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Rollenspiel - Theoretische Begründung und ein praktisches Beispiel

Hausarbeit 2003 18 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Rollentheorie

3. Was ist ein Rollenspiel? - Was kann es?

4. Das Rollenspiel im Unterricht: Umsetzung

4.1 Ablauf des Rollenspiels
4.2 Schwierigkeiten der Methode

5. Praktisches Beispiel
5.1 Das Rollenspiel
5.2 Die Durchführung
5.3 Die Auswertung
5.4 Einschätzung

6. Zusammenfassung

Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Rollenspiel als Verfahren im Politik- bzw. Sozialkundeunterricht. Die Anwendung von Rollenspielen im Unterricht wird im ersten Teil der Arbeit theoretisch begründet. Anhand eines praktischen Beispiels gebe ich im zweiten Teil einen Bericht darüber ab, wo die Probleme in der Umsetzung liegen und was bei der Durchführung besonders aufgefallen ist.

Zu Beginn erläutere ich die Grundlagen der Rollentheorie mithilfe des Aufsatzes von Krappmann: „Lernen durch Rollenspiel“. Ausgehend von seinen Grundannahmen werde ich die Bedeutung des Rollenspiels für den Unterricht heraus kristallisieren. Dies beinhaltet eine Definition und eine genaue Beschreibung des Rollenspiels. Was kann es leisten, d. h. welche Zielstellung wird mit der Methode verfolgt, und welche Probleme treten dabei auf? Dabei werden sowohl die Spieler des Rollenspiels berücksichtigt, als auch seine Beobachter: Welche Aufgabe kommt ihnen zu?

Das praktische Beispiel ist ein eigens ausgedachtes Rollenspiel, das ich mit ein paar Freunden ausprobiert habe. Es handelt sich ausschließlich um Studenten der Martin-Luther-Universität Halle. Die studierten Fächer reichen von Jura, Medizin, Betriebswirtschaftslehre bis zu Sportwissenschaft. Keiner von ihnen hat sich schon einmal näher mit Didaktik und ihren Methoden beschäftigt. Die Erfahrungen, die sie bisher mit Rollenspielen gemacht haben, wurden in der Schulzeit gesammelt.

2. Grundlagen der Rollentheorie

Der Begriff der Rolle hat seinen Ursprung in der Umgangssprache. Der Ausdruck fehlt zwar die nötige Schärfe, um eine klare Aussage machen zu können, dennoch gelangt man sehr schnell zu dem Eindruck, dass man sehr wohl wisse, was mit dem Begriff Rolle gemeint ist.

Ausgangspunkt der Rollentheorie ist die Annahme, „[...] dass es für den Zusammenhalt einer Gesellschaft und für ihren Fortbestand nötig ist, die Kooperation innerhalb und zwischen verschiedenen Gruppen ihrer Mitglieder zu sichern.“1 Menschen können nur dann erfolgreich miteinander kommunizieren und kooperieren, „[...] wenn sie zu einer gemeinsamen Interpretation der Situation, in der sie einander begegnen, und zu einer zutreffenden Einschätzung ihrer gegenseitigen Erwartungen gelangen können.“2Es muss ihnen gelingen sich auf ein anerkanntes Bezugssystem zu einigen, sonst ist die erfolgreiche Interaktion gefährdet. Unser Verhalten steuern wir unbewusst. Es ist an den allgemein gültigen und sozial vorgeformten Erwartungen orientiert. Gemeinsame Symbole sind es, an die wir uns anlehnen um das gegenseitige Verständnis zu sichern (z.B. Symbol Schrift bzw. Symbol Sprache).

Um die soziale Interaktion und damit das Überleben der Gesellschaft zu sichern, „[...] haben betroffene Gruppen Bündel von Verhaltensnormen an die Positionen geheftet, in denen im arbeitsteiligen Gesellschaftssystem wichtige Aufgaben zuverlässig ausgeführt werden müssen. Die Rollentheorie nennt diese Verhaltenserwartungen Rollennormen.“3 Jede Person vereinigt zugleich mehrere Rollen. So kann z.B. eine Frau zugleich Tochter, Mutter, Ehefrau und Verkäuferin sein, ein Kind zugleich Sohn, Schüler, Mitglied einer Sportmannschaft, Freund von etc.. Jede dieser Rollen hat spezielle Rollennormen, die es nach Erwartung der Gesellschaft zu erfüllen gilt. Werden diese Normen nicht eingehalten, existieren Instanzen, die das abweichendes Verhalten u. U. sanktionieren können. Diese Instanzen dienen der Überwachung und somit der Aufrechterhaltung der Gesellschaft. Jedoch ist keine Rollennorm exakt und widerspruchsfrei definiert. Der Idealzustand solcher exakten und wiederspruchsfreien Definitionen, so sind sich die Vertreter der Rollentheorie einig, ist unerreichbar.4

Die Erwartungen, die erfüllt werden sollen, sind in einem Menschen nicht von Geburt an integriert. Es muss gewährleistet sein, dass die Mitglieder der Gesellschaft die Möglichkeit erhalten die Erwartungen zu erlernen und zu erproben. Krappmann schreibt in seinem Aufsatz, dass „sozialisationskonforme Sozialisationsagenturen“5nötig sind, um dieses Erlernen zu sichern.

3. Was ist ein Rollenspiel? - Was kann es?

Für die Rollen- und Simulationsspiele, lassen sich zwei unterschiedliche Wurzeln ausmachen.

a) Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist das Rollespiel eine Grundform menschlichen Verhaltens. Es tritt individuell und spontan bei Kleinkindern auf. Dabei übernimmt das Kind gegenüber einem Gegenstand (Puppe, Karton etc.) oder einer Person eine bestimmte Rolle. Aus Perspektive der Sozial- Psychologie und Soziologie wird das Rollenspiel dagegen als eine soziale Interaktionsform in einer konstruierten Handlungssituation beschrieben. Die Situation ist vorgeschrieben und den Verlauf bestimmen die jeweils Handelnden mit ihren Aktionen.

b) Die didaktischen Plan- und Simulationsspiele haben ihren Ursprung in den Planspielen des Militärs und der Unternehmen. Sie dienten der Entwicklung und Erprobung realer Handlungsstrategien. Auch sie geben eine Ausgangssituation vor, deren Verlauf die Spieler mit ihren Handlungen bestimmen.

Allerdings werden die Spieler auch mit den Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert.6

Möchte man ein konkretes Spielkonzept einer der beiden Auffassungen von Rollenspielen unterordnen, gestaltet sich dies recht schwierig. Rollenspiele didaktischer Art konfrontieren die Schüler mit einer Konfliktsituation, wie es auch bei den Plan- und Simulationsspielen der Fall ist. Die handelnden Personen sollen mit Hilfe ihrer Aktionen zu einer Lösung finden. Hinsichtlich ihrer didaktischen Grundstruktur sind also Rollenspiele als eine einfache Form der Simulationsspiele anzusehen. In beiden Spielformen bewältigen die Schüler vorgegebene Konfliktsituationen in einer modellhaften Entscheidungssituation.7

Der Ursprung des Einsatzes von Rollenspielen im Unterricht ergab sich aus der Intention, normabweichendes Verhalten nachhaltig zu ändern. Verhalten meint hier vor allem, die Art und Weise zu kommunizieren, die Wortwahl etc. Abweichendes Verhalten ist schwerwiegend. In Rollenspielen wird ein Ausschnitt der Wirklichkeit simuliert, nicht abgebildet. Der Handelnde orientiert sich an einer mehr oder weniger vordefinierten Rolle. Diese vordefinierte Rolle vertritt eine bestimmte Position der Gesellschaft, von der wiederum ein bestimmtes Verhalten erwartet wird. Der Begriff soziale Rolle bezeichnet nun genau diese Erwartungen an das Verhalten und Handeln von Individuen, die bestimmte soziale Positionen innehaben.8Da in einem Rollenspiel hauptsächlich typische Verhaltensweisen der vordefinierten Person dargestellt werden sollen, sind keine detaillierten Kenntnisse über das Individuum notwendig. Peter Massing unterscheidet (in seinem 1998 erschienenen Aufsatz „Das Rollenspiel im Unterricht“) zwischen zwei Arten von Rollen-Konflikten: „Man spricht von einem Inter-Rollen-Konflikt, einem Konflikt zwischen den Rollen, die eine Person gleichzeitig spielt. Ein Intra-Rollen-Konflikt, ein Konflikt innerhalb einer Rolle, liegt dagegen vor, wenn die Erwartungen verschiedener Bezugsgruppen bezüglich einer bestimmten Rolle, die eine Person spielt, sich widersprechen, [...].“9Diese Konflikte kommen in der Realität wie auch im Rollenspiel vor. Die Aufgabe der Spieler eines Rollenspiels ist es, die Realität zu simulieren und damit auch diese Konflikte darzustellen.

Je offener und weniger strukturiert und institutionalisiert die sozialen Rollen sind, umso größer ist der Interpretations- und Ermessensspielraum in einem Rollenspiel. Berufsgruppen wie Lehrer, Polizisten etc. bieten weniger Raum für Eigeninterpretation, als es z.B. Personen wie Mutter oder Jugendlicher können. Jedoch schreibt keine soziale Rolle das Verhalten bis ins Detail vor.10

„Bei dem Rollenspiel im Unterricht“, so Peter Massing, „geht es nicht um individuelle Besonderheiten, sondern um das Typische, d.h. um typische Handlungen und um Typen von Handelnden.“11Man kann also von einem, nach Meinung der Schüler, prototypischen Vertreter der jeweils zu simulierenden sozialen Rolle sprechen. In der Gesellschaft geltende Klischees werden dargestellt und gesellschaftlich-politische Wirklichkeit simuliert.

Rollenspiele haben Modellcharakter und haben nicht den Anspruch die Realität abzubilden. Sie dienen als Hilfskonstruktionen für die Erkenntnisgewinnung im Unterricht.12

Massing stellt in seinem Aufsatz vier Bedingen für Rollenspiele auf:

a) Die durch das Rollenspiel simulierte Situation muss repräsentativ sein.
b) Das Rollenspiel muss die komplexe Wirklichkeit reduziert und transparent modellhaft simulieren.
c) Das Rollenspiel setzt Akzentuierungen auf das Wesentliche.
d) Das Rollenspiel hat intentionalen Charakter.13

Hermann Giesecke geht in seinem Kapitel zum Rollenspiel so vor, dass er zu Beginn klärt, was ein Rollenspiel nicht ist. Es sind keine Theaterstücke, da diese von Autoren geschrieben werden und zumeist nur von professionellen Schauspielern gespielt werden können. Theaterstücke enthalten außerdem Forderungen an die Gesellschaft.

Das Rollenspiel hat eine andere Intention. Es enthält keine Forderungen, sondern beschreibt modellhaft was ist und warum es so ist.14 Auch Giesecke verweist darauf, dass es bei der Verwirklichung nicht um individuelle Besonderheiten einer Person geht, sondern um das typische Rollen-Verhalten. Schauspielerisches Können, wie Dramatik oder Komik, besonders hervorzuheben, ist bei einem Rollenspiel nicht vonnöten. Ziel des Spiels ist „Richtigkeit“ in der Darstellung der sozialen Rollen. Nicht Vorurteile sollen hierbei artikuliert werden. „Richtigkeit“ ist der Konsens, auf den die Schüler durch Gespräche und Diskussionen kommen. Jeder einzelne Schüler verfügt über andere Lebenserfahrungen. Ziel ist es die Übereinstimmungen dieser individuellen Lebenserfahrungen herauszufiltern und diese dann in der Rolle darzustellen. Ziel des Spiels soll sein, „[...] die subjektiven Illusionen bzw. Ideologien abzuarbeiten.“15

Im Mittelpunkt eines Spiels soll nie das Spiel an sich liegen, sondern die anschließende Diskussion. Jeder Schüler, sowohl Spieler als auch Beobachter, kann daran mitwirken. Auch Krappmann betont die Bedeutung des anschließenden Gesprächs. Er knüpft an die kindlichen Rollenspiele an und ist der Meinung, dass ein anschließendes, erklärendes Gespräch besonders fruchtbar für die Entwicklung ist. Es muss den Kindern erklärt werden, was vorgefallen ist und warum es so geschehen ist, wie es ist. „Die Beteiligten erfahren sich selbst dabei als Mitglieder einer Gruppe. Sie werden sensibel für die Erwartungen der anderen, lernen eigene Interessen zu erklären, Vorurteile zu revidieren und derzeit nicht zu beseitigende Ungewissheit zu ertragen.“16Bei den Rollenspielen im Unterricht werden unbewusste, aber durch das Rollenspiel sichtbare Verhaltensmuster nachgezeichnet. Sie werden vorgeführt und dürfen nicht einfach „im Raum stehen gelassen“ werden. Das Verhalten muss reflektiert und erklärt werden.

[...]


1Krappmann, Lothar: Lernen durch Rollenspiel. In: Kochan Barbara (Hrsg.): Rollenspiel als Methode sprachlichen und sozialen Lernens. 2. Auflage, Kronberg: Scriptor 1981, S. 33

2ebd

3Krappmann, Lothar: Lernen durch Rollenspiel, S. 34

4vgl Krappmann, Lothar: : Lernen durch Rollenspiel, S. 34

5Krappmann, Lothar: Lernen durch Rollenspiel, S. 34

6vgl. Buddensiek, Wilfried: Rollen- und Simulationsspiele. In: Mickel, Wolfgang W./Zitzlaff, Dietrich (Hrsg.): Handbuch zur politischen Bildung. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1988, S. 251-253

7ebd

8vgl. Massing, Peter. Handlungsorientierter Politikunterricht. Ausgewählte Methoden. Schwalbch/Ts.: Wochenschau Verlag 1998, S. 13

9Massing, Peter: Handlungsorientierter Politikunterricht, S. 14

10vgl. Massing, Peter: Handlungsorientierter Politikunterricht, S.14

11Massing, Peter: Handlungsorientierter Politikunterricht, S.14

12vgl. Massing, Peter: Handlungsorientierter Politikunterricht, S.14

13vgl. Massing, Peter: Handlungsorientierter Politikunterricht, S.15

14vgl. Giesecke, Herman: Methodik des politischen Unterrichts. München: Juventa 1973, S. 76-77

15Giesecke, Herman: Methodik des politischen Unterrichts, S. 77

16Krappmann, Lothar: Lernen durch Rollenspiel, S.45

Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638544474
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60876
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,0
Schlagworte
Rollenspiel Theoretische Begründung Beispiel Didaktik Sozialkunde

Autor

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