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Untersuchung über die Konsequenzen des Ehebruchs in Choderlos de Laclos "Les Liaisons Dangereuses" - in Bezugnahme auf die Opfer- und Täterrollen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frankreich im 18. Jahrhundert
2.1 De Laclos Vita
2.2 De Laclos und seine Zeit

3. Les Liaisons et les Dangereuses
3.1 Die Charaktere in den Liaisons dangereuses
3.2 Das Verständnis der Opfer- und Täterrolle

4. Liebe und Leidenschaft
4.1 Der Teufel im Spiel der Liebe
4.2 Liebe und ihre Illusion
4.3 Konsequenzen: Mord, Rufmord, Selbstmord, Ächtung und Kloster

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Seminararbeit werde ich die Folgen des Ehebruchs in den Liaisons dangereuses, im Frankreich des 18. Jahrhunderts untersuchen. Als Basis dieser Untersuchung liegt der Arbeit der Roman les liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos, in deutscher Übersetzung vor. Dabei werde ich mich nur auf den Roman beziehen, obwohl es viele Filmadaptionen gibt.

Ich versuche zu klären, ob nicht gerade die Opfer des Romans Täter des Ehebruchs waren und in welcher Tragweite sich deshalb die Konsequenzen auf sie ausgewirkt haben. Starb das vermeintliche Opfer wirklich daran, dass es sich der wahren Liebe geöffnet hat, oder doch an den Folgen eines schlechten Gewissens seinem Ehemann gegenüber? Oder wollte der Autor uns sagen, dass man diese verschiedenen Wertesysteme der Liebe nicht vereinen kann?

Des Weiteren versuche ich darzulegen, ob nicht die offiziellen Bösen auch Opfer ihrer Zeit wurden. Vielleicht sogar Opfer ihrer eigenen Prinzipien. Das wachsende Verlangen, jede Regung rational erklären zu müssen, kann unter Umständen zu der Gefühlskälte geführt haben, die beide ‚Bösewichte’ an den Tag legen.

Gibt es Gewinner und Verlierer und wenn ja, warum sterben die ‚Guten’ während die ‚Bösen’ nur bestraft werden?

2. Frankreich im 18. Jahrhundert

2.1 De Laclos Vita

Choderlos de Laclos wurde 1741 geboren. Er stammte aus einer neuadeligen Familie, was ihm während seiner Karriere hinderlich wurde. Denn für Aufstiegsgarantien innerhalb der Artillerie musste man mindestens in der vierten Generation adelig sein.

Über seine Jugend ist wenig bekannt, erst im Alter von 19 Jahren wurde man auf ihn aufmerksam. De Laclos war Unterleutnant im Artillerieregiment. Schon zu der Zeit schrieb er leichte Gedichte und ein wenig Prosa, jedoch war nichts von dem, was er schrieb, von großem Interesse.

Sein Briefroman les Liaisons dangereuses hingegen erweckte nicht nur Interesse sondern schieres Aufsehen und Empörung. 1782 erschienen und 1823 polizeilich verboten, ließen die Liaisons genug Raum zu den Spekulationen, die Charaktere seien nicht fiktiv, sondern beruhten auf der „recht lebens- und liebenslustigen Gesellschaft“ Grenobles.[1] Stendahl[2], ein Schüler de Laclos, beschwört diese Gesellschaft selbst gekannt zu haben, wuchs er doch in Grenoble auf. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Charaktere fiktiv sind oder Ähnlichkeiten zu bekannten Persönlichkeiten beabsichtigt waren.

De Laclos erntete die Früchte des zweifelhaften Ruhmes und wurde von seinen militärischen Vorgesetzten in ein anderes Regiment strafversetzt. So wurde er am Sturz des Herzogs von Orleans beteiligt, wofür er ins Gefängnis kam.

De Laclos war außerdem Ehemann und Vater. Seine Frau hatte er durch eine Wette erobert, die stark an die Eroberung der Hauptfiguren aus den Liaisons dangereuses erinnert. Nämlich an Vicomte de Valmonts Eroberung über Madame de Tourvel. Im Gegensatz zu den Romanfiguren hat de Laclos seine Eroberung geheiratet und Kinder mit ihr gezeugt.

2.2 De Laclos und seine Zeit

Frankreich im 18. Jahrhundert war eine Ständegesellschaft im Aufbruch. Das vorherrschende System von Klerus, Adel und dem 3. Stand wurde revolutioniert. Der erste und zweite Stand verloren zusehends an Macht und Einfluss. Auf dem Weg zur konstitutionellen Monarchie büßte die herrschende Gesellschaft jegliches verbliebene Prestige ein. Dementsprechend wuchs der dritte Stand zum Großbürgertum, der Bourgeoisie, heran.

Gleichzeitig war ein literarischer Umbruch zu erkennen. Die Aufklärung erhielt Einzug, die Realität trat in den Vordergrund. Non-fiktive Literatur war begehrter, weil sie ‚echter’ erschien.

Es war die Epoche der Philosophie und Geschichte, der Wissenschaft und Empirie. Liberalität und religiöse Toleranz, der Glaube an Vernunft und Fortschritt, das Naturrecht und die Volkssouveränität sowie die Forderung nach Gewaltenteilung, waren Leitgedanken, die allmählich auch einer größeren moralischen Freiheit und Freizügigkeit in erotischen Dingen den Weg bereiteten.[3]

Kirsten von Hagen beschreibt mit diesem Zitauf diese Art den Roman als ‚neues’ Medium.[4] Damit meint sie die von Laclos verwendete Technik, einen Roman als Briefroman zu verpacken, um Authentizität vorzugeben. In der Tat waren Briefromane auf Grund der Empiriewelle sehr aktuell. Die Diskussionen über Ähnlichkeiten zu lebenden Personen haben diesen Roman noch forciert. Die Liaisons sind nicht nur in dieser Zeit erschienen, es ist ein zeitgenössischer Roman mit einer zeitgenössischen Gesellschaft. Frau Merteuil sowie Valmont, die beiden Hauptcharaktere, verkörpern den alten Adel. Sie kompensieren den Verlust ihrer gesellschaftlichen Stellung durch die aufkeimende Freizügigkeit, Libertinage. Heute hat es die Bedeutung „Ausschweifung, Zügellosigkeit“[5], im 18. Jahrhundert hingegen war es eine Lebenseinstellung. Es gab Regeln der Libertinage, die ein jeder Libertin einzuhalten hatte. Den genauen Regelkatalog gab es nicht in schriftlicher Form, jedoch war sein Inhalt das genaue Gegenteil der Liebe aus Leidenschaft. Diese Entwicklung verlief entgegen der auftretenden Heirat aus Liebe. Die gesellschaftsstrukturellen Gründe für eine Kontrolle der Eheschließungen waren entfallen, und was sollte die Gesellschaft daran hindern, von arrangierten Heiraten zu Liebesheiraten überzugehen?[6]

Die zwei Systeme der Liebe, die in dieser Zeit aufeinander trafen, waren vereinfacht gesagt die sensible Liebe, Sensibilité und die kalkulierte, körperliche Liebe der Libertinage.

Der gesellschaftliche Machtkampf war verloren, deshalb wurde er in den erotischen verlagert.[7] Ein Kampf mit ungleichen Waffen, denn was nach Außen wie Liebe aussieht, hat Innen zwei verschiedene Regelsysteme, nach Luhmann ‚Codes’. Die sensible Liebe ist eine reziproke, sie baut auf gegenseitigem Gefühl auf und muss immer neu geschaffen werden. Das Fundament ist Freundschaft, sein Mittel zur funktionellen Liebe ist die Kommunikation.[8] In dieser Ecke des Rings steht Tourvel, ihr Gegner in der gegenüberliegenden Ecke ist Valmont, der vorgibt, den gleichen Code zu verfolgen. Um einen solchen Machtkampf bestehen zu können, ist Selbstkontrolle unabdingbar. Valmonts eigener Code ist jedoch Verführung als Mittel zum Zweck. Dabei zieht der Libertin das Vergnügen aus dem Schmerz der Frauen und seiner Überlegenheit.[9] „Größere Dinge erwarten uns. Erobern, das ist unsere Bestimmung.“[10] Auf die Perfidie dieses Verhaltens werde ich im dritten Teil dieser Arbeit genauer eingehen.

Im Allgemeinen sei hier gesagt, dass diese Gesellschaft sowohl Adressat als auch Gegenstand des Romans war.[11] Auf der einen Seite war der Widererkennungseffekt enorm, auf der anderen Seite war der Widerstand beziehungsweise die Leugnung dessen mindestens genauso groß. Wie bereits erwähnt, brachte dieser Fakt de Laclos nicht nur positiven Ruhm.

In der Rollenverteilung des Romans stehen sich der alte Adel, ‚noblesse d’épée’ dem neuen Adel, der ‚noblesse de robe’ gegenüber, allerdings sind die Grenzen fließend und teilweise nur angedeutet. Auch auf diesen Teil werde ich später noch genauer eingehen. Charakteristisch jedoch ist, dass nicht alle Figuren genau in das Raster einzuordnen sind, da es in der Realität bereits zerfallen war und einige lebende Charaktere keinen Unterschied mehr benennen mochten.

[...]


[1] Erich Köhler: Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur. Die Aufklärung II, Stuttgart 1987, S. 73-104

[2] napoleonischer Beamter und Autor von Le Rouge et Le Noir, als seine Karriere nach Napoleon endete, widmete er sich ganz dem Schreiben. http://www.frankreich-experte.de/fr/6/lit/stendahl.html Zugriff am 20.01.06

[3] Charpentier/Lebrun, Histoire de France, Paris, 1987, 122f.

[4] vgl. Kirsten von Hagen, Intermediale Liebschaften. Mehrfachadaptionen von Choderlos de Laclos’ Les Liaisons dangereuses. Stauffenburg Verlag, Tübingen, 2002, S. 22

[5] Duden, das Fremdwörterbuch

[6] Niklas Luhmann, Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität. Frankfurt am Main. Suhrkamp, 1982 S. 183-197

[7] vgl. von Hagen S. 24

[8] vgl. Luhmann

[9] vgl. Barbara Vinken: Frau und Phallus. Weiblicher Libertinage in den Liaisons dangereuses, in: Behrens, R. und Galle, R. (Hg.), Leib-Zeichen : Körperbilder Rhetorik und Anthropologie im 18. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen und Neumann, S. 207-223

[10] de Laclos Brief 4, Valmont

[11] vgl. Wolfgang Matzat S. 87

Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638544498
ISBN (Buch)
9783640860968
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60878
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich Geisteswissenschaften; Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Untersuchung Konsequenzen Ehebruchs Choderlos Laclos Liaisons Dangereuses Bezug Opfer- Täterrollen High Infidelity Ehebruch Literarisch

Autor

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Titel: Untersuchung über die Konsequenzen des Ehebruchs in Choderlos de Laclos "Les Liaisons Dangereuses" - in Bezugnahme auf die Opfer- und Täterrollen