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Piagets Entwicklungstheorie - Experimente zum präoperationalen Stadium

Seminararbeit 1997 17 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Gliederung

1 Theoretische Grundlagen
1.1 Piaget und seine Entwicklungstheorie
1.1.1 Allgemeines
1.1.2 Piagets Konzept von Entwicklung: Äquilibration
1.1.3 Stufenmodell der geistigen Entwicklung
1.1.4 Piagets Methodologie
1.2 Die Phase des voroperatorischen, anschaulichen Denkens
1.2.1 Allgemeines
1.2.2 Rigides Denken

2 Experimente zum voroperatorischen Stadium
2.1 Rahmenbedingungen
2.2 Beschreibung der durchgeführten Versuche
2.3 Interpretation
2.4 Kritischer Rückblick und Bewertung

Literaturverzeichnis

Anlage A: Informationen zu den untersuchten Kindern

Anlage B: Materialien zum Versuch „Klasseninklusion“

Anlage C: Materialien zum Versuch „Matrix ergänzen“

1 Theoretische Grundlagen

1.1 Piaget und seine Entwicklungstheorie

1.1.1 Allgemeines

Jean Piagets (1896-1980) wissenschaftliches Wirken war geprägt von der Verbindung von biologischen, philosophisch-erkenntnistheoretischen und psychologischen Interessen. Sein Hauptanliegen war dabei immer die Erforschung des menschlichen Erkenntnisvermögens. Dieses Ziel war nach Piagets Ansicht am besten durch die Betrachtung der Genese des Erkennens, also durch längsschnittliche Studien zu erreichen. Priorität dabei hatte vor allem die Exploration und Deskription von qualitativen Änderungen intellektueller Strukturen im Laufe der Ontogenese. Dies wird auch durch die Bezeichnung „genetische Epistemologie“ deutlich, die Piaget selbst für seine Forschungen wählte. Die Ergebnisse seiner zahlreichen entwicklungspsychologischen Studien sind in einer riesigen Anzahl von Publikationen niedergelegt und begründen Piagets Status als „monumentale Gestalt“[1] in der kognitiven Entwicklungspsychologie, die er wie kaum ein anderer Forscher geprägt hat.

1.1.2 Piagets Konzept von Entwicklung: Äquilibration

Jedes Individuum ist laut Piaget mit einem Inventar von Strukturen bzw. Schemata ausgestattet. Diese Schemata/Strukturen[2] stellen die verallgemeinerte, zugrundeliegende „Essenz“ von Handlungssequenzen, Entscheidungs- und Verhaltensmustern dar; sie sind also eine generelle „Strategie“ des Individuums um sich mit einem bestimmten Bereich der Umwelt auseinanderzusetzen. Als einfaches Beispiel sei hier das Greifschema genannt, das das allgemeine Muster für das Greifen von Gegenständen bestimmt (egal, ob es sich bei dem Gegenstand um einen Ball, einen Löffel oder eine Puppe handelt).

Für Piaget besteht nun die Entwicklung des Individuums darin, daß sich seine Schemata im Laufe der Ontogenese (vor allem aber im Kindes- und Jugendalter) immer weiter verbessern und ausdifferenzieren bzw. darin, daß inadäquate Schemata aufgeben und durch passendere ersetzt werden. Die Strukturen ändern sich also nicht nur in quantitativer sondern vor allem auch in qualitativer Hinsicht. Der Auslöser für diese Veränderungen sind bestimmte subjektive Adaptionsprozesse.

So werden aus der Umwelt eingehende Reize laut Piaget immer zuerst Assimilationsprozessen des Individuums unterworfen. Das bedeutet, daß das Individuum versucht die Umwelt(reize) an seine derzeit vorhandenen Schemata anzupassen (zu assimilieren), also mit den derzeit gegebenen Fähigkeiten, Überzeugungen etc. zu verarbeiten und zu begreifen. Bezeichnet ein Kind z.B. ein Holzstück als „Schiff“, so wird der Umweltreiz (das Holzstück) an die Vorstellung des Kindes von einem Schiff (das „Schiff-Schema“) assimiliert. Durch Assimilation wird die Umwelt also in eine Art „Weltbild“ des Kindes „hineingezwängt“ (Oerter/Montada[3] sprechen auch von „Einverleibung“). Dies trägt zur Festigung und Konsolidierung der bestehenden Strukturen bei, bewirkt jedoch noch keine Änderung der Strukturen und somit noch keinen Entwicklungsfortschritt. Hierzu ist noch die zweite Art der Adaption, die Akkommodation nötig. Im Gegensatz zur oben erläuterten Assimilation werden hier die Schemata des Individuums an die Umweltgegebenheiten angepaßt, also qualitativ verändert. Auslöser hierfür sind vorhergegangene fehlgeschlagene Assimilationsversuche. Dadurch kommt es zu einem kognitiven Ungleichgewicht im Individuum, da die gestellte Anforderung offensichtlich mit dem alten Strukturinventar nicht bewältigt werden kann. Dieses Ungleichgewicht führt nun zu Akkommodationsprozessen, durch die wieder Gleichgewicht hergestellt werden soll, was dann aufgrund der besseren Umweltangepaßtheit auf einem höheren Niveau als dem alten erreicht wird.

Versucht ein Kind z.B. sein bestehendes Greifschema auf Flüssigkeiten anzuwenden (also die Flüssigkeit an das Schema zu assimilieren) wird dies fehlschlagen und somit ein kognitives Ungleichgewicht beim Kind auslösen. Durch den nun folgenden Akkommodationsvorgang wird das Schema an die Umwelt angepaßt und damit modifiziert: das Kind bildet mit der Hand ein Gefäß und schöpft die Flüssigkeit; das Schöpfschema ist als eine Weiterentwicklung und Differenzierung des (alten) Greifschemas entstanden.

Das beschriebene Streben des Individuums nach kognitivem Gleichgewicht und die Adaptionsprozesse die zu einem neuen Gleichgewichtszustand führen nennt Piaget Äquilibration und betrachtet es als den Motor jeglicher Entwicklung. Damit stellen Ungleichgewichtszustände einen unerläßlichen Bestandteil der (kognitiven) Entwicklung des Menschen dar, da nur durch sie Äquilibrationsprozesse in Gang gesetzt werden können.

1.1.3 Stufenmodell der geistigen Entwicklung

Wie oben gezeigt werden also durch die aktive Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt und der daraus resultierenden Adaption die kognitiven Strukturen immer leistungsfähiger und adäquater. Die Äquilibration findet also auf immer höherem Niveau statt, wobei sich die Gleichgewichtszustände durch immer perfekter erreichte Widerspruchsfreiheit und damit Stabilität auszeichnen. Ein Zurückfallen auf ein niedrigeres Entwicklungsniveau ist für Piaget nicht möglich, da ja gemäß der Äquilibrationstheorie die neuen Entwicklungsstufen (Schemata) immer nur auf der Basis der alten aufgebaut werden können, gegenüber denen sie auch effizienter und besser angepaßt sind. Daraus folgt auch eine festgelegte, quasi gesetzmäßige Reihenfolge, innerhalb derer auch keine Stufe ausgelassen oder übersprungen werden kann.

Piaget unterteilt die geistige Entwicklung in vier verschiedene Phasen in denen jeweils spezifische kognitive Leistungen erworben werden und die sich jeweils durch eine eigene Art des Denkens auszeichnen:

Phase der sensomotorischen Intelligenz

Diese Phase betrifft die Phase von der Geburt bis zum Alter von ca. 2 Jahren und wird von Piaget nochmals in sechs Unterphasen gegliedert. Haupterrungenschaft in diesem Stadium ist der Übergang vom rein sensomotorischen (also konkret ausgeführten) Intelligenzakt zur Vorstellung, also zur Verinnerlichung und Vorwegnahme von Handlungen (ohne motorische „Stütze“) und damit der Beginn des eigentlichen Denkens.

Phase des präoperationalen, anschaulichen Denkens

In diesem Stadium (ca. 2-7 Jahre) wird das Denken weiterentwickelt, erfolgt aber noch weitgehend in Bildern (nicht in logischen Begriffen und Klassen) und stützt sich weitgehend auf die momentane Wahrnehmung.

Diese Phase wird in Punkt 1.2 ausführlich dargestellt.

[...]


[1] Oerter/Montada (1995), S.518

[2] die beiden Begriffe werden in der Literatur weitgehend synonym gebraucht; wird eine Unterscheidung gemacht, ist Schema der konkretere, Struktur der allgemeinere, übergeordnete Begriff

[3] Oerter/Montada (1995), S.548

Details

Seiten
17
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638104012
ISBN (Buch)
9783640737680
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v615
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Pädagogische Psychologie und Empirische Pädagogik
Note
Schlagworte
Piagets Entwicklungstheorie Experimente Stadium Seminar Ausgewählte Aspekte Entwicklungspsychologie

Autor

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Titel: Piagets Entwicklungstheorie - Experimente zum präoperationalen Stadium