit zu nehmen und möchte mich allseits für die Unterstützung zur erfolgreichen Absolvierung meines Studiums sowie der Vollendung meiner Magisterarbeit bedanken. Besonderer Dank gilt Prof. Dr. Klaus Roth und Dr. Christina Hahn für die Anregung zu dieser Arbeit und deren Be- treuung sowie Heinz Brehm für sein Engagement, Interesse und die bereitwillige In- formation zu meiner Untersuchung. Bedanken möchte ich mich auch aus vollem Herzen bei meiner Tochter für die Geduld in den letzten Monaten sowie bei meinen Eltern und Freunden für die immerwährende Unterstützung und Rückhalt. DANKE!

Anna Hagen

Heidelberg, im April 2004

Theoretischer Teil

1 Einleitung

Unsere hochkomplexe Gesellschaft, die sich zunehmend an Werten wie Flexibilität, Effektivität, Dynamik und Erfolg orientiert, steht vor der Herausforderung, einer wachsenden Anzahl von älteren Mitmenschen gerecht zu werden. Die durchschnittli- che Lebenserwartung ist höher denn je zuvor und wird nach Hochrechnungen im Jahre 2050 bei 81,1 Jahre für Männer und 86,6 Jahre für Frauen liegen. Es ist noch nicht geklärt, wie sich die drastisch zunehmende Anzahl der älteren Bevölkerung in ein auf Arbeit und Leistung konzentriertes Gesellschaftsgefüge einordnen lässt. Auf der einen Seite existiert eine Vision des modernen (Nicht-)Alterns, in welcher die Wertorientierungen unserer Leistungsgesellschaft weiterhin gelten. Die Senioren von Heute, die sogenannten ‚neuen Alten’, können mit genügend Einsatz körperlicher wie finanzieller Art dem Alter die kalte Schulter zeigen und mit jugendlichem Elan ihren verlängerten Lebensabend genießen. Oder sie schöpfen ihre Leistungskraft weiter aus, denn die Anhebung des Rentenalters ist im Gange. Im Gegensatz dazu werden wir durch die Medien tagtäglich mit Horrorszenarien konfrontiert, die über die Zu- nahme an Lebensjahren wie über eine bevorstehende Naturkatastrophe informieren. Ältere Menschen werden zu einer kostenverschlingenden kränklichen und pflegebe- dürftigen ‚Rentnerschwemme’ dramatisiert, welche ein kaum kalkulierbares Kostenri- siko für unsere ‚vergreisende’ Gesellschaft darstellt.

Die Brisanz der Thematik auf gesellschaftspolitischer wie auch auf individueller Ebene ist nicht zu verkennen und regt in verschiedensten Genres der Wissenschaft zu Diskussionen um ‚die Kunst des erfolgreichen Alterns’ an. Die Frage, wie die dritte Lebensphase optimal gestaltet werden kann und wie dabei Vorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse von Älteren berücksichtigt, und somit Lebensqualität gesichert werden kann, warten jedoch noch auf hinreichende Antworten.

Hierbei kann die Sportwissenschaft eine bedeutsame Rolle einnehmen. „Bewegung ist das Medikament mit dem breitesten Wirkungsspektrum und, richtig dosiert, ohne Risiko und Nebenwirkungen“ konstatiert Meusel (1999, S.1). Inwieweit gezielte körperliche Bewegung nach Meusel als Breitbandmedikament den Alterungsprozes- sen entgegenwirken kann, ist noch nicht eindeutig geklärt. Belegt ist jedoch der posi- tive Einfluss von gezielter körperlicher Aktivität auf die physischen, psychischen und sozialen Prozesse im Altersverlauf. Welchen Beitrag körperliche Aktivität und Sport zu einem gesunden und erfüllten Altern leisten kann, soll im ersten Teil dieser Arbeit erörtert werden. In diesem Zusammenhang stellt sich eine weitere Frage: Wie wird dieses Potenzial der Bewegung genützt? Welcher Anteil der älteren Bevölkerung bewegt sich regelmäßig, sei es unter dem Aspekt der Gesundheit oder der Lebens- freude? Die vorliegenden Zahlen sind enttäuschend gering. Im zweiten Teil dieser Arbeit soll eine Bestandsaufnahme von Bewegungsprogrammen für Ältere die Prob- lematik näher beleuchten. Ziel der Untersuchung ist eine Überprüfung der strukturel- len Angebots- und Teilnehmersituation von Bewegungsprogrammen für Ältere an- hand einer vergleichenden Analyse von neun Stichproben, wobei die Kleinstadt Walldorf mit einem Projekt ‚Mehr Bewegung für mehr Ältere’ als Exempel dient. Da- mit soll der Entwicklungsstand des aktuellen Alterssports in nordbadischen Kleinstäd- ten dargestellt werden sowie Defizite und Perspektiven für die Weiterentwicklung von Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten für ältere Menschen aufgedeckt werden.

Kapitel 2 beleuchtet die Thematik des Alters als Lebensphase sowie den Prozess des Alterns aus verschiedenen Blickpunkten. Durch die Darstellung der brisanten demographischen Entwicklung gilt es der Frage nachzugehen, auf welche Weise diese für die Menschheit neue und erweiterte Lebensphase des Alters in unserer Gesellschaft gestaltbar ist. Hierbei wird in dieser Arbeit eine sozialwissenschaftlich akzentuierte Perspektive eingenommen.

Vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Theorien und Diskurse über das Altern soll im dritten Kapitel die Rolle der körperlichen Aktivität im Alter erörtert werden. Hierbei wird über die sportmedizinische Perspektive hinaus das Potenzial von Sport und Be- wegung in mehrdimensionaler Hinsicht aufgezeigt. In diesem Zusammenhang wird der Ansatz und die theoretische Fundierung des traditionellen Alterssports im Hin- blick auf die Erkenntnisse der modernen Gerontologie kritisch hinterfragt.

Wie sich die aktuelle Situation des Alterssports tatsächlich gestaltet, ist Thema des vierten Kapitels. Basierend auf Daten verschiedener empirischer Studien soll durch die Darstellung struktureller Merkmale von Bewegungsprogrammen für Ältere die Angebots- und Teilnehmersituation in Deutschland erfasst werden. Anschließend wird auf die notwendige Weiterentwicklung des traditionellen Alterssports hingewie- sen.

Zu einem weiteren Einblick in die aktuelle Situation der Bewegungsangebote für Ältere soll die eigene Untersuchung im empirischen Teil dieser Arbeit verhelfen. In Kapitel 5 werden drei Hypothesen aufgestellt, welche im Laufe der Ergebnisinterpretation (Kapitel 7) überprüft werden. Weiter beinhaltet das Kapitel Hinweise über Ziele, Methoden und Probleme der Untersuchung.

Das sechste Kapitel ist der Vorstellung des Projekts ‚Mehr Bewegung für mehr Ältere’ in Walldorf gewidmet, welches die Grundlage für die vergleichende Analyse mit weiteren acht Stichproben darstellt.

In Kapitel 7 werden die acht Teilstichproben in Form eines Gemeindeportraits mit ihren Untersuchungsergebnissen präsentiert. Diese Ergebnisse werden zu einer vergleichenden Analyse herangezogen und interpretiert.

Im abschließenden achten Kapitel werden die Erkenntnisse über das Alter, Altern und Bewegung zusammengefasst und in diesem Kontext die Ergebnisse der eigenen Untersuchung diskutiert. Hierbei wird die Relevanz der gewonnenen Einblicke kri- tisch hinterfragt sowie ein weiterer Forschungs- und Entwicklungsbedarf aufgezeigt.

2 Über das Alter und Altern

1.0 Begriffsklärung

Befasst man sich mit dem Themenbereich des Alters in unserer Gesellschaft ist es sinnvoll am Anfang einige Begrifflichkeiten zu klären, um eine angemessene Termi- nologie aus der Vielfalt der existierenden Begriffe zu wählen. Denn viele Bezeich- nungen zum Thema Alter sind im alltäglichen Sprachgebrauch mit teilweise negati- ven aber auch mit beschönigenden Assoziationen besetzt. Begriffe wie beispielswei- se die Alten, Älteren, Rentner, Greise, Betagte und Senioren spiegeln dies wieder.1 Von den ‚Alten’ oder ‚Greisen’ ist wohl kaum ohne Unbehagen zu sprechen, die Beg- riffe personifizieren geradezu die stereotype Problematik des Alters. Um dem Wort ‚alt’ mit seinen negativen Assoziationen aus dem Weg zu gehen wurde der Begriff des ‚Seniors‘ zeitweilig zu einem Modewort. Inzwischen gilt ‚Senior’ als Reizwort in vielen Bereichen, was aktuelle Diskussionen zeigen. Kolb (1999) sieht in ‚Senioren’ die in unserer Gesellschaft erwünschten Älteren, die mit Agilität, Dynamik und Aktivi- tät kaufkräftige Konsumenten für spezielle Dienstleistungen darstellen und dem ju- gendassoziierten Image der ‚jungen Alten’ entsprechen. Dadurch werden die negati- ven Seiten des Alters, wie zum Beispiel die beängstigenden Gebrechlichkeit, völlig ausgeblendet. Brinkmann und Roder (1985, S. 10) empfinden den Begriff als be- schönigende Umschreibung:

„Warum wird von den Senioren gesprochen und nicht von den Betagten, Ruheständlern, Pensionären, Greisen, Rentnern, oder einfach und direkt von den Alten und den älteren Erwachsenen? Das Wort Senior ist eine beschönigende Umschreibung für eine problembeladene Lebensphase, ein Begriff, der aus der gleichen ‚Ecke‘ kommt wie die Bezeichnung ‚goldener Herbst‘ oder ‚ruhiger Lebensabend‘.“

Entsprechend der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Alter wird in Anlehnung an weitere Autoren (vgl. Kolb, 1999; Denk & Pache, 2003; Baltes, 1994) für die vorlie- gende Arbeit der Begriff der Älteren oder der älteren Mitmenschen, Bürger oder Einwohner als passend erwogen, welche die Gruppe der 60-jährigen und älter beschreiben soll.

Weiter stellt sich die Frage nach der Bedeutung und der Unterscheidung von ‚Alter’ und ‚Altern’, denen die englischen Begriffe ‚old age’ sowie ‚aging’ entsprechen. Der Begriff ‚Alter’ beschreibt nach Baltes (1994) die älteren Menschen und das Resultat des Altwerdens sowie das Alter als Lebensperiode und die Alten als Bestandteil der Gesellschaft. Beim Begriff ‚Altern’ liegt der Schwerpunkt auf der Untersuchung von Prozessen und Mechanismen, die zum Alter führen und die dem Altwerden zugrunde liegen (Baltes, 1994). Meusel (1996) unterscheidet drei Bedeutungen des Altersbeg- riffs: das kalendarische oder chronologische Alter steht für die Zahl der Jahre, das funktionale oder biologische Alter steht für die Leistungsfähigkeit sowie der Begriff des Alters als Kennzeichnung eines spezifischen Lebensabschnitts, das Meusel (1996) als Alter im engeren Sinne benennt. Auch das Altern teilt Meusel auf diese Art ein. Unter Altern im weiteren Sinne versteht er den funktionellen und strukturellen Al- ternsprozess, welcher mit der Empfängnis beginnt und mit dem Tod endet (Meusel, 1996, S. 16). Dagegen steht Altern im engeren Sinne für denjenigen Prozess, „der in der Regel mit dem Übergang aus dem Berufsleben in den Ruhestand einhergeht und mit den (…) Veränderungen verbunden ist, die im äußeren Erscheinungsbild, in der Motorik, im Erleben und Verhalten stattfinden“. Diese Phase wird allgemein als drittes Lebensalter oder dritter Lebensabschnitt bezeichnet. Durch die Zunahme der Le- benserwartung und die daraus entstehende Verlängerung der Altersphase wird in- zwischen auch von einem dritten und vierten Lebensalter gesprochen.

1.0 Demographische Alterung

Dass das Alter(n) in unserer Gesellschaft eine immer größere Rolle spielen wird, zeigen die aktuellen demographischen Veränderungen, die sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch drastischer entwickeln werden. Deutschland verzeichnet zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Japan die weltweit stärkste demographische Alterung (Birg & Flöthmann, 2002).

Mit dem Begriff ‚demographische Alterung’ wird die Zunahme des Durchschnittsalters einer Bevölkerung bezeichnet. Die Messung basiert hierbei auf verschiedenen statistischen Indikatoren. Dazu zählen vor allem die Lebenserwartung, die Prozent- anteile der Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung, das Median- oder Durch- schnittsalter, die Zahl und der Anteil der Betagten und Hochbetagten (80 Jahre und mehr) sowie der Altersquotient. Letzterer wird durch die Zahl der 60- oder 65- Jährigen und Älteren auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis unter 60/65 gebildet.

Der demographische Wandel, welcher eine Veränderung der Altersstruktur einer Be- völkerung bewirkt, wird von verschiedenen demographischen Prozessen beeinflusst. Insbesondere sind die Grundprozesse der Fertilität, Mortalität und Migration beteiligt. Durch den Fertilitätsprozess wurde in den meisten Industrieländern ein starker Rück- gang der Geburtenrate und der absoluten Geburtenzahl ausgelöst. Die momentane Geburtenzahl von ca. 1.4 Lebendgeborenen pro Frau bewirkt einen Rückgang der jüngeren Altersgruppen und somit auch eine Bevölkerungsschrumpfung. Dauerhafte Fertilitätsreduktionen bedeuten eine immer stärkere Reduktion der Jüngeren gegen- über den vorausgegangenen Jahrgängen. Daraus folgt das für Deutschland typische Phänomen des ‚Umkippens’ der Bevölkerungspyramide (vgl. Abb. 1 und 2).

Durch den Mortalitätsprozess ändert sich die durchschnittliche Lebenserwartung und Sterbewahrscheinlichkeit, wobei im 20. Jahrhundert zwei Etappen zu unterscheiden sind. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beruhte der hohe Zugewinn an Le- benserwartung primär auf dem Rückgang der Säuglings- und Kindersterblichkeit so- wie der Sterblichkeit im jüngeren und mittleren Alter durch medizinische Fortschritte bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten.2 In den letzten Jahrzehnten ist der Anstieg der Lebenserwartung hauptsächlich auf die Abnahme der Sterbewahrschein- lichkeit im höheren Alter zurückzuführen. So stieg die Lebenserwartung von ehemals

40.6 Jahren bei den Männern und 44 Jahren der Frauen um die Jahrhundertwende auf inzwischen 74.4 bzw. 80.6 Jahre. Ein weiterer Anstieg ist zu erwarten.

Der verjüngende Effekt der Migration, d.h. der Einwanderungen von reproduktiven Altersgruppen nach Deutschland kann die Alterung nur relativ geringfügig abschwächen, jedoch nicht verhindern.

Die aufgezeigten Prozesse werden die Bevölkerungsstruktur Deutschlands und die Dynamik der demographischen Alterung in den nächsten Jahrzehnten maßgeblich bestimmen, da sie nur sehr begrenzt beeinflussbar sind. Simulationsrechnungen belegen, dass sich die Entwicklung bis Mitte des 21. Jahrhunderts noch weiter Ver- stärken wird (vgl. Birg & Flöthmann, 2002; Birg, 2000; Dinkel, 1994; Robert-Koch In- stitut, 2002).

Die Abbildungen 1 und 2 sowie weitere Eck-Zahlen veranschaulichen die Brisanz der Entwicklung unserer ‚ergrauenden Gesellschaft’:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2001 (Statistisches Bundesamt, 2004)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2. Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2050 (Statistisches Bundesamt, 2004)

Das Median- oder Durchschnittsalter von momentan 38 Jahren wird bis zum Jahr 2050 auf 52 ansteigen. Der Altersquotient wird sich bis 2050 mehr als verdoppeln. So wird der Anteil der über 60-jährigen von 17.9 Mio. (1998) auf 27.8 Mio. (2050) ansteigen. Derzeit bilden die 60-jährigen und Älteren 22.4 % der Bevölkerung, im Jahr 2050 werden es 40.9 % sein.

Am stärksten wächst die Gruppe der Hochbetagten über 80 Jahre. Der Prozentanteil von 3.7 % (3 Mio.) wird sich bis 2025 verdoppeln und bis 2050 auf 13.4 bis 14.6 % (8-10 Mio.) ansteigen (Birg & Flöthmann, 2002; Birg, 2000).

Angesichts der brisanten Entwicklung wird die Auseinandersetzung mit dem Alter in- zwischen unumgänglich für viele Bereiche und erfordert so vor allem gesellschafts- politisches Handeln. Die ‚Überalterung’ unserer Gesellschaft wird insbesondere gra- vierende Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum, den Arbeitsmarkt und auf die sozialen Sicherungssysteme wie Rente und Pflegeversicherung haben.3 Die Frage nach der Gesundheit im Alter wird sowohl auf individueller als auch auf gesellschaft- licher Ebene erheblich an Bedeutung gewinnen, wobei sich die Nachfrage nach me- dizinischer Versorgung verändern und die Anforderungen insbesondere an altersge- rechte Pflege sowie Rehabilitation und Prävention erhöhen wird. Mit Zunahme der Lebenserwartung verlängert sich auch der Lebensabschnitt des Al- ters erheblich. Der Bedarf an Gestaltungsmöglichkeiten dieser Lebensphase, die Er- haltung von Lebensqualität und Wohlbefinden sowie die Frage nach möglichen Ge- winnen des Alters für unsere Gesellschaft bekommt damit einen immer höheren Stel- lenwert.

2.3 Älter werden in unserer Gesellschaft

2.3.1 Die Entwicklung des dritten Lebensalters

Die aufgezeigten Entwicklungen und Folgen der demographischen Alterung sind ein Phänomen der Moderne. Bis in das frühe 20. Jahrhundert war das Alter weniger chronologisch definiert, sondern richtete sich nach der Leistungsfähigkeit der Individuen. Wer seinen Lebensunterhalt nicht mehr verdienen konnte, Haus oder Hof nicht mehr versorgen konnte, galt als alt und gebrechlich. Der Altersstatus war somit biologisch und funktionell definiert (Kolb, 1999).

Das Alter als Lebensphase entstand erst allmählich nach der Industrialisierung mit der Organisation der Arbeit und der Einführung der Rentengesetzgebung. Die mo- derne Altersphase im Ruhestand konnte sich durch die Befreiung von der Aufgabe der materiellen Existenzsicherung sowie durch die höhere Lebenserwartung als feste Lebensphase etablieren und immer weiter ausdifferenzieren (Kolb, 1999). Kohli (1992) nennt dies eine soziale Konstruktion des menschlichen Lebenslaufs, welcher sich in eine Phase der Vorbereitung auf die Erwerbstätigkeit, der Erwerbstätigkeit und den Ruhestand aufteilt (Denk & Pache, 2003). Mit dem Fixpunkt der Pensionie- rung als Beginn des Alters vollzieht sich nach Kolb (1999) eine standardisierte Chro- nologisierung unserer Lebensplanung. Der gesellschaftliche Status richtet sich nicht mehr nach der individuellen Befindlichkeit, sondern nach der Ausgliederung aus der Erwerbsfähigkeit. Damit einher geht das Bild der Nutzlosigkeit in einer auf das Er- werbsleben konzentrierten Gesellschaft. Dabei ist zu bedenken, dass diejenigen, die heute in den Ruhestand eintreten, im Durchschnitt ein Viertel, wenn nicht sogar ein Drittel ihres Lebens noch vor sich haben (Lehr, 1996). Für diese Lebensphase besitzt unsere Gesellschaft keine geschichtlichen Vorbilder (Kolb, 1999). Baltes beschreibt sie als eine „evolutionär, aber auch kulturhistorisch am wenigsten ausgestaltete Pha- se des menschlichen Lebens“ (Baltes& Baltes, 1994, S.19).4 Dieses „Kulturentwick- lungsdefizit“ (Baltes, 1996) bedeutet auf der einen Seite einen erheblichen For- schungsbedarf sowie ein großes Potenzial zur Gestaltung und Optimierung dieses Lebensabschnittes, auf der anderen Seite trägt der Wissensmangel zur Entstehung eines negativen Altersbildes mit bei. Laslett (1995, S. 124) beschreibt die Situation der Älteren entsprechend:

„Sie haben weder kopierbare Modelle, nachvollziehbare Beispiele, anleitende Konventi- onen noch konsultierbare Erfahrungen, seien es persönliche oder soziale Erfahrungen. Seinem Alter zu entsprechen, ist im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wirklich eine Herausforderung.“

Das Bild des älteren Menschen in unserer Gesellschaft ist noch immer sehr negativ geprägt und stimmt aus allen Perspektiven meist nicht mit Bildern der ‚Glorie des Al- ters’ oder des ‚goldenen Lebensabends’ überein. Das gebrechliche Alter wird durch die Massenmedien zu einer gesellschaftlichen Bedrohung verzerrt: einer Masse von pflegebedürftigen, vergreisten und nicht finanzierbaren Alten. Durch vorherrschende Verallgemeinerungen wie Abbau von Kompetenzen und Fähigkeiten, Gebrechlich- keit, Hilfsbedürftigkeit und Vereinsamung wird ein negativer Altersstereotyp geschaf- fen (Denk & Pache 2003). Zahlreiche Studien belegen die negative Bewertung des Alters und wie die Negativbilder die Einstellung und Erwartungshaltung der älteren Menschen selbst beeinflussen und zu ‚altersgemäßem’ Verhalten zwingen (Baltes, 1996, Denk & Pache 2003; Lehr, 1996; Brinckmann & Roder,1985 ). Ein polarisie- rendes Gegenbild zum gebrechlichen Alter sind die Versuche, die eigene Endlichkeit zu negieren und an einem Bild des ewigen Jungbrunnens festzuhalten. Ein durch die Medien überspitztes Bild der ‚Selpies’ oder ‚Woopies’ (Well Off Older People), die nach dem Motto ‚Forever Young’ mit Hilfe von ‚Anti-Aging’ ein durch die Jüngeren finanziertes sorgenfreies Leben führen, trägt zu einer widersprüchlichen und entstell- ten Wahrnehmung des Alters bei (Kolb, 1999). Doch nicht nur die Medien tragen zum Fremdbild des Alters mit bei, auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen und Theoriebildungen sind daran beteiligt.

2.3.2 Theorien des Alterns

Die ersten Wissenschaftstheorien über das Alter in den zwanziger und dreißiger Jah- ren haben einen erheblichen Beitrag zur Entstehung des gesellschaftlichen Altersste- reotyps geleistet (Brinckmann & Roder, 1985). Korrelierend mit Einsichten aus der Biologie und der Physiologie gingen damalige Theorien von einer defizitären Grund- vorstellung des Alterns aus. Die stark medizinisch ausgerichtete und auf einem me- chanistischem Weltbild fundierte Altersforschung assoziierte das Altern generell mit einem Krankheitsprozess, welcher irreversibel durch fortschreitende körperliche, geistig-intellektuelle und emotionale Funktionsverluste gekennzeichnet war. Die so- genannte Defizittheorie wurde durch psychologische Studien zum Intelligenzrück- gang im Alter gestützt und prägte die insgesamt negative Beurteilung des Alters und die Entstehung weiterer „Defektmodelle“ (Philipi-Eisenburger, 1990), die trotz unzu- reichender empirischer Grundlage bis zum Beginn der zweiten Jahrhunderthälfte vorherrschten (Brinckmann & Roder 1985; Denk & Pache, 2003; Kolb, 1999).

In den fünfziger Jahren leiteten die Ergebnisse der ersten großen amerikanischen Baltimore-Längsschnittstudie einen Paradigmenwechsel ein, welche die anwen- dungsorientierte Frage eines ‚erfolgreichen Alterns’ in den Vordergrund rückten. Die soziologisch orientierte Disengagementtheorie (Cumming & Hernry, 1961) postuliert den Rückzug der Älteren aus sozialen Kontakten und Rollen als einen sinnvollen und von den Älteren erwünschten Prozess. Demnach wird der Verzicht auf soziale Kon- takte und Aktivitäten als entscheidender Beitrag zur Lebenszufriedenheit angesehen Im Gegensatz dazu wurde zu Beginn der sechziger Jahre von Havinghorst (1968) in den USA und Tartler (1961) in Deutschland die Aktivitätstheorie aufgestellt. Als wich- tigste Voraussetzung für ein zufriedenes Leben im Alter wird hier ein möglichst un- gemindertes kontinuierliches Aktivitätsniveau der Person gesehen, wobei sozialen Kontakten und Rollen ein wichtiger Stellenwert beigemessen wird. Weitere Autoren griffen diese Thesen auf und überprüften die Beziehung zwischen sozialen Aktivitä- ten, zum Beispiel informelle Nachbarschaftskontakten, Vereinsmitgliedschaften oder Gruppentreffen und der Lebenszufriedenheit als Maß für erfolgreiches Altern (Lehr, 1996). Die Aktivitätstheorie steht in enger Verbindung mit einem Disusemodell, das den Nicht-Gebrauch von körperlich und geistigen Funktionen für den Verlust an Fä- higkeiten im Sinne einer Inaktivitäts-Atrophie verantwortlich macht (Denk & Pache, 2003; Kolb, 1999; Philipi-Eisenburger, 1990).

Beide aufgezeigten Theorien werden inzwischen als unzureichend angesehen, um alle Aspekte eines zufriedenstellenden Altersverlaufs ausreichend erklären zu kön- nen. Kritisiert wird vor allem die Konzentration auf das Alter als isolierten Lebensab- schnitt ohne Miteinbeziehung biographischer Einflüsse. Gleichzeitig bleiben individu- elle Verschiedenheiten sowie sozialstrukturelle Bedingungen unberücksichtigt (Denk, 2003; Kolb, 1999).

Aus der Erkenntnis des Stellenwertes der individuellen Persönlichkeit im Alterspro- zess entwickelte sich die Differentielle Gerontologie, die „unter Zurückstellung gene- ralisierender Aussagen die Frage in den Vordergrund stellt, wie das Individuum sub- jektiv den Altersprozess erlebt und interpretiert“ (Denk, 2003, S. 61). Die von Tho- mae (1968) entwickelte Kognitive Theorie der Persönlichkeit geht davon aus, dass für die Lebenszufriedenheit und das Wohlbefinden der Älteren die subjektive Wahr- nehmung von Situationen und Veränderungen als individuelle kognitive Repräsenta- tion entscheidend ist und weniger die objektiv feststellbaren Gegebenheiten. Betont wird dabei die aktive Auseinandersetzung mit der Lebenssituation (Kolb,1999, S. 95):

„Die sozialen und biologischen Gegebenheiten schaffen zwar bestimmte äußere Bedin- gungen, aber erst die Art und Weise, wie Ältere ihre Situation bewerten und über welche biographisch gewachsenen Möglichkeiten sie verfügen, um mit der wahrgenommenen Si- tuation umzugehen, entscheidet darüber, ob sie ihr Alter als zufriedenstellend erleben.”

Kolb (1999) kritisiert die einseitige Konzentration der Theorie auf die psychische Ebene, wobei aktive Veränderungen der Lebenssituation und benachteiligende Umweltbedingungen nicht beachtet werden.

Die Gerontologen M. M. und P.B. Baltes versuchten in jüngerer Zeit ein übergreifen- des und allgemeingültiges Alternsmodell zu entwerfen und finden mit ihrem SOK- Modell5 nachhaltige Beachtung. Die Theorie der Optimierung durch Selektion und Kompensation geht von einer hohen Individualität im Alter aus, die Baltes (1994) als kulturelle und psychologische Spezialisierung oder Kanalisierung bezeichnet. Als weitere allgemeingültige Vorbedingung für den Altersprozess wird der Verlust an bio- logischen Entwicklungs- und Kapazitätsreserven gesehen, welcher zum Beispiel durch chronische Erkrankungen gewisse Beschränkungen im Alter mit einschließt. Die dritte Rahmenbedingung des Modells sind die altersspezifischen Entwicklungs- möglichkeiten, was bedeutet, dass durch die Bewältigung eines langen Lebens mit all den schwierigen Aufgaben und Situationen ein bestimmtes Wissen und Weisheit entstehen, die zu den Stärken des Alters gehören. Diesen Rahmenbedingungen ent- sprechend wird eine Bewältigungsstrategie vorgeschlagen, welche sich durch fol- gende drei Prozesse auszeichnet: die Optimierung, insbesondere der Intelligenz und der körperlichen Vitalität; die Selektion, indem Lebensbereiche und Ziele den gerin- geren Reserven angepasst werden; die Kompensation, wenn irreversible Einschrän- kungen erlebt werden (Baltes, 1994). Kolb (1999, S. 97) beschreibt das Modell mit „…Defizite zu kompensieren und bestimmte Verhaltensweisen zu selektieren, um das Altern zu optimieren“. Trotz der verallgemeinernden Komponenten des Modells gehen die Gerontologen von einer hohen interindividuellen Variabilität aus, indem das Altern als ein „höchst individueller und differenzierter Prozess sowohl im geistig- seelischen als auch im sozialen Bereich“ gesehen wird (Denk, 2003, S. 62).

Kolb (1999) kritisiert an Baltes‘ Modell vor allem die Ausweitung von allgemein beob- achtbaren Verhaltensprinzipien zu einer Theorie, welche auf einzelnen Untersuchungen zur Intelligenzentwicklung basiert. Die individuellen Anpassungsstrategien stre- ben nach Kolb (1999) nur eine lineare Weiterentwicklung und Ausgleich von Defiziten an, setzten aber nicht auf personale Veränderungen und unerschlossene Kapazitäten.

Auf der Suche der Gerontologie nach einem theoretischen Rahmen für ‚erfolgreiches’ oder ‚optimales’ Altern, wurden eine Vielzahl von Theorien und Ansätzen entwickelt, welche auf theoretischer Basis sowie auch als Hintergrund und Berechtigung für ge- rontologische Interventionsmaßnahmen vielfach diskutiert und kritisiert wurden (Phi- lipi-Eisenburger, 1985). Hauptkritikpunkte der dargestellten Theorien sind nach Denk (2003) die Generalisierungen, die normative Orientierung am mittleren Erwachse- nenalter aus sozial selektiven Gruppen (Mittelschicht), die Unterbewertung des Alters als Lebensphase mit eigener Wertsetzung und Potenzialen, ein überzogenes opti- mistisch-aktivistisches Altenbild, Verwendung subjektiver Messparameter sowie die Gleichsetzung von ‚erfolgreichem’ und ‚angepasstem’ Altern. Erlenmeier (1984, S. 310) meint dazu provozierend: „‚Erfolgreich‘ zu altern und ‚gut angepasst zu sein‘ bedeutet in der Sozialgerontologie mehr oder weniger dasselbe“.

Auch wenn die Fülle der verschiedenen, manchmal recht gegensätzlichen Modelle verwirrend erscheint, haben sie jedoch das Ziel gemeinsam, mit Hilfe verschiedener Bewältigungsstrategien ein Gleichgewicht zwischen den reduzierten eigenen Mög- lichkeiten und der veränderten Alterssituation zu finden. Die Verschiedenheit der frü- heren Ansätze verhalfen jedoch zu einer Entwicklung der Differentiellen Gerontolo- gie, welche, und dies schlägt sich in nahezu allen jüngeren theoretischen Konzepten nieder, auf eine generalisierende Aussage verzichtet und die interindividuelle Variabi- lität des Altersprozesses in physischer wie auch in psychischer Hinsicht betont. Diese Einsichten vereinfachen die Planung von gerontologischen Interventionsstrategien mit Sicherheit nicht, treiben jedoch die Notwendigkeit zur verstärkten interdis- ziplinären Zusammenarbeit an. Hierbei kann die Sportwissenschaft eine wichtige Rolle besetzen (Denk, 2003).

Als theoretischen Hintergrund für die altersorientierte Sportwissenschaft favorisiert Denk (2003, S. 64)) einen noch weiter auszubauenden psychogerontologischen An- satz von Thomae (1998), welcher ausgehend von seiner kognitiven Alterstheorie den

Kompetenzbegriff6 als Ordnungsprinzip einer Synthese der verschiedenen Alterns- theorien vorschlägt. Herausfordernde und belastende Situationen im Alter müssen nach Thomae (1998) mit vier Formen von Kompetenz bewältigt werden: der kogniti- ven, der emotionalen, der sozialen und der motorischen Kompetenz. Letztere wird in der Sportwissenschaft das Zentrum der Interventionsmaßnahmen sein, allerdings schließt der Alterssport im Sinne eines ganzheitlichen und multidimensionalen An- satzes mit seinen Potenzialen, auf die in Kapitel 3 weiter eingegangen wird, alle Kompetenzbereiche mit ein.

1.3 Altersdiskurse

2.4.1 Blickpunkte aus biologischer und psychosozialer Perspektive

Baltes (1994) unterscheidet die Bedeutung von Alter und Altern aus zwei Hauptrich- tungen: den biologischen Wissenschaften und den geisteswissenschaftlichen Diszip- linen. Die biologische Gerontologie bezeichnet die Phase des Alterns als postrepro- duktiven Teil des ontogenetischen Lebens, der durch eine Verringerung der biologi- schen Kapazität und Funktionstüchtigkeit charakterisiert ist und dadurch die Sterbe- wahrscheinlichkeit vergrößert. Altern impliziert so als Gegenstück zum Wachstum Abbau und Verlust. Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes (Robert-Koch- Institut, 2002, S. 8) beschreibt die biologisch-physiologische Dimension des Alterns durch Verluste gekennzeichnet, „…zu denen vor allem die verringerte Funktionsreserve der Organe, die abnehmende Vi- talkapazität, der zunehmende Blutdruck, der erhöhte Cholesteringehalt im Blut, die ver- minderte Glukosetoleranz, die Abnahme der Muskelfasern und Kapillaren bei Zunahme des Bindegewebes, biochemische Veränderungen der Faserbestandteile und der Grund- substanz des Bindegewebes, die Abnahme des Mineralgehalts des Skeletts, die Trübung der Augenlinse sowie der Verlust des Hörvermögens für hohe Frequenzen zu zählen sind.“

Mit altersphysiologischen Veränderungen steigt das Auftreten altersbedingter Krank- heiten, welche je nach Ausprägungsgrad die Lebensqualität und die Lebensspanne zusätzlich verringern. Die Morbidität steigt mit zunehmendem Alter an, wobei sich das Krankheitsspektrum durch Multimorbidität und das Vorherrschen chronischer Krankheiten kennzeichnet. Die Berliner Altersstudie erfasste 30 % der 70-jährigen mit fünf oder mehr behandlungsbedürftigen Erkrankungen, Herzkreislauferkrankun- gen stehen dabei im Vordergrund (Gerok & Brandstädter, 1994; Robert Koch-Institut, 2002).

Ausgehend von einer defizitären Definition von Altern geht es neben der biologischen Forschung, welche durch die Bestimmung verschiedener Alterstheorien7 die Ursa- chen der Alternsprozesse zu ergründen versucht, in der gerontologischen Forschung um das Verstehen von Abbau- und Verlustprozessen8 sowie um die Verlangsamung oder Aufhebung dieser Funktionseinschränkungen (Okonek, 2003). Dabei wird über den gesamten Lebenslauf hinweg ein Veränderungspotential der Organe und des Zentralnervensystems eingeräumt, welches mit fortschreitendem Alter abnimmt. Durch gezielte Maßnahmen wie körperliche Aktivität kann die Plastizität im Alter je- doch genutzt werden und bedeutet für präventive und rehabilitative Maßnahmen ein immenses Interventionspotential (Gerok & Brandstädter, 1994; Meusel, 1996). Das Ausmaß der Verluste und Einschränkungen ist interindividuell sehr unterschiedlich. Neben genetischen Faktoren spielen dabei die körperliche und geistige Aktivität im bisherigen Leben, die Risikofaktoren und Erkrankungen im Lebenslauf sowie die Umweltbedingungen eine wichtige Rolle (Robert Koch- Institut, 2002).

Baltes (1994, S. 11) bezeichnet die biologische Perspektive als eine „unidirektionale“ Definition des Alter(n)s und stellt die geisteswissenschaftliche Grundhaltung zum Al- ter und Altern als eine „multidirektionale“ und richtungsoffene Sichtweise dar, die so- wohl positive als auch negative Aspekte beinhalten kann. Ausgehend von einer Ak- zeptanz der biologischen Vulnerabilität des Körpers im Alter wird der Mensch als Ge- samtheit gesehen, der im psychologisch und kulturell beeinflussten Altersprozess ebenso positive wachstumsartige Potentiale in sich trägt. Baltes räumt der Kraft des Wissens und der Kultur einschließlich ihrer technologischen Errungenschaften mehr Wirksamkeit ein als der Kraft der Biologie. Um diesen „ontogenetischen Fortschritt“ (Baltes, 1994, S. 11) im Alter zu ermöglichen, muss eine Alternskultur mit geeigneten Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft geschaffen werden, die einen multidimensionalen und interdisziplinären Ansatz notwendig macht.

2.4.2 Wer sind ‚die Älteren’ ?

Eine Gemeinsamkeit aus biologischer sowie auch psychosozialer Perspektive ist vor allem die Betonung der hohen intraindividuellen sowie auch interindividuellen Variabilität des Alters und Alterns. Lehr zitiert eine Zusammenfassung der Befunde der Baltimore-Längsschnittstudie von Shock et al. (1984 in Lehr, 1996, S. 389):

„Altern ist ein Prozess, der nicht nur bei verschiedenen Individuen unterschiedlich verläuft, sondern auch in verschiedenen Organsystemen des gleichen Individuums. Wegen dieses hohen Grades an interindividueller Variabilität stellt das chronologische Alter keinen sehr verlässlichen Prädikator der Funktionsfähigkeit eines älteren Menschen dar. Die Einsicht in dieser großen Vielzahl interindividueller und intraindividueller Unterschiede kann aber eine große Hilfe bei der Erarbeitung von Interventionen sein, um die Funktionsfähigkeit normal alternder Menschen zu verbessern.“

Generalisierung, Normierung und Stereotypisierung reichen nicht mehr aus, die Gruppe der Älteren zu erfassen und zu beschreiben. Tews (1994) betont die not- wendige Entwicklung von Altersbildern, welche die Differenziertheit des Alters wider- spiegeln. „Das Alter(n) hat mehrere Gesichter“ (Baltes, 1994, S. 11), chronologische Gliederungen verlieren immer mehr an Bedeutung (vgl. Kohli, 1994; Riley & Riley 1994). Führt man sich vor Augen, dass das Alter heute chronologisch von den 55- bis 60-Jährigen bis hin zu den 100-Jährigen und darüber reicht, ist der Begriff der ‚Alten’ völlig unzureichend. Es werden verschiedene Differenzierungsversuche unternommen, wobei funktionale Kriterien in Zukunft immer gewichtiger werden (Koh- li, 1994). Die Unterscheidung der ‚jungen Alten’ von 55 oder 60 Jahren bis 70/75 Jah- ren und den ‚alten Alten’ (70/75 bis 80/85 Jahren) und folgend die ‚Hochbetagten’ oder ‚Hochaltrigen’ orientiert sich an kalendarischen Zeiträumen (Kolb, 1999). Häufig ist das Bild der ‚jungen Alten’ im sogenannten dritten Lebensalter von einer Vorstel- lung des Nicht-Alterns geprägt, die mit einer guten Gesundheit und ausreichenden materiellen Ressourcen ihre Freiheit genießen (Denk & Pache, 2003; Kolb 1999). Im vierten Lebensalter herrschen dann Funktionseinbußen und gesundheitliche Störun-

gen vor, wie die Gesundheitsberichterstattung über die ‚alten Alten’ bestätigt (Robert Koch-Institut, 2002). Kohli (1994) spricht von einer neu entstehenden Chronologie, einer Unterscheidung zwischen handlungsfähigen und hinfälligen Alten. Dieser funk- tionell orientierten Einteilung folgen einige Autoren. Rieder (1999) teilt die Älteren im Bezug zum Sport in drei Hauptgruppen auf: 1. die Älteren von 60-70 Jahren ohne gesundheitliche Einschränkung, 2. Ältere mit chronischen Behinderungen, Be- schwerden oder Krankheiten, 3. Hochbetagte Menschen oder solche mit massiven mehrfachen Behinderungen. Auch Gerok und Brandstädter (1994) nehmen eine ähn- lich gesundheitsorientierte Einteilung vor und sprechen von ‚normalem‘, ‚krankhaf- tem‘ und ‚optimalem‘ Altern. Im Hinblick auf körperliche Aktivität und Bewegungspro- gramme ist diese Differenzierung eventuell sinnvoll (vgl. Kapitel 4.1 dieser Arbeit).

2.4.3 Was bedeutet ‚erfolgreiches Altern’?

Ausgehend von differenzierten Altersformen anstatt Altersnormen (Lehr, 1996) vor einem theoretischen Hintergrund verschiedener Modelle und Theorien erfolgreichen Alterns9 stellt sich die Frage, was ‚erfolgreiches’ oder ‚optimales’ Altern eigentlich ausmacht. Alter und Erfolg bilden auf den ersten Blick ein widersprüchliches Wort- paar, „Leben unter dem Zwang von Happiness“ beschreibt Gronemeyer (1989, S.113) seine Assoziation und kritisiert wie Rosenmayr (1983) die Wortkombination vehement, da Erfolg eine Zielvorgabe und eine darauf abzielende spezifische Leis- tung impliziert. Dieses eine Ziel gibt es in einem differenziellen und interindividuellen Alternsprozess nicht. Die Autoren plädieren eher für eine Wortverbindung von Alter und Sinn, Hoffnung oder Selbstverantwortlichkeit. In Anlehnung an Havinghurst10 wird erfolgreiches Altern im allgemeinen mit Lebenszufriedenheit in Verbindung ge- bracht (Lehr, 1989). „Not only add years to life, but life to years“ zitiert Baltes (1994,

S. 22) die amerikanische Gesellschaft für Gerontologie. Die Suchkriterien nach er-folgreichem Altern können durch mehr Jahre und mehr Lebensqualität auf den Punkt gebracht werden. Baltes (1994, S. 26) gibt dazu folgende Kriterien an: Lebenslänge, körperliche Gesundheit, soziale und gesellschaftliche Produktivität, psychosozialer Entwicklungszustand, Lebenssinn, Lebenszufriedenheit und Selbstwirksamkeit. Tews (1994) sieht die Aufrechterhaltung der selbstständigen Lebensführung als oberstes Ziel an. Kruse (1996) beschreibt die ausschlaggebenden Kriterien in seiner Definition von Kompetenz:

„Sie beschreibt die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschen zur Aufrechterhaltung (oder Wiedererlangung) eines möglichst selbständigen, selbstverantwortlichen und persönlich zufriedenstellenden Lebens in seiner Umwelt“.

Aspekte wie Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit werden oft als subjektive und schlecht messbare Parameter kritisiert, doch muss die Gerontologie Messkriterien erfolgreichen Alterns aufsetzen oder sind es nicht die älteren Menschen selbst, die am besten darüber urteilen können (Lehr, 1996)? Ausschlaggebend ist letztendlich die intraindividuelle wahrgenommene Zufriedenheit des älteren Menschen. Dabei muss das Altern nicht wie eine Leistung betrachtet werden, die jeder zu ‚bezwingen’ hat (Kolb, 1999), wie Gronemeyer (1989, S. 113) feststellt:

„Es gilt möglichst viele Lebensjahre unter den Bedingungen von Sicherheit, Fitness, Ge- sundheit und gutem Auskommen zu absolvieren. Es ist wichtig integriert zu sein und zu partizipieren, woran auch immer. Zu meiden sind Einsamkeit, Schmerz, Leiden und Ar- mut.“

Ein Gegenpol dazu ist Staudinger und Dittmann-Kohlis (1994, S. 429) Weg zur Zu- friedenheit: „Zufriedenheit, ohne höher-weiter-schneller-besser sein zu wollen, ist möglich und wird zum positiven Sinn.“ Resümierend sollte jeder persönlich ein indivi- duell passendes Gleichgewicht zwischen Leistung und Akzeptanz finden. Wir können dem Alter nicht ganz davonlaufen, doch die multidimensionalen Kapazitäten und Po- tenziale dieses Lebensabschnitts nutzen. Kolb (1999, S. 153) formuliert treffend:

„Ein erfülltes Leben wäre dann ein solches Leben im Alter, in dem man weder in einen hektischen Aktivismus verfällt, der den Anschein erweckt, als wolle man den eigenen I- dealen der Jugendlichkeit nachlaufen und sie krampfhaft auf Dauer stellen, noch vor der Unvermeidlichkeit des Todes resigniert, sondern die letzte Phase auf der Grundlage einer bewussten Wahl zu leben und zu gestalten versucht.“

Dabei deutet er mit dem Titel seiner Arbeit „Bewegtes Altern“ (Kolb , 1999) auf einen grundlegenden Aspekt des erfolgreichen und zufriedenstellenden Alterns hin.

4 Alter und Bewegung

‚Bewegtes Altern’ als Synonym für ‚erfolgreiches Altern’ unterstreicht die Bedeutung der Bewegung im menschlichen Lebensprozess. „Leben bedeutet Bewegung“ (Meu- sel, 1996, S. 15), für eine normale körperliche, geistige und seelische Entwicklung eines Individuums spielt Bewegung und damit die Entwicklung der Motorik eine zent- rale Rolle, insbesondere im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Bewegungsmangel, d.h. das Unterlassen von ausreichenden Bewegungshandlun- gen, kann in der gesamten Lebensspanne zu schädlichen bis hin zu fatalen Involuti- onsprozessen führen. Hierbei stellt sich die Frage nach einer definitorischen Ein- grenzung von ‚ausreichender Bewegung’, denn der Begriff an sich weist nur auf eine Veränderung der Lage eines Objekts in Raum und Zeit hin. Bewegung als Grundlage von Sport und körperlicher Aktivität wird von Meusel (1999) als Selbstbewegung be- zeichnet, welche sich durch die bewusste Steuerung und vielfältige Gestaltbarkeit von der tierischen Bewegungshandlung unterscheidet. Die Bewegungshandlung als Ausführung bestimmter motorischer Fertigkeiten grenzt er weiterhin vom „umfassen- den Handlungsgeschehen des Sporttreibens“ ab, welches neben der Bewegungs- handlung auch die „Motivierung, vorbereitende Handlung und Nachwirkungen der Bewegungshandlungen in Erholungs- und Wiederherstellungsprozessen“ mit einbe- zieht (Meusel, 1999, S. 10).

Im Hinblick auf die Erfassung von Umfang und Ausmaß des Bewegungsverhaltens älterer Menschen tritt generell die Schwierigkeit auf, was zu körperlicher Aktivität und Sport gezählt wird. Zum einen werden Freizeitaktivitäten zum Sport gezählt, welche keine oder nur geringe Bewegungshandlungen beinhalten, wie zum Beispiel Angeln, Schiessen oder Schach. Zum anderen gibt es Bewegungsformen wie das Spazieren gehen, Walking, Wandern und Laufen, deren Unterschiede im Bezug auf die Ausfüh- rung und Intensität fließend sind und so subjektiv unterschiedlich wahrgenommen werden.

Für Denk und Pache (1996) soll der Begriff ‚Bewegungs- und Sportaktivitäten’ nur für Bewegungsformen gelten, deren Intensität für eine Anpassung im physiologischen Bereich ausreicht, um so eine gesundheitlich positive Auswirkung für den Organis- mus zu ermöglichen. Spazieren gehen entspricht demnach nicht den Kriterien, All tagsbelastungen mit höherer Intensität wie Gartenarbeit oder Hausarbeit wird jedoch Trainingswirkung zugeschrieben. Die „Heidelberg-Richtlinien zur Förderung von kör- perlicher Aktivität älterer Menschen“ (WHO 1997, S. 5) verstehen unter körperlicher Aktivität dagegen „alle Bewegungen im Alltag, bei der Arbeit, in der Freizeit und bei sportlichen Aktivitäten“. Schütz (1995) schreibt besonders bei begrenzter Leistungs- fähigkeit dem Spazieren gehen große Bedeutung zu, welche die Gangsicherheit, Beweglichkeit und Funktionalität von Bänder und Muskulatur durch propriozeptive Wirkmechanismen verbessert.

Die Unsicherheit in der Einteilung von Bewegungsaktivitäten ist auch in der Empfehlung zu Trainingsdosierung und Intensität zu finden, die von genauen Angaben zur Herzfrequenz (vgl. Meusel, 1999) über Energieverbrauch (vgl. Berg, 1998) bis hin zur ‚erweiterten Aktivitätsempfehlung’ von täglich 30 Minuten moderater11 körperlicher Aktivität des täglichen Lebens (vgl. Samitz, 1998) reicht. Letzterer Ansatz, welcher durch Untersuchungen z. B. von Baumann (1996) unterstützt wird, bezieht sich auf ein sehr weit gefasstes Aktivitätsparadigma, das weniger die spezielle Art der Bewegung, sondern die Frequenz und Regelmäßigkeit in den Vordergrund stellt und so für einen Interventionsansatz im Alter als praktikabler und eher umsetzbar als die bisher eng formulierten Trainingsempfehlungen erscheint.

2.0 Mehrdimensionale Bedeutung von Bewegung im Alter

Die Erkenntnis, dass körperliche Aktivität die Lebensqualität im Alter erhöht, erkannte schon Hippokrates vor mehr als 2000 Jahren (Lehr, 2003, S. 5):

„Alle Teile des Körpers, die zu einer Funktion bestimmt sind, bleiben gesund, wachsen und haben ein gutes Alter, wenn sie mit Maß gebraucht werden und in Arbeiten, an die jeder Teil gewöhnt ist geübt werden. Wenn man sie aber nicht braucht, neigen sie eher zu Krankheiten, nehmen nicht zu und altern vorzeitig.”

Heute sind sich Experten verschiedenster Disziplinen, von Sportwissenschaftlern über Gerontologen, Medizinern aller Fakultäten, Gesundheits- und Sozialpolitiker bis zu Freizeitpädagogen darüber einig, dass der wichtigste Prädikator für ein erfolgrei- ches Altern eine kontinuierliche körperliche und geistige Aktivität ist. Zahlreiche Stu- dien belegen inzwischen den positiven Einfluss von Bewegung und Sport im Alter auf den physiologischen Altersprozess, die Gesundheit und das Wohlbefinden. Vor dem Hintergrund eines defizitären Altenbildes und eines medizinisch orientierten Ansatzes konzentriert oder ‚reduziert’ sich ein Großteil der Forschungstätigkeiten und Diskus- sionen jedoch auf die körperliche Funktions- und Leistungsfähigkeit im Alter. Kolb (1999, S. 168) formuliert dazu überspitzt: „Der alternde Mensch wird so auf eine al- ternde Körpermaschine reduziert, die am ‚normalen‘ Funktionieren Jüngerer gemes- sen wird und durch ein gezieltes Training funktionsfähig gehalten werden muss“.

Dagegen zeigen Befragungen aktiver Älterer zur Motivation sportlicher Betätigung, dass expressive Motivationsfaktoren wie Spaß, Freude und Wohlbefinden für sie an erster Stelle stehen, und erst danach gesundheitliche und körperliche Aspekte ge- nannt werden (Lehr, 2003; Pache, 2003). Für inaktive ältere Personen ist zwar das Gesundheitsmotiv ausschlaggebend, wirkt jedoch nach Lehr ohne Leidensdruck nicht motivierend. Dieses Beispiel spiegelt die Notwendigkeit wieder, das mehrdi- mensionale Potenzial von Sport und Bewegung im Alter deutlicher herauszustellen und zu nützen.

Im allgemeinen werden inzwischen die positiven Auswirkungen körperlicher Aktivität im Alter in zwei bis drei Bereiche aufgeteilt: ein körperlicher, psychischer und sozialer oder psychosozialer Bereich (Meusel, 1996; WHO 1997, Kirchner et al., 1998). Um die mehrdimensionale Kapazität von Bewegung und Sport für Ältere zu un- terstreichen, wird für diese Arbeit eine differenziertere Einteilung der Wirkungsberei- che unternommen, welche sich am Modell der Therapieziele in der medizinischen Rehabilitation nach Protz et al. (1998) orientiert. Hierbei wird der physische Bereich in eine somatische sowie funktionelle Dimension ausdifferenziert. Als weiterer Be- reich wird die edukative Dimension mit einbezogen. Folgend sollen die Wirkungsbe- reiche von Bewegung im Alter kurz umrissen werden. Für detailliertere Ausführungen wird dabei auf einschlägige Literatur hingewiesen.

3.1.1 Physischer Bereich

Somatische Dimension

Physiologische Involutionsprozesse, welche durch verschiedene biologische Alterns- theorien erklärt werden (vgl. Okonek, 2003), verursachen im Laufe des Alterungspro- zesses degenerative Veränderungen vor allem am Stütz- und Bewegungsapparat, am Herz-Kreislaufsystem, dem Atemapparat, dem zentralen und vegetativen Ner- vensystem und in den Stoffwechselprozessen. Daraus folgt eine Verminderung der Leistungs- und Adaptionsfähigkeit. Sportmedizinische Untersuchungen konnten al- lerdings nachweisen dass diese Abbauprozesse stark von der Lebensweise des ein- zelnen abhängen und einer großen Plastizität unterliegen, die durch Nutzung und Belastung der Organe insbesondere im Alter sehr stark beeinflusst werden kann. Die Entlastungshypothese sieht in somatischen Alternsvorgängen und den Folgen von Bewegungsmangel eine Reihe gemeinsamer Merkmale im Sinne einer Inaktivitätsat- rophie (Israel & Weidner, 1988). Basierend auf Adaptions- und Regulationstheorien kann diese durch Inaktivität und Bewegungsmangel verstärkte vorzeitige Alterung durch regelmäßige körperliche Aktivität und richtige Belastungsdosierung verlang- samt und zum Teil revidiert werden. ‚Wer rastet, der rostet’ oder ‚Use it or loose it’ ist die Devise.

Banzer, Knoll und Bös (1998) fassen die Auswirkungen körperlicher Aktivität auf die physiologischen Funktionsbereiche wie in Tabelle 1 dargestellt zusammen.

Die bisher eher vernachlässigte Frage nach immunologischen Wirkungen körperli- cher Aktivität wird inzwischen auch im Hinblick auf das Alter vermehrt untersucht (vgl. Shepard, 1997; Shinkai, 1997). Weitere Ausführungen und empirische Untersuchun- gen zu physiologischen Anpassungsvorgängen durch Bewegung insbesondere im Alter sind unter anderem bei Israel & Weidner (1988), Spirduso (1995), Shepard (1997), Harris (1994), Marti & Hättich (1999), Huber (1997) und Meusel (1996) zu fin- den

Tab. 1. Wirkung körperlicher Aktivität auf physiologische Funktionsbereiche (nach Banzer, Knoll & Bös, 1998, S. 22)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Anlehnung an die Wirkungsweisen des Gesundheitssports und Sporttherapie ist die gesundheitsfördernde Wirkung dosierter körperlicher Aktivität besonders im Alter sehr relevant (Bös & Brehm, 1998; Fries, 1989). Aus präventiv medizinischer Sicht können Risiko- und Schutzfaktoren durch Sport und Bewegung positiv beeinflusst werden und zur Gesunderhaltung beitragen (Baumann, 1998; Baltes, 1994; Meusel, 1996). Das sekundäre Altern, „das alle Folgen äußerer Einwirkung meint, die wie Krankheiten und Unfälle die natürliche Lebensspanne verkürzen“ (Meusel, 1996, S. 16), welches von Multimorbidität und der Prävalenz chronischer Erkrankungen ge- prägt ist, kann durch die präventive Wirkung von körperlicher Aktivität verhindert so- wie durch das rehabilitative Potenzial von dosierter Bewegung kompensiert werden. Bewegung und Sport nimmt in der Prävention und Rehabilitation der mit zunehmen- den Alter ansteigenden degenerativen Herz-Kreislaufkrankheiten, zum Beispiel Hy- pertonie oder koronare Herzkrankheit, sowie bei Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates, wie Osteoporose, eine ausschlaggebende Rolle ein (vgl. Baumann, 1992; Meusel, 1996; Huber, 1997; Bös & Brehm, 1998).

Funktionelle Dimension

Ein zentrales Anliegen aus individueller sowie gesellschaftlicher Perspektive ist die möglichst lange Erhaltung der Selbständigkeit und Unabhängigkeit im Alter, um Hilfsbedürftigkeit zu verhindern oder hinauszuschieben (Denk & Pache, 2003; Kirch- ner et al., 1998). Ergebnisse der ‚Studie über Bedingungen der Erhaltung und För- derung von Selbständigkeit im höheren Lebensalter (SIMA)’ unterstreichen die große Bedeutung der Selbständigkeit im Alter (Denk & Pache, 2003). Wie der Alltag im Al- ter möglichst selbständig bewältigt werden kann, hängt im wesentlichen von der kör- perlichen Handlungsfähigkeit oder „Handlungskompetenz“ (Baumann, 1998, S. 118) ab. Brinckmann und Roder (1985) betonen den Stellenwert der Bewegung bei der Alltagsbewältigung älterer Menschen:

„Fast alle Bereiche von Alltag und Freizeit werden über Bewegung erschlossen - von der Körperpflege, der Ernährung und dem Aufräumen der Wohnung bis zu Behördengängen, Freizeittätigkeiten und sozialen Kontakten. Gerade ältere Menschen müssen daher jede Einschränkung der Bewegungsfähigkeiten als direkte Minderung ihrer Lebensqualität empfinden.“

Kirchner (1998) beschreibt die Kennzeichnung der Alltagsmotorik im späten Erwach- senenalter durch drei Komponenten der Alltagsaktivitäten12: der Mobilität als Fortbe- wegung zu Fuß, der Basic ADL als Bewältigung des Wohnalltags sowie der instru- mentellen ADL als Bewältigung der außerhäuslichen Umwelt. Um eine zufriedenstel- lende motorische Alltagskompetenz im Alter zu erhalten oder erreichen, ist Bewe- gung und Sport als ideales Mittel zu gezieltem Training von motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu sehen13 Wie sportwissenschaftliche Studien zeigen, stagniert die motorische Entwicklung im Alter nicht, sie unterliegt wie die kognitiven Funktio- nen einer großen Plastizität, wobei den koordinativen Fähigkeiten im Alter ein be- sonderer Stellenwert eingeräumt wird (Kirchner, 1998; Schaller, 2003).

[...]


1 Die Terminologie soll in der gesamten Arbeit geschlechtsübergreifend verstanden werden. Sie schließt die weibliche Form mit ein, ohne sie jedes Mal zu erwähnen.

2 Die Mortalitäts- und Morbiditätsveränderungen werden in diesem Zusammenhang als epidemiologische Transition bezeichnet.

3 Zu sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen des demographischen Wandels vgl. Birg (2000) sowie Höhn & Grünheid (1999).

4 Die Kulturanthropologin Margaret Mead (1971) versteht ein Phänomen unserer gegenwärtigen Gesellschaft als eine „präfigurative Kulturform“, in der die Erwachsenen und vor allem die Älteren dem Wissen der Jüngeren unterlegen sind (vgl. auch Rosenmayr, 1983).

5 SOK steht für Selektive Optimierung durch Kompensation.

6 Zu Kompetenz im Alter vgl. auch Kruse (1996) sowie Rott & Oswald (1989).

7 Zu biologischen Alterstheorien vgl. Okonek (2003) und Oswald & Fleischmann (1983).

8 Mehr zu biologisch- physiologischen Prozessen im Alter in Meusel (1996) und Platt (1991).

9 Vgl. Kapitel 2.3.1 dieser Arbeit.

10 Der Begriff des „erfolgreichen Alterns“ wurde 1953 von Havinghurst und Albrecht geprägt: „How older people feel about their present and their past. If they are happy and satisfied with their lives, they are said to be aging successfully”. (In Lehr, 1989, S. 2).

11 Die Intensität ‚moderat’ wird in 4-7 kcal/min oder 3-6 MET definiert. MET steht für die O2-Aufnahme einer Person, 1 MET = 3,5 ml/min/kg.

12 Meist wird von ‚Activities of Daily Living“ oder kurz ADL gesprochen.

13 Zu motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten vgl. Roth & Willimczik (1999)

Details

Seiten
111
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638539739
ISBN (Buch)
9783638667234
Dateigröße
975 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60251
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,2
Schlagworte
Bewegungsprogramme Eine Analyse Angebote Kleinstädten

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Titel: Bewegungsprogramme für Ältere: Eine vergleichende Analyse der Angebote in nordbadischen Kleinstädten