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Darstellung und Anwendung der Centering-Theorie nach Walker

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Einführung in die Centering - Theorie

3.) Darstellung der unterschiedlichen Centering-Theorien

4.) Die Theorie von Walker und die Segmentierung von Texten

5.) Beispiele

6.) Fazit

7.) Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Zwei hierarchische Diskursstrukturen

Abbildung 2 Centering und mögliche Diskurssegmentierungen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Erstes Beispiel aus den „Pear Stories“

Tabelle 2: Zweites Beispiel aus den „Pear Stories“

Tabelle 3: Drittes Beispiel aus den „Pear Stories“

Tabelle 4: Viertes Beispiel aus den „Pear Stories“

Tabelle 5: Dialog über Taschendiebstahl mit drei Sprechern

Tabelle 6: Dialog über Vortrag von NN mit drei Sprechern

Tabelle 7: Gespräch mit Herrn T., Filmvorführer der Volkshochschule

Tabelle 8: Gespräch mit Wolfgang C., Dreher aus Bochum

Tabelle 9: Anzahl der Center-Übergangsrelationen

Tabelle 10: Anzahl der Aussagen und Segmente und durchschnittliche Segmentgröße

Tabelle 11: Anzahl der Segmente und Aussagen der Beispiele

1.) Einleitung

In dieser Arbeit soll versucht werden, die Theorie von Walker an eigenen Beispielen zu testen. Um die Vorzüge der Centering-Theorie nach Walker untersuchen zu können, wird in Kapitel 2 zunächst ausgeführt, was unter Centering zu verstehen ist. Welche verschiedenen Centering-Versionen existieren, soll in Kapitel 3 umrissen werden. Daran anschließend wird in Kapitel 4 die Theorie von Walker genauer dargestellt und schließlich in Kapitel 5 an Beispielen getestet.

Die Darstellung der Theorie von Walker soll sich dabei an drei Fragestellungen orientieren. Zunächst soll untersucht werden, wie sich die Kohärenz eines Textes anhand der Verwendung von referierenden Ausdrücken untersuchen lässt. Diese Frage wird vor allem im ersten Kapitel von zentraler Bedeutung sein.

Der zweite Untersuchungsschwerpunkt ist, welche Reichweite Referenzbeziehungen ha- ben, und daraus folgend welcher Anwendungsbereich mit Theorien der lokalen Kohärenz untersucht werden kann. In Kapitel 3 wird versucht, dieses Forschungsinteresse etwas zu erhellen.

Der Frage wie sich Texte segmentieren lassen, so dass die Wirkung und Reichweite von Anaphora mit Theorien der lokalen Kohärenz untersucht werden kann, wird zunächst in Kapitel 4 im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, bevor in Kapitel 5 empirisch untersucht wird, ob sich die theoretischen Annahmen aus Kapitel 4 auch an empirischen Beispielen bestätigen lassen.

2.) Einführung in die Centering - Theorie

Um die Kohärenz von Texten zu untersuchen, bietet sich der Rückgriff auf die Centering - Theorie an, da diese sich auf die Analyse der Kohärenz und Salienzstruktur fokussiert. Centering ist nach Passonneau1ein Verarbeitungsmodell, welches den lokalen Aussagen Kontext, zugrunde liegende Relationen, sowie anaphorische Referenz miteinander verbin- det.

Nach Grosz, Joshi und Weinstein2wird der Begriff „Center einer Aussage“ benutzt, um auf die Einheiten zu referieren, welche dazu dienen, diese Aussage mit anderen Aussagen im Diskurssegment, welches sie enthält, zu verknüpfen.

Zu erklären wie der lokale Kontext, der vorigen und gegenwärtigen Aussage, die Oberflä- chenform beeinflusst, welche verwendet wird, um die salienteste Diskurseinheit der ge- genwärtigen Aussage zu erwähnen, ist ein zentrales Anliegen der Centering - Theorie.3 Ausgehend von der Grundannahme, dass bestimmte Einheiten, die in einer Aussage geäu- ßert werden, zentraler sind als andere, stellten Grosz, Joshi und Weinstein eine weitere Annahme auf, welche besagt, dass diese Eigenschaft Beschränkungen hervorruft, die den Gebrauch verschiedener Typen von referierenden Äußerungen durch den Sprecher limitie- ren.4Um modellieren zu können, wie die Salienzstruktur den Gebrauch von referierenden Aussagen beeinflusst, müssen die Untersuchungsobjekte der Centering - Theorie demnach die Diskurseinheiten sein.

Was kann grundlegend unter Diskurseinheiten verstanden werden?

Nach Webber sind Diskurseinheiten Repräsentationen von Objekten im Diskursmodell, dessen Eigenschaften aus der semantischen Struktur der co-indizierten NPs und der Aussa- gen in welchen sie vorkommen abgeleitet sind.5Centering ist also gleichzeitig eine Theorie der Diskurskohärenz und -salienz. Deshalb versucht sie als eine Theorie der Kohärenz,

Einheiten-Kohärente Diskurse zu charakterisieren und als eine Theorie der Salienz vorher- zusagen, welche Einheiten zu einem bestimmten Zeitpunkt am salientesten sein werden.6 Nach Grosz, Joshi und Weinstein wird die Kohärenz eines Diskurses durch die Kompatibi- lität zwischen den Centering - Eigenschaften einer Äußerung und der Wahl der referieren- den Ausdrücke beeinflusst. Die Hauptannahme der Centering - Theorie über die lokale Kohärenz ist, dass Diskurssegmente in denen aufeinander folgende Aussagen die gleichen Diskurseinheiten erwähnen, kohärenter sind als Diskurssegmente, in denen andere Einhei- ten erwähnt werden.7

Wie lassen sich die ausgeführten Annahmen modellieren?

Zunächst wird angenommen, dass jeder Aussage U in einem Diskurssegment (DS) ein Set von forward looking center (Cf) zugewiesen ist. Jeder anderen Aussage, als der Segment begründenden Aussage ist ein einzelner backward looking center (Cb) zugewiesen. Des Weiteren verbindet sich der Cb einer Aussage Un+1 mit einem Cf der Aussage Un. Der Cf von Un beruht nur auf der Äußerung, welche die Aussage konstituiert Die Elemen- te von Cf(Un) sind nach der relativen Prominenz in Un partiell geordnet.8Dies bedeutet also, dass die Diskurseinheiten, welche durch Aussagen realisiert werden, nach ihrer Sa- lienz geordnet sind und dass die Identität des Cb entscheidend durch diese Einheitenord- nung determiniert ist.

Die im Cf am höchsten angeordnete Diskurseinheit wird zum prefered center (Cp) von Un und zum Cb von Un+1, also als Äußerung realisiert. Pronominalisierung sind dabei mögliche linguistische Mechanismen, um Einheiten als Cb einzurichten und fortzusetzen. Angenommen wird, dass die Diskurseinheit in der Subjektposition auch das am höchsten eingestufte Element in der Cf ist und dass damit die grammatische Rolle eine bestimmende Rolle bei der Identifizierung der Cb spielt.

Nach Walker9ist Centering ein Prozess, der auf 2 Aussagen Un und Un+1 innerhalb eines Diskurssegments operiert, und versucht Kohärenz von Diskursen über einen Zusammen- hang zwischen der Form von referierenden Aussagen und zugrunde liegenden Diskurspro- zessen zu erklären. In der ursprünglichen Centering - Theorie wurden Aussagen mit Sät- zen gleichgesetzt, heute werden Aussagen als Phrasen, welche mehrere Sätze umfassen können, definiert.10Die Kohärenz eines Segments wird durch die Art des Übergangs zwischen zwei Aussagenpaaren beeinflusst, welche durch die Wahl der linguistischen Repräsentation in den Aussagen, die das Segment konstituieren hervorgerufen wird. Nach Grosz, Joshi und Weinstein gibt es drei solcher Übergangsrelationen zwischen Paaren von Aussagen, center continuation, center retaining und center shifting. Die Sequenzen der center continuation werden dabei gegenüber den Sequenzen des center retaining präferiert unddiese den Sequenzen des center shifting vorgezogen.11

3.) Darstellung der unterschiedlichen Centering-Theorien

Eine fundamentale dem Centering zugrunde liegende Annahme ist, dass die Verarbeitung eines Diskurses eine kontinuierliche Erneuerung des lokalen Fokus (local focus) enthält. Der lokale Fokus enthält ein Set von forward looking centers (Cfs), welche mit Sidners „potential discourse foci“ korrespondieren und als Erwähnungen von Diskurseinheiten angesehen werden können. Der lokale Fokus enthält darüber hinaus Informationen über die relative Prominenz oder des Rankings der Cfs.12

Wie im vorigen Kapitel schon ausgeführt wurde, liegt der Fokus der Centering-Theorie auf drei Untersuchungsgebieten, der Aufmerksamkeit, der Wahl der referierenden Ausdrücke, sowie der wahrgenommenen Kohärenz von Aussagen innerhalb eines Diskurssegments. Um die drei Gebiete untersuchen zu können, unterscheiden Grosz und Sidner dazu drei Komponenten der Diskursstruktur. Zunächst ist ihrer Meinung nach die linguistische Struktur relevant, da der Diskurs sich in zusammenhängende Diskurssegmente unterteilt und eine eingebettete Beziehung zwischen zwei Segmenten bestehen könnte. Zum Zweiten betrachten die Autoren die intentionale Struktur, da auf der intentionalen Struktur die In- tentionen und Relationen zwischen den zwei Segmenten untersucht werden kann. Die In- tentionen bilden nach Grosz und Sidner die grundlegende Rationalität für den Diskurs und die Relationen repräsentieren die Verbindungen zwischen den Intentionen. Die dritte Ana- lyseebene ist der Aufmerksamkeitszustand, durch die Untersuchung des Aufmerksam- keitsgrades wird versucht, den Aufmerksamkeitsfokus der Diskursteilnehmer zu jedem gegebenen Zeitpunkt des Diskurses zu modellieren.13Zur Untersuchung der Kohärenz von Segmenten und Texten schlagen Grosz und Sidner vor, dass zwischen lokaler und globaler Kohärenz unterschieden werden muss, und dass ein Diskurssegment beides enthält. Die lokale Kohärenz wurde oben dargelegt, an dieser Stelle sei es noch einmal kurz angerissen, die lokale Kohärenz ergibt sich aus der Übergangsrelation zwischen zwei Aussagenpaaren in einem Segment. Nach Grosz und Sidner wirken die Centering - Prozesse nur innerhalb eines Segments. Wie weiter unter gezeigt wird, löst Walker mit dem Cache - Modell gera- de diese Segmentbeschränkung auf und weist nach, dass die Übergangsrelationen auch über Segmentgrenzen hinweg wirken können. Die globale Kohärenz beruht nach Grosz und Sidner auf der intentionalen Struktur.14Sie schlagen demnach vor, dass jedes Diskurs- segment einen kommunikativen Gesamtzweck hat, welchen sie Diskurszweck nennen, weiter hat jedes Diskurssegment eine zusammenhängende Intention, den Diskurssegment- zweck, beide sind Sprecherintentionen. Die Beziehungen zwischen den Diskurssegment- zwecken bieten die grundlegenden strukturellen Beziehungen für den Diskurs. Für die glo- bale Kohärenz eines Diskurses sind also die Beziehungen zwischen seinen Diskurszwe- cken und Diskurssegmentzwecken ausschlaggebend. Für die Modellierung der oben ausge- führten Variablen, der Hörerseite, über die Analyse der kontinuierlichen Erneuerung des lokalen Fokus, und der Sprecherseite, über den Diskurszweck sowie Diskurssegment- zweck, schlagen Grosz und Sidner das Stack - Modell vor. Dieses Modell sieht vor, dass Diskurse von Segment zu Segment verarbeitet werden und der lokale Fokus oder Auf- merksamkeitsgrad kontinuierlich angepasst wird. Nach dem Stack- Modell geschieht dies, indem erwähnte Diskursreferenten auf dem Stapel abgelegt werden und bei dem Auftreten von Verweisen auf bekannte Diskursreferenten diese aus dem Stapel geholt werden. Die kognitiven Prozesse die diesen Verarbeitungsschritten zugrunde liegen heißen „pushes of focus spaces“ und „pops of focus spaces“15

Da die Segmentbeschränkung nach Walker drei Probleme birgt, sollte die Restriktion des Centering, nur innerhalb eines Diskurssegments zu arbeiten aufgegeben werden und der Algorithmus sollte in ein integriertes globales Diskursstrukturmodell eingebettet werden.16 Ein Problem welches auftritt, wenn man versucht das Centering nur innerhalb eines Seg- ments zu untersuchen ist, dass Center häufig mit pronominaler Referenz über die Grenzen eines Diskurssegments fortgesetzt werden, anzumerken ist, dass die Form dabei gleich, wie innerhalb eines Segments ist. Das zweite Problem ist nach Walker, dass die Segmentgren- zen von Hörern unterschiedlich wahrgenommen werden und manche Grenzen darüber hinaus schwammig sind. Mit einem globalen, beweglichen Modell, wie das von Walker ist es möglich, unterschiedliche Segmenteinteilungen durch die Hörer zu interpretieren.

Schließlich, bestehen nach Walker sogar für Äußerungen innerhalb eines Diskurssegments starke Kontraste zwischen Äußerungen deren angrenzende Äußerung innerhalb eines Segments hierarchisch oder linear bedeutsam ist:17

Ui ist linear bedeutsam für eine untergeordnete Aussage Ui+j, wenn Ui innerhalb der letzten Aussagen auftrat Ui ist hierarchisch bedeutsam für eine untergeordnete Aussage Ui+j, wenn Ui+j an Ui angrenzend wird Die genannten Probleme versucht Walker zu umgehen, indem sie ein alternatives Modell verwendet, ein integriertes globales Diskursstrukturmodell, welches den Centering - Algo- rithmus mit den Ideen des kognitiven Cache - Modells verbindet. Nach dem integrierten Modell sind die Center Elemente des Caches und das Cache - Modell vermittelt die Er- reichbarkeit der Center18. Die Center sind demnach eine Teilmenge aller Einheiten im Ca- che und der Inhalt des Caches ändert sich inkrementell, wenn der Diskurs von Aussage zu Aussage verarbeitet wird. Dies besagt nach Walker also, dass die CF Liste einer Aussage eine Teilmenge der Einheiten im Cache repräsentiert. Im Cache befindet sich ein „Working set“ bestehend aus Diskurseinheiten, Einheiten, Eigenschaften und Relationen. Nach Wal- ker haben die Diskursprozesse Einfluss auf die Elemente im Cache und die Elemente im Cache bestimmen, welche Diskursrelation interpretiert werden können und welche nicht. Denn um eine Diskursrelation aus zwei separaten Segmenten erschließen zu können, muss eine Repräsentation beider Segmente im Cache abgelegt sein. Wie oben angedeutet wurde, ist die zweite Annahme von Walker, dass die Center über Segmentgrenzen bewegt werden können.

Die Erreichbarkeit der Center wird im integrierten Modell nach Walker eher vom Cacheinhalt determiniert, als von der Diskurssegmentstruktur. Weiter werden von Walker Verarbeitungsschwierigkeiten für die Interpretationen von Center, deren co - Spezifizierer nicht linear sind, vorhergesagt. Und schließlich wird angenommen, dass die Feinheit der Diskurssegmentierung keinen Effekt auf das Modell hat.

[...]


1 Passonneau, Rebecca: Interaction of Discourse Structure with Explicitness of Discourse Anaphoric Noun Phrases. In: Walker, Marilyn / Joshi, Aravind / Prince, Ellen F. (eds.): Centering Theory in Discourse. Oxford Clarendon Press 1998. S. 327-358.

2 Grosz, Barbara / Joshi, Aravind / Weinstein, Scott: Centering: A Framework for Modeling the Local Coherence of Discourse. Computational Linguistics 21/1995. S. 203-225.

3 Vgl. Passonneau 1998. S. 2.

4 Vgl. Grosz, Joshi und Weinstein 1995. S. 3.

5 Vgl. Passonneau 1998. S. 2. Auch dazu: Webber, B. L: A formal approach to discourse anaphora Technical. Report 3761. Bolt Beranek and Newman Inc. 1978.

6 Vgl. Poesio, Massimo / Stevenson, Rosemary / di Eugenio, Barbara / Hitzeman, Janet: Centering: A Parametric theory and its instantiations. Computational Linguistics. v. 30(3) 2004. S. 4. Hier: Rückgriff auf eine erweiterte Version: Technical Note TN-02-01. Mai 2004. http://cswww.essex.ac.uk/staff/poesio/publications/CL04TN.pdf. Letzter Zugriff: 14.10.2005.

7 Vgl. ebd. S. 4.

8 Vgl. Grosz, Joshi und Weinstein 1995. S. 8.

9 Walker, Marilyn: Centering. Anaphora Resolution, and Discourse Structure. In: M. Walker & A. Joshi & E. Prince (eds.). Centering Theory in Discourse. Oxford Clarendon Press 1998. S. 401-435.

10 Vgl. Poesio, Stevenson, di Eugenio und Hitzeman 2004. S. 12.

11 Vgl. Grosz, Joshi und Weinstein 1995. S. 10.

12 Vgl. Poesio, Stevenson, di Eugenio und Hitzeman 2004. S. 6.

13 Vgl. Grosz, Joshi und Weinstein 1995. S. 3f.

14 Vgl. Grosz, Joshi und Weinstein 1995. S. 4.

15 Vgl. ebd. S. 4.

16 Vgl. Walker 1998. S. 1.

17 Vgl. Walker 1998. S. 2f.

18 Vgl. ebd. S. 5ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638552110
ISBN (Buch)
9783638662505
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61851
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Linguistik
Note
1,5
Schlagworte
Darstellung Anwendung Centering-Theorie Walker Definitheit Diskursstruktur

Autor

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