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Zwischen Trieb und Freiheit - Das psychoanalytische Menschenbild des Sigmund Freud

Seminararbeit 2004 22 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der Grundproblematik des Seminars
2.1. Der Mensch als „animal rationale“
2.2. Zwei Grundansätze philosophischen Denkens: Materialismus und Idealismus
2.3. Der philosophische Standpunkt
2.4. Determinismus und Freiheit
2.5. Das Sittengesetz und die Würde des Menschen
2.6. Das Problem der Interpersonalität und die Folgerungen für die Sozialphilosophie

3. Überleitung

4. Das Menschenbild Sigmund Freuds
4.1. Der psychische Apparat
4.2. Angst und Abwehrmechanismen
4.3. Der Mensch als triebgesteuertes und unbewusstes Wesen

5. Eigene Betrachtung
5.1. Triebsteuerung und Determination als ultimativer Entschuldigungsgrund?
5.2. Wo bleibe „ICH“?
5.3. Macht das Leben Sinn für die „Maschine Mensch“?

6. Schlusswort mit Bezug zur Sozialarbeit

7. Literaturverzeichnis

8. Erklärung

1. Einleitung

Im Laufe der Geschichte stand der Mensch immer wieder staunend vor der Erkenntnis, dass er anscheinend das einzige - zumindest ihm bekannte - Lebewesen auf der Erde ist, das sich selbst die Frage nach dem eigenen ICH stellen kann: Wer bin ich und wer sind die Anderen ?

So beschäftigte die Spannung zwischen Vernunft und Phantasie, Rationalem und Irrationalem, die Denker seit Generationen mit der Frage: Was ist der Mensch?

Die Anthropologie ist jene Wissenschaft, die versucht, dieser Frage nachzugehen, indem sie ihren Fokus auf den Menschen als Ganzes richtet. Denn „erst die Frage nach dem Menschen als solchem und im Ganzen bringt das Problem des Menschen in Sicht“ (Anzenbacher, 2002, S. 250) und ist damit gerade für die Sozialpädagogik von zentraler Bedeutung.

Nur wenn wir für uns klären können, was den Menschen ausmacht und was folglich seine Probleme sind, können wir im Sinne unserer Arbeit versuchen, dem Menschen auch ganzheitlich behilflich zu sein. Welche Elemente umfasst also die Gesamtheit des Menschen? Ist er Körper oder Geist? Oder etwa Beides?

Als „Bürger zweier Welten“ (Anzenbacher, 2002, S.251) ist der Mensch ständig der Gegensätzlichkeit beider Pole ausgesetzt, welche in ihm ein grundsätzliches Leib-Seele-Problem auslösen. Da die Klärung dieser Problematik sowohl zum Verständnis des Menschen als Ganzes, wie auch für sozialpädagogisches Arbeiten, elementar wichtig ist, werde ich diese im ersten Teil der Seminararbeit innerhalb verschiedener Ansätze - gleichzeitig auch als Zusammenfassung der Grundproblematik des Seminars - darstellen.

Im zweiten Teil der Arbeit, widme ich mich einer speziellen Sicht auf den Menschen, für die ich das Menschenbild Sigmund Freuds gewählt habe. Nach einer eigenen Betrachtung seiner „Psychoanalyse“, werde ich abschließend der Frage nachgehen, inwieweit einzelne Elemente daraus für die sozialpädagogische Praxis relevant sein könnten.

2. Darstellung der Grundproblematik des Seminars

2.1. Der Mensch als „animal rationale“

Bei dem Versuch, die Frage nach dem Menschen zu klären, trifft man, wie schon erwähnt, auf zwei Bereiche, die nicht gegensätzlicher sein könnten: Psyche und Physis.

Als sogenanntes animal rationale vereinigt der Mensch beide dieser Komponenten in sich -

wobei diese Beschreibung des Menschen als denkendes, vernunftbegabtes Sinnenwesen, bereits auf Aristoteles zurückgeht.

Danach besitzt und vereinigt der Mensch in sich sowohl physische Gegebenheiten - wie seinen eigenen Körper, seine Sinnlichkeit und Vegetativität, als auch psychische Fähigkeiten - seinen Verstand, Selbstbewusstsein - und gehört damit sowohl der materiellen, wie auch der geistigen Wirklichkeit an.

Wenn aber Psyche (Transzendentalität) und Physis (Animalität) zwei grundunterschiedliche Kategorien darstellen - wie kann der Mensch da beides sein - wie ist es ihm möglich, aus zwei, sich gegenseitig ausschließenden Polen, eine personale Einheit zu bilden?

Eine vorläufige Antwort kann nur in einer Parallelität beider Elemente gesehen werden:

So bietet der Dualismus dieser beiden Komponenten eine Analogie ohne Lösung.

Mag der Mensch in biologischer Hinsicht auch ein Tier sein - er ist ein besonderes Tier: Eines, das in der Lage ist, über sich selbst nachzudenken, sein Handeln zu planen und nach seinem Sinn in der Welt zu fragen. So lebt und erlebt der Mensch sein Leben nicht nur, sondern vermag auch, dieses zu reflektieren, seine Chancen in der Welt, aber auch Grenzen seiner eigenen Existenz zu rationalisieren. Es bleiben dennoch folgende Fragen offen:

- Gewinnen wir unsere Erkenntnisse von der Welt durch Sinneserfahrungen oder durch die Vernunft?
- Sind alle Gegebenheiten der uns umgebenden Welt auf die Materie reduzierbar und genügen damit rein materiellen Prinzipien oder wird letztendlich alles durch geistige Prinzipien determiniert?

Seit der Antike kennt die Philosophie darauf zwei, sich widersprechende Antworten, die im Folgenden erläutert werden.

2.2. Die zwei Grundansätze philosophischen Denkens: Materialismus und Idealismus

1. Der Materialismus (auch Realismus oder Naturalismus) deutet „die Welt von unten“ (Wuketits, 1987, S. 27): Bei der materialistischen Weltsicht ist letztendlich alles auf die Materie (sinnlich erfahrbare Außenwelt) zurückführbar, welche die einzige Wirklichkeit darstellt. Dies wurde erstmals in der griechischen Philosophie postuliert, wonach sogar die Seele aus kleinsten, im Körper umherschwirrenden Atomen besteht.
Für den Menschen bedeutet dies, dass er aufgrund seines Körpers - seiner räumlichen Ausdehnung - existiert; sein Geist kommt einer materiellen Ableitung gleich.
Der strenge oder krasse Materialismus geht sogar, indem er die sinnlich erfahrbare Welt als einzige Realität ansieht, davon aus, dass es überhaupt keinen Geist gibt.
2. Der Idealismus (auch Rationalismus oder Spiritualismus) deutet nach Wuketits
(1987, S.29) die Welt „von oben“: Alle materiellen Phänomene sind nach idealistischem Weltverständnis „Erscheinungsformen des Geistes“ und „Dinge nur Abbilder von Ideen“.

Der Geist vermittelt in Form von Vorstellungen, Willenssetzungen und Vernunft die eigentliche Realität und erklärt damit auch das Körperliche. Erst durch das ICH mit seinen Vorstellungen wird die Realität erfahrbar.

2.3. Der philosophische Standpunkt

Selbst wenn der realistische Standpunkt aus idealistischer Sicht zunächst als normal bzw. naturgegeben vorhanden scheint - weil auch die Vernunft zuerst das fixiert, was sinnlich wahrnehmbar ist - eignet er sich dennoch nur bedingt als Grundlage philosophischer Betrachtung.

Denn er ist dem Menschen eben nur durch dessen Vorstellungsvermögen (Geist, Vernunft) zugänglich - realistische Gegebenheiten würden - ohne vom Menschen wahrgenommen zu werden - für diesen eigentlich nicht existieren. Seine selbstverständliche, gewohnheitsmäßige Erscheinung verdankt er einzig der „sinnlichen Fixiertheit “ (Skript Dr. Gerten) des Menschen - da es ihm leichter möglich ist, Phänomene der materiellen Umwelt wahrzunehmen, als

in sich selbst hineinzuhören und den eigenen Geist als gegeben zu realisieren.

Bevor ich also etwas sinnlich wahrnehmen oder mir vorstellen kann, muss ich überhaupt die Möglichkeit einer Vorstellung davon haben, ob es überhaupt etwas wahrzunehmen gibt: Keine Vorstellung ohne Denken und umgekehrt.

Mein Sein und Wahrnehmen wird schließlich durch meinen denkenden Geist, mein ICH, bestimmt. Der Mensch ist, da er sich von allen anderen Lebewesen unterscheidet, erst Mensch, indem er denkt - oder wie Descartes dies auf einen Punkt bringt:

„Cogito ergo sum!“ (Descartes: Meditationen über die Erste Philosophie) Ich denke - also bin ich: Indem ich mein Gehirn einschalte und davon Gebrauch mache, ist mein Da-sein als Mensch überhaupt erst begründet. Das bedeutet auch, dass ich mir etwas Unbegrenztes denken kann, um mich selbst als begrenzt zu erleben. Schließlich ist mir die Materie ohne Bewusstsein nicht zugänglich - auch wenn ich noch so viele Sinnesempfindungen hätte. Wahrnehmen kann ich aber nur, indem ich Subjekt meines Bewusstseins bin und mich, auf ein bestimmtes Ziel hin, zum Denken bestimme (logisch fundamentale Dreiheit).

2.4. Determinismus und Freiheit

Obgleich die meisten Menschen wohl davon überzeugt sein werden, im Besitz eines freien Willens zu sein, mit dessen Hilfe sie eigene Entscheidungen treffen und die Zukunft nach ihren Wünschen gestalten können, sind sie gleichzeitig auch davon überzeugt, dass Ereignisse Ursachen und Wirkungen haben, die den Gesetzmäßigkeiten der Natur, bzw. der Umwelt unterworfen sind.

Im alltäglichen Leben scheint dies für uns Menschen kein Problem darzustellen und wir gehen mit beiden Werten um - je nachdem, wie es die momentane Situation von uns erfordert.

Als Körper betrachtet, ist der Mensch ein Teil der Natur - und damit, wie alle anderen Körper auch - Naturgesetzen unterworfen.

Das bedeutet - ganz praktisch: Lehnt sich ein Mensch im 37. Stockwerk eines Hochhauses zu weit aus dem Fenster, wird er nach den Gesetzen der Schwerkraft mit großer Sicherheit herunterfallen und höchstwahrscheinlich zu Tode kommen - ob er will oder nicht - denn innerhalb der Ursache- und Wirkungszusammenhänge der physischen Natur, welche sich außerhalb unserer selbst befindet, ist kein Platz für einen freien Willen.

Der Stürzende kann im Moment des Fallens vielleicht wollen (und dazu hat er auch die Freiheit), nicht zu fallen - aber dieser Wille wird ihm letztendlich - in Bezug auf sein physisches Ende - nichts nützen.

Auch für die innere - psychische Natur des Menschen - scheint jeder Wirkung eine Ursache vorausgegangen zu sein; sie ist determiniert - beispielsweise durch Triebe (dies thematisiere ich bei Freuds Menschenbild noch einmal gesondert) oder Anforderungen der Umwelt.

Frei sein - kann der Mensch als Lebewesen also nicht - weder innerlich noch äußerlich, da seine Natur - auch die in ihm, bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

Wie kann der Mensch aber dennoch frei sein?

Freiheit ist etwas Absolutes und damit nur geistigen, reflektierenden, vernunftbegabten Subjekten gegeben. Sie ist nicht einfach nur vorhanden, sondern muss sich von jedem Individuum selbst erarbeitet werden.

Im Gegensatz zu allen natürlichen Dingen, hängt sie nicht von einer vorausgegangenen Ursache oder Wirkung ab, sondern bildet selbst den Anfang - was für die menschliche Erkenntnis bedeutet, überhaupt zum Denken - und damit zur Freiheit fähig zu sein.

Nach Fichte (Fichte: Grundlage des Naturrechts) bedeutet Freiheit, dass der Mensch durch seinen Willen selbst bestimmen und entscheiden kann: Erstens, dass er handelt und zweitens

- wie und auf welche Weise er dies tut.

Die Grundlage für diese subjektive Freiheit, im Sinne einer Willensfreiheit, bildet dabei der praktische Verstand (Vernunft, Gewissen) jedes einzelnen Menschen, der sich durch sein Denken zum Handeln bestimmen kann. Ein so gearteter Verstand kann wiederum nur einem vernunftbegabten geistigen Wesen gegeben sein.

Nicht die Natur oder mein Körper, sondern mein denkendes ICH (im Gegensatz zu Freud) muss also die Ursache der individuellen Freiheit sein - es gibt für mich und für jeden anderen Menschen in seiner Ich - Situation praktisch keine andere, als die jeweils eigene autonome Willensfreiheit.

Der Determinismus lässt sich zwar nicht völlig widerlegen, aber: Ich soll mich für frei halten. So besteht das Problem der Willensfreiheit u.a. darin, dass der Mensch aufgrund seines Verstandes zwar durchaus in der Lage ist, über sein Handeln zu bestimmen, sich aber im ständigen Kampf mit Umweltbedingungen, Trieben und anderen Determinanten herumärgern und sich diesen widersetzen muss. Nur so läuft er nicht Gefahr, von jenen beherrscht oder gehemmt zu werden.

2.5. Das Sittengesetz und die Würde des Menschen

Da sich der Mensch also ständig mit der Anstrengung auseinandersetzen muss, seine Freiheit bis zu einem gewissen Maß über seine Triebe herrschen zu lassen, wird menschliches Zusammenleben erst möglich. Jeder kann seinen Trieben nur soweit nachgehen und frei sein, bis er an die Grenzen der Freiheit des anderen stößt.

Wenn also ICH es bin die - aufgrund ihrer Vernunftfähigkeit - entscheidet und damit bestimme, was ich zu tun oder zu lassen habe um die Freiheit des anderen nicht zu verletzen, benötige ich gewisse Richtlinien die mir dabei helfen, wie ich diese Freiheit bestimmen soll.

Ein solches Gesetz muss aber gleichzeitig auch für alle anderen Individuen allgemein verbindlich und notwendig sein, damit diese auch mich nur bis zu meinen Grenzen in meiner Freiheit einschränken: Mein Recht ist des anderen Pflicht - Sein Recht ist meine Pflicht!

Kant drückt diesen allgemeinverbindlichen Grundsatz im kategorischen Imperativ aus: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ (Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten). Demnach soll ich den Anderen so behandeln, wie ich selbst von diesem behandelt werden möchte - ihm also die gleiche Würde zuerkennen, die ich für mich selbst beanspruche. Damit sucht Kant etwas Absolutes, das nicht von individuellem Begehren abhängig ist: Einen Wert, der ein Wert bleibt, auch wenn ihn keiner mehr anstrebt - dessen Dasein Zweck in sich selbst ist:

Ein absoluter Wert!

Verbindlichen Richtlinien, die nun das Miteinander der Menschen auf vernünftiger zwischenmenschlicher Ebene regeln sollen, werden auch als Sittengesetz bezeichnet.

Als solches soll es durch mein Gewissen, meine praktische Vernunft entstehen und vorgeben, woran ich mich - und jedes andere Individuum, entsprechend seines Gewissens - sich halten soll.

Im Gegensatz zur Naturkausalität handelt es sich beim Sittengesetz nicht um ein, auf das Ursache- und Wirkungsprinzip bezogenes Müssen, sondern ein Sollen:

Was soll ich tun? Was soll sein? Die Freiheit, sich für ein gewissenhaftes Sollen gegenüber den Mitmenschen zu entscheiden, wird damit zum Selbstzweck und für jedes Individuum absolut. Nach Fichte richtet sich das Sollen an die Freiheit des Menschen und wird damit gleichzeitig zur unbedingten Pflicht. Jeder Mensch kann sich als Freiheits- und Vernunftwesen selbst Zwecke setzen: Er ist Zweck an sich selbst (freie Selbstbestimmung) und damit für die anderen gleichzeitig Mittel zum Zweck.

Sein Dasein - oder überhaupt Sein - hat damit einen absoluten Wert, der darin besteht, befähigt zu sein, sich selbst Gesetze für sein Verhalten zu setzen (Zwecke) und nach diesen zu leben. Innerhalb einer autonomen Selbstbestimmung soll sich der Mensch täglich aufs Neue zwischen seinen Trieben und der Möglichkeit, es auch für andere passend zu machen, entscheiden.

Diese Entscheidungsfreiheit bildet gleichzeitig seine Würde ab - die ihn grundlegend von anderen Lebewesen unterscheidet. Die sittliche Autonomie soll als Garant für die einzigartige Würde des Menschen gelten, die unter allen Umständen zu achten und zu respektieren ist: Sich also selbst als Selbstzweck zu achten und dies den Mitmenschen in gleicher Weise zuzugestehen (siehe Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar).

Darin kommt auch die Verantwortung des Menschen für die Folgen seiner Handlungen zum Ausdruck: Gerade weil er fähig ist, freie Entscheidungen zu treffen, ist er auch verantwortlich.

2.6. Das Problem der Interpersonalität und die Folgerungen für die Sozialphilosophie

Das „In-der-Welt-Sein“ des Menschen ist ein „Mit-Sein“ (Anzenbacher, 2002, S.277) mit anderen Menschen. Nur durch den unmittelbaren Kontakt zu anderen, kann der Mensch als Mitmensch zu seiner eigenen personalen Identität finden. Jeder einzelne bedarf dabei, um sich selbst als vernünftig handelndes Wesen reflektieren zu können und sich als solches zu entwickeln, anderer Vernunftwesen außerhalb seiner selbst, die ihn zum Freiheitswesen erziehen und durch die sich (s)eine Vernunft erst entwickeln kann.

„Nach Fichte wird der Mensch nur unter Menschen ein Mensch“ (Anzenbacher, 2002, S. 277). Da er aufgrund seiner physisch-psychischen Dualität dazu befähigt ist, eine Position einzunehmen, die es ihm ermöglicht, sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber seinen Mitmenschen Stellung zu beziehen, kann er sich durch Kooperation und Kommunikation in seiner Persönlichkeit entfalten. Diese Interaktionsmuster benötigt das Individuum gleichzeitig zu seiner eigenen Erziehung.

Als Teil der körperlichen Welt, muss sich der Mensch seinen sinnlich erfahrbaren Lebensraum mit anderen, gleichge sinn ten vernunftbegabten Artgenossen, teilen.

Es bleibt daher nicht aus, dass dies zu Interessenskonflikten und damit zu einer gegenseitigen Einschränkung individueller Handlungsfreiheiten führt.

Jedes Individuum ist deshalb auch „in seiner Leiblichkeit dem Blick des Anderen ausgeliefert“ (Satre in Anzenbacher, 2002, S. 253).

Damit die Freiheit aller Menschen gleichermaßen geachtet werden kann, muss die jeweils individuelle Freiheit durch die Freiheit der anderen, notwendig eingeschränkt werden.

Insofern besteht zwischen den Menschen ein Rechtsverhältnis, das bedeutet: „Ich muss das freie Wesen außer mir“ (die anderen Menschen bzw. Freiheitswesen) „in allen Fällen anerkennen als ein solches, d.h. meine Freiheit durch den Begriff der Möglichkeit seiner Freiheit“ (bzw. der anderen) „beschränken“ (Fichte: Grundlage des Naturrechts).

Da das Sittengesetz und der gute Wille des Menschen - dies auch einzuhalten - nicht immer ausreichen, um Bedingungen zu schaffen, die eine Freiheit aller in gleicher Weise sichern kann, tritt an diese Stelle die staatliche Ordnung. Mittels Recht und Gesetz - notfalls gewaltsam - strebt sie eine allgemein gültige Basis an, um das Allgemeinwohl zu gewährleisten.

Bereits Aristoteles, der den Menschen als ein politisches Lebewesen bezeichnete, sah im Staat jene Instanz, die es ihm erst ermöglicht, zu einer Autarkie zu gelangen, innerhalb derer er nicht nur „überleben - sondern gut leben“ (Anzenbacher, 2002, S. 282) kann.

Während das gesetzte staatliche Recht vor allem äußere Handlungen regelt und diese gegebenenfalls auch erzwingen kann, stützt sich die Moral des Menschen auf eine freiwillige Einhaltung sittlich guten Handelns, gemäß dem Sittengesetz. Damit kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen Rechtsgesetz und Sittengesetz:

Obwohl es zur sittlichen Pflicht des Menschen gehört, auch staatliches Recht einzuhalten, können sittliche Pflichten nicht automatisch durch Gesetze eingefordert werden.

Die Sozialarbeit fungiert hier oft als Vermittler zwischen beiden Gesetzen, da sie sowohl rechtliche wie auch sittlich-moralische Bestandteile in sich vereinigt:

Eine Intervention zwischen dem Klient mit seinen Rechten und Pflichten einerseits - und dem Staat und der Gesellschaft auf der anderen Seite.

In jedem Fall soll dabei die Würde jedes Einzelnen gewahrt bleiben und damit auch seine Existenz als Freiheitswesen. Indem er/sie eben nicht nur Klient - sondern vor allem auch Mitmensch (mein Nächster) ist - soll jeder/jede die Möglichkeit erhalten, so erzogen zu werden, dass er/sie in der Lage ist, sich angemessen bzw. sittlich verhalten zu können und auch dazu befähigt werden, sich selbst als autonom zu erleben, um sich selbst zum Handeln bestimmen zu können.

3. Überleitung

Seit dem 19. Jahrhundert wurde die unsterbliche Seele des Menschen in ihrer Rationalität von zwei Instanzen entscheidend geprägt: dem Intellekt - und dem Charakter, welcher gegenüber den Gefühlen eine moralisch positive Qualität haben sollte (vgl. Kant: Sittengesetz, Fichte: Würde des Menschen) und sich nach Grundsätzen, Pflichten und Prinzipien zu richten hatte.

Die psychischen Instanzen wurden vor allem auch durch die stereotype geschlechtliche Rollenaufteilung jener Zeit beeinflusst.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638546577
ISBN (Buch)
9783638666275
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61133
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, früher: Berufsakademie Heidenheim
Note
1,6
Schlagworte
Zwischen Trieb Freiheit Menschenbild Sigmund Freud Philosophie

Autor

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Titel: Zwischen Trieb und Freiheit - Das psychoanalytische Menschenbild des Sigmund Freud