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Der Politiker Ralf Dahrendorf in seinen Funktionen für Deutschland, Europa und Großbritannien und sein Wirken

Seminararbeit 2006 28 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Einleitung

III. Kurzbiographie von Ralf Dahrendorf
1 Sozialdemokratische Sozialisierung
1.1 DER VATER
1.2 DIE SCHULE
1.3 HAFT UND „REEDUCATION CAMP“
1.4 UNIVERSITÄT
2 Landtagsabgeordneter Baden-Württemberg
2.1 DER WAHLKAMPF
2.2 DAS MANDAT
3 Staatssekretär auswärtiges Amt
4 Europa-Kommissar
4.1 AUSWÄRTIGE ANGELEGENHEITEN
4.2 BILDUNGSPOLITIK
5 Mitglied des Britischen House of Lords

IV. Epilog

V. Bibliographie

VI. Personenindex

VII. Index

II. Einleitung

Ganz im Sinne von Torbergs Tante Jolesch Sinne möchte ich behaup­ten, dass es „gerade noch ein Glück war“, dass ich nicht einen weiteren Artikel zur Ölkrise erhielt, am ersten Tag der Lehr­veranstaltung, oder ei­nen Text über die Deutsche Wirtschaftspolitik der 1990er Jahre. Ralf Dahrendorf, sei der Name des in der eidgenössi­schen Neuen Zürcher Zeitung inter­viewten, ein „Paradeliberaler“, so der Lehrveranstaltungsleiter Josef Friedl zu Beginn des propädeuti­schen Seminars, der nicht besonders leicht zu verdauen wäre.

Das Inteview mit Dahrendorf war bald exzerpiert und zusammenge­fasst, die wesentlichen Aussagen waren ja auch leicht zu verstehen - so dachte ich zuerst. Doch die wirk­lichen Herausforderungen sollten noch auf mich warten.

Ein homo sociologicus in vielen ver­schiedenen Rollen wie Dahrendorf publizierte im Laufe seiner ver­schiedenen Karrieren als Wissen­schafter, Lehrer, Publizist und Kom­mentator der Deutschen, der Euro­päischen und der Bri­tischen Politik derar­tig viel, dass die Li­teratursuche viel­mehr zur sprichwört­lichen „Suche nach der Nadel im Heuhaufen“ wurde.

Speziell an Sekundärliteratur exis­tieren tausende Titel. Leider beru­fen sich diese Publikationen zum größten Teil auf das wissenschaftli­che Werk des Soziologen Dahren­dorf. Erst die kritische Betrachtung der vielen Ergebnisse lieferte einige Texte deren Verfügbarkeit für mich entweder aufgrund des Lagerorts oder aufgrund der verwendeten Sprache leider zumeist beschränkt war. Meine Herangehensweise war nun, zunächst Ralf Dahrendorfs Au­tobiographie „Über Grenzen“ zu le­sen, um anhand der dort erwähnten Personen weitere Möglichkeiten zur Literaturrecherche zu generieren.

Doch es wäre nicht Dahrendorf, wenn seine Autobiographie nicht ganz anders wäre, als sonstige der­artige Monographien. Der Inhalt be­schränkt sich leider- einige Voraus­schauende und retrospektive Ele­mente abgesehen - auf die Zeit bis zu seinem achtundzwanzigstem Le­bensjahr. Alles in Allem eine gute Grundlage zum Verständnis seiner Einstellungen, mit Sicherheit aber keine nachhaltige Quelle für seine politische Karriere.

So verwendete ich -sozusagen als Rückgrat meines Werks - hauptsäch­lich den hervorragend detaillierten Lebenslauf Dahrendorfs von Hans- gert Peisert1, der um Informationen aus anderen Quellen ergänzt werden konnte.Die Relevanz dieses biogra­phischen Sammelbandbeitrags ergab sich einerseits aufgrund der langjäh­rigen Kollegenschaft des Autors zur Hauptperson der Arbeit Ralph Dah­rendorf. Peisert war schon in Tübin­gen Student bei Dahrendorf und be­fasste sich während seiner Zeit als parlamentarischer Staatssekretär im auswärtigen Amt der Bundesrepublik wissenschaftlich2 mit der (West-) Deutschen auswärtigen Kulturpolitik Dahrendorfs. Zusätzlich ist der Au­tor Hansgert Peisert als bekannter Soziologe und engagierter Sozialwis­senschafter unter anderem bei ZU­MA e.V3 4 dem bekannten Zentrum für Umfragen, Methoden und Analy­sen (ZUMA) in Mannheim engagiert und damit Berufskollege von Dah­rendorf.

Retrospektiv betrachtet war es in keinem Fall „gerade noch ein Glück“, mich mit der Person Ralf Dahrendorfs zu beschäftigen, ich bin eigentlich sehr froh über die inte­ressante Herausforderung mich in­tensiv mit einem sehr spannenden Zeitgenossen auseinander zu setzen, dessen Einstellungen ich in vielen Themenbereichen nicht teile. Das ist sicherlich ganz anders als bei den Texten, vor denen mich Gott behü­tet hat, um in der Diktion der Tante Jolesch zu bleiben.

III. Kurzbiographie von Ralf Dahrendorf

Ralf Dahrendorf wurde als Sohn des deutschen sozialdemokratischen Po­litikers Gustav Dahrendorf am 1. Mai 1929, dem Tag der Arbeit, in Ham­burg geboren. Er studierte Philoso­phie und klassische Philologie in Hamburg und Soziologie in London. Nach seiner Habilitation im Fach So­ziologie an der Universität des Saar­landes im Jahr 1952 verbrachte er ein Jahr im „Think-Tank“ des Kali­fornischen „Center for Advanced Study in the behavioral Sciences“ in San Francisco. Nach Professuren für Soziologie in Hamburg und Tübingen und verschiedenen Beratungstätig­keiten im Bereich der Ausbildungs­und Hochschulpolitik kandidiert Dahrendorf 1968 für den Baden- Württembergschen Landtag.

Der politisch interessierten Bevölke­rung bekannt wurde der streitbare Liberale durch seine öffentlich ge­führte Diskussion mit dem linken Studentenführer Rudi Dutschke5 auf einem Autodach am Rande des FDP- Parteitags im Jahr 1968 in Freiburg. Die Fotos gingen damals mitten im Jahr der Studentenrevolten um die Welt.

Im Kabinett der sozialdemokratisch­liberalen Koalition von Willy Brandt wurde Dahrendorf 1969 parlamenta­rischer Staatssekretär im auswärti­gen Amt unter dem liberalen Au­ßenminister Walter Scheel. Im Jahr 1970 wurde er Europakommissar in Brüssel, zunächst für die Aussenpoli- tik, danach für Bildung. Seinen Funktionen in der Europapolitik folgte 1974 erneut eine wissen­schaftliche Karriere. Zunächst als Direktor der London School of Eco­nomics (LSE) bis 1984. Danach hatte er weitere akademische Ehren als Rektor des St. Antony's College in Oxford und später auch Prorektor der Universität Oxford.

Ralf Dahrendorf nahm die britische Staatsbürgerschaft an und wurde von der Queen geadelt. Zunächst in den 1980er Jahren als Sir zum Ritter geschlagen wurde er zu Beginn der 1990er Jahre zum Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of West­minster und ist damit Mitglied des Oberhauses, des House of Lords.

Seit 2005 hat Ralf Dahrendorf eine Forschungsprofessur in Berlin. Er ist weiterhin laufender Kommentator der Weltpolitik und publiziert re­gelmäßig unter anderem in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“.

1 Sozialdemokratische Sozialisierung

1.1 DER VATER

Gustav Dahrendorf wurde 1901 in Hamburg geborgen und war nach dem Absolvieren einer kaufmänni­schen Lehre als Vertreter und Büro­angestellter tätig. Im Jahr 1914 schloß er sich der so­zialistischen Jungar­beiterbewegung an, 1918 der SPD.

„Am 6. November 1932 wurde mein Va­ter als Hamburger Abgeordneter in den Reichstag gewählt. Das bedeu­tete, dass er nun viel Zeit in Berlin zubrachte, vor allem aber Tag und Nacht den vergeblichen Kampf um das Überleben der Demokratie kämpfte“6 schreibt sein Sohn Ralf Dahrendorf in seiner Autobiographie „Über Grenzen“

Als Sozialdemokrat und Abgeordne­ter war Gustav Dahrendorf natürlich in Konflikt mit dem nationalsozialis­ tischen Regime des „Dritten Reichs“ und wurde in zahlreichen Listen der Gestapo geführt. Er war im Wider­stand tätig und beteiligte sich an der Verschwörung Stauffenbergs vom 20. Juli 1944 gegen das Regime von Adolf Hitler7.

Nach seiner Verhaftung stand er vor dem Volksgerichtshof unter dem berüchtig­ten „Blutrichter“ Ro­land Freisler. Im Ge­gensatz zu seinen so­zialdemokratischen Genossen und Freun­den Julius Leber und Adolf Reich­wein, die in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerich­tet wurden, kam er mit dem Urteil sieben Jahre schwerer Kerker da­von.

Besonders die sozialdemokratische Gesinnung des Vaters und der Wi­derstand prägten den jungen Ralf Dahrendorf sehr8. „Wir kamen uns sehr heldenhaft vor, den antitotali- tären Tendenzen unserer Familien zu entsprechen“, zitiert er 9 seinen Schulfreund Eduard Grosse, der wegen seiner Frisur, die an die ju­gendlichen Filmstars erinnerte, von allen nur „Poldi“ genannt wurde. Nicht zuletzt führte diese Einstel­lung auch dazu, dass der Schüler Ralf Dahrendorf gemeinsam mit Pol­di eine Widerstandsgruppe gründete und schlussendlich ebenso von der Gestapo verhaftet und bis kurz vor Kriegsende im heutigen Polen in ei­nem Gestapolager inhaftiert war.10

Nach der Befreiung Berlins, wo der frühere Reichstagsabgeordnete nach dem Urteil von Freislers Volksge­richtshof im Zuchthaus Branden­burg-Görden inhaftiert war, betei­ligte sich Gustav Dahrendorf am Wiederaufbau der deutschen Sozial­demokraten.

Zunächst wirkte er im sowjetisch besetzten Berlin für die Russische Militärverwaltung, wo er für die Kohleversorgung der Bevölkerung zuständig war. Durch die Spaltung der ostdeutschen SPD und der schleichenden Machtübernahme durch die mit der Sowjetarmee fra­ternisierenden Kommunisten fiel Gustav Dahrendorf beim früheren Parteigenossen und späteren DDR- Ministerpräsidenten Otto Grothe- wohl11 und seinem Stellvertreter Walter Ulbricht bald in Ungnade12 und musste eine Verschleppung durch die Rote Armee befürchten.

So entschied er Anfang 1946 ge­meinsam mit seinem Sohn Berlin in Richtung Hamburg zu verlassen, die britische Armee unterstützte ihn dabei13.

Gleich nach dem Krieg wurde er im wieder erstarkten Deutschland als Sozialdemokrat erneut in die Ham­burger Bürgerschaft und in den Frankfurter Wirtschaftsrat14 (dem Vorläufer des Bundestags) gewählt.

„In dem überschaubaren Vor­parlament, in dem so manche Wei­chen für die Reiseroute der zukünf­tigen Bundesrepublik gestellt wur­den, kam ich auf den Geschmack der Politik“, schrieb sein Sohn Ralf später15.

Er wurde zum Vorstand der Konsum­genossenschaft "Produktion" ge­wählt, wurde später Vorstand der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumgenossenschaften und schließlich auch Vorsitzender im Zentralverband deutscher Konsum­genossenschaften. Gustav Dahren­dorf verstarb unerwartet am 30. Ok­tober 1954 bei einem Kuraufenthalt gerade 53 Jahre alt.

1.2 DIE SCHULE

Den größten Teil seiner Schulausbil­dung verbrachte Ralf in Berlin. Das dortigen Mommsen Gymnasium be­suchte er in den Kriegsjahren - da­her war in vielen Fällen auch kein regelmäßiger Unterricht und konti­nuierliche Ausbildung möglich.

Er erlebte „gerade noch die letzten Überreste des deutschen humanisti­schen Gymnasiums“.16

Immer mehr verschwanden die jün­geren Lehrer in Richtung der Front, die Schüler wurden von älteren Pä­dagogen unterrichtet.17

Auch nach Schlesien zur Erntehilfe wurden die Schüler im Sommer ent­sendet, oder auch nach Zakopane ins „Generalgouvernement“ - wie das annektierte Polen bezeichnet wurde. Die Gegenstände in der Schule wurden immer weniger sys­tematisch unterrichtet, oft fiel der Unterricht auch aus.18

Später, allerdings noch vor dem 20. Juli des Stauffenberg-Attentats wurde Ralf Dahrendorf von seinem Klassenvorstand als „Lagerführer“ in ein Kinderlager an die Ostsee ent­sendet - erst nach der Verhaftung seines Vaters wegen Hochverrats wurde er zurück nach Berlin ge­schickt.19

Die Schule konnte er erst nach dem Krieg und der Flucht nach Hamburg mit seinem Abitur abschließen.

1.3 HAFT UND „REEDUCATION CAMP“

Der unbändige Freiheitsgeist ge­paart mit blauäugigem Vertrauen veranlasste Ralf Dahrendorf, ge­meinsam mit „Poldi“ Eduard Grosse eine Wi­derstandsgruppe zu gründen. Da sämtlicher Schriftverkehr der Fami­lie Dahrendorf durch die Geheime Staatspolizei überwacht wurde, flog der Schüler jedoch bald auf und wurde von der Gestapo zuerst verhört und mit dem Rohrstab geschlagen und dann eine Woche später schließlich verhaftet.20

In Einzelhaft wurden die beiden Schüler zehn Tage festgehalten, später wurden sie nach Frankfurt an der Oder gebracht, von dort nach Schwetig, das heutige Swiecko in Polen, in das „Erweiterte Polizeige­fängnis Schwetig“ der Gestapo. Dort waren sie mit anderen „angeblich staatsgefährdenden Abweichlern“ von SS-Chargen bewacht.21

Erst kurz vor der Befreiung Deutsch­lands durch die Aliierten wurde Dah­rendorf aus dem Lager, in dem er gemeinsam mit den inhaftierten Arbeiterführern ein Weihnachts­fest mit Arbeiter­liedern verbrach­te, freigelassen und schlug sich auf eigene Faust bis nach Berlin zu seiner Mutter durch.22

[...]


1 HansgertPeisert, 1994

2 ansgert Peisert 1978

3 Jan W. van Deth 2002

4 Erwin K. Scheuch 2002

5 Rudi Dutschke, 2003

6 alf Dahrendorf, 2005, Seite 38

7 Gustav Dahrendorf, 2005

8 Ralf Dahrendorf, 2004 S 62 - 70

9 Ralf Dahrendorf, 2004 S 64

10 Ralf Dahrendorf, 2004 S 71 - 78

11 Ralf Dahrendorf, 2004 Seite 89-95

12 Werner Müller 2001 Seite 49

13 Ralf Dahrendorf, 2004 S 89 - 95

14 Walther Georg Oschilewski, 1954

15 Ralf Daherndorf, 2004 Seite 115

16 Ralf Dahrendorf, 2004, Seite 47

17 Ralf Dahrendorf, 2004, Seite 51

18 Ralf Dahrendorf, 2004, Seite 52f

19 Ralf Dahrendorf, 2004, Seite 65

20 Ralf Dahrendorf, 2004, Seite 70

21 Ralf Dahrendorf, 2004, Seite 73f

22 Ralf Dahrendorf, 2004, Seite 75ff

Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638549981
ISBN (Buch)
9783640856640
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61567
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Politiker Ralf Dahrendorf Funktionen Deutschland Europa Großbritannien Wirken

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