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Gewaltprävention an Schulen. Die theoretische Fundierung eines Konzepts zur Erklärung gewaltförmigen Handelns

Eine Untersuchung

Praktikumsbericht / -arbeit 2005 39 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorstellung des Instituts für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (IkM)
2.1 Hintergrund und Anspruch des Instituts
2.2 Arbeitsbereiche des Instituts

3. Begriffsklärungen

4. Die „Werkmappe“ – Ein Projekthandbuch zur Durchführung von Projekttagen zur Gewaltprävention an Schulen
4.1 Hintergründe der Werkmappe
4.2 Erster Projekttag
4.3 Zweiter Projekttag
4.3.1 Die Wutpalme
4.3.2 Der „Gewaltsack“
4.3.3 Das Panorama der Lebensfreude
4.3.4 Das Gefühlskabinett
4.3.5 Die Schlichter
4.3.6 Komplimente machen
4.3.8 Das Gewalt und Konfliktlösungs- ABC
4.3.7 Gemeinsam stark sein
4.4 Dritter und vierter Projekttag

5. Theoretische Erklärungsansätze für Gewalt und Aggression
5.1 Psychologische Erklärungsansätze
5.1.1 Triebtheorien
5.1.2 Frustrationstheorien
5.1.3 Lerntheorien
5.2 Soziologische Erklärungsansätze
5.2.1 Anomietheorie
5.2.2 Subkulturtheorie
5.2.3 Etikettierungstheorien
5.2.4 Sozialökologischer Ansatz

6. Weitere Präventionsprogramme im Vergleich mit der „Werkmappe

7. Fazit

1. Einleitung

„Terror an Schulen – brutale Schüler greifen sogar Lehrer an“, „Gewalt ist schulischer Alltag“, „Nervenkrieg im Klassenzimmer“, „Gewalt an Schulen eskaliert“ etc….So fassen die Autoren Frank Ehninger und Klaus- Dieter Bereich

Schuster Schlagzeilen aus deutschen Zeitschriften und Zeitungen zum Thema Gewalt an Schulen zusammen (vgl. Ehninger/ Schuster 2000, S. 17). Berichterstattungen schriftlicher oder medialer Art über die Disziplinlosigkeit der Schüler im Unterreicht, über aggressives Verhalten, Vandalismus, Erpressung, Schlägereien bis hin zum Mord (Der Spiegel berichtete im Mai 2005 über einen Schüler, der seine Lehrerin erstochen hat, vgl. Spiegel Nr.21, S. 70- 76) nehmen zu.

Eine Prüfung der Frage, in wie weit die Gewalt an Schulen in Deutschland faktisch zugenommen hat, ist jedoch nicht Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit. Tatsache ist, dass das Problem Gewalt an Schulen besteht und in der Vergangenheit bereits vielfältige Maßnahmen zur Bewältigung ergriffen wurden. Im Rahmen meines halbjährigen Hauptdiplomspraktikums beim Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (ikM) habe ich einen Einblick in den Bereich der Gewaltprävention an Schulen erhalten, weshalb ich den Themenschwerpunkt meiner Arbeit auf dieses Gebiet legen möchte.

Zunächst erfolgt eine kurze Vorstellung des IkM, seiner Idee und seiner unterschiedlichen Tätigkeiten und Arbeitsbereiche.

Im Anschluss daran werde ich einige Begriffe, mit denen im Fortgang dieser Hausarbeit gearbeitet wird, näher definieren, damit ihre Bedeutung unmissverständlich ist. Dann erfolgt eine Vorstellung der so genannten „Werkmappe“ des IkM, ein Projekthandbuch, auf dessen Basis Projektwochen im Raum Hamburg veranstaltet werden. Diese Vorstellung ist der Ausgangspunkt für den inhaltlichen Schwerpunkt meines Praktikumsberichtes, zunächst aber werden theoretische Erklärungsansätze für die Entstehung von Aggression und Gewalt beleuchtet und erste Folgerungen für die Gewaltprävention gezogen. Im daran anschließenden Kapitel werden weitere Gewaltpräventionsprogramme und -konzepte erläutert und in Beziehung zur Werkmappe gesetzt. Bestehende Unterschiede und Gleichartigkeiten werden herausgestellt und bewertet. Das Fazit greift einige Ergebnisse dieses Vergleichs auf und resümiert sie abschließend.

2. Vorstellung des Instituts für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (IkM)

Das Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (IkM) ist ein gemeinnütziger eingetragener Verein. Das Institut hat sich zum Ziel gesetzt, die konstruktive Austragung von Konflikten gesellschaftlich und in der Interaktion von Menschen zu fördern. Durch Aus- und Fortbildung werden Kompetenzen zur Bearbeitung von Konflikten vermittelt. Das Verfahren der Mediation wird hierbei vom IkM propagiert und angewendet. Mediation ist eine Methode der Konfliktbearbeitung, die ursprünglich aus den USA stammt. Der wesentliche Aspekt ist das „Dazwischentreten“ eines neutralen Dritten zwischen zwei Konfliktparteien. Diese dritte Person ist selbst nicht in den bestehenden Konflikt involviert und verfolgt keine eigenen Interessen in der Auseinandersetzung und an den Ergebnissen. Ihre Hauptaufgabe ist die methodische Anleitung der Auseinandersetzung, und darauf zu achten, dass die Parteien bestimmte Regel einhalten. So wird die Lösungsfindung nach einem gemeinsamen Prozess der Auseinandersetzung von den Parteien selbst angestrebt, worin der wesentliche Unterschied zum Schlichtungsverfahren besteht, bei dem der Schlichter als dritte Person eine Entscheidung oder Lösung ausspricht. Da die Methode der Mediation besonderen Wert auf die Erhaltung bzw. Herstellung der Selbstbestimmung aller Beteiligten legt, stehen der Prozess der Lösungsfindung und die Eigenverantwortlichkeit der Parteien im Vordergrund (vgl. Ehninger/ Schuster 2000, S. 41).

2.1 Hintergrund und Anspruch des Instituts

Das Institut hat sich zu Aufgabe gemacht, Menschen für einen konstruktiven Umgang mit Konflikten zu qualifizieren. Konfliktfreie moderne Gesellschaften gäbe es nicht, und Konflikte seien auch nicht von vorne herein als negativ zu werten, sie seien vielmehr ein notwendiger Bestandteil demokratischer Auseinandersetzungen – entscheidend sei der Umgang mit ihnen (vgl. www.ikm-hamburg.de).

„Im Interesse einer demokratischen Entwicklung der Gesellschaft sollte Konfliktlösung primär eine Aufgabe gesellschaftlicher Interaktion sein und erst sekundär eine Frage staatlicher Interventionen.

Wenn Menschen es nicht gelernt haben, Konflikte mit anderen selbst und vernünftig zu lösen und stattdessen lieber auf staatliche Interventionen setzen, ist langfristig keine gute Entwicklung denkbar.“

(www.ikm-hamburg.de)

Entscheidend für die positive Entwicklung der demokratischen Zivilgesellschaft ist laut dem IkM, wie und in welcher Form mit Konflikten umgegangen wird. Die Bewältigung konflikthafter Situationen stelle, ebenso wie der Umgang mit Unsicherheiten und Veränderungen, immer hohe Anforderungen an die personale Kompetenz dar. Diese müsse gefördert und entwickelt werden.

Um die vorhandenen Ansätze in diesem Sinne zusammen zu bringen und zu fördern, brauche es vermittelnde Instanzen. Die Kultur ziviler Konfliktbearbeitung könne gestärkt werden, wenn die vernetzte Kooperation, der fachliche Diskurs und die methodischen Kompetenzen zusammengeführt würden.

So formuliert das IkM seine Ziele in verschiedenen Informationsflyern und auf der Homepage im Internet. Konkret werden die Arbeitsbereiche und Tätigkeiten im nächsten Kapitel beleuchtet.

2.2 Arbeitsbereiche des Instituts

Das IkM bietet unter anderem Trainings und interne Fortbildungen, Konfliktberatung und Mediation für Privatpersonen, Jugendgruppen, TeilnehmerInnen an Bildungsurlauben oder MitarbeiterInnen im kirchlichen, sozialen oder schulischen Bereich an.

Mediationssitzungen werden kurzfristig vereinbart, so dass ein Konflikt zwischen zwei streitenden Parteien möglichst aktuell vermittelt werden kann.

Die Konfliktberatungen für Teams und größeren Gruppen beginnen mit einem ersten Gespräch, aus welchem eine Analyse über die Art der Konflikte erstellt und Vorschläge für den weiteren Umgang mit diesen Konflikten innerhalb der Einrichtung erarbeitet werden. Bearbeitungen einzelner Konfliktfälle führt das IkM ebenfalls durch, betont hierbei aber seinen Ansatz, die Konfliktkultur der gesamten Einrichtung in ihrem Umfeld erfassen zu wollen (vgl. www.ikm-hamburg.de).

Gewaltdeeskalationstrainings werden nach Absprache über die zu bearbeitenden Fälle ebenfalls durchgeführt. Interne Fortbildungen zielen vor allem darauf ab, die MitarbeiterInnen so zu schulen, dass die vermittelten Inhalte angewendet und an KollegInnen weiter gegeben werden können.

Weiterhin wird im Institut die Grundausbildung zur/ zum MediatorIn angeboten und durchgeführt. Pro Jahr gibt es in der Regel zwei Ausbildungsgruppen, die am Wochenende Seminare besuchen, und damit Berufs begleitend diese Ausbildung absolvieren können. An diesen Tagen werden verschiedene Fachreferenten zu bestimmten Themengebieten eingeladen.

Kleine Arbeitsgruppen von etwa 16 Teilnehmern begünstigen ein effektives Lernklima. Ziele der Ausbildung sind die Vermittlung von Grundfertigkeiten im konstruktiven Umgang mit Konflikten sowohl im persönlichen Bereich als auch im Arbeitsalltag. Die Inhalte der Ausbildung fasst das IkM folgendermaßen zusammen:

- Behandlung von Konflikttheorien
- Konfliktmechanismen & Eskalation
- Konfliktbearbeitungsmöglichkeiten
- Konfliktkompetenzen (insbesondere Kommunikation)
- geschlechtsspezifische und interkulturelle Konfliktbearbeitung
- Ansätze und Training konkreten konstruktiven Verhaltens in Bedrohungs- und Konfliktsituationen durch Zivilcourage
- Verfahren der Mediation, Training der Grundtechniken für MediatorInnen
- Implementierung einer konstruktiven Konfliktkultur und Mediationspraxis am eigenen Arbeitsplatz und der eigenen Einrichtung

Die Ausbildung zur/ zum MediatorIn wird überwiegend von Menschen absolviert, die bereits im Berufsleben stehen und sich das Instrument der Mediation als Zusatzqualifikation aneignen möchten, da eine abgeschlossene Berufsausbildung oder die Tätigkeit in einem Berufsfeld die Voraussetzung für die Aufnahme der Ausbildung sind. Wie oben genannt haben dabei viele Teilnehmer auch die Implementierung von Mediation am eigenen Arbeitsplatz zum Ziel. Es sind die unterschiedlichsten Berufsgruppen vertreten: LehrerInnen, Theologen/ Theologinnen, Krankenpflege- oder Altenpflegepersonal, in der Jugendhilfe tätige Personen etc. 50 Stunden Supervision sind in den Kosten für die Ausbildung enthalten.

Ferner engagiert sich das Institut in Antidiskriminierungsprojekt „Vom Süden lernen“, dass Genderarbeit, interkulturelle Konfliktarbeit und Antirassismus zum Inhalt hat. Die Vernetzung und der fachliche Austausch von Hamburgs Stadtteilen ist ebenfalls ein gewichtiger Arbeitsbereich des IkM. In stadtteilbezogenen Fachgesprächen finden sich Vertreter verschiedenster Organisationen, Behörden oder Einrichtungen zusammen (Jugendamt, Polizei, Jugendhilfe, Straßensozialarbeit, Kindergärten, Schulen etc.) um über aktuelle Probleme des Stadtteils zu diskutieren und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Das können strukturelle Probleme wie zum Beispiel der dunkle und Unbehangen verströmende S- Bahn- Tunnel sein, oder die Planung einer Informationsveranstaltung der örtlichen Drogenberatungsstelle in der Schule.

Oftmals übernimmt das IkM die Moderation solcher Zusammenkünfte, bereitet sie nach und organisiert weitere Treffen.

Entstanden aus einer solchen Stadtteilarbeit im Stadtteil St. Georg, Sitz des IkM, ist ein so genanntes „Streithaus“, in dem sich Bürger zur Streitschlichtung oder Beratung in Konfliktfällen einfinden können. Ausgebildete MediatorInnen arbeiten dort ehrenamtlich.

Schwerpunktmäßig soll sich die vorliegende Arbeit –wie in der Einleitung bereits angekündigt- mit dem Thema Gewaltprävention an Schulen auseinandersetzen. Das IkM arbeitet mit einem bestimmten Programm und mit einzelnen Elementen desselben im Rahmen von Projekttagen und -wochen an verschiedenen Schulen Hamburgs.

Die am meisten vertretenen Schulformen sind Haupt- und Realschulen sowie Gesamtschulen, aber auch in Grundschulen, Gymnasien und Berufsschulen haben bisher vom IkM gestaltete Projekte stattgefunden, auf die jedoch im Rahmen dieses Berichtes nicht näher eingegangne werden sol.

Das Programm, das im Folgenden näher erläutert werden soll, wurde von dem Leiter des IkM, Dieter Lünse, (Dipl. Sozial- Ökonom) sowie einigen weiteren Mitarbeitern des IkM erstellt und wird pro Jahr in ca. 10- 12 Schulen Hamburgs von TrainerInnen und PraktikantInnen des IkM sowie von den jeweiligen Lehrern der Schule durchgeführt. In den meisten Fällen springen bei der tatsächlichen Durchführung die TrainerInnen nur bei Personalmangel der Schule ein. Im Regelfall absolvieren die Lehrer im Vorfeld eine zwei- bis dreitägige Fortbildung, bei der sie für die Anleitung der Projektbausteine qualifiziert werden.

Im folgenden Kapitel soll das Programm, die so genannte „Werkmappe“, vorgestellt werden. Zunächst jedoch erfolgt eine kurze begriffliche Präzisierung des Gewaltbegriffs, um einer missverständlichen Bedeutung vorzubeugen.

3. Begriffsklärungen

Auf den ersten Blick erscheint der Begriff Gewalt und Gewaltprävention klar formuliert und bedarf keiner weiteren Erläuterung. Tatsächlich aber ist der Gewaltbegriff „[…] ungenau und zweideutig […]“ (Tillmann/ Holler- Nowitzki/ Holtappels/ Meier/ Popp 1999, S.18 ff.). Nach den Ausführungen der zitierten Autoren gibt es eine enge, sowie eine weite Definition von Gewalt.

Der enge Gewaltbegriff umfasst beobachtbare physische Schädigungen in der Interaktion zwischen Personen durch ebenfalls physische Mittel, wie beispielsweise Körperkraft oder Waffen. Das können eine Ohrfeige, Prügeleien, das Verletzen mit einem Messer, der Tritt gegen das Schienbein oder ähnliches sein. Vandalismus, also die bewusste Beschädigung von Gebäuden, Gegenständen oder ähnlichem wird ebenfalls unter diesen Gewaltbegriff gefasst.

Die Erweiterung dieser Definition besteht darin, dass auch verbale Attacken oder psychische Schädigungen als Gewalt zu verstehen sind. Spotten, beschimpfen, beleidigen, auslachen, ausgrenzen oder emotional erpressen fällt damit ebenfalls unter den Gewaltbegriff. Als Teilmenge körperlicher wie auch psychischer Gewalt ist das Mobbing zu verstehen, eine Täter- Opfer- Beziehung, bei der die unterlegene Person dauerhaft drangsaliert wird.

Eine nächste Erweiterung ist die Differenzierung zwischen institutioneller und struktureller Gewalt. Die institutionelle Gewalt geht zum Beispiel von der Schule aus: Sie selektiert durch das Geben von Noten, sie gibt den Lernstoff vor, sie verhindert bedürfnisorientiertes Verhalten der Schüler durch den Stundenplan, stellt Regeln auf und erteilt Sanktionen bei Regelverletzungen etc., und stellt damit eine gewaltausübende Instanz dar. Die Polizei zum Beispiel zählt ebenfalls zu gewaltausübenden Institutionen, da sie beispielshalber Strafzettel bei Verstößen gegen die Verkehrordnung erteilt.

An diese Definition anschließend bezieht sich die strukturelle Gewalt auf gesellschaftliche Dauerzustände, wie z.B. Armut, Krieg, Unterdrückung, Entfremdung oder ähnliches, die den Menschen beeinträchtigen (vgl. Tillmann/ Holler- Nowitzki/ Holtappels/ Meier/ Popp 1999, S. 21 ff.).

Eine weitere Begriffsklärung muss bei den Begriffen Gewalt, Aggression und Devianz vorgenommen werden. Von „Aggression“ oder „Aggressivität“ wird vorwiegend in psychologischen Disziplinen gesprochen, während in der Soziologie der Begriff „Abweichendes Verhalten“ synonym mit „Devianz“ verwendet wird.

Die Autoren Tillmann, Holler- Nowitzki, Holtappels, Meier und Popp erklären, dass in psychologischen Konzepten unter Aggression solche Verhaltensweisen subsumiert werden, bei denen „ein gerichtetes Austeilen schädigender Reize erkannt wird“ (Lösl u. a. 1990, S. 10, zit. nach Tillmann/ Holler- Nowitzki/ Holtappels/ Meier/ Popp 1999, S. 23– 24). Aggressivität ist die entsprechende Verhaltensdisposition.

Die soziologische Formulierung bezieht sich auf Normverstöße und unerlaubte Handlungen. Auf der einen Seite können somit Beschimpfungen des Lehrers oder Beschädigung der Schuleinrichtungen als Gewalt gelten. Andererseits sind auch das Abschreiben von Hausaufgaben, das Schwänzen des Unterrichts oder das Fälschen von Unterschriften Verhalten, welches von den gesetzten Normen abweicht. Demnach ist die Verwendung des soziologischen Begriffs „abweichendes Verhalten“ in diesem Kontext – Gewalt in der Schule – problematisch und soll in dieser Hausarbeit nicht verwendet werden, was nicht bedeutet, dass soziologische Aspekte der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt außer Acht gelassen werden. Wenn im Folgenden von Gewalt und Aggression die Rede ist, so sind physische wie psychische Formen der Gewalt in der Interaktion zwischen Personen gemeint. Die Ausnahme ist das Kapitel 5.2, in dem soziologische Theorien erläutert werden und der Terminus „abweichendes Verhalten“ beibehalten wird.

Im Folgenden wird die „Werkmappe“ des IkM in ihrer konzeptionellen Gestaltung und Methodik beschrieben.

4. Die „Werkmappe“ – Ein Projekthandbuch zur Durchführung von Projekttagen zur Gewaltprävention an Schulen

Der korrekte Titel der Werkmappe lautet: „Werkmappe – Ideen, Anleitungen und Materialien zur Gewaltprävention in Schulen und Jugendeinrichtungen“ und wurde vom Fachkreis Gewaltprävention Hamburg, dem 6 IkM- Mitarbeiter angehören, verfasst. Hauptinitiatoren sind Dieter Lünse (Dipl. Sozialökonom), der Leiter des Instituts für Konfliktaustragung und Mediation, sowie Joachim Ranau (Dipl. Päd.).

Der Fachkreis Gewaltprävention, der sich anlässlich einer für Hamburger Schüler im Kino „Cinemaxx“ durchgeführten Veranstaltung gegen Ende des Jahres 1998 gegründet hat, versteht es als seine Aufgabe, das Thema Gewaltprävention in Hamburg konzeptionell zu entwickeln und umzusetzen.

1999 wurde das Konzept erarbeitet und seitdem in unterschiedlichen Schulformen praktisch umgesetzt. Nach den Autoren der Werkmappe soll das Konzept auf jede Schulform übertragbar sein. Zudem sei es möglich, einzelne Elemente separat in Schulstunden oder in einem kleineren Rahmen zum Thema Gewalt mit Jugendlichen oder Kindern einzusetzen. Die Werkmappe wird kontinuierlich überarbeitet und modifiziert, in dieser Arbeit wird es um die Version Februar 2005 und damit um die zurzeit aktuellste gehen.

Zunächst wird die Entstehung und der Hintergrund der Werkmappe vorgestellt. Im Anschluss daran wird ein Überblick über den inhaltlichen Aufbau gegeben und die einzelnen Projektbausteine erläutert.

Die folgenden Ausführungen erfolgen unter der Fragestellung, inwieweit die Werkmappe methodisch und theoretisch begründet ist, und ob sie sich zur Gewaltprävention an Schulen und in Jugendgruppen eignet, beziehungsweise wo sie Defizite und Risiken birgt.

4.1 Hintergründe der Werkmappe

In der Einleitung der Werkmappe finden sich Ziele und Intentionen formuliert, die sich der Fachkreis Gewaltprävention Hamburg gesetzt hat, um dem Thema Gewalt an Schulen präventiv und intervenierend zu begegnen. Die Autoren erklären, Alternativen für gewalttätige oder Gewalt erfahrende Jugendliche aufzeigen, und Hilfe, Orientierung und Unterstützung bieten zu wollen (vgl. Werkmappe, 2005). Die Grundidee ist die Förderung sozialer Kompetenzen im Umgang mit der Gewaltthematik, sowie die Aufdeckung und Nutzung der persönlichen Ressourcen aller Beteiligten.

In der aktuellen Fassung schlagen die Autoren vor, eine Projektwoche zur Gewaltprävention mit Hilfe des Projekthandbuches des Fachkreises verbindlich einzuführen, um so eine Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Empfohlen wird eine derartige Maßnahme von Lünse und Ranau im Zeitraum zwischen der 7. und der 9. Jahrgangsstufe. Dabei wird betont, dass die Durchführung der Projekttage nach den Anregungen der Werkmappe nicht augenblicklich etwas an der Gesamtlage der Schule oder an den Verhaltenweisen eines bestimmten auffälligen Schülers bzw. Jugendlichen ändert, sondern dass sie vielmehr auf das System der Schule oder der jeweiligen Einrichtung wirkt. Gewalt- und Konfliktverhalten solle zunächst öffentlich in einen Diskurs gebracht werden. Weiterhin strebt der Fachkreis Gewaltprävention einen Paradigmenwechsel an.

[…] Soll die Stärkung der eigenverantwortlichen, gewaltfreien Konfliktregelung durch Kompetenzstärkung im Umgang mit Gewalt und Konflikten erfolgreich sein, […] ist ein Paradigmenwechsel im Wertesystem der Schule nötig. […] Das hierarchische Gefälle kann in Schulen sehr hoch sein. Entsprechend oft werden Konflikte von oben, per `Macht- Wort´ oder durch die Anwendung allgemeiner Regeln, z.B. der Schulordnung, bearbeitet. Dementsprechend nimmt das freie, gleichberechtigte Aushandeln von Lösungen zwischen Gleichberechtigten

mancherorts nicht den Raum ein, den es haben könnte. Diesen Paradigmenwechsel können die SchülerInnen aber nicht allein tragen.“ […] (Werkmappe, 2004)

Dem Fachkreis geht es nicht darum, die Hierarchie, die in Schulen im allgemeinen herrscht, abzuschaffen, sondern lediglich zu verflachen, um dem Einzelnen – und zwar auch und gerade dem Schüler – ein größeres Maß an Eigenverantwortung einzuräumen.

Nach Ansicht der Autoren ist dies eine Voraussetzung für konstruktives Handeln in Konflikten und im Umgang mit Gewalt.

Als notwendige Rahmenbedingungen für die Durchführung von Projekttagen nennen Lünse und Ranau folgende:

- Worin liegt die Motivation begründet? Eine Klärung dieser Frage erscheint den Autoren von größter Wichtigkeit.
- Vorraussetzung ist eine schulinterne Lehrerfortbildung, bei der die Lehrkräfte für die Umsetzung des Projektes geschult werden. Hierfür sollten, so die Autoren, etwa 16 bis 20 Zeitstunden veranschlagt werden.
- Beschlussfassung durch das maßgebliche Gremium (Einführung des Programms, Ort und Zeit der Projekttage)
- Klärung der Motivation des beteiligten Jahrgangs
- Information der Eltern, die bestmöglich in das Projekt mit eingebunden werden sollten
- Einbindung ins Schulprogramm und in die Schulordnung
- Information an weitere Einrichtungen in dem Stadtteil, in der sich die Schule befindet, um gegebenenfalls auch außerschulisch präventiv arbeiten zu können, und um Öffentlichkeit herzustellen.

Diese Rahmenbedingungen empfehlen Lünse und Ranau zu bedenken, bevor eine Umsetzung der Werkmappe in Angriff genommen wird. Des Weiteren machen sie darauf aufmerksam, dass es sich bei dem Konzept nicht um ein „Notfall“ - Projekt handelt, sondern dass der präventive Aspekt im Vordergrund steht. Es soll Lehrer und Schüler auf mögliche Gewalt- und Konfliktvorfälle vorbereiten und dazu beitragen, ein möglichst großes Verhaltensrepertoire im Umgang mit Gewalt schon im Vorfeld zu entwickeln, um dann im Ernstfall darauf zurückgreifen zu können.

[...]

Details

Seiten
39
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638541701
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60510
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1,0
Schlagworte
Gewaltprävention Schulen Eine Untersuchung Fundierung Gewaltpräventionskonzeptes Basis Theorien Erklärung Handelns

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Titel: Gewaltprävention an Schulen. Die theoretische Fundierung eines Konzepts zur Erklärung gewaltförmigen Handelns