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Das Problem der iberoamerikanischen Identität in der politischen Prosa von Gabriela Mistral

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Gabriela Mistral
1.1 Leben
1.2 Werk, Wirkung

2. Mistrals politische Prosa
2.1 Form, Inhalt, Publikation und Rezeption

3. Iberoamerikanische Identitätsdiskurse in Mistrals politischer Prosa
3.1 ‚Tierra’: von Kontinenten und Bauern
3.2 ‚Mujer’: von Emanzipation und Mutterschaft
3.3 ‚Indios, criollos, mestizos’: vom Ich und den Anderen
3.3.1 Lesart zu einem exemplarischen Text in Bezug auf die Identitätsdiskurse
3.3.1.1 El tipo del indio americano[1]

4. Fazit und Kritik

5. Bibliografie

Vorwort

Gegenstand dieser Arbeit ist das von Gabriela Mistral u.a. in ihrem Prosawerk herausgestellte Problem der heterogenen Identitäten und des unterbewusst fehlenden Selbstbewusstseins eines Großteils der Gesellschaft auf dem iberoamerikanischen Kontinent. Als politische Schriftstellerin der ersten Hälfte des 20.Jh.s, die sich Zeit ihres Lebens keiner Ideologie anschloss sondern sich stattdessen für die Rechte der Unterdrückten auf ihrem Heimatkontinent einsetzte, bekam sie nicht zufällig 1945 den Literaturnobelpreis als erster lateinamerikanischer Bürger.

Im Folgenden soll den iberoamerikanischen Identitäten mithilfe ihrer eigenen Biografie und ihres politischen Prosawerks, genauer gesagt anhand des Textes El tipo del indio americano, auf den Grund gegangen werden.

1. Gabriela Mistral

1.1 Leben

Da im Laufe dieser Arbeit von iberoamerikanischen Identitäten die Rede sein soll, ist es naheliegend, als eine von vielen möglichen Annäherungen an das Thema, mit der Betrachtung des Lebens der unter dem Pseudonym Gabriela Mistral bekannt gewordenen chilenischen Autorin und ersten Literaturnobelpreisträgerin Lateinamerikas[2] zu beginnen. Es bleibt jedoch zu hinterfragen, ob eine Biografie tatsächlich aussagekräftiger in Bezug auf die Identität eines Autors sei, als die Betrachtung seines bloßen Werks. Da es hier aber im Speziellen um die politische Prosa Gabriela Mistrals gehen soll, die sich oft und explizit mit dem Leben der Autorin zu kreuzen scheint, bzw. keine Fiktion oder schöngeistige Literatur sein will, ist es an dieser Stelle angebracht, das Thema mit einigen Lebensdaten der Autorin einzuleiten und nach ihrer eigenen Identität zu forschen.

Lucila Godoy Alcayaga, so lautet Mistrals richtiger Name, wurde am 7.4.1889 in Vicuña in Chile geboren.[3] Ihr Heimatort, das Valle de Elqui, ist für ihr literarisches Werk von großer Bedeutung, ebenso für ihr Weltverständnis und ihre soziale und politische Gesinnung. Das ländliche Leben in der fruchtbaren Natur dieses Tals in den Vorkordilleren der Anden prägt ihre Kindheit und die Themen ihres späteren Werks mindestens so stark wie z.B. die Armut der Familie oder die Abstinenz des Vaters oder einer anderen männlichen Bezugsperson.[4] Aus dieser Lebenssituation heraus zieht Gabriela Mistral, die im Laufe dieser Arbeit nur noch mit ihrem Pseudonym genannt werden soll, auf dessen Ursprung noch eingegangen wird, keine negativen sondern produktive Erfahrungen. Der Reichtum der Natur scheint die materielle Armut in ihr zu kompensieren.[5] Sie widmet sich sehr früh dem Schreiben, veröffentlicht mit 15 Jahren bereits Texte in Lokalzeitungen und wird im selben Alter Hilfslehrerin an einer Schule in La Serena, der nächsten großen Stadt im chilenischen ‚Norte Chico’.[6] Hier beginnt die Autorin ihre berufliche Laufbahn als Lehrerin, obwohl oder gerade weil sie als hochbegabte Schülerin schlechte Erfahrungen mit dem chilenischen Schulsystem gemacht hat.[7] Fast zwanzig Jahre lang arbeitet und reist Gabriela Mistral als Lehrerin und Schuldirektorin in ganz Chile, von Antofagasta im Norden bis Feuerland im Süden.[8] Ihre sozialpädagogische Arbeit und ihre angeblich kommunistische Einstellung werden in ihrem konservativ katholischen Heimatland und vor allem in dessen aristokratischer Oberschicht nicht geschätzt und so entscheidet sich die Autorin aus vermeintlich politischen Gründen, die Einladung des mexikanischen Bildungsministers José Vasconcelos anzunehmen und Chile 1922 zu verlassen, um in Mexiko im Zuge der dortigen Revolution an einer Bildungsreform mitzuwirken.[9] Zwei Jahre später reist sie zum ersten Mal nach Europa.[10] Seitdem und bis zu ihrem Tod im Jahr 1957 in New York[11] ist sie auf diplomatischen Reisen durch den sogenannten ‚alten’ europäischen und den ‚neuen’ amerikanischen Kontinent unterwegs, ruhelos, produktiv und immer nur ein paar Jahre an ein und demselben Ort wohnhaft.[12] Die Frage, ob diese Lebensweise etwas mit Exil, Heimat- oder gar Identitätssuche zu tun haben kann, soll im Verlauf dieser Arbeit wieder aufgegriffen werden.

„[...] la Mistral no amaba ni amó nunca a Chile […]”[13], heißt es bei Jaime Concha, und dennoch und obwohl die Autorin nach 1922 nur noch drei Mal kurz nach Chile zurückkehrt,[14] schreibt sie Zeit ihres Lebens nicht nur über die prekäre Situation Lateinamerikas im Allgemeinen, sondern im Konkreten auch über ihr Heimatland und dessen soziale Probleme, bietet Lösungsvorschläge an, und beschreibt vor allem in ihrer Lyrik ein Idealbild von der reinen Natur ihres geliebten Heimattals Valle de Elqui.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Leben von Gabriela Mistral und für ihr Werk ist die Tatsache, dass sie, wie so viele Lateinamerikaner, eine Mestizin ist, d.h. sowohl indigene als auch spanische, in diesem Fall baskische, Vorfahren hat[15] und daher im übertragenen Sinn beide Gene in sich vereint: die der Konquistadoren, der Unterdrücker, und die der Indios, der Unterdrückten. Für Letztere bezieht sie Stellung, identifiziert sich mit ihnen und kämpft für ihre Rechte, sowohl die der Indios als auch die der Frauen oder Bauern, d.h. im Allgemeinen für die Rechte aller unterdrückten Klassen in der lateinamerikanischen Gesellschaft, auch wenn man diese als solche nicht pauschalisieren sollte.

1.2 Werk, Wirkung

Gabriela Mistral wurde v.a. bekannt als erster lateinamerikanischer Literaturnobelpreisträger und so zum Mythos im lateinamerikanischen und besonders im chilenischen Literaturunterricht.[16] Ein Mythos kümmert sich für gewöhnlich nicht um die Person oder Identität dahinter, sondern allein um deren vermeintliche Taten, die wiederum nur einseitig und opportunistisch betrachtet werden. Während man sich im chilenischen Volk bis heute der Literaturnobelpreisträgerin Mistral als Landsmännin und Lyrikerin rühmt, wird dort oft vergessen, dass sie Chile verließ, um u.a. dessen soziale Missstände in ihrer deutlich gesprochenen, aber im Allgemeinen zumindest in Chile eher überhörten, vergessenen oder ignorierten Prosa[17] anzuklagen. „Ha sido famosa, pero desconocida. Mucha gente cree aún hoy que ella sólo hacía poesía para niños o canciones escolares.”[18], sagt Gissi und bezieht sich dabei auf den Mythos Mistral als „national schoolteacher-mother“[19], asexuelle ‘Mutter der Nation’, die selbst keine Kinder hatte, ländliche Lehrerin, leidende Christin, etc.,[20] ein widersprüchliches post- oder prämodernes Bild[21], mit dem sie sich selbst teilweise identifizierte und somit zu ihrer eigenen Mystifizierung, nicht zuletzt durch die Verwendung eines Pseudonyms, beitrug.

Sie erhielt den Literaturnobelpreis nicht durch Zufall 1945, Ende des Zweiten Weltkriegs.[22] Neben einigen vermeintlichen Widersprüchen und Dichotomien in ihrem Werk[23] bleibt eindeutig erkennbar, dass Gabriela Mistral, die nie einer politischen Partei angehörte,[24] durch und durch Pazifistin war und sich konsequent gegen jegliche politische Ideologie behauptete[25] und sich dennoch für viele einzelne sozialpolitische und revolutionäre Aktivitäten und gegen jeglichen europäischen oder US-amerikanischen Imperialismus auf ihrem Heimatkontinent einsetzte, so z.B. für die sandinistische Bewegung in Nicaragua.[26] Dies könnte wiederum ein Grund für die vermeintlichen Widersprüchlichkeiten in ihren politischen Texten sein, die eben nicht z.B. explizit für den Kommunismus oder die konservative Christdemokratie Stellung beziehen,[27] wie es die ideologisierte und eurozentristische Welt der ersten Hälfte des 20.Jh.s verlangte, sondern oftmals für beides gleichzeitig, d.h. für die gemeinsamen guten Werte hinter den verschiedenen politischen Konzepten, solange es um das Wohl Lateinamerikas ging. So ist es möglich, dass die ehrliche Konsequenz und der Kampf der Autorin für ein einheitliches und selbstbewusstes Lateinamerika und die Suche nach einer neuen lateinamerikanischen Identität selbst in Teilen der aktuellen Forschungsliteratur über Mistral als Widerspruch und Unentschiedenheit implizit aus eurozentristischer und ideologisierter Perspektive fehlgedeutet werden. Darauf soll aber im letzten Punkt dieser Arbeit noch eingegangen werden.

Von Gabriela Mistral wurden insgesamt sechs Poesiebücher veröffentlicht: Desolación (1922), Ternura (1924), Tala (1938), Lagar (1954), Poema de Chile (1967) und Lagar II (1991).[28] Mit ihren Gedichten in antimoderner, antiavantgardistischer und moralischer Sprache[29] ist sie berühmt geworden und zählt heute neben Pablo Neruda zu den großen chilenischen Lyrikern, während ihr ebenso großes Prosawerk bis heute nicht komplett editiert ist.[30] Die stilistisch einfache und nüchterne Sprache die sie sowohl in ihren Gedichten als auch in ihrer essayistischen und lyrischen Prosa[31] verwendet, ist unmittelbar verknüpft mit den prekären Themen, die sie behandelt und die nicht durch Chiffrierung euphemisiert werden können. „Para ella, poesía debe ser servicio a la sociedad que la rodea, el poeta debe comprometerse en ella como una voz crítica […]”[32], meint Gissi in Bezug auf Mistrals Selbstverständnis als Schriftstellerin.

Im Folgenden soll es hier um das Selbstverständnis der lateinamerikanischen Bevölkerung, d.h. um die lateinamerikanische Identität, aus Sicht der Autorin und ihres Prosawerks gehen.

2. Mistrals politische Prosa

2.1 Form, Inhalt, Publikation und Rezeption

Allein für die costaricanische Zeitschrift Repertorio Americano schrieb Gabriela Mistral dreißig Jahre lang insgesamt 152 Artikel, Gedichte und Essays[33], für die renommierte chilenische Tageszeitung El Mercurio nicht weniger.[34] Sie verschaffte sich Gehör, indem sie an die Spitzen der lateinamerikanischen Regierungen appellierte und auf die Situation der niedrigsten Gesellschaftsschichten aufmerksam machte. Dennoch wurde die Prosa der Autorin wie schon erwähnt weitaus weniger publiziert und rezipiert als ihre Lyrik, die trotz der moralischen und einfach gehaltenen Sprache weniger Gesellschaftskritik übt, als z.B. ihre politischen Essays. In dieser Arbeit soll es um Letztere gehen, d.h. im Allgemeinen um die Themen, die Mistral in ihrem politischen Prosawerk beleuchtet, und im Konkreten um das Problem der iberoamerikanischen Identität im exemplarischen Text El tipo del indio americano, an dem die im Folgenden herauszustellenden Thesen bewiesen oder widerlegt werden sollen.

[...]


[1] Céspedes, Mario, S.151

[2] Vgl. Fiol-Matta, Licia, S.xiii

[3] Vgl. Concha, Jaime, S.18

[4] Vgl. Montes Brunet, Hugo, S.10

[5] Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.3

[6] Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.7

[7] Vgl. Concha, Jaime, S.20

[8] Vgl. Concha, Jaime, S.25

[9] Vgl. Concha, Jaime, S.28

[10] Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.11

[11] Vgl. Concha, Jaime, S.15

[12] Vgl. Concha, Jaime, S.38

[13] Concha, Jaime, S.23

[14] Vgl. Concha, Jaime, S.23

[15] Vgl. Figueroa, Lorena, S.55

[16] Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.2

[17] Vgl. Lillo, Gastón, S.19

[18] Gissi B., Jorge, S.89

[19] Fiol-Matta, Licia, S.xiv

[20] Vgl. Lillo, Gastón, S.20

[21] Vgl. Blume, Jaime S., S.101

[22] Vgl. Quezada, Jaime, S.16

[23] Vgl. Ostria González, Mauricio, S.181ff.

[24] Vgl. Vidal, Virginia, S.239

[25] Vgl. Quezada, Jaime, S.16

[26] Vgl. Quezada, Jaime, S.20

[27] Vgl. Vidal, Virginia, S.240

[28] Vgl. Fiol-Matta, Licia, S.xxi

[29] Vgl. Gissi B., Jorge, S.90

[30] Vgl. Gissi B., Jorge, S.89

[31] Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.33

[32] Gissi B., Jorge, S.92

[33] Vgl. Céspedes, Mario, S.8

[34] Vgl. Figueroa, Lorena, S.21

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638546751
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61159
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Problem Identität Prosa Gabriela Mistral Amerika Konstruktion

Autor

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