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Weltsprache Lächeln - Die visuellen Aspekte der sozialen Kommunikation

Seminararbeit 2005 13 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einführender Überblick

2. Formen der sozialen Interaktion
2.1. Verunmöglichte Interaktion:
Neurologische Korrelate
2.2. Erfolgreiche Interaktion:
2.2.1. Universalität der Mimik
2.2.2. Social referencing
2.3. Unterdrückte Interaktion: Social Disply Rules

3. Abschliessendes theoretisches Experiment

4. Anhang: Graphische Darstellungen

5. Literaturverzeichnis

KEIN WISSEN GIBT’S, DER SEELE

BILDUNG IM GESICHT ZU LESEN

(König Duncan in Shakespeares Macbeth)

1. EINFÜHRENDER ÜBERBLICK

Kommunikation wird oftmals spontan mit Sprache assoziert. Doch verbale Interaktion ist nur ein Aspekt der alltäglichen Kommunikation. Ein ebenso oft verwendeter Informations-austauschkanal ist der nonverbale, denn Informationen können nicht nur auditiv, sondern auch (1) visuell, (2) olfaktorisch oder auch (3) haptisch erschlossen werden:

(1) Die sogenannte Körpersprache (Gestik, Körperhaltung, usw.) liefert aufschlussreiche Informationen zum Gemütszustand der beobachteten Person. Einen Überblick zum Thema liefert zum Beispiel Poyatos (1983, S. 54ff).
(2) Experimente belegen, dass das Geschlecht eines Menschen anhand seines natürlichen Körpergeruches identifiziert werden kann (Ellgring, 1984, S. 127). Der Körpergeruch liefert also nicht nur Informationen bezüglich Hygienegewohntheiten eines Menschen.
(3) Wie wichtig der Tastsinn sein kann ist bei blinden Menschen erschliessbar: Mit Hilfe des Braille-Alphabetes sind sie in der Lage, die hervorgehobenen Schriftzeichen aktiv zu ertasten und dadurch relativ problemlos zu Lesen (Goldstein, 1997, S. 451f).

Ein weiterer, sehr effektiver nonverbaler Informationsbeschaffungsweg umfasst das Erkennen von Emotionen anderer Personen anhand ihrer Mimik: Sobald Gefühle einen bestimmten Grad an Intensität erreicht haben, drücken sie sich in emotionstypischen Gesichtszügen aus (Rosenberg & Ekman, 1997, S. 80). Auf den folgenden Seiten werden wir uns vor allem mit dieser gefühlsgebundenen Facette der visuellen Interaktion beschäftigen, denn dem Thema Mimik kann man nur gerecht werden, wenn man sich ebenso mit Emotionen beschäftigt: Obwohl gewisse Forschungsbereiche durch Analyse der Gesichtszüge konstant bleibende charakteristische Dispositionen zu erschliessen versuchen, kann man diesen eigentlich nur das aktuelle seelische Geschehen entnehmen (Argyle, 1975; zit. nach Häcker & Stapf, 2004, S. 603). Mimische Interaktion beschränkt sich praktisch ausschliesslich auf den Austausch von gefühlsgebundenen Informationen. Die Mimik des Interaktionspartners korrekt interpretieren zu können, ist somit eine wichtige Voraussetzung für die angemessene Interpretation seiner Gemütslage. Mimik ist hingegen nicht geeignet, um komplexe Wegbeschreibungen oder mathematische Axiome zu übermitteln. Sachliche mimische Interaktion ist nur auf der Ebene der Ablehnung, bzw. Zustimmung möglich. Da aber Emotionen in der Regel objektgerichtet sind (Meyer, Reisenzein & Schützwohl, 2001, S. 30f), handelt es sich beim Ablehnen, bzw. Zustimmen eines Sachverhaltes um einen gefühlsgebundenen Prozess: Mimik ist also nicht losgelöst von Emotion analysierbar!

2. FORMEN DER SOZIALEN INTERAKTION

Georg Simmel bezeichnete das Ohr als das egoistischste und unbeweglichste Organ des menschlichen Kopfes. Ein Sinnesorgan das nur nimmt, ohne aber jemals auch geben zu müssen (1968, S. 487). Im ersten Moment würden wir der Mimik – sozusagen als Kommunikationsorgan – nicht die selben Attribute zusprechen, denn die Gesichtszüge ver-ändern sich in schneller Abfolge und liefern dem Gegenüber eine Fülle an Informationen. Sie lassen unser Gesicht also lebhaft wirken. Dem muss aber nicht immer so sein: Wir werden uns auch mit Personen beschäftigen, die der nonverbalen Interaktion nicht mächtig sein können oder wollen. Dem ersten Punkt werden wir uns mithilfe neurologischer Korrelaten von Mimik und Emotionen annähern,[1] den zweiten Aspekt werden wir anhand sozialer Mechanismen betrachten. In dem Sinne werden wir bezüglich Übermittlungs- und Empfangsabsicht mimischer Botschaften folgende (Non-) Interaktionsvarianten analysieren: verunmöglichte sowie unterdrückte und erfolgreiche mimische Kommunikation.[2]

2.1. VERUNMÖGLICHTE INTERAKTION : Neurologische Korrelate

Im Gegensatz zur erfolgreichen mimischen Kommunikation und zur bewusst unterdrückten Informationsinteraktion, muss im Rahmen der verunmöglichten mimischen Kommunikation keine Unterscheidung zwischen Vermittler und Empfänger getätigt werden: Aufgrund neuronaler Läsionen ist sowohl das Übermitteln, als auch das Empfangen von Informationen zeitgleich inhibiert: Bei Lesen der Gesichtszügen anderer Personen scheinen wir unsere eigene Mimik als Referenz zu nutzen. Wir verstehen, was andere ausdrücken wollen, weil wir in vergleichbaren Situationen ähnliche Gesichtszüge annehmen würden. Dieser Sachverhalt wird durch neuroanatomische Befunde bestätigt: Personen mit Läsionen bestimmter Sektoren in der rechten Hirnhemisphäre weisen Defizite sowohl im Ausdrücken, als auch im Interpretieren von Gesichtszügen auf (vgl. Adolphs, 2003, S. 578; Gainotti, 1989, S. 153). Wer also der Mimik nicht mächtig ist, kann sie auch nicht lesen. Betroffene sind somit vom sozialen Leben ausgeschlossen! Die genannten Läsionen haben aber noch tiefgreifendere Konsequenzen für die Betroffenen und deren soziales Umfeld:

Personen mit Läsionen in der rechten Hirnhälfte weisen nicht nur Schwierigkeiten in der Erkennung von Gefühlen von Mitmenschen anhand deren Mimik auf, sondern weisen sogar starke emotionale Indifferenz auf.[3] Dem Konzept des signifikanten Symbols des Soziologen George Mead folgend würde man sagen, dass die Betroffenen nicht fähig sind, sich die Reaktionen anderer antizipatorisch vorzustellen: Sie können der Bitte einer Drittperson nicht nachgehen, weil sie in ihnen keine Reaktion auslöst (Münch, 2002a, S. 275).

2.2. ERFOLGREICHE INTERAKTION

Gesunde Personen dürfen sich hingegen nahezu vorbehaltlos auf ihren Erkennungsinstinkt[4] verlassen: Die Mimik ist, stärker als die Gestik, universell. Dies gilt besonderes für glückliches Lächeln[5] (Flammer, 1997, S. 37). Doch Lächeln besitzt nicht in allen Situationen eine positive Färbung: Um Respektverlust zu vermeiden wurden beispielsweise neueingestellte nordamerikanische Lehrer früher darauf hingewiesen, bis zur Semesterhälfte nicht zu lächeln (Smith, 1984, S. 178). Je nach Situation kann ein Lächeln Wärme und Zuneigung, aber auch Unterwürfigkeit bedeuten (Van Hooff, 1972; zit. nach Henley &
La France, 1984, S. 364). So konnten Paul Ekman und Wallance Friesen bis zu 20 ver-schiedene Bedeutungen des Lächelns identifizieren (1982; zit. nach Harrison, 1984, S. 323).

2.2.1. Universalität der mimik

Anhand des von ihnen entwickelten Facial Action Coding Systems (Ekman & Friesen, 1978) verglichen sie zudem verschiedene Völker hinsichtlich Gesichtausdrucksweise und der entsprechenden, drittpersonbezogenen Interpretationsfähigkeit: So untersuchten sie in einer ihrer Studien bezüglich Universalität der Mimik (Ekman & Friesen, 1971, S. 124f) eine analphabetischen Kultur aus Neu-Guinea: Die Stammesmitglieder mussten aufge-nommene Emotionsausdrücke weisser Schauspieler identifizieren, indem sie aus vorge-gebenen Situationen eine auswählten, in der sie das selbe Gefühl erlebt hatten. So legte beispielsweise der Gesichtsausdruck von Trauer den Tod des eigenen Kindes nahe. Obwohl die Eingeborenen vor dem Experiment keinen Kontakt mit Menschen aus dem Westen gehabt hatten, ordneten sie die grosse Mehrheit der Gesichtausdrücke den passenden Situationen zu. Hierbei konnte keinen Geschlechterunterschied eruiert werden.


[...]

[1] Obwohl dieses Kapitel eine biologische Ausrichtung haben wird, und somit den Eindruck erwecken könnte, keinen direkten soziologischen Bezug zu besitzen, erachte ich es als wichtig, auch diese (Non-) Interaktionsvariante anzusprechen: Das zwangsläufige Nichtteilnehmen können am sozialen Prozess bleibt eine Facette des sozialen Lebens, die nicht durch einfaches Ignorieren exkludiert werden darf.

[2] Letzteres schliesst die Frage nach der Universalität der Mimik ein. Wo nötig werden wir zudem die Interaktionspartner in die Kategorien Agens oder Patiens einteilen.

[3] Obschon die Verarbeitung der zwei Fähigkeiten (Emotionsgeneration und Mimikinterpretation) in der selben Hemisphäre stattfindet, scheinen zwei getrennte Kanäle in der rechten Hirnhälfte zu existieren. Erst die Läsion beider Prozesswege führt zum Ausfall beider Fertigkeiten (Etcoff, 1989, S. 181ff).

[4] Wobei beispielsweise Mann (1999) wohl zu Recht darauf verweist, dass man diesen Beurteilungs-prozess nicht zu weit treiben darf: Oftmals tendieren wir dazu, momentane Merkmale einer Person, als beständiges Attribut zu betrachten. Diesen Prozess bezeichnet er als zeitlichen Ausdehnung ( S. 144f) und benennt hierbei das Lächeln als einleuchtendes Beispiel: „ Weil der Betreffende ein Lächeln auf dem Gesicht trägt, wird gefolgert, dass er ständig guter Laune (...) sei.“ Dass es sich hierbei aber oftmals um eine Fehlannahme handelt könnte, musste zu Beispiel auch Shakespeares Duncan erfahren.

[5] Wobei neben dem Lächeln das Gähnen den höchsten Ansteckungsgrad unter den mimisch ausgedrückten Affekten besitzt (Scherer, 2002, S. 167).

Details

Seiten
13
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638542623
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60637
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
Ausgezeichnet
Schlagworte
Weltsprache Lächeln Aspekte Kommunikation

Autor

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