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Die historische Entwicklung der Bevölkerungsstatistik und der Lebensversicherung

Seminararbeit 2006 43 Seiten

BWL - Unternehmensforschung, Operations Research

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Formelverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung und Begriffsabgrenzungen

2 Die historische Entwicklung der Bevölkerungsstatistik
2.1 Einführung und Begriffsabgrenzung
2.2 Historische Entwicklung vom Altertum bis zur Neuzeit
2.2.1 Altertum
2.2.2 Mittelalter
2.2.3 Neuzeitliche Entwicklungen vom 16. bis zum 18. Jh
2.2.4 Moderne Bevölkerungsstatistik bis zum 20. Jh
2.3 Bevölkerungsstatistik der BRD
2.3.1 Erhebungssystem
2.3.2 Auswertungsmethoden

3 Vorläufer der Lebensversicherung
3.1 Versicherungsähnliche Ansätze im Altertum und Mittelalter
3.2 Frühformen der Lebensversicherung und die Belebung der Mathematik im Zeital- ter der Reformation, Gegenreformation und des Absolutismus (16. bis 18. Jh.)
3.2.1 Staatliche Initiative zur Schadensbegrenzung und Finanzierung im 17. / 18. Jh
3.2.2 Erste Grundlage moderner Versicherungswirtschaft
3.3 Das 19. Jahrhundert
3.3.1 Mathematische Weiterentwicklung im 19. Jh
3.3.2 Erste Versicherungsunternehmen in Deutschland im 19. Jh
3.3.3 Der Weg vom Institute of Actuaries in England zur IAA

4 Lebensversicherungsmathematik im 20. und bisherigem 21. Jahrhunderts
4.1 Rahmenbedingungen und nationale Ausprägung der LV
4.2 Grundlagen der Lebensversicherungsmathematik
4.2.1 Vorbemerkungen
4.2.2 Rechnungsgrundlagen der LVM
4.2.3 Kommutationswerte
4.2.4 Versicherungsmathematisches Äquivalenzprinzip
4.2.5 Prämien und Deckungskapital

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Versicherungsunternehmen in der BRD 1997

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Bevölkerungskonzept

Abb. 2: Bevölkerungspyramiden Deutschlands im Vergleich

Abb. 3: Anteile der LVG in Deutschland um 1850 nach Versicherten

Abb. 4: Die fünf Grundregeln der International Actuarial Association

Abb. 5: Kommutationswerte der Überlebenden und der Gestorbenen

Abb. 6: Versicherungsmathematische Äquivalenzprinzip

Formelverzeichnis

Formel 1: Ermittlung der Bevölkerungsdichte

Formel 2: Rentenformel von Abraham DeMoivre

Formel 3: Sterblichkeitsgesetz von Gompertz-Makeham

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung und Begriffsabgrenzung

Der Begriff der Versicherung lässt sich nach FARNY durch „Deckung eines im einzelnen ungewissen, insgesamt geschätzten Mittelbedarfs auf der Grundlage des Risikoausgleichs im Kollektiv und in der Zeit“1verdeutlichen. In diesem Kontext tritt die Lebensversiche- rung als ein Teilgebiet der Individualversicherung gemäß dem Grundsatz von Leistung und Gegenleistung in Erscheinung. Diesem Wirtschaftszweig unter Anwendung des Äquiva- lenzprinzips steht das Teilgebiet der Sozialversicherung gegenüber, welches „über Beiträge einen sozialen Ausgleich bezweckt“2und damit dem Solidaritätsprinzip gerecht wird.

Mit der vorliegenden Arbeit soll eine geeignete Darstellung der historischen Entwicklung vorgestellt werden, die zur Ausprägung der Lebensversicherungstechnik im modernen Sinn führte. Es wird herausgearbeitet, welche Ergebnisse die Erkenntnisse seit dem Altertum für den Gesamtkontext liefern und inwiefern diese in der Lebensversicherung des 20. und 21. Jahrhunderts Anwendung finden.

Dazu werden folgende Schwerpunkte gesetzt, die gleichzeitig für die Strukturierung der Arbeit maßgebend sind.

Im Mittelpunkt der Betrachtung steht zunächst die Darstellung der bevölkerungsstatistischen Entwicklung vom Altertum über das Mittelalter und den Beginn der Neuzeit bis zur Moderne. Dieses zweite Kapitel stellt eine Auswahl prägnanter Erhebungen dar und schätzt den Wert der jeweiligen Epochen ein. Außerdem wird ein Überblick über die Bevölkerungsstatistik in der Bundesrepublik Deutschland gegeben.

Das nächste Kapitel widmet sich den Vorläufern der modernen Lebensversicherung. Hier- bei führt der Weg über das Römische Reich und das Mittelalter zu Entwicklungen in der Neuzeit, die besonderen Einfluss auf die Ausprägung und das Verständnis der Lebensver- sicherung haben. Das Kapitel verdeutlicht wie sich der Versicherungsgedanke von der ur- sprünglichen gegenseitigen Unterstützungsleistung für Hilfsbedürftige zum Instrument der kalkulierten Risikoabsicherung entwickelt. Die Bearbeitung des Themas setzt die Beach- tung religiöser, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Umbrüche voraus.

Das vierte Kapitel versteht sich als Zusammenführung der Ergebnisse der Bevölkerungs- statistik und der Vorläufer der Lebensversicherung bis zum 19. Jahrhundert. Indem ein Überblick über die moderne Lebensversicherungsmathematik im 20. und 21. Jahrhundert dargeboten wird. Der Übersicht über die drei historischen unternehmerischen Wurzeln der Versicherungswirtschaft folgen die wesentlichen Grundlagen der Lebensversicherungsma- thematik. Neben der Erwähnung und kurzen Erläuterung der wichtigsten Rechnungsgrund- lagen, Hilfsgrößen und Prämien, steht die Erläuterung des versicherungsmathematischen Äquivalenzprinzips im Vordergrund. Den Abschluss bildet das fünfte Kapitel, welches die Ergebnisse der Arbeit zusammenfasst und sich kritisch mit ihnen auseinandersetzt.

Die Seminararbeit basiert auf einer umfassenden Literatur- und Internetrecherche, indem dem Werk von Heinrich Braun (1878-1949) eine besondere Bedeutung zukommt. Die sehr detaillierte, aufschlussreiche und darüber hinaus interessante Ausarbeitung der „Geschichte der Lebensversicherung und der Lebensversicherungstechnik“ verdient ausdrücklich Wür- digung.

2 Die historische Entwicklung der Bevölkerungsstatistik

2.1 Einführung und Begriffsabgrenzung

Die Literatur zu Beginn des 20. Jahrhundert fasst die Aufgabe der Bevölkerungsstatistik darin zusammen, über „den wichtigsten Bestandteil des Staates, die Zahl der Einwohner, Buch zu führen, die Eigentümlichkeiten derselben und die Veränderungen, die in dieser Beziehung vor sich gehen, fortdauernd zu registrieren.“3Das moderne Ziel der Bevölke- rungsstatistik ist die Bereitstellung von Informationen „über die genaue Größe, die vielfäl- tige Strukturierung und die Entwicklung der Bevölkerung“4, sowie „zusammenfassende Analysen durch Bevölkerungsmodelle und -prognosen“5. Bevor mit der Darstellung der Ursprünge der Statistik der Bevölkerung begonnen werden kann, sei als Grundlage auf den Begriff der Bevölkerung eingegangen. Bevölkerungsbegriffe werden aufgrund regionaler (Angabe eines Gebietsstandes), zeitlicher (Vorgabe eines geeigneten Stichtages) und vor allem sachlicher Merkmale (Abgrenzung der zu erfassenden Personen) unterschieden. Ab- bildung 1 stellt eine mögliche Konzeption der sachlichen Bevölkerungseinteilung dar.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Bevölkerungskonzept7

2.2 Historische Entwicklung vom Altertum bis zur Neuzeit

2.2.1 Altertum

Landwirtschaftliche und bevölkerungsstatistische Zählungen lassen sich seit mehr als 4500 Jahren nachweisen. Vor allem Volkszählungen haben eine sehr lange Tradition. Die wahr- scheinlich älteste Volkszählung findet in Ägypten anlässlich des Pyramidenbaues um 2600 v. Chr. statt. Unter der Herrschaft der Pharaonen soll die Bevölkerungszahl um die sieben Millionen gelegen haben. Darüber hinaus existieren Spuren von Volkszählungen in Meso- potamien ab 2300 v. Chr. und im chinesischen Reich seit 2200 v. Chr. Genauer steht fest, dass in China im Jahre 550 v. Chr. Landesvermessungen, Zählungen der Seelenzahl, sowie agrar- und gewerbestatistische Erhebungen stattfinden. In Griechenland werden 500 v. Chr. mit Hilfe sog. Bürgerlisten sehr eingehende Ermittlungen über Volkszahl und Steuer- kraft angestellt. Diese lassen für Griechenland bei Ausbruch des peloponnesischen Krieges (431 v. Chr.) zweieinhalb Millionen Einwohner annehmen.8In fast allen antiken Großrei- chen finden für die Durchführung konkreter staatlicher Projekte und zur Vorbereitung von Kriegshandlungen Zählungen der waffentragenden sowie steuerpflichtigen Männer statt. Jedoch werden diese Zählungen erst seit etwa 2500 Jahren auch periodisch durchgeführt.

Besondere differenzierte statistische Aktivitäten entwickeln die Römer mit dem Census. Der Census des alten Roms wird 550 v. Chr. durch Servius Tullius9eingeführt und umfasst neben der Volkszählung auch die Vermögensermittlung. Der feierliche öffentliche Staats- akt des Census wird zunächst in fünf-, dann in zehnjährigen und später in noch längeren Intervallen durchgeführt.10Insgesamt finden 70 Zählungen statt, die letzten beiden unter Claudius1147 n. Chr. und unter Vespasian1272 n. Chr. Einerseits umfasst die Erhebung die personalstatistische Seite, die in der eidlich verstärkten Meldepflicht bezüglich Name, Herkunft, Heimat- und Wohngemeinde besteht, andererseits die realstatistische Seite, die Auskunft über das steuerliche Vermögen geben soll und den vornehmlich steuerlichen Zweck des Census offenbart. Insgesamt liefert der römische Census die Basis sowohl für die Ausübung der politischen Rechte im Rahmen des Klassenwahlrechts als auch für die Einordnung in die militärischen Ränge der römischen Armeen und für die Festlegung der Steuerhöhe, ggf. Tributzahlungen. Der Census entwickelt sich vom lokalen Census der Stadt Rom über den Provinzialcensus zum Census im Kaiserreich. Einhergehend mit der Ausbreitung des Reiches entwickelt sich aus dem persönlichen Prinzip des republikani- schen Census, der die Anwesenheit aller selbständigen römischen Bürger in Rom erfordert, das Territorialprinzip der länderweisen Zensierung.13Einen weiteren Beleg für die Fort- schrittlichkeit des römischen Reiches stellt die erste bekannte römische Bevölkerungstafel am Ende des ersten Jhs. dar, deren Ziel die Prognose der zukünftigen Lebensdauer in Ab- hängigkeit vom Alter ist.14

2.2.2 Mittelalter

Mit dem Zerfall des Römischen Reiches endet die vorbildliche römische Verwaltung und damit der Census. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit sucht man vergebens nach ähnli- chen umfangreichen Erhebungen. Es herrscht zum Großteil eine weit verbreitete Scheu vor exakten und umfassenden Volkszählungen, die auf einer christlichen Tabuisierung beruht. Für die Menschen steht außer Zweifel, dass der Versuch, Zählungen durchzuführen, un- weigerlich Gottes Zorn und seine Rache hervorrufen muss und sich in Plagen, Hungersnö- ten, Kriegen oder Seuchen äußert.15Die Zählungen vom frühen, mittleren und späten Mit- telalter lassen sich zusammenfassend als weniger personen-, denn sachbezogen einordnen. Unter Karl dem Großen16finden sich im 8. Jh. Verzeichnisse wehrfähiger Männer und vor allem detaillierte Kammergüterverzeichnisse, die Aufschluss über das Inventar, darunter Gebäude, Viehbestand und Getreidevorräte, geben. Im Jahre 1086 entsteht in England das Domesdaybook unter Wilhelm dem Eroberer17. Es spiegelt die ausführliche Topographie und Katastrierungsarbeit Englands wieder, in dem umfassende Erhebungen über die Be- sitz-, Einkommens- und Dienstverhältnisse der Bevölkerung dargeboten werden. Das Do- mesdaybook stellt die älteste Angabe über Bevölkerungsverhältnisse im Mittelalter dar.18 Es lässt auf eine Gesamtbevölkerung Englands um die 1 ½ Millionen schließen.19Ähnli- che Versuche finden sich in den Genuesern Notariatsregistern von 1154, im Jordebog 1231, welches in Dänemark als Kataster und Generalinventur eingeführt wird und in dem Landbuch der Mark Brandenburg 1375. Als wichtige außereuropäische statistische Erhe- bung sei das vorspanische Inkareich erwähnt, das mit Hilfe einer monatlichen Statistik Arbeit, Land und Kleidung zuteilt.20

Das Anlegen der aufgeführten statistischen Erhebungen geschieht nicht aus dem Gesichts- punkt der modernen Statistik. Sie werden für ganz spezielle Zwecke durchgeführt, die poli- tischer, militärischer, fiskalischer, religiöser oder auch versorgungstechnischer Natur sind. Die Quellen des Mittelalters beziehen sich zumeist nicht auf räumlich-geographische, son- dern auf territoriale und administrative Gebietseinheiten. Sie entstehen im Rahmen von Herrschaftsausübungen von Landes-, Grund- oder Leibherrschaft. Einzelangaben stehen im Vordergrund. Diese Tatsachen führen zu einer begrenzten Aussagekraft. Es muss bei die- sen Quellen nach zwei Aspekten reflektiert werden, nach dem Motiv der Zählung und Zäh- lungen nach der gezählten Einheit.21Diesem Ansatz soll hier nicht nachgegangen werden. Zur Erläuterung sei kurz auf ein Hauptproblem hingewiesen, welches bei der Ermittlung von Bevölkerungszahlen entsteht. Die mittelalterlichen Quellen führen in der Regel nicht Zahlen zur Gesamtbevölkerung einer Verwaltungseinheit auf, stattdessen andere Angaben, wie Anzahl der Häuser, der Herdstätten, der Haushalte und dergleichen, die mit vielfälti- gen statistischen Problemen behaftet sind und nur mit Hilfe von Schätzungen zu einge- schränkt nutzbaren Daten führen.22

2.2.3 Neuzeitliche Entwicklungen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert

Mit der Herausbildung merkantilistischer Wirtschaftsordnungen im 16. und 17. Jh. und den damit steigenden Anforderungen an die Regierungstätigkeit wächst das Bedürfnis nach einer umfassenderen quantitativen Staatsbeschreibung. In diesen Zeitraum fallen Erhebun- gen der französischer Minister Sully und Colbert über den Handel und den Verkehr zur Kontrolle der Staatsaus- und -einnahmen. Zum anderen ist die Herausbildung der Handels- statistik in England unter Wilhelm III. zu erwähnen, die die Quantität und auch den Wert der Aus- und Einfuhr feststellen soll.23Es entsteht eine erste Schule der Statistik und damit eine Ausweitung und Systematisierung umfassender Staatsbeschreibungen in Italien, Hol- land und Deutschland zwischen dem 16. und 18. Jh. Die benötigten Daten werden meist auf privater, zum Teil universitärer Basis gesammelt und als geheimes Herrschaftswissen behandelt.24

Die Entwicklung im 18. Jh. lässt sich am Beispiel des preußischen Staates verdeutlichen. Unter Friedrich Wilhelm I.25erfolgt die erste umfassende Volkzählung in Preußen. Des Weiteren gibt der König Preußens in den 20er Jahren Berichte über Bevölkerungsbewegungen, die sog. Populationstabellen, und historische Tabellen über Details des Landes in Auftrag. Die Berichte enthalten für jeden Kreis ein Schema mit 25 Rubriken, die Informationen über Steuerzahlungen, Berufs- und Gewerbezählungen repräsentieren. Nach dem Regierungsantritt Friedrichs des Großen26werden ähnliche Tabellen eingefordert und es finden sogar innerhalb eines Jahres zwei Volkszählungen statt, da man die Genauigkeit der ersten anzweifelt.27Die betrachteten Erhebungen dienen im Allgemeinen nur praktischen Verwaltungszwecken und werden streng geheim gehalten.

Als bemerkenswerter Fortschritt stellt sich die Entwicklung im 17. und vor allem 18. Jh. an deutschen Universitäten dar. Es lässt sich das Bestreben feststellen, die Kenntnisse der Wirtschafts- und Verwaltungszustände mit Zahlenmaterial zu unterlegen und zu lehren. Mehrere Professoren lehren „systematische Staatsbeschreibungen“ als eigenständige Dis- ziplin. Besondere Aufmerksamkeit verdient das Werk von Gottfried Achenwall28, der auch als Vater der Statistik29bezeichnet wird. Zwischen den Jahren 1748 und 1772 hält er in Göttingen Vorlesungen über die Staatsmerkwürdigkeiten. Im Mittelpunkt stehen weniger Zahlenangaben, denn allgemeine Darstellungen der „Staatsverfassung“, sowie der Bevöl- kerungs- und Wirtschaftsverhältnisse.30

2.2.4 Moderne Bevölkerungsstatistik bis zum 20. Jahrhundert

Einen wesentlichen Schritt zum Konzept der heutigen Bevölkerungsstatistik stellt die Volkszählung von 1666 im damals französischen Kanada dar. Sie erfasst zum ersten Mal die Gesamtbevölkerung eines geschlossenen Gebietes an einem Stichtag und ist damit im Gegensatz zu anderen Erhebungen ihrer Zeit keine Schätzung oder Teilerhebung. Neben der Erfassung der Namen aller Einwohner, deren Alter, Geschlecht, Beruf, Familienstand und Stellung zum Haushaltsvorstand, erfolgt auch eine statistische Analyse der Ergebnis- se.31

Moderne Volkszählungen, die Ansprüchen der heutigen Verwaltung und Wissenschaft genügen, kommen im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zustande. Vorbild für alle späteren Volkszählungen wird die belgische Erhebung von 1846, die der belgische Mathematiker, Astronom und Statistiker Quertelet32durchführt und leitet. Nach 1800 finden in fast allen europäischen Ländern mehr oder weniger regelmäßige Volkszählungen statt. Ein internati- onaler statistischer Kongress 1880 in Sankt Petersburg empfiehlt schon den auch jetzt noch üblichen Zehnjahresrhythmus, wobei in den mit Null endenden Jahren gezählt werden sol- le. Diese Empfehlung wird vom Völkerbund, später von den Vereinten Nationen über- nommen.33

Als Vorläufer der deutschen amtlichen Statistik kann die Statistik des Deutschen Zollver- eins angesehen werden. Im Jahr der Gründung (1834) umfasst dieser Bund Preußen, Hes- sen-Darmstadt, Bayern, Württemberg, Kurhessen, Sachsen, die thüringischen Staaten und ab 1854 auch Hannover.34In den Mitgliedsstaaten werden bis 1867 zwölf Zählungen in regelmäßigen Abständen von drei Jahren durchgeführt. Die Statistik des Deutschen Zoll- vereins wird in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts als inhaltlich und methodisch falsch eingestuft. Eine im Jahr 1869 eingesetzte Kommission schafft die Grundlage für die 1870 geplante, aufgrund des deutsch-französischen Krieges jedoch erst im Dezember 1871 reali- sierte Volkszählung. Es ist die erste Erhebung für das neu gegründete Deutsche Kaiser- reich. Die Volkszählungsrahmenvorschrift umfasst neben dem fünfjährigen Zählungsab- stand, den Stichtag des jeweiligen 1. Dezembers und die ortsanwesende Bevölkerung als Bevölkerungskonzept. Grundlage für die folgenden Volkzählungen wird der Bundsratsbe- schluss. Seit der Durchführung im Dezember 1871 lassen sich bis 1987 18 Volkszählungen konstatieren, die ab 1925 mit der Berufszählung einhergehen.35Die Erhebungsmerkmale lassen seit 1925 bestimmte Trends erkennen. Zum einen zählen zum Grundprogramm im- mer die demographischen und erwerbsstatistischen Fragen. Seit den letzten beiden Zählun- gen kommt ein dritter Schwerpunkt, die Fragen bezüglich Ausbildung und somit der Bil- dung von Humankapital, hinzu. Familien- und haushaltsbezogene Fragen werden im Zeit- ablauf immer weniger und mittlerweile durch Teilerhebungen (dem Mikrozensus) abge- deckt. Zum anderen existieren aufgrund von außergewöhnlichen Umständen, z. B. wäh- rend des Dritten Reiches oder der Nachkriegszeit, besondere Erhebungsmerkmale.36

2.3 Bevölkerungsstatistik der BRD

2.3.1 Erhebungssystem der BRD

Das Erhebungssystem der Bevölkerungsstatistik in der Bundesrepublik Deutschland ba- siert, wie in fast allen Staaten, auf drei Säulen: zum einen auf den in größeren Abständen durchzuführenden primärstatistischen Totalerhebungen, den Volkszählungen. Zum zweiten auf den laufenden Fortschreibungen mit sekundärstatistischen Unterlagen über die natürli- chen und räumlichen Bevölkerungsbewegungen. Zum dritten beruht es auf den laufenden Stichproben, dem Mikrozensus, für solche Merkmale, die keine oder keine vollständigen und zuverlässigen Unterlagen zur sekundärstatistischen Auswertung bieten.37

Die Volkzählung dient der Ermittlung der genauen Bevölkerungszahl für Bund, Länder und Gemeinden und der nicht-administrativen Gebietseinheiten. Sie muss vier Kriterien gerecht werden. Zu ihnen gehören:

- die Individualität (namentliche Erfassung jeder Person),
- die Universalität (Erfassung aller nach dem geltenden Bevölkerungsbegriff zu zählenden Personen),
- die Simultanität (Erfassung an einem bestimmten Stichtag) und
- die Periodizität (Zählung im 10jährigen Abstand, begründet in einer UN Empfeh- lung).38In der Zensuserhebung werden Informationen über Alter, Geschlecht, Familien- stand, Religionszugehörigkeit, Beteiligung am Erwerbsleben, überwiegende Unterhalts- quelle, Stellung im Beruf, Wochenarbeitszeit, allgemeiner Schulabschluss und Abschluss an berufsbildenden Schulen bzw. Hochschulen erhoben. Damit wird die Erhebung den verschiedensten Zwecken gerecht.39

Die bevölkerungsstatistische Fortschreibung ist die zweite Säule der deutschen Bevölke- rungsstatistik. Sie wird von den Statistischen Landesämtern im jeweiligen Bundesland durchgeführt. Durch Aggregation entstehen daraus die Bundesergebnisse. Die Fortschrei- bung erfolgt mit Hilfe der natürlichen Bevölkerungsbewegung. Als Ausgangspunkt dient die letzte Volkszählung. Es existieren drei Datenquellen für die monatliche Fortschreibung. Zum einen sind es die Standesämter, die Informationen über Geburten, Sterbefälle und Eheschließungen liefern. Zum anderen liefern Familiengerichte die Daten über Eheauflö- sungen und Einwohnermeldeämter die Daten über Zu- und Fortzüge über regionale Gren- zen.40Die dritte Säule der Bevölkerungsstatistik zur Überbrückung von Volkszählungs- terminen ist der Mikrozensus seit dem Jahr 1957. Seine Hauptaufgabe besteht darin, in regelmäßigen und kurzen Abständen schnell, Kosten sparend und zuverlässig die wichtigs- ten Veränderungen in der Bevölkerung und am Arbeitsmarkt zu ermitteln.41Die jährliche Stichprobenerhebung mit einem Auswahlsatz von einem Prozent liefert nach Hochrech- nungen unentbehrliche Daten. Das angewandte Rotationsverfahren führt dazu, dass Haus- halte genau vier Jahre in der Stichprobe verbleiben. Im Mikrozensus werden besondere Angaben zur Person (Alter, Geschlecht, Familienstand, Staatsangehörigkeit), zum Famili- enzusammenhang innerhalb der Haushalte, zu Art und Umfang der Beteiligung am Er- werbsleben, zum ausgeübten Beruf und zu weiteren Tätigkeitsmerkmalen, zu Quellen des Lebensunterhaltes, zur Kranken- und Rentenversicherung und zur Aus- und Weiterbildung erhoben.

2.3.2 Auswertungsmethoden der BRD

Im Vordergrund der Auswertung der Bevölkerungsdaten stehen die Bevölkerungszahlen, das Bevölkerungswachstum, die Struktur und die Bevölkerungsbewegungen. Zum Reper- toire der Bevölkerungsstatistik gehören bestimmte Kennziffern, wie z. B. die Bevölke- rungsdichte oder die Sexualproportion42, und graphische Auswertungsmethoden. Ein ge- eignetes Mittel der Darstellung der zeitlichen Entwicklung der Bevölkerung stellen Bevöl- kerungspyramiden dar.43Formel 1 und Abbildung 2 veranschaulichen die Methoden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Formel 1: Ermittlung der Bevölkerungsdichte44

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Bevölkerungspyramiden Deutschlands im Vergleich45

Die Bedeutung der exakten demographischen Erhebungen und der darauf folgenden Ana- lyse bewährt sich seither in allen gesellschaftlichen Bereichen. In Deutschland bietet das Statistische Bundesamt in Wiesbaden seit 1948 einen reichhaltigen Fundus. Der Bevölke- rungsstatistik fällt die Aufgabe zu, Daten jeglicher Art zu verarbeiten und Orientierungshil- fen für die verschiedensten Politikbereiche zu geben. Einen Hinweis auf neue Methoden der Volkszählung bietet ein Textblatt des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2002 im Anhang.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit den Vorläufern der heutigen Lebensversicherung. Das dem Kapitel vorangestellte Zitat nach BERNREUTHER dient als Einstieg in das Thema.

[...]


1[WIR04] S. 11.

2 [WIR04] S. 17.

3[CON02] S. 52.

4[RIN96] S. 49.

5[DEG02] S. 126.

6Das staatsrechtliche Konzept ergibt die Staatsbevölkerung, unabhängig vom Aufenthaltsort im Aus- oder Inland. Die Festlegung des administrativen Konzeptes führt zur „de jure“ Bevölkerung, die die Einwohnerschaft einer Gebietseinheit wiedergibt. Nach dem technischen Konzept erhält man die „de facto“ bzw. die ortsanwesende Bevölkerung. Sie umfasst, die am Stichtag physisch anwesenden Personen unabhängig von der Dauer ihres Aufenthaltes. Vgl. [RIN96] S. 49.

7 Vgl. [RIN96] S. 49.

8Vgl. [RIN96] S. 56, [DEG02] S. 4 und [CON02] S. 7f, 60.

9Servius Tullius lebt von 578 bis 534 v. Chr. Der 6. König des alten Roms treibt die amtliche Registrierung von Geburten und Todesfällen in Tempeln voran. Vgl. [CON02] S. 8.

10Vgl. [RIN96] S. 56.

11Tiberius Claudius lebt von 10 v. Chr. bis 54 n. Chr. und ist von 41 bis 54 n. Chr. Römischer Kaiser.

12 Titus Vespesian (9 - 79 n. Chr.) ist Römischer Kaiser in den Jahren von 69 bis 79 n. Chr.

13Vgl. [RIN96] S. 56f.

14Vgl. [MIL99] S. 8.

15Vgl. [AND90] S. 10ff.

16Karl der Große (768-814).

17Wilhelm der Eroberer (1027-1087).

18Vgl. [RIN96] S. 57, [BRA63] S. 14.

19 Vgl. [CON02] S. 60f.

20Vgl. [RIN96] S. 57.

21Vgl. [AND90] S. 12ff.

22Vgl. [AND90] S. 28ff.

23 Vgl. [CON02] S. 11.

24Vgl. [DEG02] S. 4.

25Friedrich Wilhelm I. (1688-1740).

26Friedrich der Große (1712-1786).

27Ab dem Jahre 1768 bis zum Ende des Jahrhunderts folgen umfangreiche Statistiken im Bereich der Produktion und der Landwirtschaft, die jedoch dem Anspruch der Genauigkeit nicht standhalten dürften und aufgrund des fehlenden Interesses und Verständnisses der Beamten und der Bevölkerung fallen gelassen werden. Vgl. [CON02] S. 12f.

28Gottfried Achenwall (1719-1772).

29Vgl. [DEG02] S. 4.

30 Vgl. [CON02] S. 12.

31Vgl. [RIN96] S. 57f.

32Lambert Adolphe Jacques Quertelet (1769-1874).

33Vgl. [RIN96] S. 58f.

34Das Ziel des Deutschen Zollvereins besteht in der wirtschaftlichen Einigung der deutschen Staaten durch den Abbau wirtschaftlicher Hemmnisse, vor allem Zöllen. Die Zollvereinsstatistik dient neben der Erfassung der Bevölkerung, auch der Auflistung von Gewerbebetrieben, des Warenverkehrs und der gemeinschaftlichen Einnahmen der Zollvereinsstaaten. Vgl. [RIN96] S. 59.

35 Im Anhang befindet sich eine Zählkarte der Volkszählung in Preußen aus dem Jahr 1900.

36Vgl. [RIN96] S. 59f.

37Vgl. [RIN96] S. 55f.

38 Vgl. [RIN96] S. 55.

39Dazu gehören u. a. die Umsetzung von Rechtsvorschriften hinsichtlich der Einteilung von Wahlkreisen und der Stimmen der Länder im Bundesrat, der Materialbeschaffung für demographische Analysen, Informationen für das Bildungswesen, die Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, usw. Vgl. [DEG02] S. 127f.

40Es ergeben sich z. T. erhebliche Diskrepanzen zw. aggregierten Daten und denen der jeweiligen Volkszählung, die in der mangelnden Erfassbarkeit von Zu- und vor allen Rückwanderungen ins Ausland begründet sind. Vgl. [RIN96] S. 49f.

41„Zweck des Mikrozensus ist es, statistische Angaben in tiefer fachlicher Gliederung über die Bevölke- rungsstruktur, die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung und der Familien, den Arbeitsmarkt sowie die berufliche Gliederung und Ausbildung der Erwerbsbevölkerung bereitzustellen“. (Mikrozensusgesetz 1990, Art. 1, Ziffer 1) Vgl. [RIN96] S.70.

42Die Bevölkerungsdichte zielt auf eine Durchschnittsaussage der räumlichen Verteilung der Wohnbevölkerung ab. Die Sexualproportion gibt die Geschlechterrelation als Zahlenverhältnis zw. Männern und Frauen wieder. Vgl. [DEG02] S. 130, 132.

43Vgl. [DEG02] S. 130ff.

44In Anlehnung an [DEG02] S. 130.

45 Vgl. [TIV05] S. 11.

Details

Seiten
43
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638545013
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60938
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Lehrstuhl Operations Research
Note
1,3
Schlagworte
Entwicklung Bevölkerungsstatistik Lebensversicherung Wahlpflichtfach

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Titel: Die historische Entwicklung der Bevölkerungsstatistik und der Lebensversicherung