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Der Symbolische Interaktionismus nach Herbert Blumer aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht

Hausarbeit 2006 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Interpersonale Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Zur Entstehungsgeschichte des Symbolischen Interaktionismus

3 Der Symbolische Interaktionismus nach HERBERT BLUMER
3.1. Grundsätze des Symbolischen Interaktionismus
3.2. Kernvorstellungen des Symbolischen Interaktionismus
3.2.1. Menschliche Gesellschaft
3.2.2. Soziale Interaktion
3.2.3. Objekte
3.2.4. Der Mensch als handelnder Organismus
3.2.5. Menschliches Handeln
3.2.6. Handlungsverkettung

4 Bedeutsame Aspekte für die Kommunikationswissenschaft
4.1. Interpersonale Kommunikation und Verständigung
4.2. Neues Selbstverständnis
4.3. Organisationskommunikation

5 BLUMERs Handlungstheorie im kommunikations-wissenschaftlichen Diskurs – eine abschließende Betrachtung

Literatur

1 Einleitung

Menschliche Gesellschaft und Kommunikation sind untrennbar miteinander verbunden. Das macht die Wissenschaft der Kommunikation zu einer interdisziplinären Empirie, die ganz wesentlich auf Grundgedanken zum Beispiel der Psychologie oder Soziologie aufbauen kann. Zudem handelt es sich um eine relativ junge Wissenschaft, deren Selbstverständnis sich ohne einen solchen Rückgriff nur schwerlich etablieren könnte. In diesem Zusammenhang sei besonders der Einfluss der Sozialwissenschaft zu betonen. Sie hält eine Reihe von Theorien bereit, die soziale Phänomene beschreiben oder erklären. Menschliches Handeln und Verständigung spielen dabei oft eine Rolle, sodass Forscher zu grundlegenden Erkenntnissen für die Kommunikationswissenschaft kommen können.

Die Frage, ob die Theorie des Symbolischen Interaktionismus nach dem Soziologien HERBERT BLUMER (1900 – 1987) eine ebensolche für die Kommunikationswissenschaft bedeutende Theorie darstellt, war Gegenstand des Proseminars „Theorien interpersonaler Kommunikation“, das im Sommersemester 2006 an der Universität Greifswald angeboten wurde. Neben zahlreichen anderen sozialwissenschaftlichen und sozialpsychologischen Theorien, wurde dort die BLUMER´sche Handlungstheorie beleuchtet. Die vorliegende Hausarbeit ist aus diesem Seminar heraus entstanden und soll zeigen, ob und welche relevanten Rückschlüsse für die interpersonale Kommunikation aus dieser Theorie zu ziehen sind.

Im Zentrum der Sozialtheorie nach BLUMER steht der Mensch als handelndes Individuum, dessen wahrgenommene Umwelt in jeder Situation von ihm selbst neu erschaffen wird. Der Mensch lebt in einer permanent wandelnden Welt, die höchst subjektiv erfahren wird und nur auf der Grundlage wechselseitiger Verständigung mit anderen Menschen begründet werden kann. Wie dies genau funktioniert und welche Folgerungen BLUMER daraus für die menschliche Gesellschaft ableitet, soll im dritten Kapitel der vorliegenden Arbeit geklärt werden. Dabei stellt der 1973 von ihm auf Deutsch veröffentlichte Artikel „Der methodologische Standort des Symbolischen Interaktionismus“[1] die wesentliche Textgrundlage dar. Zunächst jedoch soll im zweiten Abschnitt eine kurze historische Ausführung zur Entstehung des Symbolischen Interaktionismus vorgenommen werden. Im letzten Kapitel der Arbeit sollen dann die Ansätze herausgearbeitet werden, die BLUMER für die Kommunikationswissenschaft bedeutend machen.

2 Zur Entstehungsgeschichte des Symbolischen Interaktionismus

BLUMERs Schaffen bezüglich des Symbolischen Interaktionismus ist weitgehend auf die Ideen des amerikanischen Wissenschaftlers GEORGE HERBERT MEAD (1863–1931) zurückzuführen. Dieser direkte Einfluss lässt sich leicht nachvollziehen, denn BLUMER war Schüler des Professors für Philosophie und Psychologie. 1928 promovierte BLUMER an der University of Chicago, bevor sein Mentor drei Jahre später verstarb. Fortan übernahm BLUMER dessen wissenschaftliche Lehre und blieb in Chicago, bis er 1952 nach Berkeley an die University of California wechselte. Auch MEADs kognitives Erbe der sozialtheoretischen Ansätze führte er weiter. Im Mittelpunkt seiner Arbeit standen dabei MEADs Annahmen zur symbolvermittelten Kommunikation, die er übernahm und vertiefte. BLUMER betrachtet darin das Individuum als aktiv Handelnden im menschlichen Interaktionsprozess und versucht, sich von traditionellen Ansichten der Psychologie und Soziologie abzugrenzen. Das kommt besonders zum Ausdruck, wenn er seinen theoretischen Grundannahmen einen „wirklichkeitsverbundenen Ansatz der wissenschaftlichen Erforschung“[2] zuspricht, der auf Methoden der sogenannten „weichen Wissenschaft“ (z.B. Beobachtung, Interviews) aufbaut.

MEAD selber wird oft als Begründer und Vertreter des Symbolischen Interaktionismus dargestellt, was prinzipiell nicht falsch ist. Doch war es BLUMER, der als Wissenschaftler der namhaften „Chicagoer Schule“ der wichtigste Motor dieses eigenständigen soziologischen Paradigmas war. Die Ideen und Autoren, die allgemein auf diesen theoretischen Ansatz zurückzuführen sind, sind weitaus zahlreicher und nicht nur auf BLUMER – und damit auch Urvater MEAD – zu reduzieren. BLUMER selbst hebt diesen Aspekt hervor und erwähnt in diesem Zusammenhang herausragende amerikanische Wissenschaftler wie William James (1842-1910), John Dewey (1859-1952) oder Charles Horton Cooley (1864-1929).[3] Dessen ungeachtet war es aber BLUMER, der dieser Denkrichtung erst den Eigennamen gab: 1937, sechs Jahre nach dem Tod von MEAD, erwähnte er den Begriff „Symbolischer Interaktionismus“ das erste Mal in einem Artikel.

3 Der Symbolische Interaktionismus nach HERBERT BLUMER

Wie eben herausgestellt, basieren die grundlegenden Gedanken HERBERT BLUMERs auf MEADs sozialtheoretischen Ansätzen. BLUMER greift daher in seinen Arbeiten auch immer wieder direkt auf ihn zurück. An gegebenen Stellen der folgenden Kapitel werden MEADs Ansichten parallel erläutert – genau wie es BLUMER in seinen Arbeiten getan hat.

BLUMERs Anliegen ist es, Aussagen über Gesellschaft und soziale Phänomene wie personale Interaktion oder menschliches Handeln zu machen. Das erfordert vorab bestimmter Grundannahmen, die entscheidend für das Verstehen des Symbolischen Interaktionismus sind. Es gilt also, zunächst diese Prämissen zu erläutern. Danach soll im Abschnitt 3.2. auf deren Schlussfolgerungen eingegangen werden.

3.1. Grundsätze des Symbolischen Interaktionismus

BLUMERs Theorie wird von drei Prämissen gestützt, die allgemeine Aussagen über Gesellschaft und soziale Wirklichkeit enthalten.

Die erste Prämisse lautet:

„Menschen (handeln, A.W.) „Dingen“ gegenüber auf der Grundlage von Bedeutungen ..., die diese „Dinge“ für sie haben.“[4]

Dabei verbergen sich hinter dem Begriff „Dinge“ alle existenten Sachverhalte, die ein Mensch wahrnehmen kann. Folglich handelt es sich um gegenständliche (z.B. ein Buch oder eine Person) oder abstrakte Elemente (z.B. Gerechtigkeit oder Vertrauen), die BLUMER damit meint.

Viel entscheidender bei dieser Aussage ist jedoch der Begriff „Bedeutung“. Ganz maßgeblich macht BLUMER hier darauf aufmerksam, dass sich der Symbolische Interaktionismus von traditionellen Ansichten der Sozialwissenschaft stark abhebt. Da diese Abgrenzung zu einem besseren Verständnis der ersten Prämisse beiträgt, soll hier auch auf diese Weise argumentiert werden: „Dinge“ tragen weder von sich aus eine Bedeutung in sich – wie es zum Beispiel der Realismus meint –, noch entstehen sie bei den einzelnen Individuen durch innere psychologische Prozesse – wie dies die Ansicht der Psychologie ist. Bevor Menschen also handeln, schreiben sie den Dingen, um die es in der Handlung geht, spezifische Bedeutungen zu. Um nun zu verstehen, wann und wie dieser Vorgang funktioniert, muss die zweite Prämisse hinzugezogen werden:

„Die Bedeutung ... solcher „Dinge“ (ist, A.W.) aus der sozialen Interaktion, die man mit seinem Mitmenschen eingeht, abgeleitet.“[5]

Der Mensch kann im Handlungsprozess nicht isoliert betrachtet werden. Einem Sachverhalt wird stets auf der Grundlage der Auseinandersetzung mit mindestens einem anderen Menschen eine Bedeutung zugeschrieben.

Anhand eines Beispiels kann diese Sichtweise einleuchtend verdeutlicht werden: Angenommen, Person A weint. Eine zweite Person – Person B – umarmt daraufhin ihr Gegenüber. Eindeutig handelt sich bei dem „Ding“ um die Tränen, die der Person A in den Augen stehen. Eine Träne an sich hat jedoch keine Bedeutung. Aus dieser Sicht betrachtet, verbirgt sich hinter einer Träne lediglich ein physischer Körper, der zum größten Teil aus Wasser besteht. In einem interpersonalen menschlichen Prozess jedoch, so wie er mit Person A und B beschrieben werden kann, wird die „Träne“ gewissermaßen aus diesem inhaltslosen Zustand „herausgelöst“. Damit dies geschehen kann, spielt ein Faktor die wohl größte Rolle beim Symbolischen Interaktionismus: die Art und Weise, wie eine Person dem Sachverhalt – im Beispielfall die Tränen – gegenüber handelt. Dies bildet dann die Basis für die Reaktion von Person B, die Person A umarmt. Treffend umschreibt BLUMER die Bedeutung von Dingen sodann als „soziale Produkte“[6].

Schließlich bezieht sich die dritte Prämisse auf die Nutzung von Bedeutungen:

„Diese Bedeutungen (werden, A.W.) in einem interpretativen Prozess, den die Person in ihrer Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt und abgeändert.“[7]

Hier wird der Unterschied zur traditionellen Soziologie und Psychologie erneut sehr deutlich: Bedeutungen werden geschaffen – und zwar kontinuierlich und immer wieder von neuem. Sie sind nicht, wenn sie einmal in einer Situation von Menschen verstanden wurden, für immer abrufbar vorhanden. Von dieser Ansicht distanziert sich BLUMER explizit. Er betont, dass es einem Interpretationsprozess[8] bedarf, nämlich jedes Mal, wenn es sich um einen interpersonalen Akt handelt. Dieser besteht aus zwei Etappen: Zunächst muss eine Person, bevor sie überhaupt handeln kann, den Sachverhalt wahrnehmen und sich selbst bewusst machen. Um auf das Beispiel der weinenden Person A zurückzukommen, so wird Person B auf das Weinen aufmerksam und verinnerlicht diese Sachlage. Der zweite Schritt kann als Resultat des Ersten verstanden werden. Jetzt nämlich folgt die Interpretation der wahrgenommenen Situation. Die Person, die das Weinen ihres Gegenübers bemerkt und sich selbst anzeigt, hat nun die Möglichkeit mit sich selber in einen Interaktionsakt zu treten. In diesem wird dem Sachverhalt eine Bedeutung zugeschrieben. Die Träne bleibt somit nicht länger nur ein Wassertropfen, sondern sie steht für eine erregtes Gefühl – tiefe Trauer oder aufrichtige Freude.

3.2. Kernvorstellungen des Symbolischen Interaktionismus

Diese drei Prämissen, die im oberen Punkt erklärt wurden, erlauben es BLUMER, bestimmte Schlüsse zu ziehen. An diesem Punkt spannt er den Bogen zur Soziologie, denn die Implikationen betreffen menschliche Gesellschaft im Allgemeinen und soziale Phänomene im Besonderen. In den Folgenden sechs Kapiteln soll auf jede seiner Kernvorstellungen[9] – wie er sie nennt – eingegangen werden.

3.2.1. Menschliche Gesellschaft

BLUMERs Ansichten bezüglich den Eigenschaften menschlicher Gesellschaft lassen sich auf ein Wort reduzieren: auf den Begriff der „Handlung“. Prinzipiell ist in seiner Argumentation eine Linie erkennbar, die menschliche Gesellschaft folgendermaßen beschreibt:

Die Gesellschaft besteht aus Gruppen, die wiederum aus handelnden Personen bestehen. Und die handelnden Personen zeichnen sich durch individuelle Handlungen aus, die jeder einzelnen Situation angepasst sind. In der zweiten Stufe dieser Linie (handelnde Personen) unterscheidet er noch einmal genauer zwischen alleinigem, gemeinsamem und repräsentativem Handeln. BLUMER führt also die Gesamtheit der Menschen auf individuelle Einzelaktivitäten zurück, die sich von Situation zu Situation unterscheiden und durch die und in der[10] Gesellschaft überhaupt erst bestehen kann. An dieser Stelle geht er noch ein Stück weiter. Gesellschaft ist zudem durch einen kontinuierlichen Prozess gekennzeichnet, in dem Menschen ihre Handlungen permanent einander angleichen müssen. Handlungen sind keine statischen Vorfälle, sondern variable und formbare Prozesse, sodass es ständigen Handlungsanpassungen bedarf.

3.2.2. Soziale Interaktion

Soziale Interaktion beschreibt, wie Individuen handeln – nämlich „in Reaktion oder in bezug aufeinander“[11]. Auf diese Weise vertieft BLUMER das o.g. Argument, dass Personen ihre Handlungen aufeinander abstimmen und verdeutlicht, dass das eigene Handeln immer abhängig von dem Handeln eines Gegenübers ist. Mit anderen Worten: soziale Interaktion formt individuelle Handlungen. Das kann nach BLUMER auf zwei verschiedenen Ebenen geschehen. Um diese zu erklären, stützt er sich direkt auf MEAD, der zwischen Konversation von Gesten[12] und signifikanten Symbolen[13] unterscheidet. BLUMER bevorzugt es, analog die Begriffe nicht-symbolische[14] und symbolische Interaktion[15] einzuführen. Erstere von beiden meint lediglich eine wechselseitige Verhaltensbeeinflussung ohne den Zwischenschritt der Interpretation von Symbolen. Letztere hingegen ist wesentlich komplexer und kennzeichnender für menschliche Interaktion. Dennoch soll an dem einfachen Beispiel der Reflexe erläutert werden, wie Interaktion ohne Symbole zu verstehen ist: Reflexe sind einem jeden Menschen angeboren und müssen nicht erlernt werden. Es handelt sich um rein physiologische Phänomene, die eintreten, wenn Menschen oder Tiere einem bestimmten Reiz ausgesetzt sind. Dieser wird instinktiv und ohne den „Umweg“ über das Gehirn beantwortet. Beispiele für menschliche Reflexe sind der Kniesehnenreflex oder der Lidschlussreflex. Reflexe wurden evolutionär herausgebildet, um in (lebens-) bedrohlichen Notsituationen eine Reaktion ohne Zeitverlust sichern zu können. Nicht-symbolische Interaktion spielt demzufolge eine nicht zu unterschätzende Rolle im menschlichen und tierischen Leben.[16]

Im sozialen Bereich jedoch dominiert symbolische Interaktion. MEAD benutzt in dem Zusammenhang den Begriff der Geste. Gesten stehen stellvertretend für etwas ihnen Verschiedenes, z.B. Wünsche, Bedürfnisse oder Befehle. Sobald ein Zeichen also eine Bedeutung repräsentiert, handelt es sich um eine Geste und damit um symbolisch vermittelte Interaktion. Da im Punkt 3.1. das Beispiel der weinenden Person angesprochen wurde, kann nun festgestellt werden, dass die Träne eine Geste ist, die charakteristisch für ein Gefühl (Freude, Trauer) steht. Indessen sind sich alle an der Interaktion beteiligten Personen der symbolischen Bedeutung einer Geste bewusst. Ist dies nicht der Fall, muss es zwangsläufig zu Missverständnissen zwischen den Personen kommen. MEAD erklärt dieses Phänomen so, dass der triadische Charakter der Bedeutung[17] an einer Stelle versagt hat: dort, wo die Geste anzeigt, was ihr Empfänger tun soll; dort, wo die Geste anzeigt, wie ihr Sender handeln wird oder dort, wo die Geste die gemeinsame Handlung der Personen anzeigt, die aus der Verknüpfung der Einzelhandlungen entstehen soll. BLUMER kommt dann zu dem Schluss, dass im Falle eines Missverständnisses, „Kommunikation unwirksam ... und die Entwicklung einer gemeinsamen Handlung ... blockiert (ist, A.W.).“[18]

[...]


[1] BLUMER, S. 80-146.

[2] Ebd. S. 130.

[3] Vgl. ebd., S. 80.

[4] BLUMER, S. 81.

[5] Ebd., S. 81.

[6] Ebd., S. 83.

[7] Ebd., S. 81.

[8] Ebd., S. 84.

[9] Ebd., S. 85.

[10] Ebd., S. 85.

[11] Ebd., S. 86.

[12] Ebd., S. 87.

[13] Ebd., S. 87.

[14] Ebd., S. 87.

[15] Ebd., S. 87.

[16] Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005, Suchbegriff: „Reflex“.

[17] BLUMER, S. 88 f.

[18] Ebd., S. 89.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638548380
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61367
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Symbolische Interaktionismus Herbert Blumer Sicht Theorien Kommunikations

Autor

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