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Sozialisation und Massenmedien

Hausarbeit 2002 22 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialisation und Massenmedien

3. Verschiedene Erklärungsansätze
3.1. Die ethisch-moralische Richtung
3.2. Deskriptiv-empirische Ansätze
3.3. Die reflexiv-kritische Richtung

4. Die Bedeutung des Fernsehens als Sozialisationsinstrument

5. Das Verhältnis zur Hauptsozialisationsinstanz Familie

6. Wesentliche Gesichtspunkte zur Sozialisation durch das Fernsehen
6.1. Die Einwirkung auf Gewalteinstellungen
6.2. Kognitive Beeinflussung
6.3. Mediale Sozialisation als NachhilfeLehrer: Prosoziales Verhalten und Bildungsfaktor
6.4. Die Einwirkung auf soziales Verhalten und Einstellungen

7. Abschließende Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dieser Arbeit soll die Wirkung, welche Massenmedien auf den Sozialisationsprozeß von Kindern und Jugendlichen haben, veranschaulicht werden.

Die Tatsache, daß Massenmedien sozialisationswirksame Leistungen erbringen können, ist nicht neu. Die Massenmedien gerieten schon früh in den Blickpunkt des Interesses von Pädagogen. Diese wurden dann entweder als geheime Verführer oder unheimliche Miterzieher verurteilt oder aber als wertvolle Hilfe begrüßt.[1]

Die am häufigsten anzutreffende Annahme einer Einwirkung von Massenmedien ist die eines Manipulationsprozesses, dem der Rezipient beinahe hilflos ausgesetzt wird. So wurde gerade unter diesem Aspekt das elektronische Massenmedium Fern-sehen auf seine Wirkung hin untersucht. "Belege" für diese Annahme sind zahlreich. Man denke dabei nur an solch plakative Beispiele wie die Massenhysterie, die Orson Welles mit seiner Rundfunksendung "Invasion vom Mars" auslöste oder an die jüngste Panik, die der Computervirus "Michelangelo" unter den Computerbesitzern auslöste.

Die Bedeutung der Massenmedien als Sozialisationsfaktor ist überwiegend akzeptiert und wird hoch eingeschätzt.[2] über das Maß und die tatsächliche Bedeutung, welches diesem hinsichtlich der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen beigemessen werden soll, wird jedoch eine heftige Sozialisations-Debatte geführt. Die verschiedenen Ansätze, die sich innerhalb dieser Debatte herausgebildet haben, werden im weiteren Verlauf dieser Darstellung noch kurz dargestellt.[3]

Aufgrund der vielfältigen und kontrovers dargestellten Einwirkungsmöglichkeit kann an dieser Stelle nur ein Überblick über die am bedeutendsten erscheinenden Untersuchungsaspekte zu relevanten Fragen der Sozialisationswirkung gegeben werden. Die Auswahl hierzu geschah nicht willkürlich, sondern auf der Grundlage der zu diesem Thema vorliegenden schwerpunktmäßigen Literatur. Dies sind im wesentlichen empirische Studien mit den sich daraus ergebenden Interpretationen.

Es ist an dieser Stelle anzumerken, daß es nicht die Absicht dieser Darstellung ist, bestimmte Richtungen und Ergebnisse gegeneinander abzugrenzen oder auszugrenzen. Es soll vielmehr versucht werden, aus der Fülle der Untersuchungen zu dieser Themenstellung einen gewissen Minimalkonsens zu referieren.

Innerhalb der Massenmedien hat das Fernsehen eine große Anziehungskraft. Die überwiegenden Forschungen zur Sozialisationswirkung wurden mit diesem elektronischen Massenmedium durchgeführt. Aus diesem Grunde wird das Sozialisationspotential der Massenmedien hauptsächlich aus dem Blickwinkel des Fernsehens dargestellt werden.

2. Sozialisation und Massenmedien

Der Begriff Sozialisation wird in der Wissenschaft mannigfaltig und kontrovers diskutiert. Es soll aus diesem Grunde an dieser Stelle kein umfassender überblick gegeben werden, sondern lediglich erläutert werden, welches Sozialisationsverständnis Grundlage dieser Arbeit ist.

Ausgangspunkt eines jeden Sozialisationsverständnisses sind anthropologische Erkenntnisse, wie sie beispielsweise von Gehlen oder Scheler formuliert wurden.[4] Hierbei wird davon ausgegangen, daß der Mensch aufgrund seiner Erscheinung als "instinktreduziertes Wesen" und als "biologisches Mängelwesen" zur Kompensation dieser Nachteile eine hohe Intelligenz und Lernfähigkeit besitzt, aufgrund derer er seine Umwelt verändern oder sich ihr anpassen kann. Zusätzlich ist er in der Lage, eine Persönlichkeit auszubilden. Generell unterstellt Sozialisation also, daß der Mensch von Natur aus nicht selbständig handlungsfähig ist und sich erst zu einer handlungsfähigen sozialen Person entwickeln muss. Sozialisation ist in diesem Zusammenhang ein Prozess mit Finalcharakter, an dessen Ende eine autonome und handlungsfähige soziale Person mit einer sozialen Rolle steht. Der Begriff der sozialen Rolle kennzeichnet dabei nach Dahrendorf den Schnittbereich zwischen Individuum und Gesellschaft.[5]

Sozialisation unterteilt sich in zwei Formen:

Der als primäre Sozialisation bezeichnete Prozess ist ein Vorgang mit "... grundlegender und stabil prägender sozialer Determination des Einzelnen und seine individuelle Entwicklung zur sozialen Person; das Ergebnis ist der in einer gegebenen Gesellschaft handlungsfähige Mensch."[6]

Darüber hinaus existiert aber auch eine permanente oder sekundäre Sozialisation, welche den vorher definierten Sozialisationsvorgang zur Vorraussetzung hat. "Sekundäre Sozialisation bezeichnet dann all jene relativ stabil prägenden sozialen Determinationsprozesse, die auf der Basis primärer Sozialisiertheit Strukturen der sozialen Person des Einzelnen zu verändern mögen."[7] Massenmedialer Sozialisation wird generell der Stellenwert eines Veränderungsprozesses zugesprochen, wobei sie aber insbesondere bei der jüngsten Generation auch primär sozialisieren kann. Eine eindeutige Zuordnung ist nicht durchführbar.[8]

Im Unterschied zum Begriff der Erziehung meint Sozialisation jenen Vorgang, bei dem es entweder durch direkte oder durch indirekte Interaktionen zur Herausbildung relativ stabiler Verhaltenspositionen (wie z.B. Mentalitäten, Wertempfindungen, Fertigkeiten, Einstellungen etc.) kommt.[9] Dagegen umfasst der Erziehungsbegriff auch Einwirkungen von Personen oder Institutionen,"... von denen typisch regelhaft in einem gewissen Umfang ein für die Entwicklung des Kindes und der Jugendlichen vordenkend entwerfendes und planendes Verhalten mit bestimmten Zielen, Normen und Maßstäben bei der Anwendung bestimmter Mittel erwartet wird.[10] Diese werden beispielsweise dann in Gang versetzt, wenn Zweifel an der Effektivität und der Richtung normaler Sozialisation bestehen.[11] Erziehung ist damit als ein Teil des Sozialisationsprozesses zu sehen.

Der Sozialisationsprozess wird nicht als ein einseitiger Prozess verstanden. "... die Inhalte dieses Sozialisationsprozesses werden dem Individuum über soziale Instanzen wie Familie, Schule, Peer-group oder Massenmedien vermittelt. Bezieht man den hier formulierten Sozialisationsbegriff auf die Massenmedien, so lässt sich feststellen, daß man in diesem Zusammenhang nicht von einer einseitigen Einflussnahme seitens der Medien in der Gestalt sprechen kann, daß der Mensch nur Rezipient oder Konsument ist. Vielmehr wird mediale Sozialisation heutzutage verstanden als ein Vorgang, bei dem das Individuum und die Medien in einem Wechselverhältnis stehen. Auf der einen Seite unterliegt es dem Einfluss der Medien, auf der anderen Seite aber bestimmt es auch in der Medienauswahl und Medienverarbeitung, welche Wirkungen diese haben können.[12]

Unter dem Begriff der Massenkommunikation versteht man die durch technische und politische Restriktionen sowie den Verhaltensdispositionen des Publikums bedingte Form der Kommunikation. Einseitigkeit ist hierbei kein notwendiges Kriterium.[13] Eine häufig verwendete Definition der Massenkommunikation stammt von Maletzke:[14] Hiernach ist Massenkommunikation die öffentliche, indirekte, einseitige (also nicht wechselseitige) technische Verbreitung professionalisierter, strukturell und funktional ausdifferenzierter und periodisch veranstalteter Kommunikationsformen. Als Mittler oder Massenmedien gelten Presse, Rundfunk, Film und Fernsehen. Wie bereits geschildert, wurde bei dieser Darstellung das Massenmedium Fernsehen ausgewählt.

3. Verschiedene Erklärungsansätze

3.1. Die ethisch-moralische Richtung

Einer der klassischen Ansätze ist die ethisch-moralische Richtung, welche auch unter dem Namen "Bewahrpädagogik" bekannt wurde.[15] Den Massenmedien wird hierbei eine direkte Sozialisationswirkung zugesprochen. Negative Wirkungen der Massenmedien müssen nach diesem Ansatz durch eine diesem entgegengerichtete pädagogische Einflussnahme erfolgen. So dürfen Kinder und Jugendliche zum "guten" Film zwar hingeführt werden, aber vom "schlechten" Film müssen sie weggeführt werden. Die Definitionen für "gut" und "schlecht" ergeben sich aus den in dem jeweiligen Kulturkreis bestehenden allgemeinen Wert- und Normmustern.

"Der moralische Ansatz geht, vereinfacht dargestellt, aus von der (bedrohlichen) Existenz der Massenmedien, schreibt ihnen unerwünschte Wirkungen zu - von der Evozierung von Gewalt bis zur Abtötung von Phantasie - und versucht dem entgegenzusteuern.[16] Gerade dieser Ansatz ist es, welcher bei Presse, Politik und weiten Kreisen der Bevölkerung trotz seines wissenschaftlichen Bedeutungsverlustes als lebendige Vorstellung dominant ist.

3.2. Deskriptiv-empirische Erklärungsansätze

Auch dieser Ansatz geht von einer direkten Einflusswirkung der Medien auf den Sozialisationsprozess aus.

Zu Beginn der Untersuchungen zur Wirkung von Massenmedien dominierten relativ simple, monokausale Einfluss- und Wirkungsannahmen. Im sogenannten Stimulus-Response-Modell ging man von der Annahme aus, daß ein bestimmter Reiz des Senders eine Reaktion beim Rezipienten auslösen müsste. Durch den relativ erfolgreichen Einsatz, welchen die Massenmedien auf dem Gebiete der politischen Propaganda und der Werbung erzielten, wurde die Annahme unterstützt, daß sich durch die Massenmedien der Manipulationsspielraum erweitern ließe. Bei diesem lernpsychologischen Modell wird Sozialisation also auf einen reinen Konditionierungsvorgang reduziert. Dieses grund-legende Modell wurde im Verlauf der Zeit immer mehr erweitert und abgewandelt. Vom Einfluss bestimmter Meinungsführer im Prozess der Medienaufnahme („two-step-flow communication“- Theorie) bis hin zu weiteren vermittelnden Faktoren wie Einstellung, Motivation, Wertvorstellung u.a..[17]

Die Unzulänglichkeit der Vorstellung, daß sich mit Hilfe von Massenmedien direkte Manipulationen erzielen ließen, führten also dazu, daß man sich theoretischen Modellen zuwandte, welche soziologische Variablen als intervenierende Variablen mit in die Deutungsmuster einbezogen.[18]

[...]


[1] vgl. Herrmann 1976, S.2

[2] vgl. Schorb, Mohn u. Theunert 1991, S.494

[3] vgl. Kap.3

[4] vgl. hierzu Gehlen 1971 u. Scheler 1966

[5] vgl. Dahrendorf 1964, S.16

[6] Kob 1976, S.25

[7] ebd., S.25

[8] vgl. hierzu insbesondere Kap.5

[9] vgl. Kob 1976, S.9

[10] Strzelewicz 1970, S.71

[11] vgl. Kob 1976, S.26

[12] vgl. Schorb, Mohn u. Theunert 1991, S.494f.

[13] vgl. Herrmann 1976, S.20

[14] vgl. Maletzke 1963, hier zit.n. Winterhoff-Spurk 1986, S.33

[15] vgl. Schorb, Mohn u. Theunert 1980, S.604f.

[16] Schorb, 1981, S.184

[17] vgl. Herrmann 1976, S.30f., 31f., 217

[18] vgl. Schorb, Mohn u. Theunert 1991, S.498ff.

Details

Seiten
22
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638137867
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6140
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Sozialisation Massenmedien Soziologische Theorie Erziehung

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Titel: Sozialisation und Massenmedien